Liebe Hivegemeinde,
Liebe Freiheitsfreunde,
Liebe Freiheitsfeinde,
die Zinsen fallen in der westlichen Welt kontinuierlich seit den frühen 80er Jahren.
Allerdings kommt es auch immer wieder zu starken Anstiegen.
So auch in den frühen 90er Jahren, wie man nachfolgend sehen kann.
Bevor wir uns mit dem Zinsanstieg in den frühen 90er Jahren beschäftigen können, braucht es erst einmal etwas Theorie.
Im obigen Chart sehen wir die Entwicklung der Interbankenrate in Deutschland.
Also der Zinssatz (aufs Jahr gerechnet) zu denen sich die Banken untereinander Zentralbankgeld leihen.
Zentralbankgeld brauchen die Geschäftsbanken für das Clearing untereinander.
Angenommen jemand überweist 100€ von der Sparkasse zur Postbank und es finden ansonsten keine Geldtransfers statt, dann schuldet die Sparkasse der Postbank 100€ Zentralbankgeld.
Befindet sich nicht genug Geld auf dem Reservekonto der Sparkasse bei der Bundesbank, dann muss sie sich dieses Geld besorgen.
Buchgeld können die Geschäftsbanken im Prinzip unbegrenzt selbst erschaffen, Zentralbankgeld nicht.
Man leiht sich das Zentralbankgeld entweder bei einer anderen Bank, die Überschüsse hat und zahlt den Interbankenzins oder man geht zur Zentralbank und zahlt den entsprechenden Refinanzierungssatz.
Zu DM und Bundesbankzeiten war dies der Diskontsatz.
Brauchte eine Geschäftsbank Zentralbankgeld, dann musste sie Wechsel an die Bundesbank verkaufen.
Vom Nennwert des Wechsel wurde der Diskontsatz entsprechend der Restlaufzeit des Wechsels abgezogen und der Rest an die Bank ausbezahlt.
Heute gibt es diese Möglichkeit nicht mehr, da die EZB einen Wechsel nicht als Mittel zur Refinanzierung zulässt.
Man kann auch Wertpapiere als Sicherheit an die Bundesbank verpfänden und sich auf diese Weise Zentralbankgeld leihen.
Dies nennt man Wertpapierpensionsgeschäft und dafür zählt man den sogenannten Lombardsatz.
Die Zentralbanken passen ihre Zinssätze in der Regel den Interbankensatz an, versuchen aber auch steuernd einzugreifen (durch Offenmarktgeschäfte, also Ankauf oder Verkauf von Wertpapieren), wenn etwas aus dem Ruder läuft.
Die meisten behaupten, dass die Zentralbank die Zinsen setzt und kontrolliert.
Wer dies behauptet, muss aber erklären, warum sich der Interbankenzins in der Regel als erstes bewegt.
Was die Zentralbank allerdings tun kann, ist einen Mindestzins zu setzen, indem sie Zinsen auf Einlagen bezahlt.
Keine Bank wird so dumm sein und ihre Überschussliquidität für 1% zu verleihen, wenn die Zentralbank 2% auf Einlagen bezahlt.
Aber auch den Einlagenzins muss die Zentralbank den Markt anpassen, da sich sonst eine Arbitragemöglichkeit ergibt.
Nun zurück zum Zinsanstieg in den 90ern.
Natürlich hatte der mit der Wiedervereinigung zu tun.
Der Staat brauchte Unmengen an frischem Geld, um die Wiedervereinigung zu finanzieren.
Auch heute braucht der Staat wegen der Corona-Krise Unmengen an frischem Geld, aber zu einem Zinsanstieg ist es nicht gekommen.
Warum?
Schauen wir uns zuerst die Situation während der Wiedervereinigung an und konzentrieren wir uns nur auf die Staatsausgaben:
Hier meine Theorie:
Hätte die Wiedervereinigung zu 100% der Bund durch “Neuverschuldung” finanziert, wären die Zinsen wohl gar nicht angestiegen.
Ich glaube sogar der Interbankenzins wäre gefallen.
Damals musste aber der Finanzausgleich für den Osten von Bund, Ländern und Kommunen gemeinsam finanziert werden.
Und genau dies war das Problem.
Schauen wir uns den Fall der 100%-igen Finanzierung durch den Bund an:
Der Staat als Währungsemittent (wenn auch über den Umweg der Zentralbank) gibt Geld aus und erschafft damit neue Zentralbankreserven im System.
Werden diese neuen Reserven nicht mittels Anleihenverkäufe wieder eingesammelt, dann fällt der Interbankenzins auf Null bzw. den Zinssatz, den die Bundesbank auf Einlagen bezahlt.
Sammelt man dieses Geld durch Anleihenverkäufe wieder ein, dann dürfte sich der Interbankenzins eigentlich gar nicht bewegen, solange sich die Verschuldung in der Privatwirtschaft nicht ändert.
Wird aber ein Teil dieser Kosten durch die Bundesländer und Kommunen finanziert (ich glaube es waren anfangs 40%), dann sieht die Sache anders aus:
Die Kommunen und Bundesländer sind Währungsnutzer.
Sie müssen sich, um neues Geld zu produzieren, bei den Banken verschulden.
Es gibt also jetzt mehr Buchgeld im System, aber nicht mehr Reserven.
Die Nachfrage nach Reserven steigt also an und mit dieser Nachfrage der Zins im Interbankenmarkt.
Die Zentralbank könnte jetzt diesem Zinsanstieg begegnen, indem sie Wertpapiere aufkauft.
Wir hatten es aber damals mit einer Zentralbank zu tun, die von Milton Friedmans Theorien “versaut” war.
Sie glaubte an die Geldmengentheorie und kam der erhöhten Nachfrage nach Reserven nicht im richtigen Umfang nach.
Dies führte zum entsprechenden Zinsanstieg am Interbankenmarkt.
Hinzu kommt aber noch ein weiterer Faktor.
Der Aufbau Ost führte auch in der Privatwirtschaft zu einem sehr großen Verschuldungsanstieg.
Die Leute im Osten verschuldeten sich, um sich neue Autos und Häuser usw. zu kaufen bzw. um ihre Wohnungen zu renovieren.
Die Unternehmen verschuldeten sich, um im Osten zu investieren.
Durch das viele neugeschaffene Geld wuchsen die Bilanzen der Geschäftsbanken und damit auch die Risiken.
Diese Risiken mussten eingepreist werden.
Außerdem brauchten die Banken jetzt mehr Zentralbankgeld.
Eine Bank muss jetzt höhere Zinsen bieten als ihre Konkurrenten, damit die Leute ihr Geld zu ihr überweisen und somit diese Bank Zentralbankreserven gewinnt.
Zusätzlich steigt natürlich durch die erhöhte Nachfrage nach Zentralbankgeld der Interbankenzins.
Im Nachhinein kann man das Ganze nur als grenzenlose Dummheit bezeichnen.
Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie in unseren Gemeinden plötzlich gespart werden musste, weil man den Ausgleich an den Osten leisten musste.
Dies führte dazu, dass wir Westdeutschen auf die DDR-ler schimpften.
Diese Innerdeutschen Konflikte hätte man verhindern können, wenn der Bund das Ganze zu 100% finanziert und die Kommunen/Bundesländer verschont hätte.
Warum gibt es jetzt keinen Zinsanstieg?
Auch in den letzten 12 Monaten sind die Staatsausgaben explodiert.
Allerdings werden diese Kosten vom Bund finanziert.
Seit die Maastrich-Kriterien ausgesetzt wurden, sind die Euromitgliedsländer wieder echte Währungsemittenten und keine Währungsnutzer mehr wie zu Anfangszeiten des Euro.
Die Bundesregierung erschafft über den Umweg der Zentralbank neues Geld (mehr dazu hier).
Durch das zusätzliche Ankaufprogramm von Anleihen durch die EZB schwimmt das Bankensystem geradezu in Reserven. Deshalb liegt der Interbankenzins am Boden.
Man darf aber nicht vergessen, dass dieser Zustand von den Banken freiwillig hingenommen wird.
Niemand zwingt sie mehr Reserven zu halten, als sie müssen.
Niemand zwingt sie zum Anleihenverkauf.
Zusätzlich liegt auch die Wirtschaft am Boden.
Es gibt nichts zu investieren, da wir uns ja immer noch im Lock-Down befinden.
Auch dies trägt zu niedrigen Zinsen bei.
Wer sich jetzt fragt, was zu den anderen Zinsanstiegen geführt hat, die man auf den Chart sieht, dem helfe ich gerne.
1980:
- Folge der zweiten Ölkrise
- höhere Preise führen zu höherem Geldbedarf, mehr Reserven werden benötigt, höhere Risiken, usw.
2000:
- Platzen der Dotcom-Blase => Kreditausfälle, höhere Risiken
- Banken vertrauen sich untereinander nicht mehr und verleihen sich untereinander nicht mehr so einfach Geld
2008:
- Finanzkrise
- hohe Nachfrage nach Bargeld (also Zentralbankgeld)
- höhere Risiken
- Banken vertrauen sich untereinander nicht mehr und verleihen sich untereinander nicht mehr so einfach Geld
2011:
- Eurokrise
- Interbankenmarkt in Europa bricht praktisch zusammen
Schönes Wochenende.
Stephan Haller