„German Angst“
Eigentlich müsste es eine goldene Zeit für eine liberale Partei sein. In einer Welt, in der Begriff der Freiheit immer weniger zählt, in der Freiheit kostbar ist, ist die Verteidigung der Freiheit eine dringliche Aufgabe, besonders bei den großen Veränderungen, die der Sprung ins digitale Zeitalter mit sich bringt.
Eine liberale Partei könnte hier Punkte machen, Debatten dominieren, prägen.
In Deutschland sind die Rahmenbedingungen derzeit besonders günstig. Die übersichtliche Parteienlandschaft der Nachkriegs Zeit löst sich auf, links und rechts sind nicht mehr die einzigen Kategorien. Alte Gewissheiten: Vergangenheit. Eine FDP, bisher meist zur Einstelligkeit verdammt, könnte in diese Lücke stoßen. Aber sie tut es nicht.
Plakat zur Bundestagswahl 2017:
Geräuschlos und ordentlich arbeitet sie im Bundestag: konstruktive Vorschläge, Sacharbeit. Schlagzeilen gelingen meist nur mit Querschlägen, wie bei Lindners Einlassung, man müsse die Klimapolitik Profis überlassen und nicht den demonstrierenden Schüler von „Friday’s for Future“.
Widerspruch von Wahlspruch und aktuellem Statement:
Seine Stilmittel, seine rhetorischen Qualitäten, die in der schwierigen Zeit des Neuaufbaus der FDP nach 2013 Wunder wirkten, wirken jetzt ab genutzt manchmal erratisch, die Tonlage: zu scharf. Gegen die Grünen führt er in der Wirtschafts- und Umweltpolitik einen verbalen Feldzug. Für Lindner stehen sie für Verbote, Quoten, Planwirtschaft. Die FDP malt sogar das Gespenst einer Deindustrialisierung Deutschlands an die Wand. Für eine Partei die sich einmal, „German Mut“ auf die Fahnen geschrieben hat, wirkt das eher ängstlich.
Sich an den politischen Mitbewerber negativ ab zu arbeiten, ist eben gerade nicht optimistisch. Möglicherweise ist es dieser Stil, der Wähler und Wählerinnen abschreckt und Umfrage Höhenflügen der FDP im Wege steht. Das Potenzial einer liberalen Partei bleibt so ungenutzt.