Jeder hat von ihnen gehört: den Norddeutschen.
Mürrisch, unfreundlich, kühl und ehrlich zu sein wird uns gerne nachgesagt. Aber stimmt das Ganze auch oder wird man hier in eine Klischeefalle gelockt? Um diese Frage zu klären: hier mein Beitrag zum Thema Feiern.
Viele Menschen gehen abends vor die Tür und suchen sich einen netten Ort, um ihren wohl verdienten Feierabend zu genießen, oder einfach nur um neue Leute kennenzulernen. Wenn Du dich südlich von Hannover befindest ergeben sich da keine großen Schwierigkeiten. Neue Gesprächspartner sind leicht gefunden und falls Du das Glück hast, einen Saufkumpanen vom letzten Kneipenbesuch zu begegnen, kann direkt mit einer freudigen Begrüßung begonnen werden und der Abend nimmt seinen Lauf.
Bei uns läuft das Ganze ein wenig anders. Denn soziale Barrierefreiheit wird hier zu Lande nicht gerade großgeschrieben. Wenn Du als Auswärtiger noch nicht das Glück hattest, dich bis zur Erkennungslosigkeit zu integrieren, findest Du es bisweilen sehr schwer dich anzupassen. Schnell wird ein Satz zu viel gesprochen und deine Annäherungsversuche der letzten 3 Monate scheitern in dem Gedanken, dass Du zu geschwätzig seist.
Zeltdisco
Raum zum Feiern gibt es zwar überall, wenn Du dich aber richtig ins Aus schießen willst, sollte die Atmosphäre einer eigens für diese Feierlichkeit aufgestellten Großraumplane in Betracht gezogen werden.
Bei solch einer Party kommst Du, gleich auf zweierlei Arten, vom Regen in die Traufe. Erstens auf rein physikalischer Ebene. Denn jeder, der schon einmal beobachtet hat, wie sich warme und feuchte Luft auf einer kalten Scheibe niederschlägt, bekommt eine leise Ahnung davon, was an diesem Ort unweigerlich geschehen wird.
Die von den Gästen ausgestoßene Atemluft, ist stark angereichert mit Wasser und die tapferen Besucher der Tanzfläche scheiden zusätzlich durch weitere Poren Feuchtigkeit aus. Die somit gesättigte Luft gibt ihre überschüssige Wärme an der kalten Zeltplane wieder ab und verliert dabei die Fähigkeit, größere Mengen Wasser zu transportieren. Deswegen bilden sich an der Decke Wassertropfen und die gesamte Partystimmung schlägt sich buchstäblich nieder.
Zweitens stellen sich Probleme ein, wenn Du die Altersgrenze von 20 Jahren überschritten hast. Die feiernde Gemeinde hat einen gesunden Altersdurchschnitt von ungefähr 16 Jahren und viele von ihnen sind mit ihrem eigenen Traktor angereist, oder wurden von Opa mit den Worten abgeliefert:
Der Jung soll mal en bietje Spaß haben!
Dieser Spaß bezieht sich jedoch auf das Feiern mit der eigenen Dorfjugend und nicht mit „alten“ Fremden.
Fazit:
Eine Möglichkeit für dich, aber nicht der geeignete Ort, um viele neue Menschen kennen zu lernen.
Schützenverein und Schützenfest
Schmarotzer und Außenseiter sieht hier keiner gern und im eigenen idyllischen Dorf werden die Bürgersteige Punkt 17 Uhr hochgeklappt. Alles kein Problem, wenn Du weißt, wo die ortsansässige Bevölkerung ihre Zeit verbringt.
Das Vereinshaus der Schützen ist ein beliebter Treffpunkt für Jung und Alt. Hier bietet sich für dich sogar die einzigartige Möglichkeit, durch den Vereinsbeitritt, eine schriftliche Bestätigung der Zugehörigkeit zu ergattern. Jedoch reicht es nicht aus mit deiner Mitgliedschaft in der Tasche durchs Dorf zu watscheln und zu glauben, dass nun alles fein sei. Der Einkauf in die Mitte der Gesellschaft muss auch durch Deine eigene Geldbörse erfolgen.
Wenn Du das Fest, optisch vollkommen integriert, betrittst, gilt es, die Trinkfestigkeit Deiner Leber unter Beweis zu stellen. Zur Begrüßung ein stummes Nicken zu Deinen Vereinsmitgliedern und eine schnelle Abschätzung, wie viele von ihnen bereits an ihrem Tisch Platz genommen haben. Dein erster Weg führt Dich direkt zur Theke und für jeden wird erst einmal ein Bier und ein Rudel Klarer (Korn) organisiert. Diese Formen der Begrüßungsgeschenke kommen besonders gut an und es wird bestimmt einen Schützen geben, der Dir die magischen Worte entgegenbringt:
Du bist ja gar nicht so verkehrt.
Falls Du dich wunderst, warum die Danksagungen nicht üppiger ausfallen, muss erwähnt werden, dass bereits das größte Kompliment ausgesprochen wurde und einem erfolgreichem Tag steht nicht mehr viel im Wege. Denn jetzt sind wir Norddeutschen in unserer besten Form angekommen: gemeinsames betrunken sein mit Freunden. Alle Vorurteile über unsere Schweigsamkeit werden komplett widerlegt und es wird mal so richtig geschnackt.
Fazit:
Du musst einiges an Vorarbeit leisten, aber die Mühen lohnen sich. Denn es werden viele Barrieren gebrochen und es ergibt sich für Dich die Möglichkeit, schnell mit deinen Mitmenschen warm zu werden. Deine frisch geschlossenen Freundschaften können im nächsten Schritt leicht ausgebaut werden.
Hausparty
Du bist weit gekommen und wurdest zu jemandem nach Hause eingeladen! Die letzte goldene Meile kann jetzt bestritten werden. Die Vorbereitungen sind hier weitaus einfacher: eine Flasche Schnaps und Nudel[n]salat [1].
Beim Betreten des Hauses begrüßt ihr euch mit einem: „Moin.“ Und auf die Frage, ‘wie geit die dat‘, antwortest Du mit einem kurzen: „Jo.“ Wir sind hier nicht zum Jammern zusammengekommen, sondern um Spaß zu haben. Deine Mitbringsel werden auf den Tisch gestellt und das Schnacken kann beginnen. Hierbei brauchst Du nicht viel Zeit verstreichen zu lassen, denn ihr kennt euch bereits.
Mit dieser illustren Runde kannst du dich feucht fröhlich durch eine ganze Nacht saufen und viel Klatsch und Tratsch austauschen. Es ist einfach Deine beste Möglichkeit, um beim Dorffunk voll mit dabei zu sein und echte Freundschaften zu besiegeln.
Fazit:
Es ist ein harter Weg bis zu diesem Punkt, aber es lohnt sich. Wenn Du hier soziale Kompetenz beweist, kannst Du Freunde fürs Leben gewinnen. Alle Vorurteile über uns Norddeutschen verfliegen und es kann passieren, dass wir Dir bei der nächsten Begrüßung freudig um den Hals fallen und Dich dabei „gar nicht so verkehrt“ finden.
[1] Folgerichtig müsste es Nudelnsalat heißen, den niemand schmeißt eine einzelne Nudel in einen Topf Mayonnaise.
Bildquellen: Pixarbay
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