DISCLAIMER: Das wird ein langer Brocken Philosophie. Oder wie mein Schwager sagen würde: Esoterikkram
Ich habe lange überlegt wie ich das Thema 'Freier Wille' gestalten soll und welche Richtung ich überhaupt einschlagen soll. Ursprünglich wollte ich diese Plattform nutzen um meine Philosophie zu präsentieren und fremde Menschen zu einer Diskussion anzuregen. In der Philosophie gibt es meistens keine einheitlichen Antworten auf Fragen; jeder reimt sich seine eigene Realität zusammen und genau das macht eine Auseinandersetzung so spannend. Auch wenn ich bei all den älteren (und damit meine ich weiseren) Nutzern hier schnell eingeschüchtert bin, wollte ich euch dennoch meine persönliche Einstellung zum 'Freien Willen' nicht vorenthalten.
Dieser Beitrag ist die Fortführung vom letzten Thema (Determinismus und Zufälle) und soll eine Kompilation von verschiedenen Positionen zum freien Willen und gegebenfalls meinem Senf sein.
Ist der freie Wille ein menschliches Konstrukt?
Zunächst müssen wir uns im Klaren sein was der freie Wille überhaupt ist und dazu schauen wir uns zuerst den Willen und die Freiheit an:
Der Wille ist kein Trieb sondern ein (geistlicher) Impuls zur Verwirklichung bestimmter Ziele. In der Psychologie ist das Wollen der Entscheidungsakt (Willensakt) der zu der Ausführung von Handlungen führt. In der Philosophie gibt es jedoch verschiedene Ansichten:
Kant sah den Willen als eine Art von Kausalität lebender Wesen. Buddha bezeichnete den Willen als die Tat, "denn mit dem Willen wirkt man die Tat in Werken, Worten und Gedanken." Nach Schopenhauer entspringt der Wille nicht aus der Individualität sondern aus dem Dasein überhaupt. Der Wille bestimmt alle Vorgänge der Natur.
Freiheit "wird in der Regel als die Möglichkeit verstanden, ohne Zwang zwischen unterschiedlichen Möglichkeiten auswählen und entscheiden zu können." Bereits im Platonismus wurde der Begriff 'frei' mit 'die Herrschaft über sich besitzend' und 'Freiheit' mit 'selbstständige Lebensführung' bestimmt.
Nach diesen Definitionen habe ich den Schluss gezogen, dass 'Willensfreiheit' die Möglichkeit ist, entscheiden zu können was ich entscheide. Also ich kann bestimmen, was ich zu Wollen habe und was nicht. Aber ist das möglich? Kann ich der Herrscher über meinen eigenen Willen sein?
Die Frage nach der Willensfreiheit ist eine an sich leichte und gehört aber trotzdem zu den ewigen Problemen der Philosophie. Wie sich der Begriff exakt definiert ist schwierig zu sagen und sich auf eine Begriffsbestimmung festzulegen wäre kontraproduktiv.
'Willensfreiheit' setzt sich in den meisten Theorien der Philosophie aber nicht aus den zwei Begriffsdefinitionen 'Wille' und 'Freiheit' zusammen so wie ich es angenommen hatte (= die Freiheit über die Entscheidung was gewollt wird [wobei Thomas Reid ebenfalls die Ansicht vertrat, dass genau das die wirkliche Freiheit ist]). In diesem Zusammenhang ein bekanntes Zitat von Schopenhauer: "Der Mensch könne tun, was er will, aber er könne nicht wollen, was er will".
Aber im Allgemeinen wird die Willensfreiheit wirklich einfach als die Freiheit über Entscheidungen empfunden. Auch hier frage ich mich, wie soll das möglich sein?
Mein Grundgedanke war jener, dass Menschen in jeder Hinsicht eingeschränkt sind, egal ob die Einschränkung biologischer oder gesetzlicher/gesellschaftlicher Natur ist. Wenn der Mensch eingeschränkt ist, ist auch das Wollen eingeschränkt. Wie kann in so einem Szenario dann jemals eine Handlung die Folge eines freien Willens sein?
Damit wir diese Frage beantworten können, schauen wir uns zuerst die zwei Hauptbedeutungen des freien Willens an, die sich im Laufe der Philosophie herauskristallisiert haben: Die bedingte und die unbedingte Willensfreiheit.
Die bedingte Willensfreiheit ist kurzgesagt die Handlungsfreiheit. Eine Person hat dann einen freien Willen wenn drei zentrale Bedingungen zugleich erfüllt werden: a) Die Person könnte auch anders handeln (Alternativismus) b) Die Person handelt aus verständlichen und nicht willkürlichen Gründen (Intelligibilität) c) Die Person ist Urheber ihrer Handlung (Urheberschaft). Der Wille der vom Menschen fabriziert wird, hängt aber von seinen Vorstellungen, seiner Persönlichkeit und den Umwelteinflüssen ab.
Die unbedingte Willensfreiheit hingegen ist frei von diesen Bedingungen. Die Person wäre in ihrem Wollen ganz unabhängig, keinen inneren oder äußeren Einflüssen ausgesetzt. Was sich zum Wille herausbildet wäre also rein zufällig. Dieses Konzept würde zwar keinen Widerspruch zur Bedeutung des Willen per se darstellen, aber wäre ein Wille, welcher dem Zufall unterliegt tatsächlich ein freier? Objektiv betrachtet wäre er natürlich frei, aber subjektiv betrachtet wäre solch ein Zufall doch wieder nur eine Beraubung unserer Freiheit, oder? Und ist es überhaupt möglich, dass ein Wille eines Menschen ganz unabhängig anderer Zustände existiert?
Der Schweizer Philosoph Peter Bieri ging in seinem Buch dieser Frage nach:
Nehmen wir an, Sie hätten einen freien Willen. Es wäre ein Wille, der von nichts abhinge: ein vollständig losgelöster, von allen ursächlichen Zusammenhängen freier Wille. Ein solcher Wille wäre ein aberwitziger, abstruser Wille. Seine Losgelöstheit nämlich würde bedeuten, dass er unabhängig wäre von ihrem Körper, ihrem Charakter, ihren Gedanken und Empfindungen, ihren Phantasien und Erinnerungen. Es wäre, mit anderen Worten, ein Wille ohne Zusammenhang mit all dem, was Sie zu einer bestimmten Person macht. In einem substantiellen Sinn des Wortes wäre er deshalb gar nicht Ihr Wille.
Auch nach einer inneren Revolution könnte ich nichts Beliebiges wollen, sondern nur solches, das die neue innere Welt zuließe. Und das ist gut so; denn nur dadurch, daß ein Wille in einer Innenwelt mit festen Konturen verankert ist, ist er der Wille einer bestimmten Person, also überhaupt jemandes Wille.
Somit ist die unbedingte Willensfreiheit für uns irrelevant und der Gedanke dahinter würde auch nicht unseren Interessen entsprechen. Aber: wenn wir diesen objektiv betrachteten freien Willen ignorieren und nur die bedingte Willensfreiheit annehmen, ist der freie Wille doch nur ein menschliches Konstrukt, oder?
Anscheinend.
Aber auch wenn der freie Wille ein subjektives Gefühl ist, verheißt es doch noch nichts schlechtes.
Niemand ist mehr Sklave, als der sich für frei hält, ohne es zu sein. Goethe
Auch wenn die Naturgesetze bestimmen, was wir tun und denken, können wir uns unter Berücksichtigung der jedem Menschen gegebenen Bedingtheiten als frei verstehen. Frei sind wir in diesem Sinne genau dann, wenn wir unseren eigenen Überzeugungen gemäß handeln können. Ein solcher Freiheitsbegriff, der ein bewusstes Reflektieren und eine bewusste Entscheidung voraussetzt, aber auch für möglich hält, steht nicht im Gegensatz zum Determinismus. Die Idee einer "absoluten Freiheit", die gegen den Determinismus gerichtet ist, ist begrifflich inkohärent. (Peter Bieri, Das Handwerk der Freiheit 2001)
Wir wissen nun, dass die für uns relevante Definition des freien Willen, die der bedingten Willensfreiheit ist. Beim freien Willen geht es darum, dass wir die Macht haben selbst über unsere Taten und Handlungen zu entscheiden, auch wenn wir eingeschränkt zu sein scheinen.
Es ist nun aber interessant zu sehen, ob unsere Willenfreiheit im Einklang zum Determinismus steht. Einige Philosophen und Wissenschaftler gehen davon aus, dass Determinismus und Willensfreiheit einander ausschließen würden.
Meines Erachtens (oder per unserer Definition) wäre der Determinismus zwar ein Widerspruch zur unbedingten Willensfreiheit aber nicht zu der bedingten, da diese immernoch einer Kausalität unterliegt.
Clash of Views: Determinismus vs. Freier Wille
In der Philosophie gibt es verschiedene Positionen für das Aufeinandertreffen dieser zwei Konzepte:
Zum einen gibt es die Inkompabilität die besagt, dass der Determinismus und die Willensfreiheit nicht vereinbar sind:
Der Determinismus meint, dass sich die Welt zu jedem Zeitpunkt nur auf eine Weise entwickelt. Wenn unsere Welt vorbestimmt ist, könnten wir also mit der Kenntnis über die Ursache, theoretisch alle zukünftigen Ereignissen vorhergesagen. (Abb. 1)
Freiheitsskeptiker sind in der Tat dieser Meinung und behaupten es gibt keine Willensfreiheit. Aber wären wir dann nicht Denkmaschinen auf dieser Welt ohne Persönlichkeit, ohne Emotion, die nur eine mögliche Reaktion auf ein bestimmtes Ereignis haben? Jede unserer Entscheidungen wäre also vorhersagbar?
Nehmen wir an die Welt ist deterministisch (wie wir letzte Woche gelernt haben, wissen wir in Wirklichkeit nicht ob die Welt deterministisch ist oder eher ein Hybrid aus In- und Determinismus ist). Spielt dieser Determinismus, der von unseren Naturgesetzen gelenkt wird, bei der bedingten Willensfreiheit des Menschen wirklich eine relevante Rolle?
Wir entscheiden uns dazu eine Tat umzusetzen und in letzter Sekunde entscheiden wir uns plötzlich um. Logischerweise und auch laut bedingter Willensfreiheit muss diese gewollte Entscheidung vergangenen Ereignissen unterliegen, denn warum haben wir uns sonst umentschieden? Auch wenn die Ursache nicht klar auf der Hand liegt, gibt es eine. Diese Tatsache schränkt unseren (bedingten) freien Willen dennoch nicht ein (Kompabilität).
Ein Ereignis A tritt auf und ich habe die Möglichkeit Reaktion B, Reaktion C oder Reaktion D auszuführen. Für was ich mich letzendlich entscheide, hängt ab von meinem Charakter, meinen Erfahrungen und meinen Vorstellungen ab. Also kann ich entscheiden welche Handlung ich umsetzen will, und diese Entscheidung ist die Folge von allen Ereignissen, die zu dieser Situation geführt haben UND die mich zu der Person gemacht haben, die ich während der Entscheidung bin. Demnach habe ich einen freien Willen, auch wenn dieser nur ein bedingter und subjektiver ist.
Exkurs in die Neurowissenschaft
In 1979 führte der amerikanische Physiologe Benjamin Libet ein Experiment (das bekannte Libet-Experiment) zur Untersuchung der Gehirnaktivität beim Entscheidungsprozess durch und versuchte mit den Ergebnissen zu beweisen, dass der freie Wille keine Illusion ist:
Er fand mittels EEG heraus, dass einer Finger- oder Handbewegung eine Nervenaktivität im Gehirn etwa 550ms vorausgeht und, dass die Entscheidung für eine Handlung somit immer vor der Ausführung feststeht, auch wenn die Entscheidung unbewusst gefällt wird (diese Gehirnaktivität wird auch Bereitschaftspotential genannt). Nach dieser Erkenntnis zweifelte Libet an der Willensfreiheit bis er dann jedoch auf eine neue Entdeckung stoß:
Kurz vor einer Handlung gäbe es ein Zeitfenster von ungefähr 100ms, in welchem der Mensch eine bereits eingeleitete Handlung noch bewusst verhindern könnte. Es sei also ein Veto möglich, was die Theorie des freien Willens bestärken würde.
Libets Interpretation in Hinsicht auf das 'Veto' wurde mehrfach kritisiert, aber die Erkenntnis, dass der Mensch bereits Entscheidungen trifft ohne sich dieser bewusst zu sein wurde auch in aktuelleren Experimenten der Neurowissenschaft festgestellt.
Neurologe John-Dylan Haynes konnte mittels fMRT herausfinden, dass sich aus den neuronalen Aktivitätsmustern schon 4 Sekunden vor der bewussten Entscheidung eines Menschen, die Entscheidung vorhersagen lässt. Haynes widerlegte so den freien Willen: "Anscheinend trifft das Gehirn die Entscheidung vor der Person."
Zahlreiche weitere Wissenschaftler sind der Ansicht, dass eine Entscheidung niemals eine Folge einer bewussten Wahl sein könnte. Neurowissenschaftler und Philosoph Sam Harris meint, wir Menschen seien "biochemische Marionetten": wenn sich eine Entscheidung Sekunden früher vorhersagen lässt, "wo bleibe dann der bewusste Akteur, der Herr über sein eigenes Innenleben?"
Aber falls Entscheidungen tatsächlich 4 Sekunden vor einer Handlung getroffen werden, wie können wir dann bei plötzlichen Ereignissen (im Verkehr zB.) so schnell reagieren?
Aber gut, nehmen wir diese Annahme der Neurowissenschaft hin. Ich frage mich ein weiteres Mal: spielt diese Tatsache wirklich eine Rolle für uns?
Wir können natürlich sagen, dass wir alle Marionetten der Natur sind und alles was wir entscheiden, entscheiden wir nicht selber sondern die Natur. Aber das ist doch nicht die Essenz der Willensfreiheit. Wir haben die Willensfreiheit konstruiert um die Empfindung zu beschreiben die wir verspüren, wenn wir uns den gesellschaftlichen, gesetzlichen und biologischen Zwängen widersetzen und etwas tun, das abgesehen vom eigenen Wollen, keine weiteren Instanzen und Umstände berücksichtigt.
Willensfreiheit ist für mich die unmittelbare Erfahrung die ich bei einem Entscheidungsprozess empfinde. Dieses Gefühl ist nicht messbar also liegt es an uns selbst zu entscheiden, was für uns persönlich Willensfreiheit ausdrückt.
Links
Quellen:
Wie viel Wille ist gewollt?
Wie frei ist der Mensch?
Freiheit und Determination
Willensfreiheit
Haben wir einen freien Willen?
Wikipedia!
Alle Grafiken wurden von mir erstellt.
Karikaturen zum freien Willen:
1
2
3
Musikdie ich mir beim Schreiben gegönnt hab.
Ein höchst interessantes Video
Eigentlicher Grundimpuls für das letzte und heutige Thema:
Neulich bei einer (pseudo)philosophischen Unterhaltung unter Freunden zu unchristlicher Stunde:
Ich weiß nicht mehr was der Auslöser war, aber Person A meinte: Ich glaube an Schicksal.
Person B: Du glaubst daran, dass alles vorbestimmt ist?
Person A: Ich glaube, dass alle Ereignisse, die geschehen, einen Grund haben warum sie geschehen. Dass mein Leben so verläuft wie es verläuft muss eine Bedeutung haben. Und das geht von einer höheren Macht aus.
Person C: Also ist der gesamte Verlauf meines Lebens vorprogrammiert?
Person A: Theoretisch.
Person C: Aber... ich kann mich ja immernoch umentscheiden wie mein Leben ablaufen soll. Ich habe ja einen freien Willen.
Person A: Es muss ja aber auch einen Grund geben warum du dich überhaupt umentschieden hast, oder? Und dieser Grund ist ein Teil deiner Bestimmung.
Person B: Aber dann sind meine Entscheidungen eigentlich nicht mehr meine Entscheidungen, oder?
Person C: Ich mag es nicht wenn ich die Kontrolle über mein Leben verliere. Ich habe das Gefühl, dass Leute an Schicksale glauben, weil das am gemütlichsten ist.
Person B: So auf die Art 'Alles was mir passiert ist und alles was aus mir geworden ist, ist nun halt meine Bestimmung'?
Person A: Warum nicht? Am Ende unseres Lebens gibt es nur einen Pfad, nur einen Ablauf. Warum ist dein Leben nicht anders abgelaufen? Am Ende ist es deine Bestimmung, dass dein Leben so war wie es war.
Person B: Wenn ein Kind aufgrund eines Tumors oder eines Autounfalls sterben würde, würdest du dasselbe sagen? Ist dann die Bestimmung des Kindes früh zu sterben?
Person A: Vielleicht. Vielleicht hat der Tod dieser Person eine tiefere Bedeutung. Nicht für die Person selbst, aber für die Grundgesamtheit. Vielleicht ist das die Bestimmung der Familie und die der Freunde von der verstorbenen Person.
Person C: Also müssen Personen geopfert werden.
Person A: ...
Person B: ...
Person C: Ich denke wir Menschen interpretieren zu viel in diese Sache rein! Themenwechsel!
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psst.. welche Person bin ich?
TL;DR
Es gibt keinen freien Willen, aber einen 'freien' Willen.