Hallo zusammen!
Das ist mein erster richtiger Blogpost nur auf deutsch. Ich dachte mir, ich geb euch mal einpaar Einblicke in meine oft anstrengende, aber doch auch meistens interessante Arbeit. Hier von einer Grabung in Südägypten. Leider kann ich aufgrund publikationsrechtlicher Gründe keine näheren Angaben zum genauen Ort machen und habe daher auch einpaar Daten auf den Fotos unkenntlich gemacht. Ich hoffe trotzdem, ihr habt einpaar unterhaltsame Minuten. ;)
Der Eingang zum Grabungshaus - man mag es nicht glauben, aber im März/April beginnt die Wüste zu blühen und auch wenn die Nächte noch kalt sind (bis zu 5 Grad über 0), so ist es tagsüber direkt 20 Grad wärmer. Auch ne gute Gelegenheit, schön krank zu werden auf der Grabung. Eine Grabungssaison dauert idR. 2 Monate und in der dieser Zeit liegt jeder von uns mindestens einmal flach. Sei es mit einer Erkältung oder dem berühmten "Fluch des Pharao". Und nein, auch nach mehreren Jahren Ägypten wird man einfach nicht resistent. :D
Oft ist es so, dass zunächst viel gegraben wird und in den darauffolgenden Jahren die Aufarbeitung des Materials erfolgt. Das machen wir gerade.
Im letzten Jahr habe ich gefühlt 1000 kleinster Holzfragmente gezeichnet. Wir fanden in unserer Grabung sehr viele Holzmodelle in den Gräbern. Hier eine kleine rotbraune Hand mit Loch, in dem wohl mal ein Paddel (von einem Schiffsmodell) oder ein Stab steckte. Und ja...es gibt auch Bier in Ägypten. Ich sag nur "Mit Plörrbräu ist der Tag ***" - jedenfalls nicht nach deutschem Reinheitsgebot gebraut, weshalb es tatsächlich bei diesem einen Schluck geblieben ist. ;)
Ich hab in diesem Jahr viele Objektzeichnungen gemacht, auch wenn ich für das Fragment auf dem Foto noch mehr Anläufe brauchte, als mir lieb war. Ist gar nicht so einfach, bei so vielen Bruchstücken die richtige Perspektive zu finden, denn anders als bei einer künstlerischen Zeichnung, geht es bei einer archäologischen Objektzeichnung vor allem darum, zu entscheiden, welche Informationen ich zeigen will (z.B. Farbreste, verschiedene Materialien, Beschädigungen usw.). Wir zeichnen solche kleinen Objekte häufig auf einer speziellen Folie, die wir über die Objekte spannen und "pausen" dann praktisch erstmal die Umrisse ab. Die Details erfolgen später in Handarbeit. Das Beispiel hier ist noch lange nicht perfekt. Es braucht viel Übung und Geduld. Ein Archäologe ist in der Regel kein Künstler, aber es wird künstlerische Präzision erwartet, denn diese Abbildungen erscheinen irgendwann einmal (vielleicht) in einer Publikation.
Beim Zeichnen hatte ich dieses Jahr tierisch coolen Besuch von einer kleinen, frechen Babykatze, die es sich vormittags immer auf meinem Schoß und dann auf dem Zeichentisch gemütlich gemacht hat. Vielleicht hat sie die entspannte Atmosphäre aufgenommen, die beim Zeichnen herrscht? Nur doof, wenn sie mit der Pfote ausgerechnet dann nach dem Stift grabscht, wenn man fast fertig war mit dem "Kunstwerk" und dann gleich nochmal von vorne anfangen könnte. Zum Glück ist mein Mann Restaurator und hatte für derartige "Unfälle" immer irgendeine Mittelchen in petto, um die Zeichnung zu retten.
Gegraben wurde natürlich auch. Hier hat mich gerade eine Kollegin dabei erwischt, wie ich mit kieferorthopädischer Genauigkeit versucht habe, dem Schädel einen ausgefallenen Zahn wieder zurecht zu rücken. Man glaubt manchmal gar nicht, was für gute Zähne die Menschen damals doch manchmal hatten und wie toll diese erhalten geblieben sind. Und ja, wir springen meist in Socken in die Grabschächte, weil Schuhe zu viel Schaden anrichten könnten. Die Skelette und Grabbeigaben sind nach tausenden von Jahren teils äußerst fragil und da möchten wir kein Risiko eingehen.
Und hier noch einpaar Eindrücke vom Dach des Grabungshauses, auf dem wir meistens den Abend ausklingen lassen haben. Die unzähligen Wasserflaschen, die man da sieht, sind nicht etwa zum Trinken da. Leider ist die Frischwasserversorgung in Südägypten manchmal für mehrere Tage unterbrochen. Um sich wenigstens ein bißchen waschen zu können, nachdem man den ganzen Tag bei brütender Hitze im Feld war, werden die Trinkflaschen mit Wasser gefüllt und auf dem Dach "aufgeheizt". Auf Grabungen lernt man zu improvisieren. ;)
Es ist immer wieder aufregend, abenteuerlich, teilweise sehr gefährlich, aber auch interessant und abwechslungsreich. Allerdings ist das Ausgraben in Ägypten nix für empfindliche Menschen. Man definiert "Hygiene" neu, man lernt, sich mit anderen Mentalitäten zu arrangieren und auch die Sprache ist nicht so einfach zu sprechen für uns Europäer. Aber es lehrt auch Geduld und Gelassenheit. In den Momenten, in denen der Stress mal wieder über den Kopf zu wachsen scheint, setz ich mich aufs Dach und atme tief ein. Dann wird mir bewusst, wie schön das alles ist. Dieses bemerkenswerte Land, und zwar das antike Ägypten wie auch das moderne, hat mich tief berührt und verändert. Und jedes Mal, wenn ich wieder komme, rege ich mich aufs neue über den Schmutz und den Lärm und die nicht vorhandene Verlässlichkeit in Ägypten auf. Und jedes Mal, wenn ich im Flieger nach Deutschland sitze, muss ich weinen, weil ich ta-meri (so nannten die alten Ägypter ihr "geliebtes Land"), schon wieder vermisse...
Ich komm zurück, ta-meri... Insha'allah.