Jeden Donnerstag werde ich einen bestimmten Mythos, eine Urban Legend, Verschwörungstheorie oder ein Stück Pseudo-Wissenschaft thematisieren. Dieses Mal werden wir die Behauptung untersuchen, dass Milch Gift ist und Menschen tötet.
Wie in der englischen Version angekündigt, wird die deutsche Übersetzung von nun an immer am Donnerstag erscheinen.
Bis dass die Milch uns scheidet
Ja. Ihr habt richtig gelesen. Die größten Plagen der Menschheit sind nicht Waffen und Kriege, sondern euer tägliches Glas Milch. Dieser heimtückische, flüssige, weiße Killer wird euch leiden lassen und für ein langsames und qualvolles Sterben verantwortlich sein.
Und schon war’s das mit eurem glücklichen Tag. Oder war es das?
Ich weiß, dass ich, dass ich mit der #milchistgift-Sache einen Monat zu spät bin, aber ich fand das Thema dennoch spannend, weshalb ich euch die wissenschaftliche Seite nicht vorenthalten will.
Wenn ihr in die Abgründe(1) jenseits der bösen Mainstream-Medien reist, werdet ihr Behauptungen wie oben recht häufig finden. Ok, vielleicht habe ich ein klein wenig übertrieben, aber die generelle Einstellung von vielen esoterischen, ökologisch-denkenden oder gesundheitsbesorgten Menschen ist nicht allzu weit von der apokalyptischen Sichtweise meiner ersten Sätze entfernt.
Aber vielleicht steckt mehr dahinter. Womöglich werdet ihr nicht einen unfassbar schmerzhaften Tod sterben, wenn ihr regelmäßig Milch trinkt. Vielleicht ist die Welt am Ende nicht so sehr schwarz-weiß, sondern viel eher grau.
Lasst uns also einen Blick auf die Fakten werfen.
Milch wird von vielen Ernährungswissenschaftlern als ein hochqualitatives Nahrungsmittel angesehen. Sie ist eine unglaublich gute Quelle für biologisch wertvolle Proteine, essentielle Mineralien und wichtige Vitamine(2). Aktuell ist es schwer, sich eine vernünftige Ernährung ohne jegliche Milchprodukte vorzustellen. Doch was ist mit Veganern, könntet ihr jetzt fragen? Nun, ich sagte, dass es hart und nicht unmöglich ist. Ich werde die Herausforderungen einer veganen Ernährung eventuelle in einem zukünftigen Post betrachten, daher werde ich diesen Punkt hier nicht detaillierter betrachten.
Profil eines Mörders
Wie sieht es also mit gesundheitlichen Effekten des Milchtrinkens/essens aus?
Nun, das ist der Aspekt, wo es etwas kompliziert wird. Es existiert tatsächlich ein breiter, wissenschaftlicher Konsens darüber, dass Milchtrinken Vorteile für junge Kinder hat. Was auch immer die Gründe für die Vermeidung von Kuhmilch sein könnten, man sollte sich der daraus resultierenden Konsequenzen bewusst sein.
Bei Kindern im Alter zwischen drei und zehn Jahren, führt die Abstinenz von Milch zu einer geringeren Körpergröße und schlechterer Knochendichte(3). Insofern ein Kind also nicht an irgendeiner Art von Laktoseintoleranz leidet, ist es wahrscheinlich immer noch eine gute Idee, Milch für eine gesunde Ernährung zur Verfügung zu stellen, um nachteilige Konsequenzen zu vermeiden. Momentan sind Wissenschaftler über das Level der Calciumaufnahme besorgt, denn viel Kinder und Erwachsene erhalten nicht die empfohlenen Mengen. Das ist etwas, das thematisiert werden muss, damit Eltern die Ernährung ihrer Kinder entsprechend anpassen können(4).
Einige von euch denken vielleicht, dass alles immer noch danach klingt, dass es ein großes ABER gibt, welches man in Betracht ziehen muss – und ihr liegt völlig richtig damit.
Ihr werdet meinen nahezu ausschließlichen Fokus auf Kinder und Heranwachsende bemerkt haben – dafür gibt es einen Grund. Während die meisten von ihnen imstande sind, Milch in den frühen Jahren ihres Lebens zu verdauen, könnte diese Fähigkeit mit ihrem Übergang ins Erwachsenenalter verschwinden. Die meisten heute lebenden Erwachsenen haben ihr Lactase-Gen ausgeschaltet (jenes, welches dafür verantwortlich ist, Milchprodukte zu verarbeiten). Natürlich nicht freiwillig, aber das ist etwas, das sehr häufig passiert, wenn ihr älter werdet. Nur 35% der Erwachsenen sind imstande, Milchprodukte zu verdauen. Das hat eine Menge mit der Ernährung eurer Vorfahren und deren Migrationsmuster zu tun. Lactase-Verträglichkeit ist immer noch recht verbreitet bei Menschen von nördlichen Ländern wie Skandinavien oder Großbritannien (etwa 90% können dort Milchprodukte verdauen), aber wesentlich weniger häufig in südlichen Teilen der Länder (nur 40% in Griechenland und Türkei) (5). Je nachdem, wo also eure Vorfahren gelebt haben, könnte es mehr oder weniger wahrscheinlich sein, dass ihr Milchprodukte über die Jugendzeit hinaus essen könnt.
Zudem kann der Konsum von Milchprodukten, vor allem Milch an sich, sogar recht schädlich für die Gesundheit eines erwachsenen Menschen sein. Einige Forschung deutet darauf hin, dass eine höhere Sterblichkeitsrate mit erhöhtem Milchkonsum korreliert ist und entgegen des populären Glaubens existieren keine Beweise für ein geringeres Risiko von Knochenfrakturen und Osteoporose(6).
Aber das ist lediglich eine Korrelation, keine Ursächlichkeit. Sehr wichtiger Unterschied. Es scheint jedoch recht konsistent mit einer Meta-Analyse zu sein, die davon schreibt, dass vermehrter Milchkonsum nicht dazu führt, dass erwachsene Frauen weniger Hüftfrakturen erleiden.
Obwohl es den Autoren nicht möglich war, eventuelle Gesundheitsvorteile für erwachsene Männer auszuschließen, wiesen sie darauf hin, dass mehr Daten benötigt werden, um zu einem endgültigen Ergebnis zu gelangen(7). Einige Forscher argumentieren sogar, dass es nicht um die Calcium-Aufnahme geht, die Knochenbrüchigkeit reduziert, sondern die empfohlene Menge an Vitamin D dafür ausschlaggebend ist. Frauen, deren Vitamin-D-Aufnahme bei ≥ 12.5 μg pro Tag war, hatten ein 37% verringertes Risiko für Hüftfrakturen, wohingegen der Konsum von Milch mit keinerlei Risikoprävention in Verbindung stand(8)
Es existieren ebenso keine signifikanten Beweise für die Vorbeugung von Darmkrebs bezüglich erhöhter Calcium-Aufnahme – und es kann nicht ausgeschlossen werden, dass es hier einen leichten oder moderaten Einfluss auf die Auftrittswahrscheinlichkeit besagten Krebses hat(9). Ist das nicht wunderbar. Entweder hilft oder tötet es euch. Wissenschaft kann manchmal seltsam sein.
Grundlegend scheint es vernünftig zu sein anzunehmen, dass die beworbenen Gesundheitsvorteile einer Ernährung mit Milchprodukten nicht so enorm bedeutend sind. Der aktuelle Status der verfügbaren Beweise unterstützt eher eine recht neutrale Herangehensweise bezüglich des Milchkonsums(10).
Ja, er stellt viele wichtige Nährstoffe zur Verfügung, die als Teil einer gesunden Ernährung angesehen werden.
Nein, nach dem Erwachsenwerden ist es wahrscheinlich nicht notwendig, weiterhin Milchprodukte zu essen, wenn es euch möglich ist, deren Nährstoffe mit anderen Nahrungsmitteln zu kompensieren. Jegliche behaupteten Gesundheitsvorteile sind immer noch recht vage – ebenso wie ihre schädlichen Gegenstücke, weshalb mehr Forschung benötigt wird, um diese Fragen zu klären.
ABER.
Es gibt einen Aspekt, den ihr im Hinterkopf behalten solltet. Erinnert ihr euch über die Vorteile von Milchprodukten während der Kindheit und Pubertät? Nun, da gibt es einen entscheidenden Nachteil: Das Risiko von Akne-Symptomen erhöht sich mit dem Milchkonsum. Das trifft sowohl auf Jungen als auch Mädchen zu(11)(12). Entweder werdet ihr klein und fragil sein oder euer Gesicht sieht wie die Oberfläche des Mondes aus. Kindheit muss unglaublich toll sein.
Doch kein Mörder?
Offenbar ist Milchkonsum nicht so schlecht wie PETA und ihre Co-Verschwörer es euch glauben machen wollen. Zumindest, wenn man es auf die menschliche Gesundheit beschränkt.
Nichtsdestotrotz ist es Zeit für ein weiteres Aber. Der Konsum von Milchprodukten ist maßgeblich eine ethische Entscheidung. Der Großteil der Milch, die wir nutzen, wird von Turbo-Kühen, oder Holstein Friesian Kühen, um genauer zu sein, produziert. 1955 konnte eine Kuh etwa 4000 Liter Milch pro Jahr geben – HF-Kühe sind mittlerweile bei 15000 Litern(13). Sie werden konstant schwanger gehalten und ihr könnt euch vorstellen, dass ihre Lebenserwartung nicht sehr hoch ist. Ganz zu schweigen von der Art ihrer Unterbringung und Behandlung.
Menschen sind die einzigen Tiere, die die Milch eines anderen Tiers konsumieren. Aber Menschen tun viele Dinge, die andere Tiere nicht tun. Wir sind die einzigen, die Flugzeuge nutzen – es ist nicht notwendigerweise etwas Schlechtes, der einzige Akteur einer spezifischen Handlung zu sein.
Es hängt hauptsächlich davon ab, wie ihr tierisches Leiden betrachtet. Ich habe mehr als acht Jahre als Vegetarier gelebt, bevor ich wieder begonnen habe Fleisch zu essen (und momentan spiele ich mit dem Gedanken, ein weiteres Mal damit aufzuhören) – daher habe ich großen Respekt für jeden Vegetarier und Veganer, denn ich weiß, wie schwierig diese Lebensweise manchmal sein kann.
Milchproduktion wird euch wohl nicht töten, aber man kann sicher sagen, dass sie andere Tiere schädigt.
Ich bin nicht in der Position, irgendjemanden für seine Lebensentscheidungen zu verurteilen – ich zeige lediglich Fakten auf Basis wissenschaftlicher Forschung.
Was ihr damit macht, liegt an euch.
Fühlt euch jederzeit frei, meine Ideen zu diskutieren und eure Gedanken über die Dinge, die ich thematisiere, zu teilen. Niemand ist allwissend und wenn wir alle ein bisschen klüger als zuvor daraus hervorgehen, werden wir eine Menge erreicht haben.
Danke fürs Lesen und bleibt gesund.
Ego
Falls ihr euch für Wissenschaft begeistern könnt, dann schaut unbedingt unter #steemstem bzw. #de-stem vorbei!
Quellen
(1) http://www.all-creatures.org/health/howmilkanddairy.html
(2) https://www.lbs.co.il/data/attachment-files/2015/08/26529_milk.pdf
(3) https://academic.oup.com/ajcn/article/76/3/675/4677454
(4) http://pediatrics.aappublications.org/content/pediatrics/117/2/578.full.pdf
(5) https://www.nature.com/news/archaeology-the-milk-revolution-1.13471
(6) https://www.bmj.com/content/bmj/349/bmj.g6015.full.pdf
(7) https://onlinelibrary.wiley.com/doi/epdf/10.1002/jbmr.279
(8) https://academic.oup.com/ajcn/article/77/2/504/4689714
(9) http://cebp.aacrjournals.org/content/cebp/7/2/163.full.pdf
(10) http://www.onlinecjc.ca/article/S0828-282X(16)00005-2/fulltext
(11) https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4391699/
(12) https://escholarship.org/uc/item/77b9s0z8
(13) http://www.deutschlandfunkkultur.de/auch-turbokuehe-machen-muehe.993.de.html?dram:article_id=154479
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