28. Juni 2018
Gestern bin ich kurz nach dem überraschenden Ausscheiden der Deutschen Fussball-Nationalmannschaft in der Gruppenphase der Weltmeisterschaft in Russland auf einen Tweet von Beatrix von Storch - Mitglied des Bundestages für die Partei Alternative für Deutschland (AfD) - aufmerksam geworden [1]. In diesem schrieb sie, plakativ wie sie es nahezu immer tut:
Früher war das besser. Da hat ein Gehalt in der Regel satt gereicht. Unter der enormen Höhe der heutigen Steuer- und Abgabenlast leiden die Familien. Weil der Staat beide Elternteile zum Broterwerb zwingt. #AfD
Da aus einer freiheitlichen Perspektive niedrige Steuern und Abgaben stets erwünscht sind und deren Absenkung als Fortschritt wahrgenommen wird, fand ich das erst einmal interessant und war auf die Antworten gespannt. So schrieb ein Benutzer, der unter dem Pseudonym @theFatEx auftritt, folgendes [2]:
Wenn ein Gehalt nicht reicht liegt es eher am Gehalt als an den Abzügen.
Mich hat das direkt animiert, diese altbekannte Sache mit Brutto- und Nettogehältern aufzulisten und ein Beispiel zu vorzurechnen. Ich antwortete dieses [3], der kleine Rest folgt in diesem Artikel:
Schon auch, aber es macht schon einen Unterschied, ob man 20, 30, 50 oder 70 % abgeben muss. Nicht zuletzt auch für den Arbeitgeber, der ohnehin alles bezahlen muss und das will erst erwirtschaftet werden. Ist kein Selbstläufer, o nein.
Um den Sachverhalt etwas verständlicher zu machen, will ich von einem Nettogehalt von € 2'000 abzüglich aller Abgaben und Steuern an den Staat ausgehen. In der Realität sieht man ein solches Gehalt nie, aber in diesem einfach gehaltenen Beispiel erscheint es mir in keiner Weise nützlich. Ich mache es hier deswegen ganz einfach. Das Bruttogehalt ist das, was dem Arbeitgeber gezwungenermassen an Kosten für den Angestellten entstehen, das Nettogehalt ist das, was dem Angestellten nach allen zwangsweise zu leistenden Abgaben bleibt. Ein Teil davon sind selbstverständlich Konsumsteuern, die erst beim Kauf von Gütern entstehen, aber trotzdem soll von diesen € 2'000 ausgegangen werden.
Eine aufwendige Darstellung wurde vor kurzem bei der Facebook-Seite Libertäre Initiative geteilt [4], ich will die Liste hier auch zeigen, bevor ich mit meinem Beispiel weiterfahre. Diese Darstellung geht von einem publizierten Bruttogehalt von € 2'000 aus, welches tatsächlich - sogenannte Arbeitgeberanteile addiert - € 2'613,50 beträgt und für den Angestellten ein verwertbares Nettogehalt von € 827 ergibt. Mein angenommenes Nettogehalt liegt also deutlich höher. Die Existenz von Arbeitgeberanteilen bei den Abgaben kommt aus meiner Sicht deswegen zustande, weil man dem Angestellten die für ihn beim Arbeitgeber entstehenden Kosten nicht in Gänze offenlegen will.
Die bei Libertäre Initiative geteilte Auflistung der in Deutschland zu leistenden Abgaben [4].
Mir geht es nun darum, einmal zu zeigen, wieviele Angestellte mit einem mittleren Nettogehalt von € 2'000 sich eine Firma mit monatlichen Gehaltskosten von € 100'000 leisten kann, abhängig von der mittleren Höhe der Abgaben. Von den 50 Menschen, die man ohne Abgaben beschäftigen könnte, bleiben recht bald einige weniger übrig. Ich habe dazu eine Tabelle erstellt, in der man sich die Entwicklung abhängig von der Abgabenhöhe in Prozenten in der Abstufung von jeweils 5 Prozentpunkten ansehen kann. Bis hinauf zu 98 Prozent Abgaben, an dieser Stelle könnte sich die Firma mit diesen € 100'000 gerade noch einen Angestellten leisten.
Im Titel dieses Artikels steht das Wort Produktivitätsdruck. Für den einzelnen Angestellten besteht dieser Produktivitätsdruck darin, dass er sein tatsächliches Bruttogehalt plus Unterhaltskosten der Firmeninfrastruktur plus weitere Kosten für die Firma erwirtschaften muss. Dass dieser Druck bei einer geringen Abgabenlast einigermassen gering ist, sollte sich von selbst verstehen. Der Angestellte weiss dann auch ziemlich genau, welche Last auf seine Schultern drückt, sie liegt ziemlich nahe bei seinem Nettogehalt. Entfernt sich das weiter und nehmen die Tricks zu wie es mit sogenannten Arbeitgeberanteilen der Fall ist, wird die Distanz grösser und die Gefahr besteht, dass man nur noch auf sein Nettogehalt schaut, aber nicht mehr auf den ganzen Rest.
Im dargelegten Fall lässt sich die Produktivität auf die Arbeitskraft von 50 Leuten verteilen, bei 30 Prozent Abgaben auf deren 35, bei 50 Prozent auf 25, bei 70 Prozent noch auf deren 15.
Mir ist auch schön öfter aufgefallen, dass viele Menschen den Dingen, die weniger offensichtlich sind als die Zahlen auf der Gehaltsabrechnung, wenig Beachtung schenken, etwa der Kaufkraft oder dem tatsächlichen Bruttogehalt. Wichtig scheint vor allem, dass die Zahl auf der Gehaltsabrechnung nie geringer wird, was die Zahlen sonst machen, scheint einigermassen egal zu sein. Ketzerisch könnte man anmerken, dass ein ökonomisches Verständnis auf diesem Niveau womöglich von gewissen politischen Akteuren, die Rede ist von den Sozialisten aller Coulers, durchaus erwünscht ist.
Die Anzahl Angestellte berechnet sich folgendermassen:
| Abgaben [%] | Kosten Arbeitgeber | Diff. Kosten ([%] Nettogehalt) | Anzahl Angestellte | Änderung Angestellte [%] | |
|---|---|---|---|---|---|
| 0 | 2'000 | -- | 50 | -- | -- |
| 5 | 2'105 | 105 (5,3) | 47,5 | -5 | |
| 10 | 2'222 | 117 (5,8) | 45 | -5,3 | |
| 15 | 2'353 | 131 (6,5) | 42,5 | -5,6 | |
| 20 | 2'500 | 147 (7,4) | 40 | -5,9 | |
| 25 | 2'667 | 167 (8,3) | 37,5 | -6,3 | |
| 30 | 2'857 | 190 (9,5) | 35 | -6,7 | |
| 35 | 3'077 | 220 (11,0) | 32,5 | -7,1 | |
| 40 | 3'333 | 256 (12,8) | 30 | -7,7 | |
| 45 | 3'636 | 303 (15,2) | 27,5 | -8,3 | |
| 50 | 4'000 | 364 (18,2) | 25 | -9,1 | |
| 55 | 4'444 | 444 (22,2) | 22,5 | -10 | |
| 60 | 5'000 | 556 (27,8) | 20 | -11,1 | |
| 65 | 5'714 | 714 (35,7) | 17,5 | -12,5 | |
| 70 | 6'667 | 952 (47,6) | 15 | -14,3 | |
| 75 | 8'000 | 1'333 (66,7) | 12,5 | -16,7 | |
| 80 | 10'000 | 2'000 (100) | 10 | -20 | |
| 85 | 13'333 | 3'333 (167) | 7,5 | -25 | |
| 90 | 20'000 | 6'667 (333) | 5 | -33,3 | |
| 95 | 40'000 | 20'000 (1'000) | 2,5 | -50 | |
| 98 | 100'000 | 60'000 (3'000) | 1 | -60 |
Aus der Tabelle kann man einfach entnehmen, dass die Kostenzuwächse sich nicht linear verhalten. Ein Anstieg der Abgaben von null auf fünf Prozent erhöht die Kosten pro Angestellen für den Arbeitgeber lediglich um etwa fünf Prozent, ein Anstieg von 50 auf 55 Prozent hingegen um 22 Prozent. Linear verhält sich die Anzahl Angestellte, diese sinkt bei jeder Erhöhung der Abgaben um fünf Prozentpunkte um 2,5. Die Arbeitslast wird mit der Abgabenerhöhung jeweils auf weniger Schultern verteilt, die dann eben ein wenig oder viel mehr leisten müssen. Je höher die Abgaben sind, desto stärker wirkt es sich anteilsmässig aus.
Abschliessend halte ich meinen heutigen Artikel zwar nicht unbedingt für besonders hochstehend, ich gehe aber davon aus, dass er trotzdem zum Nachdenken anregen kann. Nicht zuletzt weil man so sehr anschaulich erkennen kann, dass hohe Abgaben sehr wohl ein Problem darstellen und den Produktivitätsdruck massiv erhöhen. Je höher die Abgaben, desto geringer dürfte auch die Risikobereitschaft der Arbeitgeber sein, auf den ersten Blick vielleicht nicht ausgezeichnet geeigneten Kandidaten Chancen zu geben.
In einem lesenswerten, kürzlich erschienenen Artikel [5] schrieb Markus Krall folgenden wichtigen Satz:
Ökonomie, ist aber nicht die Wissenschaft der Töpfe, es ist die Wissenschaft der Anreize.
Alle Dinge, die zu tun ein gewisser Anreiz besteht, werden potentiell auch spontan und freiwillig getan. Besteht kein Anreiz, wird die Sache rasch schwierig, denn mit spontan und freiwillig ist es zumeist rasch nicht mehr weit her.
[1] Tweet von Beatrix von Storch: https://twitter.com/Beatrix_vStorch/status/1012009131681746944 https://twitter.com/theFatEx/status/1012023284030955520 https://twitter.com/Saamy48/status/1012030675078336519
[2] Antwort von @theFatEx:
[3] Meine Antwort, User @Saamy48:
[4] Facebook-Post bei Libertäre Initiative, vom 06. Juni 2018: https://www.facebook.com/libertive/posts/927811607396299
[5] Mercronsche Erklärung - Merkel: Die Ingenieurin der Macht. Tichy's Einblick, 22. Juni 2018, von Markus Krall https://www.tichyseinblick.de/wirtschaft/merkel-die-ingenieurin-der-macht/
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