Systematik
- Familie: Orchideen (Orchidaceae) (mehr als 20 000 Arten -> einer der größten Pflanzenfamilien)
- Unterfamilie: Orchidoideae
- Tribus: Orchideae
- Untertribus: Orchidinae
- Gattung: Knabenkräuter (Orchis)
- Art: Ich habe 10 Arten im Internet gefunden.
- Gefleckte Knabenkraut (Orchis maculata L.) (schlankeren Wuchs als andere Arten)
- Schmetterlings-Knabenkraut (Orchis papilionacea)
- Sumpf-Knabenkraut (Orchis palustris)
- Pyramiden-Hundswurz (Anacamptis pyramidalis)
- Brand-Knabenkraut (Orchis ustulata)
- Kuckucks-Knabenkraut (Orchis mascula) (auch Manns-Knabenkraut, Stattliches Knabenkraut genannt)
- Helm-Knabenkraut (Orchis militaris)
- Wanzen-Knabenkraut (Orchis coriophora)
- Übersehenes Knabenkraut (Dactylorhiza praetermissa)
Die verschiedenen Unterarten des Knabenkrauts gehört zu einer der wenigen Orchideen, die auch in Mitteleuropa heimisch sind.
Das Kleine Knabenkraut wird nach neueren taxonomischen Erkenntnissen der Gattung Anacamptis zugeordnet. Deswegen heißt der wissenschaftliche Name auch Anacamptis morio (L.) (R.M.Bateman, Pridgeon & M.W.Chase.).
Ein weiterer wissenschaftlicher Begriff für die Knabenkräuter lautet Dactylorhiza.
Volkstümliche Namen
- Bockshödlein
- Buabakraut
- Fuchshödlein
- Froschhüpfer
- Frühlingsknabenkraut
- Gauchblume
- Geilwurz
- Hasenhödlein
- Heiratsblume
- Heiratskraut
- Johannishände
- Kuckucksblume
- Kuckucksknabenkraut
- Kleines Knabenkraut
- Knabenwurz
- Kleine Orchis
- Knabenmännlein
- Liebeswurz
- Männliches Knabenkraut
- Manns-Knabenkraut
- Nachlaufwurz
- Narrenkappe
- Orchideen
- Stattliches Knabenkraut
- Salep-Knabenkraut
- Salepkräuter
- Storchkraut
- Storchkraut
- Satyrion
- Stendelwurz
Engl: Marsh Orchid
Namensherkunft
Die volkstümlichen Begriffe Hasenhödlein, Bockshödlein, Fuchshödlein und Knabenwurz stammen daher, dass die beide Wurzelknollen optisch an Hoden erinnern. Laut der Signaturenlehre ist dieses Kraut somit ein Mittel um die Potenz zu steigern.
Geilwurz, Liebeswurz und Heiratskraut wurde es genannt, da es einem verhilft einen Liebespartner für sich zu gewinnen.
Der lateinische Gattungsname "Orchis" ist ein griechisches Wort und lässt sich mit "Hoden" übersetzen. "Orchideen" werden wörtlich genommen mit "Hodenartige".
Der Volksname Narrenkäppchen kommt von Artname "morio", was vom Griechischen "moros" sich ableitet und "närrisch"/"Narr" bedeutet. Den wissenschaftlichen Namen hat das Kraut vom schwedischen Naturforscher Carl von Linné erhalten, da er in der Blütenform eine Narrenkappe gesehen hat.
Mythologie/Geschichte
Das Kleine Knabenkraut wurde bereits 800 v. Chr. als Heilpflanze verwendet. Die Medizingeschichte reicht mehrere Jahrtausende zurück. Heute wird es leider nicht mehr angewendet, da es in seinem Bestand stark gefährdet ist. Im 19. Jhd war es noch zahlreich vertreten, besondern in der Rhön, dem Taunus und dem Odenwald.
Der Arzt Dioskurides erwähnte das Kleine Knabenkraut bereits im 1. Jhd n. Chr. und nannte es "Hundehoden". Er verweist auf die Wirkungen auf den Geschlechtstrieb und der Fruchtbarkeit hin. Allerdings sind die aphrodisierenden Wirkungen heute wissenschaftlich unbelegt.
Dioskurides wurde von der Klostermedizin des Mittelalters zitiert und die Schriftquellen der Klostermedizin war Orientierung der frühen Botaniker der Neuzeit.
Ich verwies bereits auf die Signaturenlehre, die von Paracelsus (1493/1494-1541) stammt. Er schrieb über die "Liebesknollen": "Secht an die Wurzel Satyrion, ist sie nicht gestalt wie eines Manns Scham? Niemandt kan anderst sagen/ darumb sie durch die Magicam anzeigt und durch die Magica ist erfunden worden/ daß sie den Mannen ihre verlorene Manheit und Unkeuschheit wider bringt."
Ein Zeitgenosse des Paracelsus, der Naturforscher Conrad Gessner sah im Kleinen Knabenkraut: "Die ganze Substanz aller Orchis-Arten scheint nämlich etwas Schaumiges (und wie Sperma-Artiges) zu enthalten." So erinneren die Wurzeln nicht nur an Hoden, sondern auch der Schleim des Kleinen Knabenkraut verknüpft er mit Sperma, was die Verknüpfung zur Sexualität förderte.
Alte Heilkundige, wie Plinius, Dioskurides, Theophrast und mittelalterliche Heiler haben das Salep bei Husten, Zahnfleischentzündungen, Mund- und Rachenentzündungen verabreicht.
Im Osmanischen Reich wurden aus den Knollen des Kleinen Knabenkrauts ein Getränk hergestellt, was Salep, Sachlav oder Saloop genannt wird. Dies hat sich von dort nach Europa ausgebreitet. Auch wurde das Saleppulver in der Türkei verwendet um Schokolade oder Speiseeis herzustellen. Hunderte Kilogramm Pflanzenpulver werden dafür von einem Eiscafé jährlich gebraucht. was wiederum zu einer schrittweisen Reduzierung des Kleinen Knabenkrauts in diesen Regionen führt.
Es heißt, dass man mit dem Verzehr der Knollen das Geschlecht des kommenden Babys bestimmen könne. Laut Dioskurides haben die Frauen in Thessalien die zarten Wurzeln zu sich genommen zur Libidosteigerung. Und die festeren Wurzeln um die Libido zu unterdrücken. Durch den Verzehr der einen Wurzel konnte man die Wirkung der Anderen aufheben.
Die Wildorchideen wurden in der griechisch-römischen Antike "Satyrion" genannt. Satyre ist eine Bezeichnung für Mischwesen aus Menschen und lüsternen Ziegenböcken. Im Gefolge des Fruchtbarkeitsgottes Dionysos wurden sie den Nymphen sexuell nachgestellt. Dahingehend werden Menschen mit einem starken Sexualtrieb auch Satyriasais und Nympohmanen/Nymphen genannt.
Die Wurzelknolle der Orchideen sollen in der Mythologie die Leibspeise der Satyre sein, die immerzu sexuell ungesättigt sind.
Die Knollen selbst sollen die Hoden des geilen Orchis sein, der ein Sohn eines Satyrs und einer Nymphe ist, welcher in ein Knabenkraut verwandelt worden war.
Wegen dem Aussehen der Wurzeln, die an Hoden erinnern, gilt das Kleine Knabenkraut historisch gesehen als magisches Potenzmittel in Europa, Türkei, Iran und Arabien.
Die Knollen zu Pulver zermahlen dienten während den Krisenzeiten nach dem 1. Weltkrieg als gesunde und aufbauende Nahrung. Es wurde als Schleim gekocht und in Flüssigkeit eingerührt, sodass es zu Brei wurde. Mit Brot und einem Becher Salep haben sich auch schon vor 150 Jahren deutsche Handwerker gestärkt.
Als Hausmittel wurde es außerdem verschrieben bei Atemwegserkrankungen, Ruhr und Diarrhöe. Es wirkt auch gegen Reizungen sämtlicher Schleimhäute.
Unsere Ahnen glaubten daran zu erkennen, wo sich Elfenplätze befinden wegen der wässrigen Art und der Standorte des Kleinen Knabenkrauts. Ebenso die Akelei trug den Namen "Elfenhandschuh". Genauso gelten die Engelwurz, die Betonie und die Einbeere als Elfenpflanzen.
Im Brauchtum/Aberglaube wurde das Kleine Knabenkraut von einigen Kulturen als Liebeszauber verwendet. Denn es wurde mit Fruchtbarkeitsgöttinnen in Zusammenhang gebracht.
Inhaltsstoffe
- Alkaloide (in sehr geringen Mengen)
- Eiweiße
- Flavonoide
- Fettsubstanzen
- Gerbstoffe
- Kumarin
- Mineralsalze
- Mineralstoffe
- Nährstoffgehalt hoch
- Phenolsäuren
- Polysaccharide
- Stärke
- Schleimstoffe (Bassorin)
- Tannine
- Zucker
Der im Knabenkraut enthaltenen Kohlenhydrate haben nur einen geringen Teil, der als nahrhaft gilt. Der größere Teil der Polysaccharide besteht aus wasserunlöslichem, jedoch gut quellbarem Bassorin. Dies ist ein Schleimstoff, der sich leicht verdauen lässt und den Magen füllt und damit als Binde- und Verdickunsgmittel dient.
Wirkungen
- adstringierend
- aphrodisierend (wissenschaftlich unbestätigt)
- beruhigend
- erfrischend
- erweichend
- entzündungshemmend
- krampflösend
- reizlindernd
- stärkend
- schmerzstillend
- schleimlösend
- wundheilungsfördernd
Anwendungsgebiete
- Aphrodisiakum
- Atemwegsentzündungen
- Durchfall (traditionell) (v.a. bei Kindern)
- Entzündungen (traditionell)
- Entzündungen im Verdauungstrakt
- Geschwüre
- Gastritis
- Husten (traditionell)
- Hautwunden, die schlecht heilen
- Mund- und Rachenentzündungen
- Magenbeschwerden
- Potenzmittel (traditionell)
- Reizmagen
- Rachenentzündung
- Stärkemittel
- Sodbrennen
- Schleimhautreizungen
- Zahnfleischinfektionen
Anwendungsbeispiele
- Essenz
- Eis (heißt in Griechenland Kaimaki; Grundzutaten: Knabenkraut, Zucker und Milch
- Getränk (aus Knollenpulver und Ziegenmilch)
- Gelee
- Küchenzutat
- Pulver für Brei
- Puddingpulver (wird in Türkei so verwendet)
- Tee
verwendete Pflanzenteile
- Knollen
Die Knolle wird abgebrüht, geschält und an der Sonne/im Backofen getrocknet.
Oberen Pflanzenteile sind leicht giftig.
Merkmale
- Wuchseigenschaften: ausdauernd, krautig
- Wuchshöhe: 15 - 20 cm, teils bis 40 cm
- Boden: trocken bis leicht feucht, basisch bis leicht sauer, stickstoffarm, nährstoffarm
- Wurzel: länglicher Wurzelstock, eiförmig, zweiknollig, Durchmesser von 15- 30 mm, Knollen sitzen übereinander und sind zusammen gewachsen, untere Knolle meist trocken und obere Knollen voller Saft
- Stängel: kräftig, kahl
- Blätter: Laubblätter, lanzettenförmig, hellgrün, bis 8 cm lang, mit spitzer Form, bis 2 cm Breite, untere Blätter sind zurückgekrümmt und stumpf, oberen Blätter sind aufwärtsstehend und spitz; alle Blätter parallelnervig
- Blüten: viele Blüten 5- 20, purpurrot, hellrot, rosarot, selten weiß, Lippenmitte der Blüten weißliche Färbung mit auffälligen dunklen Punkten; Außenseite eine deutlich grüne Nervatur, Lippe ist breiter als lang und 3-lappig, Mittellappen ist schwach 2-teilig, an der Spitze ausgerandet, Seitenlappen oft zurückgeschlagen; Sporn wächst horizontal bis aufwärts gebogen; mittlerer Kelchblatt und Kronblätter bilden einen Helm, Lippe ist 10 mm lang und 16 mm breit
- Früchte: meist rötlicher Fruchtknoten, der meist für den Blütenstiel gehalten wird
- Geschlecht: männliches Kraut hat gefleckte Blätter
- Vermehrung: durch Bestäubung, denn ohne Bestäubung keine Samenbildung
- Geschmack: bitter
- Duft: angenehm (ich hab nichts vernommen)
Vorkommen
- Europa
- Nordafrika
- Westasien bis in den Kaukasus und Iran
- Süddeutschland häufiger als in Norddeutschland (dort fast gar nicht anzutreffen)
- Skandinavien
- Baltikum
- Türkei
- Griechenland
- Portugal
- Britische Insel
Ein Kilo Pulver aus den Knollen des Knabenkrauts sind etwa 3000-4000 Knollen. Die Türkei allein verarbeitet rund 30 Tonnen Knollen von 38 Orchideenspezien pro Jahr.
Auch wird der Bedarf aus Importe aus dem Iran gedeckt, die jedoch meistens illegal sind. Viele Millionen gesammelte Erdorchideen kommen jährlich aus dem Iran auf den Markt. (Dr. Utz Anhalt)
Der deutsche Zoll ist darüber informiert und hat strenge Kontrollen an Flughäfen um gesetzeswidrige Importe mit Strafen zu versehen.
Fundorte
Bis in Höhenlagen von 1.500 Metern vereinzelt vorkommend, teils auch bis zu Höhen von 2.200 Metern.
- Almwiesen
- Brachflächen
- Borstgraswiesen
- Frischwiesen
- Goldhaferwiesen
- Hügellandschaften (wahrscheinlich weil in den Bereichen kaum Landwirtschaft betrieben werden kann)
- lichte Wälder
- Laubwälder
- Magerrasen
- (Halb-)Trockenrasen
- Tristen
- Wiesen
- Waldränder
Sammelhinweise
- Blütezeit: Frühblüher, ab April; in mediterranen Bereichen ab Anfang März
- Sammelzeit: Wurzel im Juli, nur jüngere Knollen sammeln und Ältere stehen lassen
- Gefährdet?: Ja und streng geschützt wegen den überdüngten Böden, der Landwirtschaft, Beweidung, Betonierung/Versiegelung von Flächen und Entwässerung. Sammeln und Ausgraben der Pflanze ist verboten. Thüringen vom Aussterben bedroht. Stark gefährdet auch in Hessen und im Norden Deutschlands.
- Nebenwirkungen: Empfindliche Menschen mit einer allergischen Reaktion sollten auf das Knabenkraut verzichten. Theoretisch gesehen können einige Schleimstoffe, die in der Pflanze enthalten sind zu Verdauungsprobleme wie Durchfall oder Blähungen führen, da sie die Darmtätigkeit beeinflussen.
Wechselwirkungen mit Medikamenten sind möglich, doch bisher nicht gut dokumentiert. Vorsicht ist geboten bei der gleichzeitigen Anwendung von schleimstoffhaltigen Präparaten. Die Aufnahme bestimmter Medikamente durch den Magen-Darm-Trakt können verlangsamt werden, was die Wirksamkeit reduziert.
Verwechslungsgefahr!
- Herbstzeitlose (tödlich giftig) (Blattrosette der beiden lassen sich leicht verwechseln, wenn der Stängel des Knabenkrauts noch nicht emporgewachsen ist)
Da das Knabenkraut in seinem Bestand sehr gefährdet ist, ist es wichtig zu wissen, welche andere Pflanzen als Alternative dienen. Dabei sind die im Knabenkraut vorkommenden Schleimstoffe die, die für die Medizin interessant sind. Und diese Pflanzlichen Schleimstoffe kommen auch in weniger bedrohten Orchideen vor, die im Islandmoos vorkommen, wie auch Leinsamen, Flohsamen, Echten Eibisch, Wilder Malve, Lindenblüten (Linde), Okra, Spitzwegerich, Lungenkraut, Borretsch, Ringelblumen und Huflattich.
Quellen:
Bild 1 & 2 von mir, die nachfolgenden von pexels.com
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Hinweis!
Bei Verbesserungsvorschlägen, Fehlern und Inspirationen bitte ich um Korrektur. Der Beitrag ist nicht vollständig und es ist noch lange nicht alles über diese Pflanze gesagt.
Dieser Beitrag dient nicht als Heilversprechen, sondern als Zusammenstellung, was ich über die Pflanze im Internet finden konnte. Wenn du die Pflanze einnimmst, bedeutet es nicht, dass du automatisch von all deinen Krankheiten befreit bist, doch du kannst sie als Begleitmittel nutzen und um dich wieder mit der Natur zu verbinden.
Da ich für Eigenverantwortung bin, wünsche ich mir, dass ihr euch selbst informiert, wenn ihr eine Pflanze einnehmen wollt, und nicht nur auf diesen Beitrag vertraut, sondern euren eigenen Weg findet mit der Natur zusammenzuarbeiten.
Dann wünsch ich euch viel Spaß bei eurer Reise mit der Natur :)
~charlissy