Seit kurz vor Weihnachten haben wir hier in Österreich eine neue Regierung. Im Regierungsprogramm finden sich natürlich auch Punkte zur Wissenschaft und Bildung und das Gespenst der Studiengebühren geht wieder einmal um. Nebenbei finden sich dort auch Maßnahmen um „Bummelstudenten“ zum fertig werden zu bewegen. Von Oliver Vitouch (dem mittlerweile abgetretene Präsident der Universitätskonferenz) hörte man schon im November ähnliche Ideen. Als ein Vertreter der im Aussterben begriffenen Art der Langzeitstudenten, möchte ich diese Gelegenheit nutzen, um meine Geschichte zu erzählen wie es so weit kam, dass ich seit fast zehn Jahren studiere.
Da diese Geschichte meine persönliche ist, werde ich auf politische Seitenhiebe verzichten, außer folgendem: wenn ich mir die Lebensläufer einiger Regierungsmitglieder (Sebastian Kurz – Studienbeginn 2005, kein Abschluss; Elisabeth Köstinger – Studienbeginn 2003, kein Abschluss; Herbert Kickl – Studienbeginn 1988, kein Abschluss) bzw. (Ex-)Politiker (Werner Faymann – keine Ahnung ob der die Uni nach seiner Inskription jemals von innen gesehen hatte), ist Bummelstudent sein offenbar der beste Weg um in die Regierung zu kommen.
Ausgangslage
Ich studiere seit mittlerweile fast 10 Jahren (Oktober 2008) und habe immer noch keinen (Master) Abschluss. Noch dazu studierte ich eine Zeit lang ein „sinnloses“ Fach wie Philosophie. Also auf den ersten Blick bin ich ein typischer Langzeitstudent, der dem Staat auf der Tasche liegt und seine Zeit mit allen möglichen Aktivitäten verbringt, nur eben nicht mit studieren. Dieser Eindruck trügt jedoch. Ich habe nämlich sogar zwei Bachelorabschlüsse: einen in Softwareentwicklung und Wirtschaft von der TU Graz und einen in Philosophie von der Karl-Franzens Universität Graz. Daneben habe ich auch seit dem Sommer zwischen meinem zweiten und dritten Studienjahr neben dem Studium gearbeitet und war auch lange ehrenamtlich in einer Studentenorganisation tätig. Ich kann eigentlich nicht sagen, dass ich faul bzw. nur am Feiern war, doch wie konnte ich so lange studieren? Hier ist der Versuch einer Erklärung.
Vorgeschichte
Ich maturierte 2007 und begann gleich 2 Wochen nach der Matura mit meinem Wehrdienst. Ich habe als ich 20 war zu studieren begonnen: da ich eine HTL besuchte habe bekam meinen Abschluss ich erst mit 19, danach folgten 6 Monate Bundesheer und danach 10 Monate „Ferialarbeit“ (ich habe übergangsweise als Ferialarbeiter gearbeitet, obwohl mein erster Job von Ende Februar bis Ende Juni ging, also außerhalb der Ferienzeit) bzw. Pause. Da ich am 8.1.2008 (also vor genau zehn Jahren) abrüstete, hätte ich theoretisch die Gelegenheit gehabt quer im Sommersemester an der TU Graz einzusteigen, ein Freund von mir, der genau das ein Jahr zuvor gemacht hat, riet mir aber davon ab und ich muss im Nachhinein sagen, dass es die richtige Entscheidung war bis zum nächsten Wintersemester zu warten. Es ist zwar prinzipiell möglich im Sommersemester einzusteigen, ergibt aber praktisch wenig Sinn, da der ganze Studienplan darauf ausgelegt ist, dass man im Wintersemester beginnt und man sich den Beginn an der Uni erschwert, wenn man „schief“ einsteigt.
Kommt jetzt darauf an, wie man es sieht, aber in gewisser Weise habe ich bereits mit einer Verspätung begonnen. Ich jedoch fand nicht, dass die Zeit beim Bundesheer bzw. in den Übergangsjobs verloren war, nicht einmal die Monate, in denen ich tatsächlich nichts tat. Besonders die Pause nach dem Bundesheer war meiner Meinung nach dringend nötig für mich, da ich von einem Lebensabschnitt direkt und ohne Übergangsphase in den nächsten geworfen wurde: die 5. Klasse in der HTL stand ganz im Zeichen der Matura und sie war eine Art Damoklesschwert, das über dem ganzen Jahr schwebte. Das Bundesheer war dann eine ganz andere Erfahrung, wirklich erholsam war’s aber auch nicht. Ein Vorteil aus dem recht langen Zeitraum zwischen meiner Matura und dem Beginn meines Studiums ist, dass ich lange Zeit hatte mir zu überlegen, was ich machen wollte und auch daher genau wusste, dass (und was) ich studieren wollte und dementsprechend motiviert war.
Hauptgebäude der TU Graz, Quelle: Wikipedia
1. Studienjahr (2008/09)
Im Oktober 2008 begann ich also mein Studium an der TU Graz. Da mich IT und besonders Programmieren schon immer interessierten und ich auch gerne mit wirtschaftlichen Grundbegriffen vertraut werden wollte, entschied ich mich für Softwareentwicklung-Wirtschaft. Wenn man an der TU Graz irgendetwas mit Informatik (Telematik, Informatik und Softwareentwicklung-Wirtschaft) dann musste man (und soweit ich weiß, muss man immer noch) das „Orientierungsjahr“ absolvieren. Das Orientierungsjahr ist ähnlich der später für alle Studienrichtungen eingeführten STEOP (Studieneingangs und -orientierungsphase), nur schwieriger, da nicht nur ausgewählte Lehrveranstaltungen absolviert werden mussten, sondern so ziemlich alle. Orientierungsjahr und STEOP erlauben es Studenten nicht, Lehrveranstaltungen für spätere Semester zu machen, sofern nicht gewisse Lehrveranstaltungen aus dem ersten (beim Orientierungsjahr auch dem zweiten) Semester absolviert wurden. Was in der Theorie jetzt nicht so verkehrt kling, entpuppt sich in der Praxis jedoch eher als kontraproduktiv: der „Ansaschmäh“ um trotz nicht bestandenem Orientierungsjahr weiter zu studieren war ganz einfach sich für ein anderes, fach-fremdes Studium zu inskribieren (Architektur war für gewöhnlich die erste Wahl der Informatiker) und sich von diesem Studium aus für die Lehrveranstaltungen, die man wegen des nicht absolvierten Orientierungsjahres nicht machen kann, anzumelden. Ich weiß zwar nicht genau wie viele aus meinem Jahrgang das gemacht haben, es waren aber recht viele. Ich war jedoch nicht dabei, in meinem ersten Jahr absolvierte ich alle meine Lehrveranstaltungen (mehr oder weniger) planmäßig und schloss mein Orientierungsjahr wirklich innerhalb eines Jahres ab. Für diese Aussage habe ich jetzt etwas weiter ausgeholt, machte es aber bewusst um zu zeigen, dass ich mein Studium von Beginn an sehr ernst nahm.
2. Studienjahr (2009/10)
Nach einem relativ gutem ersten Jahr an der TU, wollte ich meine Fähigkeiten abseits von Technologie etwas erweitern: bis zu diesem Zeitpunkt habe ich nur eine Fremdsprache während meiner Schulzeit gelernt (natürlich Englisch). Dies wollte ich ändern, einerseits da ich recht „aufwandseffizient“ (faul) bin und andererseits, da ich mir im Klaren darüber war, dass neben dem Studium auf der TU wenig Zeit für anderes bleibt, also entschied ich mich für eine Sprache, die irgendwo zwischen Deutsch und Englisch ist und daher recht einfach für mich zu lernen ist: Schwedisch. Damals mussten Studenten der TU am Treffpunkt Sprachen noch 150 € für einen Sprachkurs zahlen, Studenten der Karl-Franzens Universität (KF) jedoch nur 50 €. Da inskribieren gratis ist und ich mir 100 € sparen wollte, habe ich mich zufällig für ein Studium an der KF eingeschrieben, Philosophie (okay, es war nicht ganz zufällig, ich habe kurz in den Studienplan gesehen und gesehen, dass im ersten Semester eine Logikvorlesung vorgesehen ist und mir gedacht: „Logik is guad, do kenn I mi aus. Des nemma“). So begann ich mein Philosophiestudium, zunächst noch ohne die Intention es jemals abzuschließen, ich habe aber besagte Logikvorlesung wirklich besucht und auch die Prüfung gemacht, im Sommersemester habe ich auch die darauf Aufbauende Logikvorlesung und eine weitere Philosophievorlesung besucht. Trotzdem lag mein Hauptaugenmerk auf dem Studium an der TU, welches ich immer noch ziemlich in Mindeststudienzeit studierte: am Ende des Jahres fehlten mir zwar 4 Prüfungen, dafür habe ich ein aus dem 6. Semester vorgezogen.
3. Studienjahr (2010/11)
Im Sommer vor meinem 3. Jahr an der Uni bekam ich ganz unverhofft die Möglichkeit an meiner alten Schule als Systemadministrator zu arbeiten. Es waren zwar nur 36 Stunden im Monat (also so um die 9 Stunden in der Woche) die ich arbeitete, aber es war ein Job und ich war froh darüber eine Arbeit zu bekommen, die sich gut mit meinem Studium vereinbaren lies (die Arbeitszeiten waren sehr flexibel). Der einzige Nachteil war, dass mir ca. ein Tag in der Woche, den ich fürs Studieren verwenden würde, für die Arbeit draufgeht. Aber gut, das 5. Semester auf der TU war wirklich ziemlich extrem von Aufwand her: im 5. Semester aller Informatik Studienrichtungen gibt es die Übung zu Betriebssysteme, in der man ein Betriebssystem programmieren muss (also gewisse Teile). Klingt aufwendig und ist es auch, da in diesem Semester noch andere aufwendige Fächer anstanden, entschied ich mich dafür eines dieser Fächer (weil es mich interessierte und ich mich wirklich mit der Materie befassen wollte, anstatt es „schnell-schnell" durchzuboxen) auf das nächste Jahr zu verschieben. Ich dachte mir: ich arbeite neben dem Studium, also ist es kein Problem, wenn ich etwas länger brauche, ein Semester bzw. ein Jahr ist durchaus in Ordnung. Ja, genau dieser Moment war der Beginn meines Langzeitstudiums.
Ebenfalls kurz bevor mein 3. Studienjahr begann, begann ich auch mit meiner Bachelorarbeit auf der TU. Auf die werde ich später noch zurückkommen, für den Moment möchte ich nur sagen, dass der Zeitpunkt nicht ideal war: ich wollte extra früh beginnen, aufgrund des arbeitsreichen 5. Semesters kam ich aber kaum dazu etwas zu machen, im darauf folgenden Semester war die Situation zwar etwas besser, ich machte aber trotzdem nur bescheidene Fortschritte bei meiner Bachelorarbeit.
Und Philosophie studierte ich auch immer noch und mein Interesse an diesem Fach war mehr als geweckt: ich begann mehr und mehr Lehrveranstaltungen zu besuchen (und schloss sie auch ab), was dazu führte, dass ich bereits vergleichsweise weit in meinem Philosophiestudium war (also für jemanden, der eigentlich nicht vorgehabt hat fertig zu studieren) und so fasste ich gegen Ende des Studienjahres den Entschluss dieses Bachelorstudium ebenfalls abzuschließen, damit der Aufwand, den ich bis dato in dieses Studium investierte, nicht umsonst war. Also am Ende des Jahres mir fehlten noch einige Prüfungen auf der TU und viele an der KF.
4. Studienjahr (2011/12)
Wie schon im Sommer zuvor, ergab sich auch diesen Sommer eine interessante Möglichkeit, welche weitreichende Auswirkungen auf mein Studium hatte. Da ich schon immer Interesse daran hatte, Orte jenseits von typischen Touristendestination zu besuchen, bewarb ich mich für einen BEST (Board of European Students of Technology) Kurs in Cluj-Napoca, Rumänien und wurde als Teilnehmer genommen. Den Kurs kann man sich als eine Art Summer School vorstellen, wobei eher mehr der Austausch mit anderen Studenten als der Wissenserwerb im Mittelpunkt steht. Bei so einem Kurs treffen sich ca. 22 Studenten aus ganz Europa und lernen einerseits über ein bestimmtes Thema (welches genau ist immer verschieden, kann aber von jeder Disziplin sein, die man an einer technischen Universität findet, bei diesem Kurs waren es Automatisierungstechnik), andererseits auch über Land und Leute des jeweiligen Gastgeberlandes und natürlich auch wie andere Ingenieurstudenten aus ganz Europa so drauf sind. Da so ein Kurs nur bis zu zwei Wochen dauern kann, ist es eine Art „kurz-ERASMUS“. Und ja, es hat mir getaugt, und zwar so richtig, so sehr, dass ich nach diesem Sommer der lokalen BEST Gruppe in Graz beigetreten bin. Als ich die Gruppe in Graz das erste Mal kontaktierte sagte man mir, dass ich in zwei Wochen auf ein „Regional Meeting“ in Polen fahren könnte. Ich hatte zwar keine Ahnung, was das ist, sagte aber ja, da ich von dieser internationalen Studentenorganisation so begeistert war. In den kommenden Jahren füllte BEST einen recht großen Teil meines Studentenlebens aus und ich reiste recht häufig zu irgendwelchen Kursen oder Treffen.
Studiert habe ich natürlich auch noch: im Wintersemester holte ich an der TU das eine Fach nach, welches ich im Vorjahr aufgeschoben hatte (es hat sich herausgestellte, dass ich es doch im Vorjahr hätte machen sollen, da es damals um einiges einfacher war, denn der Professor war neu und hatte noch keine genaue Vorstellung davon, wie die Übung für dieses Fach auszusehen hatte), im Sommersemester machte ich dann die „großen Brocken“, also aufwendige Prüfungen, die ich mich bis dato noch nicht so recht zu machen getraut hatte, bzw. die ich wiederholen musste. An der KF, gab es die Regelung, dass wenn man ein geisteswissenschaftliches Studium studierte, man ebenfalls 30 ECTS (also ein Semester) in einem anderen geisteswissenschaftlichen Studium zu absolvieren hat, ein sogenanntes gebundenes Wahlfach. Die eigentliche Idee ist, dass man im ersten Studienjahr beide gleichzeitig studiert, also 15 ECTS pro Semester und Fach absolviert, da ich aber irgendwie in das Studium eingestiegen bin, galt es für mich nun dieses gebundene Wahlfach nachzuholen, während ich schon fortgeschrittene Lehrveranstaltungen für Philosophie besuchte. Ich entschied mich für Slawistik: Russisch, einerseits weil mich die Sprache immer schon faszinierte, andererseits um zumindest etwas Praxisbezogenes aus dem Philosophiestudium mitzunehmen. Und, da es im Gegensatz zu anderen Sprachen keinerlei Vorkenntnisse erfordert. Der Aufwand dafür war jedoch enorm: 4 mal die Woche besuchte ich einen eineinhalb stündigen Sprachkurs und zusätzlich gab es immer einen Berg an Hausaufgaben, wie ich ihn seit der Hauptschule nicht mehr hatte (in der HTL bekamen wir recht wenig Hausaufgaben, da wir bereits viel Zeit in der Schule verbrachten und einige meiner Kollegen ziemlich lange Pendelstrecken hatten). Na ja, als dann das Wintersemester seinem Ende zuging erkannte ich, dass ich entweder alle anderen Lehrveranstaltungen aufgab und mich nur auf den russisch Kurs konzentrierte oder den russisch Kurs aufgab und dafür alle anderen Lehrveranstaltungen bestehe. Ich entschied mich für letzteres, was natürlich schade war, da ich bereits viel Arbeit in diesen Kurs investiert habe und ich ihn für die Sprachkurse im nächsten Semester gebrauchte hätte. Aber manchmal geht es nicht anders und ich musste eine Entscheidung treffen (welche meiner Meinung nach immer noch die bessere war).
Am Ende des Jahres fehlten mir auf der TU nur eine Prüfung und die Bachelorarbeit, an welcher im Sommer arbeitete und sehr viel weitergebracht habe (d.h. da meine Bachelorarbeit hauptsächlich aus Programmieren bestand, war der Programmierteil fertig, meine Betreuer arbeiteten zur gleichen Zeit an einer neuen Version des Projekts und ich sollte dann meinen Programmcode ebenfalls auf die neue Version portieren) und auf der KF das gebundene Wahlfach und einige Lehrveranstaltungen für Philosophie. Es hätte natürlich besser sein können, aber es war immer noch so einigermaßen okay.
5. Studienjahr (2012/13)
Mein 5. Jahr an der Uni hätte ursprünglich mein letztes sein sollen, als es dann begann, war mir schon klar, dass es nicht so sein wird und rückblickend betrachtet war ich in diesem Jahr des Studierens wohl schon etwas überdrüssig. Wie oben schon erwähnt trat in im Vorjahr BEST Graz bei, in diesem Jahr war ich sehr aktiv in dieser Studentenorganisation, zu Beginn des Studienjahres kam ich in den Vorstand von BEST Graz und war auch Projektleiter des größten Projekts: unseren Kurs im Februar 2013. Vorstand klingt jetzt groß und wichtig, aber ich muss anmerken, dass wir zu diesem Zeitpunkt ein recht überschaubares Grüppchen waren und daher der Einsatz eines jeden gefragt war, ich war, zusammen mit den anderen im Vorstand, halt einer derjenigen, die etwas mehr für die Organisation arbeiteten, auch als Projektleiter war ich nicht alleine und ich hatte das Glück den Kurs zusammen mit einem genialen „Partner in Crime“ zu organisieren. Das Sommersemester verbrachte ich zu einem guten Teil mit Reisen: ich nahm an der Jahreshauptversammlung von BEST teil, wo sich Mitglieder aller lokalen Gruppen trafen und über die Zukunft der Organisation sprachen, nahm an einem „Cultural Exchange“ mit der lokalen BEST Gruppe Kaunas teil und machte mit meinen Freunden eine Wohnmobiltour durch Schottland (alles in einem Monat: im April großteils während der Osterferien). Als die vorlesungsfreie Zeit im Sommer (aka Sommerferien) begann, war es mit meinem Reisefieber noch nicht vorbei und ich ging erneut auf einen Kurs, dieses Mal zum Thema „Programmierung von Computerspielen“ und organisiert von BEST Chisinau, als ich nach dem Kurs wieder zurück in Österreich war, ging es für mich nicht direkt nach Hause, sondern ich half BEST Wien beim Organisieren ihres Kurses (wie ich es auch schon im Jahr zuvor gemacht habe).
Also ja, neben BEST und meiner Arbeit hatte das Studieren nicht gerade die höchste Priorität. Wie ich jedoch zu meiner eigenen Überraschung herausfand, habe ich trotzdem ziemlich viele Lehrveranstaltungen absolviert (nicht notwendigerweise besucht, aber trotzdem bestanden). An der TU legte ich meine letzte Prüfung ab und hatte dann nur mehr die Bachlorarbeit offen (die Prüfung machte ich im Jänner 2013, direkt nach der Prüfung ging ich dann zu meinen Betreuern und fragte, wie es mit der neuen Version des Projekts so läuft, sie meinten, es läuft gut und sie würden mich benachrichtigen, sobald die neue Version fertig ist, was sie dann auch taten, am 24. Dezember 2013 :D ). An der KF machte ich weiterhin nur Philosophie Lehrveranstaltungen, besonders die umfangreicheren Seminare.
6. Studienjahr (2013/14)
Nach einer Art Sabbatjahr ging es mit dem Wintersemester 2013 wieder voll los: ich musste mein gebundenes Wahlfach nachholen und besuchte somit wieder 4 Mal die Woche für eineinhalb Stunden den russisch Kurs, nebenbei besuchte ich auch noch alle anderen Lehrveranstaltungen für Slawistik. Daneben besuchte ich noch alle ausständigen Philosophie Lehrveranstaltungen und begann auch dort mit meiner Bachelorarbeit. Und weil das noch nicht alles genug war holte ich ebenfalls mein Latinum nach (wenn man Philosophie abschließen will, braucht man ein Latinum, welches ich in der HTL natürlich nicht gemacht habe). Dieses Mal stand ich wirklich unter Zugzwang, da ich im nächsten Jahr gerne auf ERASMUS gehen würde (von der TU aus). Rückblickend war es wirklich eine sehr verrückte Zeit, besonders im Jänner 2014: mein Vater brach sich beim Holzarbeiten das Bein und so musste ich auf unserem Bauernhof aushelfen. Mein typischer Tagesablauf bestand aus aufstehen, den Stall ausmisten, auf die Uni fahren, lernen bzw. arbeiten gehen und danach ins Fitnessstudio gehen. Es ist mir heute wirklich ein Rätsel, woher ich die Zeit genommen habe, ich habe nicht nur regelmäßig ins Fitnessstudio besucht, sondern habe auch noch selbst gekocht (obwohl ich immer noch bei meinen Eltern wohnte) und fand trotzdem noch irgendwie Zeit (vergleichsweise) viel am Computer zu spielen. Ich war auch noch in BEST aktiv, reduzierte aber mein Engagement dementsprechend.
Und ja, ich habe es mehr oder weniger geschafft: da ich im August 2014 mein ERASMUS in Finnland begann, gab es keine Alternative als alle Prüfungen zu bestehen. Für mein Latinum musste ich einen kleinen Umweg machen: ich begann Latein zunächst als Vorlesung an der KF, welche ich dann aus Zeitmangel dann aber nicht mit der Regelmäßigkeit besuchte, die dafür notwendig gewesen wäre, also habe ich dann einen Lateinkurs an einem Nachhilfeinstitut absolviert. Meine letzte Prüfung hatte ich am 11. August 2014, meinen Flug nach Finnland am 17. August und mein Semester begann am 18.
Meine Prüfungen hatte ich zu diesem Zeitpunkt alle absolviert, was fehlte waren meine Bachelorarbeiten und eine Seminararbeit für Philosophie. Kurz bevor ich nach Finnland aufbrach, traf ich mich mit meinen Betreuern, da in der neuen Version, auf die ich meinen Code portieren sollte ein ziemlich schwerwiegender Bug auftrat, für den sie länger brauchen würden um ihn zu beheben, also meinten sie, da meine Bachelorarbeit schon recht lange dauert, ich sollte einfach zusammenschreiben, was ich gemacht hatte und die Arbeit wäre damit erledigt.
7. Studienjahr (2014/15)
Mein letztes Semester war noch nicht einmal richtig vorbei und mein neues in Finnland begann bereits. Ich studierte ein Jahr lang an der technischen Universität Tampere. Ich genoss meine Zeit in Tampere (oder genauer gesagt in Hervanta, den dort war der Campus und mein Studentenwohnheim) sehr und erfüllte mir mit dem Studium in Finnland in gewisser Weise einen Kindheitstraum. Über mein Jahr in Finnland könnte ich leicht mehrere Blogeinträge schreiben, daher werde ich versuchen mich hier kurz zu halten. Wie es auf ERASMUS üblich ist, bin auch ich recht viel gereist: zu den Highlights zählen sicher die Reise nach Russland und die Reise nach Lappland, aber auch die Trips nach Estland (sehr wichtig und typisch, wenn man in Finnland ist: mit der Fähre nach Tallinn fahren und Bier und Vodka einkaufen, die Getränkepreise in Finnland sind sehr hoch) bzw. innerhalb Finnlands nach Lahti (um unsere Skispringer anzufeuern) und Turku waren super. Damit hier kein falscher Eindruck entsteht: ich habe natürlich auch studiert und gar nicht einmal so wenig, den übermotiviert wie ich war, habe ich mir eher schwierigere Fächer wie Machine Learning und Theoretische Informatik ausgesucht. Auch meine Bachelorarbeit für Philosophie schrieb ich während meiner Zeit in Finnland, zunächst wollte ich beide dort fertig schreiben, im Wintersemester war ich damit beschäftigt mich in der neuen Umgebung zurechtzufinden und den dortigen Vorlesungen zu folgen, im Sommersemester hab ich dann wirklich an meiner Bachelorarbeit gearbeitet, als ich wieder zurück in Österreich war, habe ich dann endlich meine Bachelorarbeit an der TU fertiggestellt und kurze Zeit später noch die letzte Seminararbeit. Somit waren meine beiden Studien eigentlich abgeschlossen.
Während meiner Zeit in Finnland fasste ich den Entschluss meinen Master in Wien zu absolvieren. Wegen BEST verbrachte ich vergleichsweise viel Zeit in Wien und begann mich mit der Stadt anzufreunden, gleichzeitig wollte ich nach meiner Zeit in Hervanta auch einmal in einer schönen Großstadt wohnen (was mir an Hervanta besonders gefiel, war die Tatsache, dass man dort sehr viel Natur hat, leider hilft das nur bedingt gegen die architektonischen Sünden der 1960er, die dort gebaut wurden). Außerdem sagte mir das Studienangebot der TU Wien sehr zu (ich wollte zu meinem ursprünglichen Plan zurückkehren und die Philosophie sein lassen, um mich wieder auf die Informatik zu konzentrieren). Und der letzte Grund war, da ich mittlerweile 27 Jahre alt geworden bin, konnte ich mich nicht mehr mit meinen Eltern mitversichern, der beste Weg dieses Problem zu lösen war wieder zu arbeiten, dieses Mal aber Teilzeit.
Der Vollständigkeit halber: da ich ins Ausland ging, habe ich natürlich mit meiner Arbeit aufgehört, BEST bin ich trotzdem erhalten geblieben, da ich der lokalen Gruppe in Tampere beigetreten bin, was toll war, da ich mich dort mit Finnen anfreundete (sonst ist man als ERASMUS Student eher mit anderen ERASMUS Studenten zusammen). Die ECTS, welche ich während meiner Zeit in Finnland gesammelt habe, wollte ich ursprünglich für meinen Master an der TU Graz verwenden, da ich jedoch nach Wien ging dieser Plan nicht auf und so habe ich in meinem Bachelorzeugnis von der TU fast ein Jahr an Freigegenständen.
8. Studienjahr (2015/16)
Mein 8. Studienjahr war eigentlich nur ein halbes, da ich nur im Wintersemester studierte. Aber alles der Reihe nach: ich habe nach einer Wohnung in Wien gesucht und meine beiden Bachelors eingereicht. Glücklicherweise hatte ein Freund von mir gerade ein freies Zimmer in seiner WG und ich konnte dort einziehen, kurz nach dem ich nach Wien gezogen bin begann ich auch damit mich nach einer Arbeit umzusehen und fand einen Teilzeitjob als Python Programmierer. Auf der KF bekam ich meinen Bachelorabschluss ohne Probleme, auf der TU leider nicht. Wie ich zu meiner Verwunderung feststellte, hatte sich mein Studienplan während meiner Abwesenheit geändert und so fielen einige Fächer weg, dafür kamen neue hinzu (die ich natürlich nicht absolviert hatte). Ich versuchte dagegen anzukämpfen, aber es blieb mir nichts anderes übrig, als meine meinen ursprünglichen Plan zu ändern und zuerst die beiden ausstehenden Übungen in Graz absolvieren. Anstatt mich an der TU Wien zu inskribieren konnte ich mich dort nur als Mitbeleger melden. Der Beginn dieses Wintersemesters war ziemlich chaotisch, außerdem ging ich damals wieder für ein paar Tage nach Tampere, um dort bei der Organisation des Kurses zu helfen, als ich zurück kam, begann ich zu Arbeiten. Ich fand dann recht schnell heraus, dass arbeiten in Wien, nachholen der Übungen aus Graz und Vorlesungen in Wien besuchen nicht wirklich gut funktionierte. Also musste ich mich wieder einmal entscheiden und ich entschied mich dafür die Vorlesungen in Wien sein zu lassen und mich voll und ganz auf die Arbeit und die Übungen in Graz zu konzentrieren. Mit Erfolg, am Ende des Wintersemesters hatte ich dann endlich meinen Bachelorabschluss in Softwareentwicklung-Wirtschaft von der TU Graz, nach siebeneinhalb Jahren.
Als ich dann endlich meinen Abschluss hatte, kannte ich nur ein Ziel für meinen Master: in Mindeststudienzeit fertig werden (während ich 20 Stunden die Woche arbeite) um der ganzen Welt (und vor allem mir selbst zu beweisen, dass ich auch in Mindeststudienzeit studieren kann). Ich war mir jedoch nicht sicher, ob dieser Plan auf der TU aufgehen würde, daher entschied ich mich aus diesem Grund, und weil es eine Art Kombination zwischen den meinen beiden Bachelorstudien ist, Cognitive Science an der Uni Wien zu studieren. Dieses Studium ist keines, wo man sich einfach inskribiert und das war’s, man muss sich mit einem Motivationsschreiben bewerben und die besten 25 werden dann genommen. Ich war einer dieser 25 Glücklichen :D wobei Glücklichen ist relativ: mit meiner Einschätzung, dass es einfacher ist in Mindesstudienzeit zu studieren als an der TU mag vielleicht richtig sein, aber nicht viel und seit ich diesen Master begonnen habe, habe ich praktisch keine Freizeit mehr.
Im Sommersemester 2016, war ich nicht auf der Uni, ich habe gearbeitet, war in BEST Wien aktiv, genoss ein Leben ohne ständige Deadlines und war einfach glücklich (was sicher auch daran lag, dass ich frisch verliebt war).
9. Studienjahr (2016/17).
Mein erklärtes Ziel ist dieses Mal keine Zeit verlieren und so schnell es geht studieren (und nebenbei auch noch arbeiten). Wenn man das Studium als einen Vollzeitjob sieht (und das erste Semester in Cognitive Science war mehr als ein Vollzeitjob), dann kann man sich vorstellen, dass es nicht einfach ist nebenbei noch zu arbeiten. Es sei denn man verzichtet auf seine komplette Freizeit und genau das tat ich auch (und tue ich immer noch). Mein Studienjahr begann am 1. Oktober 2016 und endete am 14. August 2017 (da habe ich mein letztes Projekt abgegeben). Ich habe in diesem Zeitraum alle Prüfungen abgeschlossen (mit einer Ausnahme, die holte ich jedoch schon im Oktober nach), verbrachte sämtliche Ferien damit an einem Projekt zu arbeiten oder eine Seminararbeit zu schreiben. Im ersten Semester machte ich sogar 35 ECTS, was zur Folge hatte, das ich meine letzte Seminararbeit in diesem Semester an letzten Tag der Semesterferien abgab, nur um Tags darauf mit dem neuen Semester erneut von vorne zu beginnen. Es war viel Arbeit, aber das Studium interessiert mich und irgendwie habe ich dann doch in den letzten neun Jahren gelernt wie man zielstrebig studiert, ich habe es nur nicht gemacht.
10. Studienjahr (2017/18)
Dieses Semester ist noch im Gange. Eine Besonderheit des „Middle European interdisciplinary master's programme in Cognitive Science“ (wie mein Studium mit vollem Namen heißt) ist, dass man ein Semester an einer der Partneruniversitäten (im Moment sind das Bratislava, Budapest und Ljubljana) absolvieren muss. Ich entschied mich für Bratislava, da ich von Wien aus pendeln kann (da ich nicht der Einzige bin, dem es so geht, müssen wir nur zwei Mal die Woche nach Bratislava um Vorlesungen zu besuchen, den Großteil der ECTS macht ein Projekt aus) und meinen Job und meine Wohnung in Wien behalten kann. Die Vorlesungen sind bereits vorbei und jetzt beginnt in Bratislava die Prüfungszeit.
Ob ich mein Studium wirklich in zwei Jahren (also noch in 2018) abschließen werde kann ich nicht sagen, aber im Moment schaut es sehr gut aus, da mir nur noch die Prüfungen aus Bratislava und die Masterarbeit fehlt. Eine realistische Prognose ist, dass ich mein Studium im Herbst dieses Jahres abschließen werde, was dann tatsächlich den dafür vorhergesehenen zwei Jahren entspricht und mich natürlich sehr freuen würde.
Fazit
In meiner knapp zehnjährigen „Karriere“ als Student habe ich natürliche viele andere Studenten getroffen und festgestellt, dass eine so lange Zeit als Student eher mehr Seltenheitswert hat und ich eine Art Relikt bin (obwohl schon zu meiner Zeit die meisten Studenten, also jene, die man auf der Uni traf, sehr erpicht darauf waren schnell mit ihrem Studium fertig zu werden). Trotzdem wird der sogenannte Bummelstudent immer gerne als Notwendigkeit für Studiengebühren bzw. für eine Reform des Studienrechts herangezogen.
Der ursprüngliche Grund warum ich länger gebraucht habe, war sicherlich die Tatsache, dass ich eine Arbeit neben dem Studium gefunden habe. Davon ausgehend sind einige unvorhergesehene Dinge, wie z. B. dass ich mein Philosophiestudium tatsächlich fertig mache, passiert die dass ihrige zur Dauer meines Studiums beigetragen haben. Glücklicherweise werde ich mit dem Studium fertig, bevor erwerbstätige Studenten wieder zahlen müssen(interessanterweise habe ich offenbar die zehn Jahre, in denen es keine bzw. nur eingeschränkte Studiengebühren gab, genau ausgenutzt).
Hätte mich jemand vor zehn Jahren gefragt, wie meine Laufbahn an der Uni so verlaufen würde, wäre mir auf keinen Fall in den Sinn gekommen, dass ich zehn Jahre dafür brauchen würde. Aber ja, wie so oft kommt alles anders als geplant. Für mich jedenfalls war es eine sehr lehrreiche Zeit und ich habe mich auch abseits des Fachlichen stark weiterentwickelt, eine Tugend, die heutzutage an den Universitäten viel zu kurz kommt.
Abschließend möchte ich noch gerne Iron Maiden zitieren, da es meine Erfahrungen ziemlich gut zusammenfasst:
So understand
Don't waste your time always searching for those wasted years
Face up, make your stand
And realize you're living in the golden years