Ich bin frisches Blut, meine Schulzeit liegt noch nicht so lange zurück. Geburtsjahrgang 1999, Maturajahrgang 2017. Allerdings habe ich die Oberstufe in einer sehr besonderen Zeit der Veränderung erlebt.
Im Juni 2017 standen wir Maturanten im Festsaal, schön in Festkleidung gekleidet. Die Burschen trugen ihre Krawatten und die Mädchen ihre blau-roten Seidentücher, Erkennungsmerkmal unserer Schule. Irgendwann wurde dann mein Name aufgerufen, ich durfte die Bühne betreten. „Sie hat die österreichische neue Reifeprüfung mit ausgezeichnetem Erfolg absolviert.“, hieß es, der Saal applaudierte und dann stieg ich auch schon wieder von der Bühne. Ich war einfach nur froh, dass es vorbei war, alles andere war mir egal. Ich war fein raus.
Ich kann doch behaupten, dass ich in meinen Jahren der Oberstufe ein paar interessante Erfahrungen gesammelt habe.
Unsere alte ehrenwürdige Direktorin, die wir immer am Gang mit „Grüß Gott, Frau Hofrat!“ begrüßt haben, wurde ersetzt durch einen astreinen Faschisten aus dem Bildungsministerium: Rollkragen, Mimik wie Heiko Maas, gekünstelte Freundlichkeit, knallharter Opportunismus, so schlich er durch die Gänge, gefürchtet von Schülern und all jenen Lehrern, die Verstand hatten. Beteiligt an der Regierungsarbeit gewesen, hatte er bei der Zentralisierung der Matura mitgewirkt und wurde mit dem Auftrag auf die Schule geschickt, diese Institution zu unterwandern und blutrot zu färben.
Die „Theresianische Akademie Wien“ ist ein Gymnasium, das gerne von sich behauptet eine „Eliteschule“ zu sein. Man lernt Russisch, das ist zwar ganz nützlich, aber gabs in der DDR auch schon. Die Lehrer und die Direktion kommen vom Staat, der Lehrplan kommt vom Staat. Eigentlich ist alles ganz normal, außer dass man eben mal mit einem Prinzen und Immobilienmagnaten in der Klasse sitzt und herumscherzt. Die einzigen, die wirklich an den Status der „Eliteschule“ glaubten, waren die Lehrer, die immerzu predigten: „Seid leise, als CEO müsst ihr später auch anderen zuhören können.“ und dergleichen.
Fest steht aber, dass diese Schule immer konservativ war. (Einige Oberstüfler gingen am Wochenende auf die Frühpirsch und einige Mädchen maßen sich daran, wer die teuerste und schönste Tracht hat.) Wenn auf anderen Schulen Ausdruckstanz geübt wurde, gab es bei uns immer noch autoritäre Erziehung und „Stillstudium“. Und es war gut so. Es war ein kleines wohlbehütetes Nest im Herzen Wiens, wo Gepflogenheit, Manier, Tischkultur und vieles mehr gelehrt wurden, wo der Besuch der Tanzschule verpflichtend war und es Festessen gab. Die gibt es immer noch. Aber seit diesem neuen Direktor, spielte ein anderes Regime.
Die guten Lehrer der alten Schule, die wir alle liebten wurden frühpensioniert. Besonders die alte Garde der Fächer Deutsch, Religion, Geschichte und Philosophie schrumpfte in einem Jahr auf ein Minimum. Zahlreiche junge Lehrer, die ihre eigene Idee von moderner Pädagogik hatten, wurden eingestellt. „So Kinder, jetzt gibt es keinen Frontalunterricht mehr, wir spielen jetzt ein Spiel.“ „Aber Frau Professor, müssen wir nicht eigentlich noch Sturm und Drang für die Matura durchgehen?“ „Nein, wir spielen jetzt ein Spiel.“
Mein großes Glück ist, dass ich nicht katholisch, sondern orthodox getauft bin, das hat mir jahrelang die Qualen des Faches Religion und Ethik erspart. Der Russe und ich durften aber trotzdem im Unterricht sitzen und obwohl wir oft laut waren, oder Unfug getrieben haben, mochte uns die Lehrerin am meisten. Warum? Weil wir die „Ausländer“ waren. Sie hat selbst von sich gesagt: „Ihr könnt jetzt ruhig euren Eltern wieder sagen ‚Ja, das hat meine linke Relilehrerin‘ gesagt‘ und euch darüber aufregen, aber ich sage, der IS hat rein gar nichts mit Islam zu tun.“
und ich haben uns an ihrem naiven Unterricht meistens belustigt und waren insgeheim einfach nur froh, in diesem Fach nicht benotet zu werden. Die Lehrerin selbst saß im Unterricht lässig auf dem Tisch im Schneidersitz und trug Star Wars T-shirts, während sie sich über Politiker in Österreich aufregte und von ihrem Theologiestudium erzählte, wo sie immer mit Mönchen deren selbstgebrautes Bier trinken ging. Das schlimmste passierte, als wir das Modul „Extremismus“ nach Lehrplan durchgehen mussten und ich mir dachte, dass sie endlich vielleicht auch etwas kritisches zum islamistischen Terror in Europa sagen würde, der alleine in den letzten fünf Jahren hunderte Menschen in Westeuropa getötet hat. Es war so weit, der Tag des Moduls „Extremismus“ war da und was machte diese Frau? Sie zeigte uns einfach kommentarlos eine Dokumentation über extreme Christen in den USA, und das wars. Auf meine Frage, wie viele Menschen diese Christen schon umgebracht hatten, wusste sie keine Antwort. Klar.
Der Lateinunterricht war eine Sache für sich. Eine der letzten Lehrerinnen der alten Garde lehrte uns Hexameter, Deklinationen, Konstruktionen und das „Übersetzten in deutsche Unterrichtssprache“. Summa summarum war diese Frau viel geliebt und viel gefürchtet, wenn sie uns kreischend auf eine Kuhglocke schlagend, im Hexameter lesen ließ. Was passierte? Ihr Vertrag wurde vom faschistischen Direktor nicht verlängert, sie zu spät darüber informiert und dadurch, dass sie so spät keine andere Stelle mehr hätte beantragen können, stand sie vor finanziellen Problemen und musste vor uns weinen und wir sie trösten.
Mein Klassenvorstand war eine richtige Karrierefrau. Sie unterrichtete „Geographie und Volkswirtschaftslehre“ und das Freifach „Betriebswirtschaft“. Auf den Events die bei uns in der Schule abgehalten wurden, pickte sie sich immer die interessantesten aus. Ihre liebsten waren die, die von der Boston Consulting Group abgehalten wurden, wo sie sich lebhaft mit dem Vorstand von Card Complete in Österreich oder Leuten von irgendwelchen Banken unterhielt, tiefdunkelroten Lippenstift tragend. Sie mochte überhaupt nicht, weil der ist nämlich ein Geographie-Genie und musste oft ihre Fehler korrigieren. Kann ich ihr nicht übelnehmen, aber es ist wirklich peinlich, wenn die Schüler etwas besser wissen als der Fachprofessor.
Meine liebste Lehrerin war absolut böse und genial. Sie liebte Afrika und erzog ihr adoptiertes Kind aus Tansania dreisprachig: Deutsch, Englisch und Swahili. Sie hasste unsere Schule, den Direktor und die Bildungsreformen. Sie betrieb sogar einen Onlineblog wo sie über unsere Schule schrieb und sich über die reichen, verzogenen Kinder aufregte. Kurz: Sie war einfach sympathisch. Wahrscheinlich war sie aber meine liebste Lehrerin, weil sie alle anderen Schüler hasste, nur mich nicht. Die die sich immer im Unterricht meldeten, und jede Fleißaufgabe machten, nannte sie Streber und sagte ihnen, dass sie sich doch ein Beispiel an meiner Ruhe nehmen sollten. Sie hatte ihre eigene Notengebung, die niemand verstand, aber ich hatte immer einen Einser und die anderen Dreier und Vierer. Wir sollten einmal einen Text über Menschenrechte schreiben. Alle schrieben, wie wichtig und toll die Menschenrechte für unsere Gesellschaft seien. Ich schrieb als einzige, dass sie Menschenrechte Schwachsinn seien, weil sich sowieso niemand daranhält. Ich bekam das fette Plus, die anderen nicht. In der letzten Stunde vor der Matura sagte sie uns: „Das schwierigste an dieser Zentralmatura ist es, sie ernst zu nehmen.“
Unsere Deutschlehrerin war Polin, konnte nicht akzentfrei Deutsch sprechen, und war sehr streng. Ich war ihr Lieblingsschüler bis ich einfach nicht zu einer Schularbeit hinging, weil ich sowieso immer Einser hatte. Ich maturierte sogar mündlich in Deutsch, wo ich 15 Minuten über den Verfall des Rittertums anhand des Beispiels „Helmbrecht“ sprechen musste, und sie mir widerwillig einen Einser gab, weil da eine Prüfungskommission war, die für gerechte Benotung sorgte. Sie hasste auch , einfach weil er Russe ist.
In den Naturwissenschaften kamen wir leider zu kurz, weil wir einen Physiklehrer hatten, der uns nur „physikalisch angehauchte“ Filme zeigte wie zum Beispiel „Alien 3“. Unsere ukrainische Chemielehrerin sprach leider wenig Deutsch, und das erschwerte es das schwierige Fach zu verstehen, also war es mir ab einem Zeitpunkt nicht mehr Wert meine Energie auf das Fach zu verschwenden und ich machte absolut nichts mehr. Dann im Endeffekt schenkte sie mir einen Vierer, weil sie wollte, dass ich zur Matura antrete und dort versage.