Liebe Steemitgemeinde,
liebe Freiheitsfreunde,
liebe Freiheitsfeinde,
ich habe ja kürzlich über extremen Preissprung in den Erdgasfutures gesprochen.
Nun, die Sache hat ein folgenschweres Nachspiel.
Der Hedgefonds Optionsellers.com ist geplatzt und die Kunden haben nicht nur ihr ganzes Geld verloren, sondern haben jetzt auch noch Schulden beim Clearinghouse und dürfen jetzt noch nachzahlen.
Wie konnte das passieren und was ist passiert?
Da ich keine Finanznachrichten verfolge, habe ich davon nur durch Zufall erfahren.
Nassim Taleb hatte folgenden Tweet abgesetzt:
Was für ein Idiot dachte ich mir, eigentlich sollte er es besser wissen.
Aber, wie mir meine Quellen vom Chicago CBOT Trading Floor berichten, hat Nassim Taleb als Floor Trader nicht mal ein Jahr durchgehalten, bevor er pleite war.
In seinen Büchern liest man davon nichts.
Ich habe mich in die Diskussion eingemischt, aber leider hat er meinen Fehdehandschuh nicht aufgenommen.
Die ganze Diskussion kann man sich hier durchlesen.
Eine kurze Recherche ergab, dass dieser Hedgefonds hauptsächlich deep out of the money Optionen im Rohstoffbereich verkauft.
Auch folgende Werbung habe ich gefunden:
Also deep out of the money credit spreads.
Noch bevor ich im Internet gesucht habe, habe ich folgende Vermutung in einer Email an Tom Sosnoff formuliert:
[...] You probably heard that James Cordier’s hedgefund optionseller.com blew up.
I assume it was because of natgas.
[...]The losses of these guys would have been even bigger, if they had been just short the futures, instead of short calls (if that was the reason for their blow up).
Nassim Taleb should know that.
Meine Vermutung war also, dass dieser Hedgefonds eine viel zu große Position an short calls in den Erdgasfutures hatten.
Shortpositionen in Erdgasfutures werden nicht umsonst the widowmaker genannt.
Bevor ich die Geschichte weitererzähle muss ich einige Begriffe erklären, die weiter oben gefallen sind.
Was sind Short Calls?
Eine Call Option gibt einem das Recht (aber nicht die Verpflichtung) eine bestimmte Aktie, ETF oder Rohstoff zu einem bestimmen Preis innerhalb eines bestimmten Zeitraums zu kaufen. Den sogenannten Strike Price.
Dafür bezahlt man dem Verkäufer einen Preis, die sogenannte Option Premium.
Der Käufer einer Calloption ist long Calls.
Er profitiert, wenn der Preis des Basiswertes, also der Aktie, des Indexes oder des Rohstoffes, stark ansteigt.
Der Preis des Basiswertes muss mindestens über den Strikepreis plus der Optionsprämie steigen, damit man am Verfallstag kein Geld verliert.
Schauen wir uns das Ganze an einem Beispiel an:
Hier sehen wir eine at the money Call Option in SPY (S&P 500 ETF) mit Strikepreis (Ausübungspreis) 274 und 33 Tage Laufzeit.
Der Käufer dieser Option bezahlt dafür im Mittel $5.75 mal 100, da ein Optionskontrakt 100 Aktien entspricht.
Das heißt der Preis von SPY muss am Verfallstag mindestens bei $274 + $5.75 = $279.75 stehen, damit der Käufer dieser Option kein Geld verliert.
Seine Gewinnchance liegt theoretisch bei nur 36%, er kann maximal die $575, die er eingesetzt hat verlieren, dafür bekommt er einen theoretisch unlimitierten Gewinn machen, da SPY theoretisch unendlich weit steigen kann.
Je weiter der Strikepreis vom aktuellen Basiswert entfernt ist, also je weiter out of the money, desto billiger ist die Option und desto geringer ist die Gewinnchance. Je weiter der Strikepreis im Geld (in the money) ist, also niedriger als der aktuelle Basispreis, desto teurer ist die Option und desto höher ist die Gewinnchance. Die Gewinnchance bei long options liegt aber immer unter 50%.
Der Käufer einer Option entspricht in etwa dem Spieler in einem Casino, einem Lottospieler oder dem Käufer einer Versicherung.
Niedrige Gewinnchance, niedriger Einsatz, sehr hoher möglicher Gewinn.
Schauen wir uns die andere Seite des Trades an, also den Verkäufer der Option:
Hier sehen wir den entsprechenden short call.
Der Verkäufer dieser Option bekommt $575 pro Optionskontrakt. Dies ist gleichzeitig sein Maximalgewinn. Er hat eine Gewinnchance von 64%, aber dafür verpflichtet er sich, innerhalb der 33 Tage 100 Stück von SPY zum Strikepreis zu liefern, wenn der Käufer seine Option ausübt. Er verliert erst, wenn der Preis von SPY am Verfallstag über $279.75 schließt.
Als Sicherheit muss er bei seinem Broker bzw. über seinen Broker beim Clearinghouse das sogenannte margin requirement hinterlegen, das für diesen short Call bei knapp $5,500 liegt. Steigt der Preis von SPY an, erhöht sich auch sein Margin Requirement.
Steigt der Preis von SPY explosionsartig an, so wie der Preis von Erdgas, und das Geld in seinem Account reicht nicht mehr aus, um das steigende Margin Requirement zu erfüllen, kommt es zum Margin Call.
Man bekommt einen Anruf von seinem Broker mit der Aufforderung schnellstmöglich Geld einzuzahlen, oder seine Position zu schließen.
Der erste Margin Call ist ein aufregendes Erlebnis im Leben eines Traders.
Es fühlt sich ungefähr so an, als wenn die erste Freundin die man als Jugendlicher hat einem sagt, dass sie glaubt, schwanger zu sein.
Muss man einmal erlebt haben, aber ganz sicher nicht öfter.
Der Verkäufer einer Option entspricht dem Casino, der Versicherungsgesellschaft, oder einer Lotterie.
Langfristig gewinnt er, so lange er das richtige Risikomangement hat.
Was sind Credit Spreads?
Auch dieser Begriff ist weiter oben gefallen.
Credit Spreads sind eine Kombination aus einer short option, wie der short call im obigen Beispiel und einer long option, die weiter entfernt vom Basispreis ist, als die Short Option.
Hier ein Beispiel:
Hier sehen wir den gleichen short call wie weiter oben, allerdings kauft man zusätzlich eine 284 long Option, dies vermindert den Maximalgewinn auf $439, auch die Gewinnchance vermindert sich auf 61%, dafür ist der Maximalverlust bei $561 gedeckelt (284-274-4.39).
Dies verführt viele Trader viel mehr Kontrakte zu traden und langfristig verliert man damit viel mehr Geld als mit naked short options bzw. gewinnt weniger.
Ist Deep Out of the Money wirklich sicherer?
Schauen wir uns dazu wieder ein Beispiel an:
Hier haben wir eine Gewinnchance von 86%, unser Maximalgewinn liegt bei nur $12, dafür liegt unser Maximalverlust auch „nur“ bei $288.
Viel glauben jetzt, es wäre absolut sicher ganz viel Kontrakte von diesen deep out of the money credit spreads zu verkaufen, da es ja absolut unwahrscheinlich ist, dass der Kurs des Basiswertes in den nächsten 33 Tagen so weit steigt.
So was geht lange gut, aber irgendwann kommt eine Kursexplosion und man verliert alles.
Hab ich alles schon mitgemacht...
In meinem nächsten Buch weise ich nach, dass naked short options, die näher am Basispreis liegen, langfristig sicherer sind, als far out of the money options, so lange man weniger Kontrakte tradet, als bei den far otm options.
Was ist ein Clearinghouse?
Auch dieser Begriff ist weiter oben gefallen.
Die Investoren von optionssellers.com haben nicht nur ihren Einsatz verloren, sondern haben jetzt auch noch Schulden beim Clearinghouse.
Clearinghäuser sorgen dafür, das die Optionsgeschäfte immer korrekt ausgeführt werden. Dass also jeder zu seinem Geld kommt, auch wenn eine Seite erst einmal nicht zahlen kann. Dafür bekommen sie eine kleine Gebühr.
Kann eine Seite des Trades ihre Verpflichtung nicht erfüllen, springt das Clearinghouse ein, versucht sich aber später das Geld vom Schuldner wieder zurückzuholen.
Was ist nun wirklich passiert?
Ich lag mit meiner Vermutung in der Email richtig.
Nachfolgend eine Email, die an die Investoren von optionsellers.com ging.
Quelle
Was lernen wir daraus?
Size kills!
Im Pornogeschäft mag Größe unerlässlich für den Erfolg sein, beim Trading und Investment führt es über kurz oder lang immer zum Totalverlust.
Niemand weiß irgendwas. Keiner. Deshalb sollte man als Trader möglichst viele unkorrelierte Instrumente traden und niemals mehr als 40% seines Portfolios (verteilt auf alle seine Positionen) in einem Marginaccount einsetzten.
40% in einem Marginaccount entsprechen in etwa einem Hebel von 2.6-2.8, d.h. mit $100,000 kontrolliert man Positionen im Wert von $260,000 - $280,000.
Dieser Hebel wird auch beim Hausbau empfohlen.
Man kauft oder baut ein Haus im Wert von 300.000€ mit 100.00€ Eigenkapital.
Wie man ein Portfolio möglichst krisensicher aufbaut, kann man hier, hier, hier oder hier nachlesen.
Zusätzlich sollte man daraus lernen, dass man sein Geld selber verwalten/anlegen sollte.
Even geniuses fail, wissen wir spätestens seit Long term capital management (da waren Nobelpreisträger am Werk) oder Victor Niederhoffer und auch ich habe in der Vergangenheit schon zwei Pleiten hingelegt.
Was mich ärgert
Der Gründer/Manger von optionsellers.com James Cordier liegt in der Amazonverkaufsliste einen Platz vor mir:
Abschließend noch ein sehr emotionales Video vom Manager/Gründer von optionsellers.com, in dem er sich bei seinen Investoren entschuldigt.
Noch einen schönen Sonntag,
Stephan Haller