Als ich letzte Woche den Artikel Einen Pfennig...ääääh,...Cent für deine Gedanken... von las, stand ich noch unter dem Eindruck des Besuches der Langen Nacht der Wissenschaften in Dresden. Dort lernten wir u.a. (und unbeabsichtigt) etwas über
Die Halbwertszeit von Wissen
Mein Interesse an einem Vortrag über Blutzucker hatte uns auch in die Labore der Hämatologie geführt, wo ziemlich viel automatisiert ist. Im Grunde läuft eine Analyse der Blutproben dort so ab: die Mitarbeiter bekommen die farblich codierten Röhrchen auf einem Rack geliefert, sortieren sie selbst noch nach Farbe in ein anderes Rack ein und dann gehen bis zu 8 Röhrchen einer Kategorie in eine der Maschinen. Ein Computer zeigt ggf. an, wieviel Zeit noch benötigt wird. bis zum Erhalt des Ergebnisses. Damit ist die notwendige Interaktion mit dem Gerät (außerhalb eines Störfalls) schon beendet.
Wir waren baff.
"Und die normalen Labortätigkeiten, die man früher gemacht hat, die machen Sie dann gar nicht mehr? Also Pipettieren und sowas?"
"Nein. Dazu kommen wir auch gar nicht. Es ist gleichzeitig mehr und weniger Arbeit geworden. Sehr viel mehr Blutproben mit immer denselben Analysen. Früher sind wir diejenigen gewesen, die die Blutabnahmen machten. Das geht heutzutage gar nicht mehr."
Die Dame, die dies erzählte, guckte in dem Moment nicht sehr glücklich.
Im krassen Gegensatz dazu stand die Auskunft des jungen studierten Chemikers, der unseen Vortrag hielt, er werde in den nächsten 5 Jahren berufsbegleitend in klinischer Chemie ausgebildet. Ja, genau, das dauere noch einmal so lang wie sein Studium.
(Was genau er da alles noch lernen muß, haben wir in der Kürze der Zeit nicht gefragt und ich habe es auch nicht recherchiert.)
So schnell geht die Revolution dann aber doch nicht
Sekretariatsjobs können sehr leicht durch eine einfache KI mit einfachen Variablensätzen ersetzt werden,
Ich glaube, wenn man die klassische Sekretärin hätte ersetzen wollen, wäre das längst passiert. Aber das Berufsbild des Bürokaufmanns (so heißt der Ausbildungsberuf in Deutschland) gibt es mit vielen Anpassungen immer noch mit einer vierstelligen Anzahl an Auszubildenden in ganz Deutschland.
https://de.statista.com/statistik/daten/studie/74818/umfrage/auszubildende-zum-buerokaufmann-bzw-buerokauffrau/
https://www.dihk.de/ressourcen/downloads/statistik-ausbildung-17
Kundendienstjobs können einfach durch KI ersetzt werden, Ärzte können durch KI ersetzt werden
Nein. Nicht komplett jedenfalls. Gewisse Aufgaben verschieben sich fortlaufend, aber ein kompletter Ersatz aller heutigen Berufsbilder durch künstliche Intelligenz ist meines Erachtens für mindestens die nächsten 50 Jahre ausgeschlossen.
Und irgendwie sind derartige Phantasien doch auch #firstworldproblems.
Ein Grund, der mich skeptisch gegenüber "alles wird KI"-Aussagen bleiben läßt, ist der Umgang mit den Ressourcen. Silizium und Lithium beispielsweise sind keine nachwachsender Rohstoffe (genau wie alle anderen Mineralien auch) und die Wiederbeschaffung aus alten Elektrogeräten ist heute schon ein "Job" mit hohen Kosten für Natur und Mensch. Denkt man weiter in Hinblick auf die geopolitische Entwicklung, wird klar:
Da lauert noch viel politischer Sprengstoff.
Letzten Endes haben wir doch nur eine Erde, das "Zusammenraufen" auf dieser könnte aufgrund der aktuellen Diskussionen um gesteuerte Migration in den nächsten Jahrzehnten noch ein größeres Thema werden als es jetzt ist.
Und von der Mineraliengewinnung aus dem Weltraum sind wir nicht nur weit entfernt, sie war (soweit ich weiß) nie ein Ziel bei der Entwicklung von Raumfahrttechnik.
Welches Wissen brauchen wir in der Zukunft?
Es hat sich in verschiedenen Bereichen gezeigt, daß durch Automatisierung und Digitalisierung der Anspruch an die menschlichen Arbeitskräfte umfangreicher geworden ist. Mindestens 3 Jahre Ausbildung sind zum Standard geworden, nicht zur Ausnahme, und selbst in Berufen mit vermeintlich geringer inhaltlicher Anforderung wie dem "Kindergärtner" sind lange Ausbildungszeiten üblich.
Ein Gewinn für diejenigen, die sich gern weiterqualifizieren. Lernschwache bleiben aber auf der Strecke.
Nun möchte ich eigentlich gar nicht in das Thema Schul- und Bildungspolitik einsteigen, da es nicht mein Steckenpferd ist.
Information at your fingertips war in den Neunzigern ein Slogan der Firma Microsoft - und nie so zutreffend wie heute. Man kann alles im Internet finden: den nächsten Job/Auftraggeber, was man bei einem Zeckenbiß machen sollte, einen neuen Steuerberater, das nächste Restaurant, das wichtigste aus der Tageszeitung ... es erfordert aber eine Bereitschaft, dieses Medium zu nutzen statt beispielsweise den althergebrachten Fernseher, der ja auch Dauerberieselung bietet.
In einem Medium, das alles transportieren darf, wird Kompetenz bei der Suche nach valider Information zu einem hohen Gut.
Wir brauchen mehr Offenheit gegenüber dem Wissenserwerb an sich und mehr Durchlässigkeit zwischen den Berufen, da meines Erachtens die Zeiten, in denen ein Job auf Lebenszeit sicher war, vorbei sind.
Auf die Kryptowährungen, zu denen Akasha einen Bogen zieht, möchte ich hier eigentlich auch nicht eingehen, da ich hier nicht über das Thema schreibe. Den positiven Visionen möchte ich mich schon gar nicht anschließen (wo kämen wir denn da hin, wenn ich zu einem Thema viele positive Worte verlieren würde? ;)), wegen der geringen Marktdurchdringung, die meines Erachtens nicht schneller steigen wird in den nächsten Jahren als sie es derzeit tut. Wir könnten ja bspw. schon länger komplett bargeldlos bezahlen, aber es hat sich nicht durchgesetzt. Und Kryptowährungen sind nur ein Sahnehäubchen auf dem Cupcake digitaler Währungen - unverzichtbar, aber sie werden nie die Basis des Bezahlverkehrs sein, jedenfalls noch ganz lange in der Ersten Welt nicht.