ÜBER DEN TOD!
En toute chose il faut considérer la fin.
Bei allem muß man das Ende bedenken.
[La Fontaine :: Fables, Le renard et le bouc]
(L’Art de Vivre. Citations françaises ::
München, dtv, Originalausgabe 1986; Seite 8)
3.3. Vom unmittelbaren physischen Selbstmord
Camus zufolge bereite sich der Selbstmord »in der Stille des Herzens« (MvS S.10) vor, der Mensch wisse nichts davon und die Voraussetzung für das freiwillige Ableben sei die Erkenntnis der Sinnlosigkeit des gewohnten „mechanischen“ Lebens. Letztlich ist der Schritt vom Leben in den Tod, für Camus nichts anderes als die Ablegung eines Geständnisses, dass der Ausführende vom Leben überwältigt ist und es nicht begreift; kurz :: er verspürt ein Zu-wenig an Kraft und verfällt dem mörderischen Klima der Absurdität. Diese Position der Kraftlosigkeit hat Céline eindrucksvoll in seinem Werk »Voyage au bout de la nuit« dargestellt ::
»Schlimmer ist aber noch, dass man sich fragt, woher man am nächsten Tag die Kraft holen soll, das, was man gestern und seit schon viel zu langem getan hat, weiter zu tun, die Kraft für all diese dämlichen Unternehmungen, diese tausend Pläne, die doch nichts bringen, die Bemühungen, aus der niederschmetternden Bedürftigkeit herauszukommen, Bemühungen, die nie zu was führen, und alles nur, um einmal mehr festzustellen, dass das Schicksal unbezwingbar ist, dass man unweigerlich wieder auf der untersten Treppenstufe landet, jeden Abend, voller Angst vor dem nächsten Tag, der immer ungewisser, immer trostloser ist.« (Louis-Ferdinand Céline : Reise ans Ende der Nacht :: Hamburg, Rowohlt TV, 2. Auflage 2005; S. 265)
Diese Beschreibung Louis-Ferdinand Célines verdeutlicht meines Erachtens das von Camus aufgefasste Sinnbild von Sisyphos sehr anschaulich. Der Mensch ist gefangen in einem mühseligen Alltagstrott des Immerwiederkehrenden, alle erlösenden Ideenkonstrukte liegen wie zerstreute Steine in der Ruine (s)einer Wirklichkeit und das Gefühl der Dichte und Verfremdung kann ihn sehr leicht in eine Art von Stagnation drängen. — Man könnte all das durchaus mit einer »Spirale der Absurdität« vergleichen, auf dessen Bahn der Bewusste kreist und in deren Mitte der unmittelbare Suizid lauert, welcher den absurden Menschen gravitätisch anzieht. —
Trotz der Tatsache dieser Umstände gibt es für Camus aber auch noch eine natürliche Veranlagung, die dem Moment des unmittelbaren Suizids Widerstand zu bieten vermag. Denn »in der Bindung des Menschen an sein Leben gibt es etwas, das stärker ist als alles Elend der Welt.« (MvS S.12f.) – Dieses hier erwähnte Etwas ist die Liebe zum Leben; der Wille zu Sein bzw. zu Erleben; ein Bedürfnis zu Machen und zu Schaffen. —
Weil der Tod uns in unserer Vorstellung als eine Starre erscheint; als ein Zustand des Nicht-Machen-Könnens, scheuen wir ihn. Seine Passivität erschreckt uns und wir greifen, wie schon Sisyphos in seinem Mythos nach dem Leben. In Voltaires »Candid« wird dieses Paradoxon kurz angesprochen:
»[…] hundertmal wollte ich mich töten, doch immer siegte die Liebe zum Leben. Diese lächerliche Schwäche ist vielleicht einer unserer unseligsten Triebe. Denn was ist alberner, als unaufhörlich eine Last zu schleppen, die man jeden Augenblick abwerfen möchte? Abscheu vor dem Dasein zu haben und doch daran festhalten? Die Schlange zu liebkosen, die in uns frisst, bis sie unser Herz zernagt hat?« — (Voltaire : Candid oder der Optimismus :: Bertelsmann Verlag, Rest nicht ersichtlich; S. 226)
Aufgrund dieser Liebe zum Leben und der Tatsache, dass der Selbstmord keine Qualität geschweige denn Qualität ins Leben bringt, lehnt Camus die Möglichkeit des vorzeitigen Todes entschieden ab. Der Mensch hat sich dem Absurden und seinen unerbittlichen Wahrheiten zu stellen, damit sich es sich behaupten kann. [Beim Selbstmord (und generell beim Tod) löst sich nach Camus das Absurde auf, weil das menschliche Dasein als wesentliches Element nicht mehr gegeben ist. — »Der Selbstmord hebt das Absurde auf seine Art auf. Er zieht es mit in den gleichen Tod. Ich weiß aber, daß das Absurde, um sich zu behaupten, sich nicht auflösen darf.« [MvS S.49]]
[FORTSETZUNG FOLGT...]
ENDE Teil #4
LITERATURVERZEICHNIS
CAMUS, Albert
Der Mythos von Sisyphos
Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2. Auflage 1960, Reinbek bei Hamburg
CÉLINE, Louis-Ferdinand
Reise ans Ende der Nacht
Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2. Auflage 2005, Reinbek bei Hamburg
de MONTAIGNE, Michel
Von der Freundschaft
Deutscher Taschenbuch Verlag, 4. Auflage 2006, München
MÖLLER, Ferdinand (Hrsg. und Übers.)
L’Art de Vivre. Citations françaises
Die Kunst zu leben. Französische Zitate
Deutscher Taschenbuch Verlag, Originalausgabe 1986, München
NIETZSCHE, Friedrich
Werke II
Ullstein Verlag, Frankfurt/M, KGA, Nachdruck der 6. Auflage von 1969; 1976
NIETZSCHE, Friedrich
Werke III
Ullstein Verlag, Frankfurt/M, KGA, Nachdruck der 6. Auflage von 1969; 1976
SARTRE, Jean-Paul
Der Ekel
Rowohlt Taschenbuch Verlag, 46. Auflage 2003, Reinbek bei Hamburg
VOLTAIRE alias François Marie Arouet
Candid und andere Erzählungen
Ausgabe für Bertelsmann Reinhard Mohn OHG; Rest nicht ersichtlich
von GUENTHER, Johannes (Hrsg.)
Religiöse Lyrik des Abendlandes
Ullstein Verlag, Frankfurt/M , 1. Auflage 1958
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