Am Samstag war es soweit: Bereits Anfang November hatten mein Mann und ich Karten für „The Joshua Tree“, eine der besten U2-Cover-Bands Europas, ergattert und freuten uns auf einen Auftritt der starken Iren in einem relativ kleinen Theater in einer nahegelegenen Kleinstadt. In der Regel spielen die Musiker vor größerem Publikum, sie haben aber die fast familiäre Atmosphäre bei dennoch rasender Stimmung während ihrer Norddeutschland-Premiere vor zwei Jahren so genossen, dass sie eine erneute Einladung dankend angenommen haben. Auch wir wollten die irischen Rocker ein zweites Mal sehen, ebenso wie unser Freund, der die Karten kurz vor dem Ausverkauf besorgte.
Eben dieser Freund, den wir abholen sollten, rief nachmittags mit der Bitte an, wir mögen etwas früher als verabredet bei ihm zu Hause eintreffen. Er suche seit Tagen die Karten und sei sich nun ganz sicher, diese samt seinem Kalender im Zug liegen gelassen zu haben. Da er aber noch die Originalrechnung, der auch die Sitzplatznummern zu entnehmen sind, besäße, dürfte das kein Problem sein. Na...
Die Dame an der Abendkasse war äußerst zuvorkommend und gab uns ohne weitere Diskussionen handschriftlich nummerierte Ersatzkarten. Ich scherzte noch, dass die Plätze dann hoffentlich nicht belegt seien und wir nahmen voll Vorfreude ziemlich gute Theaterpolster in einer der vordersten Reihen ein.
Es kam, wie es offensichtlich kommen musste: "Entschuldigung, Sie sitzen auf unseren Plätzen.", sagte ein freundlicher Herr, noch in der Gewissheit, das jedem von uns schon im Kino erfahrene Missgeschick durch kurzes Kartengewedel und Reihengeschiebe rasch aus dem Wege zu räumen. Auf die Frage "Das glaube ich nicht, wo haben sie denn die Karten her?", folgte ein erstauntes Innehalten. "Die haben wir von unserem Sohn zu Weihnachten geschenkt bekommen." - "Hm, dann hat Ihr Sohn leider Hehlerware verschenkt."
Der Mann wirkte nach den anschließenden Erklärungen relativ gelassen und meinte, das ließe sich ja klären, während die Frau ihre Emotionen nicht verbergen konnte. Sie hätten sich so über die Karten gefreut, da sie selbst wegen der großen Nachfrage keine mehr erwerben konnten.
Der Mann wollte die Situation an der Kasse klären, ließ sich von diesem Plan durch den Vorschlag "Nun seid ihr doch im Saal. Stellt euch an den Rand. Ab dem ersten Stück stehen doch sowieso alle, dann fällt das gar nicht auf.", auch nicht abhalten. "Nein, das wäre Betrug."
Das Konzert war ziemlich genial, allerdings konnten wir es nicht hundertprozentig entspannt genießen. Als unser Freund nämlich den um ihr Weihnachtsgeschenk Betrogenen den Verlust der offiziellen Karten schilderte, fiel der Einwand, dass der unehrliche Finder des Kalenders hoffentlich nicht den kognitiven Transfer vollziehe, der durch Namen und Adresse im Inlay bekannte Kalenderbesitzer sei an diesem Abend definitiv nicht zu Hause... Gut, wer im Internet "gefundene" Konzertkarten vertickert, muss nicht gleichzeitig das kriminelle Potential für Wohnungseinbrüche aufweisen können, ein leicht mulmiges Gefühl blieb dennoch.
Zudem machte ich mir zeitweilig Gedanken darüber, wie furchtbar enttäuscht ich in dieser Situation gewesen wäre.
Leider habe ich das Paar weder im Konzertsaal noch später in der Pause gesehen. Irgendwie habe ich aber die ganze Zeit gewünscht, dass auch die beiden einen netten Abend erleben durften und wie ich bemerkten, dass der echt professionell agierende Sänger Derek Power Bono dessen Sonnenbrille geklaut haben musste...
Zudem sollten die Herrschaften beim Refrain dieses am Samstagabend phänomenal gut gecoverten U2-Songs das Seufzen nachlassen und zukünftig - wie jeder von uns - die Quelle von Konzertkarten hinterfragen.