Ein Leitspruch der Kryptowährungstrader ist „Verlust macht man nur, wenn man verkauft“. Und wenn man sich die Charts anschaut kann man nicht übersehen, dass alle Coins – bis auf wenige Ausnahmen – langfristig eher an Wert gewinnen. Es scheint also nur ausreichend Geduld zu benötigen, um aus so gut wie jedem Coin einen Gewinn rausholen zu können.
Bei der normalen Börse hingegen lautet ein Tipp für Kleinanleger: „Verluste begrenzen“. Lieber bei geringem Verlust sofort verkaufen und dieses Minus akzeptieren, statt zum ungewollten Langzeitinvestor zu werden, weil man eben nicht damit leben wollte, weniger Geld rausholen zu können, als man mal reingesteckt hat.
Ich bin hin und her gerissen, welche Strategie die sinnvollere ist. Bzw nachdem ich zu lange auf die „HODL“-Rufe gehört habe komme ich inzwischen zur Überzeugung, dass es tatsächlich oftmals besser ist, mit kleinem Verlust zu verkaufen, bevor man so weit in der Verlustzone ist, dass ein Verkauf schon fast eine Katastrophe wäre.
Drei Beispiele:
1. Ripple
Eine meiner ersten Investitionen – und mit Sicherheit mein bisher größter Fehler – war der Ripple. Zu dem Zeitpunkt hatte ich vom Traden keine Ahnung und auch kein Interesse daran. Ich wollte kaufen und halten, und mich in einem Jahr über die Gewinne freuen. Aufgrund fehlinterpretierter Informationen in Verbindung mit einem mir heute nicht mehr nachvollziehbaren Hype hielt ich den Ripple für eine gute Investition und entschied mich, eine für mich durchaus große Summe in diesen Coin zu investieren. Dass der Kurs zu dem Zeitpunkt sehr hoch stand schreckte mich nicht, eher im Gegenteil. War ich es doch vom Bitcoin gewohnt, dass der Kurs eben immer weiter steigt und steigt und einem immer als „gerade viel zu hoch“ erscheint.
Seit meinem Kauf kennt der Ripple aber nur noch eine Richtung: bergab. In den letzten Tagen steigt er zwar wieder ein bisschen, aber das begrenzt meinen Verlust nur marginal, dieser Coin war wirklich ein Geldgrab für mich. Und aus dem „echten Leben“ kennt man doch wiederum den Spruch, man solle schlechtem Geld kein gutes hinterher werfen. Also wo sollte man die Grenze ziehen, die Hoffnung aufgeben und einen Verlust hinnehmen, bevor dieser nur noch größer wird?
Mit der „HODL!“-Parole im Hinterkopf habe ich bislang darauf verzichtet, mit Verlust zu verkaufen. Ich „hodlete“, als er auf 10.000 Satoshi fiel, und ebenfalls bei 9. Bei 8800 kaufte ich sogar noch einmal nach, natürlich mit der Hoffnung, meinen break even Preis zu senken, stattdessen baute ich nur meine Verluste noch weiter aus. „Die Hoffnung stirbt zuletzt“, „Verlust macht man nur, wenn man mit Verlust verkauft“ und „HODL, HODL, HODL“... je tiefer der Preis fiel desto schwerer wurde es, diesen Parolen zu folgen. Denn was bringt alle Geduld, wenn man dadurch über Monate einfach nur tatenlos zusieht, wie die Investition wie bei einem Loch in einem Sandsack zerrinnt?
Also: HODL um jeden Preis?
Den Wertzuwachs des BTC berücksichtigt habe ich mit dem Ripple bisher mehr Euro verloren, als ich überhaupt je in ihn investiert habe. Bemerkenswerte Leistung, oder? Und ich bin weit, weit entfernt davon, mit diesem Coin even zu sein, von tatsächlichen Gewinnen wage ich nicht mal mehr zu träumen.
Hätte ich bei 10.000 verkauft hätte ich ordentlich Verlust gemacht. Allerdings erheblich weniger als bei 4000, die er vor ein paar Tagen schon nicht mehr wert war.
Hätte ich frühzeitig mit geringem Verlust verkauft hätte ich den verblieben Rest BTC dafür benutzen können, in einen besseren Coin zu investieren. Es gibt ja durchaus einige, die in den letzten Monaten erheblich zugelegt haben, damit hätte ich meine Verluste locker wett machen können. Und hätte dann sogar einen Teil des Gewinns davon wieder in den Ripple stecken können, eben zB beim Preis von 3800.
Dass diese Strategie sinnvoller ist als zum „HODL“-Gott zu beten zeigen mir auch andere Erfahrungen:
2. Digibyte
In diesen Coin hatte ich vor dem Run darauf investiert und freute mich über 700% und mehr an Wertzuwachs. Nach dem Ripple-Debakel erheblich vorsichtiger geworden hatte ich in diesen Coin zwar wesentlich weniger investiert, trotzdem konnte er zeitweise mein Minus durch den Ripple ausgleichen. Und dann kam der Absturz. Die Digibyte-Jünger riefen „HODL! HODL!“ und da zum Zeitpunkt meiner Investion immer von „langfristig“ die Rede war folgte ich dem Mantra. Zu dem Zeitpunkt musste ich erst noch lernen, dass „langfristig“ beim Thema Kryptowährungen manchmal keine zwei Wochen sind, weil bis dahin die Zukunftsaussichten eines Coins komplett überholt sein können. Aber ich war so weit in den grünen Zahlen, dass ich eine Weile entspannt zusehen konnte, wie der Preis immer weiter sank. Mein Gewinn schmolz – HODL!
Irgendwann entschied ich mich dann, doch zu verkaufen. Immer noch mit Gewinn, im Vergleich zu dem, was ich hätte rausholen können, wenn ich frühzeitig vom sinkenden Schiff gesprungen wäre – Fugasi!– war meine grüne Zahl am Ende aber bedauernswert klein. Und doch immer noch größer als die wäre, wenn ich bis heute strikt gehodlt hätte.
3. Siacoin
Diesen habe ich ebenfalls vor dem Hype darum gekauft und konnte immerhin zeitweise 350% Gewinn verzeichnen. Auch hier ist die Gesamtsumme nicht sonderlich hoch, also sah ich keinen Grund, bei 800 Satoshi den Gewinn mitzunehmen. Auch weil mein break even Preis so niedrig ist, dass ich nicht damit gerechnet habe, dieser würde nochmal unterschritten. Inzwischen weiß ich es besser und stehe auch bei diesem Coin in der Verlustzone. Das raubt mir hauptsächlich wegen der kleinen Summe nachts nicht den Schlaf, und ich bin auch (noch?) nicht so tief in den Verlusten, dass sich das Blatt nicht wieder wenden könnte. Aber auch hier: wäre ich frühzeitig in Panik verfallen und hätte einfach verkauft könnte ich für den jetzigen Preis die gleiche Menge Coins wieder kaufen und hätte sogar noch ein bisschen was übrig für nen Burger plus Cola.
So... damit habe ich endlich meinen ersten Artikel hier veröffentlicht, nachdem ich in den letzten Wochen schon einige Male meinen Senf unter anderer Leute Ergüsse gesetzt habe. Mir ist klar, dass ich mit meiner Meinung nicht das Rad neu erfinde, aber mein Frust musste jetzt einfach mal raus, nachdem ich es einfach leid bin, immer und immer wieder die Anweisung zu lesen, dass man bloß halten soll, komme was wolle.