Spiegel Online hat ein paar Kolumnisten, die Dinge von sich geben, bei denen bei mir regelmäßig der Blutdruck steigt. Nicht etwa, weil ich in Sachfragen anderer Meinung wäre, sondern weil sie vor Doppelmoral strotzen und ihre linke politische Agenda unter dem Deckmantel der Sorge um mehr Mitmenschlichkeit vorantreiben.
Georg Dietz ist einer von Ihnen und er hat unter dem Titel "Antisemitismus - Aus der Mitte gewachsen" mal wieder ein echtes Meisterwerk vorgelegt.
"Wenn offener Judenhass wieder salonfähig wird wie etwa bei einer Musikpreisverleihung, dann auch durch die Unterstützung durch die Politik. Berlin muss sich dringend von Orbán und Co. distanzieren." schreibt Dietz.
Ich interessiere mich nicht besonders für Deutsch-Rap und erst recht nicht für Musikpreisverleihungen, aber auch mir ist nicht entgangen, dass die zwei Rapper Farid Bang und Kollegah den "Echo" verliehen bekommen haben und es da eine Kontroverse um eine Textpassage gab, die da lautet "Mein Körper definierter als von Auschwitz-Insassen". Ich finde die Zeile zwar geschmacklos (und etwas dümmlich, da das jetzt nicht unbedingt für den Körper des Rappers spricht), noch geschmackloser aber finde ich, wenn jemand wie Dietz diese Zeile zu "offenem Judenhass" aufbauscht und für den x-ten Versuch, alles Nicht-Linke in die Nazi-Ecke zu stellen instrumentalisiert.
Wie manipulativ Diez dabei vorgeht, möchte ich an einigen Beispielen aufzeigen.
"Eine Gesellschaft kann sich entscheiden, was sie sein will, liberal oder gegen die Freiheit, für demokratische Werte oder für den Hass."
Linke wie Dietz sind in ihrem Sprachgebrauch ziemlich salopp und mißbrauchen Termini wie es ihnen gerade in den Kram passt. Hier passt "liberal" und "Freiheit" grad so schön, um ein "Falsches Dilemma" zu konstruieren. Diez wird sonst nicht müde gegen Kapitalismus oder ("Neo-")Liberalismus zu wettern, aber wenn es opportun ist, tauft er sich liberal und unterstellt seinen Gegnern schlicht "Hass".
Dann schreibt er "George Orwell und Hannah Arendt haben beschrieben, was passiert, wenn Worte nichts mehr Wert sind, wenn Worte manipuliert werden und missbraucht" und zieht die beiden auf seine - gute und hass freie - Seite.
George Orwell hat schon 1944 in einem Essay den Mißbrauch des Terminus "Faschist" konstatiert. Ich finde, was er schreibt, lässt sich heute schön auf Parolen wie "Rechtsextrem" übertragen, mit denen Diez nur zu gerne um sich wirft:
"...Thirdly, even the people who recklessly fling the word ‘Fascist’ in every direction attach at any rate an emotional significance to it. By ‘Fascism’ they mean, roughly speaking, something cruel, unscrupulous, arrogant, obscurantist, anti-liberal and anti-working-class. Except for the relatively small number of Fascist sympathizers, almost any English person would accept ‘bully’ as a synonym for ‘Fascist’. That is about as near to a definition as this much-abused word has come..."
"...Drittens verbinden selbst die Leute, die rücksichtslos mit dem Wort "Faschist" um sich werfen, eine emotionale Bedeutung mit dem Begriff. Mit "Faschismus" meinen sie salopp gesagt etwas grausames, skrupelloses, arrogantes, anti-aufklärerisches, anti-liberales und anti-Arbeiterklasse. Mal abgesehen von der relativ kleinen Zahl von Faschismus-Sympathisanten, würde beinahe jede englischsprachige Person den Ausdruck "Tyrann/Rowdie" ("Bully") als Synonym für "Faschist" akzeptieren. Das ist in etwa das was einer Definition dieses viel mißbrauchten Wortes am nächsten kommt.." (Übersetzung von mir).
Wie Diez die Brücke von Kollegah und Farid Bang zu Viktor Orban aus Ungarn zu schlagen versucht, kann jeder selbst nachlesen. Ich habe mich auch noch zu wenig mit ihm, Orban, beschäftigt, um beurteilen zu können, ob der vielleicht tatsächlich ein Antisemit ist (wenn es Diez behauptet: im Zweifel nein). Unverschämt und heuchlerisch ist aber in jedem Fall, dass Diez einmal mehr versucht die politische Mitte (in dem Fall z.B. die CSU) in die Nähe dieser Gedanken zu rücken. Immerhin hat er offenbar mitbekommen, dass die von ihm so sehr herbeigesehnten muslimischen Migranten doch manchmal etwas problematische Ansichten gegenüber Juden äußern, aber wenn Konservative dies kritisieren, sei das auch wieder nichts wert, denn:
"Und alle Genannten und viele mehr werden weiter hehre Worte gegen Antisemitismus verwenden, wenn es um den Antisemitismus unter Muslimen geht, sie werden es aber ignorieren oder sogar unterstützen, wenn es der Antisemitismus der Freunde ist, die von "Familienwerten" reden und vom "jüdisch-christlichen Abendland"."
Ja Herr Diez, sie unterstellen Kollegah und Farid Bang "offenen Antisemitismus", obwohl die zitierte Textzeile mit viel bösem Willen zum Mißverständnis höchstens einen Anfangsverdacht begründen könnte, den die Rapper - was sie wiederum unterschlagen - mit mehreren unmißverständlichen Erklärungen und Entschuldigungen ausgeräumt haben (siehe z.B. hier) und konstruieren stattdessen mit "hehren Worten" einen Antisemitismus, der angeblich aus der Mitte der Gesellschaft komme, um mal wieder gegen Konservative zu hetzen. Wenn die zwei Rapper "offen antisemitisch" sein sollen - entgegen aller Beteuerungen der beiden - dann frage ich mich, wie man den expliziten und ohne Scham vorgetragenen Antisemitismus vieler Muslime denn überhaupt noch nennen soll. Herr Diez beraubt diesen emotional hoch aufgeladenen Begriff seiner eigentlichen Bedeutung und begeht mal wieder, was er bei anderen mit hoch erhobenem Zeigefinger beklagt.
PS:
Mir ist empfohlen worden, mir das Video "Apokalypse" von Kollegah anzusehen, weil das dessen Antisemitismus beweise. Das Video ist ziemlich lang und anstrengend anzuhören, aber auch hier frage ich mich, ob die Leute, die diesen schweren Vorwurf erheben, eigentlich wissen, worüber sie reden. Kollegah glaubt offenbar daran, dass messianische Endzeitsekten auf Armaggedon hinarbeiten. Das ist zunächst einmal eine Tatsache und die Frage ist nur, ob diese Kreise so einflussreich sind, wie manche befürchten. Man muss ja froh sein, dass es diese Sekten auch im Islam und im Christentum gibt - was Kollegah klar herausstellt -, sonst dürfte man sie zumindest in Deutschland garnicht mehr kritisieren, wenn man nicht Gefahr laufen will, von der Antisemitismus-Keule erschlagen zu werden. Wer sich für das gruselige Thema interessiert, ich habe mich unter dem Titel "Gog und Magog und ein möglicher Weltenbrand" bereits dazu geäußert.
Hier das Video: