III KONSEQUENZEN FÜR DIE WISSENSCHAFT
»Wissenschaft – Umwandlung der Natur
in Begriffe zum Zweck der Beherrschung
der Natur – das gehört in die Rubrik „Mittel“.
Aber der Zweck und Wille des Menschen
muß ebenso wachsen,
die Absicht in Hinsicht auf das Ganze.«
[Aus dem Nachlass der Achtzigerjahre]
(Nietzsche, Friedrich. Werke IV. S. 32)
1. Zeugungsunfähigkeit der Wissenschaft
Weil wir der Notwendigkeit Entscheidungen zu fällen unterliegen, liegt es nur nahe, dass Nietzsche die »Wurzel« vom »Streben nach Wahrheit« (Nietzsche, Friedrich. Werke I. S. 244) in der Gerechtigkeit sieht. Denn sofern wir den Willen „gerecht zu sein“ in uns tragen und im Zuge unseres Handelns die richtigen Entscheidungen treffen wollen, kommen wir ohne eine Wahrheit nicht aus. Nietzsche verdeutlicht dies bereits in seiner 2. Unzeitgemäßen Betrachtung:
»[…] denn Wahrheit will er, doch nicht nur als kalte folgenlose Erkenntnis, sondern als die ordnende und strafende Richterin, Wahrheit nicht als egoistischen Besitz des einzelnen, sondern als die heilige Berechtigung, alle Grenzsteine egoistischer Besitztümer zu verrücken, Wahrheit mit einem Worte als Weltgericht […]« (Nietzsche, Friedrich. Werke I. S. 244)
Nietzsches Wahrheitsauffassung dreht sich hier um jene Wahrheit, die in ihrer Summe all das einschließt, was unserem Leben einen unabhängig von uns gesetzten Sinn gibt. Denn nur das richtige; also das dem Absoluten gerechte Wissen um den Sinn des Ganzen kann uns als Bezugspunkt für die richtigen Entscheidungen dienlich sein. —
Doch gerade diese metaphysische Wahrheit bleibt dem Menschen unzugänglich und »der Mensch findet zuletzt in den Dingen nichts wieder, als was er selbst in sie hineingesteckt hat: – das Wiederfinden heißt sich Wissenschaft […]« (Nietzsche, Friedrich. Werke IV. S. 74)
In dieser kurzen Bemerkung Nietzsches zeigt sich abermals der Aspekt der selbst geschaffenen pragmatischen Wahrheiten und des Erkenntniskreises, der sich im Laufe der Zeit gleichzeitig mit der Vermehrung unserer Anschauungen ausgeweitet hat. — In der Wissenschaft, die in diesem Kreis mit ihrem komplex organisierten System der Sprache; mit ihrer Logik, die auf Voraussetzungen beruht, »denen nichts in der wirklichen Welt entspricht« (Nietzsche, Friedrich. Werke I. S. 244); operiert, sieht er im Weiteren ein starres Konstrukt, das gleich wie seine Wahrheiten nur ein Mittel und niemals an sich ein Zweck ist. Die Zwecke schaffen wir nach Nietzsche durch »Kunst, Religion, Liebe, Stolz« (Nietzsche, Friedrich. Werke IV. S. 74) — sie sind im Allgemeinen und Besonderen die Maßstäbe für unsere Auffassung von Gerechtigkeit; sie bestimmen unser Handeln und dadurch auch wie wir Wissenschaft betreiben.
Wenn Wissenschaft nun ein Ideal braucht, um an sich selbst glauben zu dürfen, wie Nietzsche sagt; wenn das Wissen an sich keinen Wert hat und Überzeugungen in der Wissenschaft »kein Bürgerrecht« (Nietzsche, Friedrich. Werke II. S. 480) genießen, so tritt »die heikelste aller Fragen in den Vordergrund: ob die Wissenschaft imstande sei, Ziele des Handelns zu geben […]« (Nietzsche, Friedrich. Werke II. S. 316) —
Angesichts der geschilderten Einschränkung seitens der wissenschaftlichen Leistungsfähigkeit wird die Antwort mit einem Nein ausfallen müssen, womit es kein wissenschaftliches Weltbild geben kann. Die Wissenschaft muss durch die Destruktion der alten Weltbilder; der alten Wahrheiten die Konsequenzen des Nihilismus tragen und alles was ihr bleibt ist eben das Wiederfinden jener Dinge, die wir in die Welt hineingesteckt haben.
2. Wider den hypertrophen Erkenntnistrieb
So nützlich sich die Wissenschaft bezüglich des Bewusstwerdens unserer Stellung zur Welt auswirkt, so ist Nietzsche dennoch der Überzeugung, dass sie auch wertlos, ja sogar schädlich sein kann.
Begründet ist diese These darin, dass er im Pathos der Wissenschaft für Erkenntnis eine unersättliche und nie zu stillende Gier, ständig mehr wissen zu wollen, wittert, in welcher die Wissenswürdigkeit ihrer Erkenntnisse nicht mehr hinterfragt wird. Der Gelehrte, der dieser Wissenschaft hörig ist, wird gleichsam zu einem »kalten Dämon der Erkenntnis« (Nietzsche, Friedrich. Werke I. S. 245 ), dem nichts gleichgültig ist und dem alles als gleichermaßen wert erforscht zu werden gilt. — Gegen diese »Art angeborner Grauhaarigkeit« (Nietzsche, Friedrich. Werke I. S. 258); dieses schädliche Übermaß an Leistung, das keinen höheren Zweck mehr über sich hat, bezieht Nietzsche Stellung und schreibt daher bereits in einem Brief aus dem Jahre 1868 an seinen Freund Paul Deussen:
»Allerdings frage ich jede einzelne Wissenschaft nach ihrem Freipaß; und wenn sie nicht nachweisen kann, daß irgendwelche großen Kulturzwecke in ihrem Horizont liegen: so lasse ich sie zwar immer noch passieren, da die Käuze im Reich des Wissens ebenso ihr Recht haben als im Reiche des Lebens, lache aber, wenn besagte Kauzwissenschaften sich pathetisch gebärden […]« (Nietzsche, Friedrich. Werke IV. S. 586)
Die Gefahr die Nietzsche in jenen Wissenschaften, die von keinen großen Kulturzwecken mehr geleitet werden, sieht, ist ein Ausschweifen; ein ständiges Abschweifen in ein Unendliches; das erwähnte Übermaß, das mit seiner ganzen Ansammlung an Wissen dem Leben selbst zum Feind wird. Feind deshalb, weil die kalten Dämonen der Erkenntnis in ihrer »Begriffs- und Worte-Fabrik« (Nietzsche, Friedrich. Werke I. S. 280) nur noch leben, um dem Wissen zu dienen und dabei die Leistungen des Bewusstseins verkennen, wenn sie der Meinung sind, dass das Erkennen das Leben begründet. Das Wissen hat aber dem Leben zu dienen, und erst das Leben ist es, das die Erkenntnis blühen lässt. In diesem Sinne verwundert es nicht, wenn Nietzsche in dichterischen Worten schreibt, dass das Wissen »seinen Stachel gegen sich selbst kehren« (Nietzsche, Friedrich. Werke I. S. 261) müsse und damit meint, dass es in Anbetracht des erwähnten Ursprungs Begrenzung und Richtlinien nötig hat. —
Die immer wieder auftauchende Feindschaft zum Leben; das Sein wider die Instinkte werden nach Nietzsche aber gewissermaßen durch Erziehung vererbt, was eine Befreiung vom hypertrophen und wertlosen Erkenntnistrieb deutlich erschwert, wodurch die Bildung gerechtfertigterweise ins Feld seiner Kritik gerät:
»[…] ihr Ziel [das der Jugenderziehung] […] ist gar nicht der freie Gebildete, sondern der Gelehrte, der wissenschaftliche Mensch, und zwar der möglichst früh nutzbare wissenschaftliche Mensch, der sich abseits von dem Leben stellt, um es recht deutlich zu erkennen; ihr Resultat, recht empirisch-gemein angeschaut, ist der historische-ästhetische Bildungsphilister, der altkluge und neuweise Schwätzer über Staat, Kirche und Kunst. […] Daß eine Erziehung mit jenem Ziele und mit diesem Resultate eine widernatürliche ist, […] das fühlt allein der Instinkt der Jugend.« (Nietzsche, Friedrich. Werke I. S. 278)
Es klingt beinahe schon prophetisch, wenn Nietzsche im weiteren Verlauf seiner zweiten Unzeitgemäßen Betrachtung von einer ersten Generation spricht, die diese Art von (Un)Bildung überwindet bzw. überwinden solle. — Ihre Aufgabe sei es, sich selbst »gegen sich selbst« (Nietzsche, Friedrich. Werke I. S. 280) zu erziehen; erneut das Leben in sich einkehren zu lassen und aus dem »cogito ergo sum« ein »vivo, ergo cogito« (Nietzsche, Friedrich. Werke I. S. 280) zu machen. Die »Wundsäfte und Arzneien« (Nietzsche, Friedrich. Werke I. S. 281) gegen das Übermaß an Bildung seien hierfür die Kunst und die »Kraft vergessen zu können« (Nietzsche, Friedrich. Werke I. S. 281) sowie die Religion.
Mit ihnen könne der Mensch, weg vom Werden hin zu einem Ewigen gehen; zu einem Jetzt und Hier; mit ihnen könne die erste Generation die Schaden bringende »Überwucherung des Lebens« (Nietzsche, Friedrich. Werke I. S. 282) kontrollieren und überwachen; mit ihnen könne die Rückbesinnung auf die echten Bedürfnisse Einzug halten. —
Hinsichtlich der Historie, solle man sie also in einem Rahmen betreiben, wo der Bezug auf die Vergangenheit, in der Gegenwart als Basis für eine bewusste und gewollte Zukunft dient, ohne sich dabei im endlosen Meer der Vergangenheit zu verlieren. Entscheidend sind aber hierbei wieder der Zweck; die Werte, die für die Planung unserer Zukunft notwendig sind und die sich die Wissenschaft selbst nicht geben kann. —
[Fortsetzung folgt...]
ENDE Teil #3
LITERATURVERZEICHNIS
Abel, Günther. „Wissenschaft und Kunst“. Wissenschaft und Kunst bei Nietzsche
Herausgeber Mihailo Djuric und Josef Simon. Würzburg: Königshausen und Neumann 1986. S. 9-25
Gerhardt, Volker. Friedrich Nietzsche. Beck’sche Reihe: Denker. 522
3. Auflage. München: C.H. Beck Verlag 1999
Goethe, Johann Wolfgang. Faust: Erster Teil.
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Himmelmann, Beatrix. Nietzsche. Aus der Reihe: Grundwissen Philosophie
Reihennummer unersichtlich. 1. Auflage. Leipzig: Reclam Verlag 2006
Hoffmann, Ursula. „Autopoiesis als verkörpertes Wissen: Eine Alternative zum Repräsentationskonzept“. Der Mensch in der Perspektive der Kognitions- wissenschaften. Herausgegeben von Peter Gold und Andreas K. Engel.
1. Auflage. Frankfurt/M: Suhrkamp Verlag 1998. S. 195-225
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6. durchgesehene Auflage. Frankfurt/M: Ullstein Verlag 1969
Nietzsche, Friedrich. Werke II. Herausgegeben von Karl Schlechta.
6. durchgesehene Auflage. Frankfurt/M: Ullstein Verlag 1969
Nietzsche, Friedrich. Werke III. Herausgegeben von Karl Schlechta.
6. durchgesehene Auflage. Frankfurt/M: Ullstein Verlag 1969
Nietzsche, Friedrich. Werke IV. Herausgegeben von Karl Schlechta.
6. durchgesehene Auflage. Frankfurt/M: Ullstein Verlag 1969
Nietzsche, Friedrich. Werke V. Herausgegeben von Karl Schlechta.
6. durchgesehene Auflage. Frankfurt/M: Ullstein Verlag 1969
Most, Glenn W. „Friedrich Nietzsche zwischen Philosophie und Philologie“.
Ruperto Carola. Ausgabe #2 1994. Da Onlineversion Seitenzahl unersichtlich.
Besuchsdatum: 4. Juli 2008. http://www.uni-heidelberg.de/uni/presse/rc6/
Steinweg, Markus. „Warum Nietzsche?“. Eigensinn: die philosophiestudentische Zeitung. Ausgabe #5 2006. Da Onlineversion keine Seitenzahl ersichtlich.
Besuchsdatum: 4. Juli 2008. http://www.eigensinn.zm96.de/artikel.php?id=45
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