Bhu was für ein Thema.
Ein Outing bedeutet ja immer, dass mit der sich outenden Person etwas nicht so ganz in Ordnung ist. Dass er oder sie jetzt vor anderen dazu stehen muss/will und sich deswegen erklärt.
Es gibt Outings, die schön sind. Zum Beispiel, wir werden heiraten, sind schwanger, ich bin verliebt in XY, ich kaufe einen Hund/Haus, werde studieren etc. Das sind alles Situationen, in denen wir ein Teil unseres Umfeldes über einen Richtungswechsel in unserem Leben informieren wollen/müssen. Der Begriff Outing wird also für Richtungswechsel in unserem Leben verwendet, die für andere evtl. unangenehm sind und bei denen die betroffene Person Angst vor Ablehnung verspürt. Mama/Papa ich bin homosexuell gehört da offenbar genauso dazu wie, Leute, ich bin transsexuell.
Als mir klar war, ich möchte mich mit meinen transsexuellen Identitätsproblemen befassen und ich will diesen Weg der Angleichung gehen, stellte sich mir die Frage, wem muss ich das sagen?
Wär ich homosexuell, würde das ja soweit niemanden etwas angehen, mit dem ich nicht meine Liebesbeziehung in irgend einer Art teile. Aber wenn ich mein Äußeres so gravierend verändere, spielt das für jeden, der mich kennt größere Rolle.
Ich setzte mich erst mal und machte mir eine Liste.
Mir wurde schnell klar, dass ich bei 85% der Menschen absolut keinen Stress mit dem Thema habe. Ich mag diese Menschen gern, sie sind Bekannte/Freunde und wer mit mir befreundet ist, muss eine größere Toleranz besitzen. Ich kann intoleranten Menschen nämlich nicht viel abgewinnen und befreunde mich mit ihnen gar nicht erst. Und sollte ich mich bei einem davon geirrt haben, dann wüsste ich nach dem Outing ja Bescheid, gut für mich. Außerdem wurde mir bewusst, dass ich mit vielen schon darüber gesprochen habe, dass ich solche Gefühle besitze und mich nicht wirklich als Frau erlebe. Also alles easy.
Dann gab es eine Kategorie von etwa 10%, bei denen spürte ich einen Druck in der Brust, wenn ich an das Gespräch dachte. Ich fühlte, dass der Verlust dieser Beziehungen für mich belastend wäre. Auch betraf es diese Menschen auf einer tieferen Ebene. Z.B einen Freund, den ich seit 11 Jahren sehr schätze und mit dem ich ganz kurz die Frage hatte, sind wir ein Liebespaar? Ich überlegte mir, wie würde es für ihn sein, wenn ich das Geschlecht wechsle, war er doch mal in mich verliebt. Könnte er damit umgehen oder wäre das für ihn vielleicht sogar abstoßend? Ja solche Fragen stellt man sich. Als ich so über diese Leute nachdachte, wurde mir schnell bewusst, das Risiko will ich eingehen, denn mein Gewinn ist viel größer als der Verlust einer der betroffenen Personen. Ich hoffe ich klinge jetzt nicht wie ein asoziales Arschloch, aber in dem Moment ist mir mein persönliches Lebensglück wichtiger als die Intoleranz meines Umfeldes.
Alles in allem, auch keine große Sache.
Aber jetzt kamen die letzten 5% der Menschen, deren Verlust für mich ein unfassbar hoher Preis wäre. Die meisten davon sind Kinder, die selber noch gar nicht entscheiden können, mit wem sie regelmäßig Umgang haben wollen. Dass ihre Eltern mir die Beziehung kündigen, wenn ich den Schritt gehe, davor hatte ich wirklich Angst. Könnte ich noch stolz in den Spiegel schauen, wenn die Kids mich wegen meinem Egoismus verlieren, wegen reinen Äußerlichkeiten? Was wenn sie eine Bindungsangst entwickeln die sie den Rest ihres Lebens belastet, nur weil ich meinen Egotrip schiebe? Würden die Eltern mich ausgrenzen, weil sie ihre Kinder dieser psychischen Belastung nicht aussetzen wollen. Können sie damit umgehen das die Frau, die ihre Kinder im Arm wiegte, ihnen das Fläschchen gab, sie tröstete, ermutigte, ihnen ihre Werte vermittelte, das diese Frau jetzt ein Mann wird? Könnten sie es überhaupt verstehen, haben sie doch immer nur den Inbegriff von Weiblichkeit bei mir gesehen.
Sich zu outen ist immer mit der Angst vor Ablehnung und einer gewissen Scham behaftet. Hör zu, ich muss dir etwas sagen über mich. Ich bin irgendwie so, wie man eigentlich nicht sein sollte, bitte verstehe mich und lehne mich nicht ab. Hab mich lieb, auch wenn ich komplizierter bin als Andere, steh zu mir. Bitte sag mir, ich bin es dir wert. So geht es irgendwie mir und offenbar auch vielen anderen Betroffenen. Unangenehm oder, dieser Mangel an Selbstwert ist wirklich ätzend und leider ein starkes Begleitsymptom.
Für mich kann ich sagen, keine meiner Ängste hat sich bewahrheitet. Natürlich kann es niemand wirklich verstehen, wie denn auch? Aber jeder der für mich eine Bedeutung hat, wird versuchen damit umzugehen und mir weiterhin zur Seite stehen. Und diese Erfahrung ist unglaublich viel Wert. Zu merken, ich bin so wichtig für die Menschen, dass sie, ohne eine Sekunde zu zögern, sagen, ich steh hinter dir Rachel. Das ist bestärkend und gibt mir das Gefühl, doch mehr geliebt zu werden als ich zuvor gedacht hätte.
Witzigerweise hat die Person bei der ich am allermeisten mit Ablehnung rechnete, am besten reagiert. Ich kenne diesen Menschen seit 7 Jahren und wir hatten immer eine berufliche Beziehung miteinander, weil ich ihre beiden Kinder großgezogen habe. In meiner Wahrnehmung ist die Mutter sehr auf ihr Äußeres, ihren beruflichen Stand, ihren materiellen Besitz fixiert. Es ist ihr wichtig, immer gut auszusehen und das ihre Kinder, ihr Haus und ihr Auto dies ebenfalls tun. Ich war mir sicher, sie würde ablehnend reagieren, versuchen mir dass auszureden. Mir vorhalten, was ich von ihrer Tochter da verlange. Die Kleine hat nach 3 Monaten immer noch Mühe damit, dass ihre Rachel jetzt kurze Haare hat. Sie sagt immer wieder: »Ohne deine Stimme, würde ich dich gar nicht mehr erkennen Rachel, wie gut das du wenigstens noch wie meine Racheli klingst.« (Das Racheli ist kein Fehler, ist ihr Kosenamen für mich, den nur 2 Menschen so verwenden.) Stellt euch mal vor was passiert, wenn ich in den Stimmbruch bekomme und ihr auch noch das wegnehme.
Und wie reagierte diese Mutter? Sie erzählte mir von ihrem besten Freund, der früher mal eine beste Freundin war. Sie fragte: »Seit wann fühlst du denn so, das war sicher sehr belastend für dich. Jetzt versteh ich so viel mehr. Es tut mir leid, das du so fühlst und wir stehen natürlich immer hinter dir und gehen den Weg gemeinsam. Wir schaffen das!« Und nahm mich in den Arm. Ich war echt von den Socken. In all den Jahren hatten wir nie ein so herzliches Gespräch und als ich ging, war in ihren Augen diese berufliche Distanz von früher verschwunden. Natürlich weiß sie, wie schwierig das für ihre Kleine wird, aber sie ist voller Zuversicht, dass wir den Weg gemeinsam schaffen und sie steht hinter mir, 100%
Für mich kann ich nur sagen, diese Outingphase war voller toller Überraschungen und der Erkenntnis, ich bin von wirklich coolen Menschen umgeben und habe ein großartiges soziales Umfeld.