Schönen Nachmittag an diesem verregneten Karsamstag liebe Steemer. Heute geht es weiter mit Teil 3 über die Wahrheit. Die Teile 1 und 2 findet ihr hier und hier.
Ansonsten wieder viel Interesse beim Lesen.
Das hermeneutische Wahrheitsproblem.
Hermeneutik ist die Kunst der Deutung und des Auslegens von Texten.
Wer nur schnell einen Blick durch das Schlüsselloch hindurch riskiert, wird, von dem Wenigen das er sehen könnte, noch weniger erkennen. Fragt man ihn hernach, was er den erkannt hat, so wird er seinen Standpunkt nur sehr unklar wiedergeben. Mitunter wird er ihn sogar falsch wiedergeben. Er hat sich geirrt.
Es besteht also die Möglichkeit Wahrheit falsch zu vermitteln, weil sie falsch verstanden wurde. Und diese Gefahr ist keine Bagatelle. Wer schon einmal eine Sache als wahr verteidigt hat, um später festzustellen das er sich geirrt hat, weiß, denke ich, ganz genau was gemeint ist.
Irren ist menschlich. Dies gilt es zu beherzigen. Man muss also einerseits sich die notwendige Zeit nehmen etwas zu erkennen, was gar nicht so leicht ist. Andererseits muss man auch seine eigene innere Einstellung prüfen. Zwar soll man eine Sache mit Überzeugung vertreten. Man sollte allerdings nicht aus dem Blick verlieren, dass man sich auch irren kann.
Dies alles ist in hohem Maße subjektiv. Denn, der eine erkennt schneller als der andere, der eine hat mehr Geduld und/oder Zeit als der andere. Und Halsstarrigkeit hat noch nie ein Problem gelöst.
Man sieht, es bedarf eines gewissen Maßes an Willen zur Selbsterkenntnis um nicht auf zu dünnes Eis zu gelangen. Doch zu Wille und Selbsterkenntnis ein andermal mehr.
Richtig kritisch wird das Ganze allerdings, wenn wir die bewusste Falschvermittlung von Wahrheit betrachten.
Der Mensch kann sich nicht nur irren, er kann auch lügen. Deshalb ist es ja auch so wichtig, den Standpunkt des jeweils anderen nicht zu ignorieren, sondern zu prüfen. Denn eine Lüge lässt sich nur dem Schein nach aufrechterhalten, solange nämlich, wie man sie nicht hinterfragt.
Da ja eine Lüge letztlich einen Punkt aufweisen muss an dem sie unwahr ist, gilt es diesen zu finden. Fragen eignet sich dazu hervorragend. "...wer nicht fragt bleibt dumm." Da steckt viel Wahres drin.
Eine Lüge ist etwas das kein Sein besitzt sondern nur einen Schein. Diesen Aspekt möchte ich auch betonen, denn, ich denke dass dieser Punkt, Sein und Schein einer Sache, für viel Skepsis verantwortlich ist, die der Wahrheit entgegengebracht wird.
Zusammenfassend kann man also sagen, dass das größte Potenzial für ein Missverständnis aus diesem Problembereich stammt. Denn, das problematische Vermitteln von Wahrheit, bewusst oder unbewusst, ist ja in allen Bereichen des menschlichen Daseins von Relevanz. Am deutlichsten natürlich in der Rechtsprechung, aber auch sonst. Dabei sollte spätestens hier klar werden, dass die Aussage das alles relativ sei, oder das es eine Wahrheit gar nicht gibt, nicht haltbar ist. Denn, gesetzt den Fall es gäbe keine Wahrheit und alles wäre beispielsweise relativ (abgesehen davon das die Aussage an sich schon unsinnig ist da sie sich selbst in Zweifel zieht). Was für einen Sinn würde dann ein Gerichtsprozess haben? Wozu ein wissenschaftliches Experiment durchführen? Welchen Sinn hätten dann die oft zitierten Menschenrechte? Wozu wählen gehen?
Wenn es keine Wahrheit gibt, wogegen jede Vernunft und Erfahrung spricht, so gibt es auch keine Gerechtigkeit. Und wenn es keine Gerechtigkeit gibt, gibt es auch keine Moral, keine Ethik und erst recht kein Recht mehr (spätestens hier würden alle so genannten Anarchisten sofort umdrehen, könnten ja dann die terrorisierten Menschen das Pack einfach am nächsten Laternenmasten aufknüpfen, doch soweit denken solche Menschen eh eher selten bis gar nicht)!
Gäbe es allerdings kein Recht und keine Ethik, so würde dies implizieren, dass es auch keine Regeln des Zwischenmenschlichen gäbe, mithin aber auch keine Regeln oder gar Gesetze, selbst in der Naturwissenschaft. Es wäre ja auch völlig wiedersinnig zu behaupten in der Geisteswissenschaft und den Universalwissenschaften gäbe es keine Gesetze, aber in der Naturwissenschaft schon! Den Unterschied von Akt und Potenz lasse ich jetzt absichtlich beiseite, da ich sonst zu weit abschweife.
Man sieht also, wie leicht man von einem unscheinbaren Ding zu den Grundfesten aller Existenz gelangen kann.
Daher kommt diesem Punkt auch, meiner Meinung nach, am meisten Bedeutung zu.
Vielen Dank für euer Interesse!
parzifal1