Schon seit Jahrhunderten wird eine Korrelation zwischen mangelnder Intelligenz und Armut gesehen.
Wer Cleverness und Willenskraft besitzt, findet auch einen Weg zum Wohlhaben und nur die dummen und faulen 'Hängemattebewohner' bleiben auf der Strecke. So sprach auch Francis Galton in 1869 als einer der Ersten die Idee aus, dass vor allem mangelnde intellektuelle Begabung zu Armut führt. Dagegen argumentierte 1979 die American Psychological Association mit der Ansicht, dass der soziale Status eines Menschen mit der Sozialschicht seiner Eltern korreliert und es somit schwer zu sagen ist, inwiefern die Intelligenz den Status beeinflusst. Der Spieß wurde umgedreht und die Überlegung aufgestellt, dass die Intelligenz eines Menschen erst durch Armut negativ beeinflusst wird und das aber wiederum zu Armut führen würde.
Es werden laufend Studien und Schuluntersuchungen (PISA) durchgeführt um unter anderem dieser These nachzugehen. Im Vordergrund steht die Gehirnentwicklung von Säuglingen bis hin zu Kleinkindern, da die meisten neuralen Verknüpfungen in den ersten Lebensjahren eines Menschen stattfinden und vor allem im ersten Lebensjahr wesentliche Gehirnteile geformt werden.
Und tatsächlich konnte bereits eine neurophysiologische Ungleichheit zwischen der Gehirnentwicklung von Kindern unterschiedlicher sozialer Klassen nachgewiesen werden.
Kinderarmut und Gehirnentwicklung
Internationale Schulleistungsuntersuchungen, wie die PISA-Studie von OECD, zeigen immer wieder, dass Schüler aus dem oberen Viertel der sozialen Schicht besser abschneiden als Schüler aus dem unteren Viertel.[4] Aber ist die Verbindung zwischen sozioökonomischem Status (SES) und niedriger Intelligenz auch aus wissenschaftlicher Sicht bewiesen?
Ergebnisse von neurowissenschaftlichen Studien suggerieren, dass sich SES tatsächlich auf die Gehirnentwicklung, besonders in den frühen Jahren, auswirkt.
Mehrere Studien ergaben, dass sich Kinder mit unterschiedlichen SES in der Dicke und Fläche der (Groß)Hirnrinde unterscheiden.
Bei Kindern aus ärmlichen Verhältnissen waren Areale der Rinde, die bei der mentalen Verarbeitung von Informationen eine Rolle spielen, dünner als bei anderen Kindern. Eine betroffene Region ist unter anderem der präfrontale Cortex, der wichtig für die Handlungsplanung und Problemlösung ist. [1][2][5][6]
Ein weiterer Unterschied ist die Fläche der Hirnrinde: Kinder die in Armut lebten, hatten eine um 6% kleinere kortikale Oberfläche (Fläche der Rinde) als Kinder die nicht in Armut lebten. Diese Assoziation trat vor allem in jenen Regionen der Hirnrinde auf, die zuständig für die Sprachverarbeitung (Sprachzentrum) und Impulssteuerung sind.[1]
Andere Studien zeigten, dass der Hippocampus, der bei der Informationsverarbeitung und der Überführung dieser Informationen in das Kurz- und Langzeitgedächtnis eine wesentliche Rolle spielt, bei Kindern aus der unteren SES-Schicht kleiner ist. [2][3][6][7]
Im Zuge dieser Entdeckungen wurden Studien durchgeführt, die die Leistungsfähigkeit genau dieser Regionen testen:
Mittels Kognitionstests untersuchte K. G. Noble in ihrer Pilotstudie , ob Kinder aus schlechteren Verhältnissen in den Bereichen soziale und sprachliche Intelligenz, Lang- und Kurzzeitgedächtnis und kognitive Steuerung schwächer sind.
Laut ihrer Studie wäre die Leistung eines Kindes (zumindest in diesen Bereichen) tatsächlich direkt proportional zum sozialen Status.
Conclusio:
Kinder die in Armut leben sind dümmer als Kinder die nicht in Armut leben. Oder?
All diese Studien deuten darauf hin, dass es eine Korrelation zwischen SES und der Intelligenz von Kindern gibt.
Korrelationen wie diese implizieren aber noch keine Kausalität.
Damit wir den Zusammenhang zwischen dem sozioökonomischen Status und der Intelligenz eines Menschen besser verstehen müssen wir also den Fokus von der Wirkung auf die Ursache einer mangelnden Intelligenz bei Armut lenken:
Armut macht anscheinend dumm, aber warum?
Ist es die Ernährung, das soziale Umfeld oder die Erziehung? Oder steckt da weniger die Erfahrung sondern mehr die Genetik dahinter?
Über die Gründe für die Assoziation zwischen SES und der Hirnentwicklung sind sich Forscher noch uneinig, aber es gibt Faktoren, die dazu beitragen (könnten):
Ernährung:
Kinder die in Armut leben ernähren sich oft ungesünder(=fertig verarbeitete Lebensmittel, die fett- und zuckerreich sind).[9] Es wurde aber bereits festgestellt, dass sich eine ungesunde Ernährung im ersten Lebensjahr sich auf die Intelligenz und die schulischen Leistungen negativ auswirkt. (Siehe da und da)
Auch die Ernährung der Mutter vor und während der Schwangerschaft trägt zur Gehirnentwicklung bei.[10]
Stress:
Eine weit verbreitete Tatsache ist die, dass der Stress von Eltern einen Einfluss auf die soziale und emotionale Intelligenz des Nachwuchs hat (anhaltender Stress kann dazu führen, dass die Amygdala [reagiert auf Stresshormone] alles Mögliche mit Gefahr und Angst assoziert). Aber mittlerweile wissen wir, dass Stress (zB Druck, Gewalt, Unsicherheit und Instabilität im Familienhaus) auch zu einer Veränderung der Volumen vom Hippocampus (Informationsverarbeitung) und generell der Grauen Substanz führt. Bei Menschen, die in ihrer Kindheit Stress und Trauma erlebt hatten, konnte beispielsweise ein geringeres Hippocampus Volumen festgestellt werden.[2][5][6]
Begrenzte Möglichkeiten:
Ein weiterer Faktor stellt natürlich die begrenzte Anzahl an Möglichkeiten für Bildung und Förderung dar.
Intervention und Prävention: Die richtige Kinderpflege
Interventionsprogramme werden schon seit Jahrzehnten in vielen Ländern durchgeführt, um die Auswirkung vom sozialen Status so weit wie möglich zu reduzieren. Es gibt Programme in den USA und in Argentinien, die Kinder aus ärmlichen Verhältnissen bereits ab ihrer Geburt hinsichtlich ihrer kognitiven Fähigkeiten unterstützen und fördern.[6] Angesichts der Studie von KG Noble sollte man sein Augenmerk auf die sprachliche und soziale Entwicklung der Kinder legen. Auch Gedächtnistrainings erscheinen mir wichtig.
Aus den zwei genannten Einflussfaktoren Ernährung und Stress können wir den Schluss ziehen, dass der richtige Umgang mit Kindern und die richtige Pflege der beste und für jeden zugängliche (bei der gesunden Ernährung wird es schon schwieriger) Weg ist, zur Prävention und Intervention von Defiziten, ausgelöst durch den sozioökonomischen Status.
Es gibt Interventionsprogramme, die jungen Eltern aus der niedrigeren sozialen Schicht dabei helfen, an ihrer eigenen Stressregulation zu arbeiten, um - trotz der Umstände- keinen Stress auf ihren Nachwuchs auszuüben und lernen, wie sie mit dem Kind richtig umgehen. Ihnen wird beispielsweise auch gezeigt, wie sie Wörter und Satzteile beim Vorlesen richtig betonen und Gefühle/Gedanken positiv vermitteln. Wichtig ist es, stets Positivität dem Kind gegenüber auszustrahlen und dem Kind mehr Aufmerksamkeit zu schenken.[2]
Auch wenn diese Interventions- /Vorbeugungsmethoden keinen Erfolg versprechen, haben Studien doch gezeigt, dass sie in den meisten Fällen sehr hilfreich sind und zu einer positiven Gehirnentwicklung beisteuern. [2][5]
Zu guter Letzt ein Silberstreif am Horizont:
Armut führt nicht immer zu niedriger Intelligenz. Es gibt Ausnahmen von dieser Regel. So zeigten etwa die Oakland Growth and Berkeley Guidance Studies keine signifikanten Auswirkungen von Armut bei Jungen aus der Arbeiter- und Mittelschicht. Arme Mittelschichtsjungen hatten einen Durchschnitts-IQ von 115.9, arme Arbeiterjungen einen Durchschnitts-IQ von 113.1. Die Ergebnisse dieser Studien, die sich mit Individuen beschäftigen, die zwischen 1920 und 1929 in Kalifornien geboren wurden, lassen sich nicht uneingeschränkt auf die heutige Zeit übertragen. Auch sind dies Jungen, die trotz Armut in einer relativ guten sozialen Umgebung aufwuchsen. Doch zeigen sie, dass nicht alles hoffnungslos ist. (Wikipedia)
Über die Definiton von Intelligenz lässt sich streiten. Viele sehen den Intelligenzquotienten als Maßstab der Intelligenz eines Menschen. Ich persönlich (so wie viele andere auch) sehe mich mehr als Anhänger der mehrdimensionalen Modelle und auch der sieben Primärfaktoren. Diese Modelle beinhalten einfach auch Kriterien die technisch nicht leicht zu ermitteln sind und weit über die bisher durchgeführten Studien hinaus gehen. Aus diesem Grund halte ich mich auch immer zurück, wenn es um die Beurteilung der 'Intelligenz' anderer Personen geht. Mit diesem Beitrag wollte ich lediglich interessante und teils relativ neue Erkenntnisse der Neurowissenschaft und der Soziologie mit euch teilen, da sie doch eine Relevanz haben und die Ansätze für die Prävention für den ein oder anderen hilfreich sein könnten.
Quellen:
[1] This Is Your Brain on Poverty, Scientific American, 2017
[2] The Effects of Poverty on Childhood Brain Development: The Mediating Effect of Caregiving and Stressful Life Events, 2013
[3] Association of Child Poverty, Brain Development, and Academic Achievement, 2015
[4] Armut macht dumm, 2016
[5] The impact of poverty on the development of brain networks, 2012
[6] Neuroscience of Childhood Poverty: Evidence of Impacts and Mechanisms as Vehicles of Dialog With Ethics, 2017
[7] Association between income and the hippocampus, 2011
[8] Poverty, Stress, and Brain Development: New Directions for Prevention and Intervention, 2016
[9] Gesundheit und soziale Ungleichheit, 2008
[10] Maternal dietary patterns during pregnancy and intelligence quotients in the offspring at 8 years of age: Findings from the ALSPAC cohort, 2018
TL;DR:
Es besteht eine Korrelation zwischen Armut und niedriger Intelligenz.
Neurowissenschaftliche Belege für die Ursache gibt es noch nicht, aber es wurden Theorien aufgestellt, die Familien aus ärmeren Verhältnissen dabei helfen könnten, diese 'negative' Gehirnentwicklung bei ihren Kindern zu umgehen.