Der 1. Mai begann für mich lange mit dem Geruch von Rauch und feuchter Erde. Ein Bollerwagen, der über einen Waldweg holpert. Irgendwo eine Lichtung, die man nicht suchen musste, weil man wusste, dass sie da ist.
Der Rest hat sich erst später dazugesetzt.
Als Kind war es einfach. Eine Wiese irgendwo im Wald, eine Lichtung, die sich jedes Jahr ein bisschen anders anfühlte. Ein kleines Feuer, nichts Großes. Hackfleisch, irgendwie gerollt, Kartoffeln in der Glut. Mehr brauchte es nicht.
Später wurden die Wege länger. Fahrradtouren, 20 oder 30 Kilometer, jemand hatte einen Anhänger für die Verpflegung und einfach los. Nicht geplant, eher dieses Gefühl, dass man an so einem Tag draußen sein muss.
Dann kamen Mofa, Moped, Motorrad. Der Radius wurde größer, die Ziele konkreter. Tanz in den Mai, Bierzeltfeste, andere Orte, andere Menschen. Und doch immer dieses Unterwegssein.
Und in genau diese Zeit fiel ein Moment, der leiser war, als er im Rückblick wirkt. Vor 40 Jahren hörten wir vom Reaktorunfall in Tschernobyl. Es war kein Einschnitt, der sofort alles verändert hat. Eher ein langsames Verschieben im Kopf. Zum ersten Mal wurde mir bewusst, dass das, was weit weg passiert, trotzdem etwas mit uns zu tun hat. Und dass das eigene Verhalten vielleicht doch nicht ganz so bedeutungslos ist, wie es sich bis dahin angefühlt hatte.
Ich erinnere mich an diesen 1. Mai. Wir standen mit den Motorrädern auf einer Wiese, hatten einen klappbaren Holzgrill dabei, ein paar Sachen zum Essen, viel Zeit, als uns die Nachricht erreichte. Es war eine Phase, in der sich Dinge gefestigt haben. Freundschaften. Beziehungen. Vielleicht auch ein Stück Identität.
Dann wurde es ruhiger. Familie. Wieder Fahrräder. Wieder raus, aber anders. Vertrauter, strukturierter. Vieles wiederholte sich, aber es fühlte sich nicht wie eine Wiederholung an. Und gleichzeitig hat sich die Umgebung verändert. Grillen hier verboten, Lagerfeuer dort nicht mehr erlaubt. Wege gesperrt, Zufahrten dicht gemacht. Plätze, die früher selbstverständlich waren, sind verschwunden oder unerreichbar geworden.
Vielleicht ist das auch ein Echo von damals. Dieses vorsichtiger Gewordensein. Dieses Abwägen.
Vor etwa 20 Jahren habe ich angefangen, mir meinen eigenen Ort zu schaffen. Ein kleines Freizeitdomizil, nicht weit weg. Direkt an einem See, eingebettet in mehrere Gewässer und ein angrenzendes Naturschutzgebiet. Nichts Spektakuläres, aber genau richtig, um den Alltag beiseite zu schieben.
Inzwischen sind es rund 100 Plätze dort. Kleine Parzellen, auf denen zwischen zwei und sechs Menschen ihr eigenes Stück Rückzug gefunden haben. Dieses Jahr besteht die Gemeinschaft seit 20 Jahren.
Ab etwa 2006 bis zur Corona-Zeit war der 1. Mai für uns fest mit diesem Ort verbunden. Am See, mit Familie und Freunden. Zusammensitzen, grillen, gemeinsam etwas unternehmen und irgendwann einfach dort bleiben und einschlafen. Es hatte etwas Selbstverständliches bekommen. Dann kam eine Pause. Keine eigene Entscheidung, eher ein Bruch, der von außen kam.
Und vielleicht ist genau das der Grund, warum wir dieses Jahr wieder etwas aufgegriffen haben. Ein Stück von dem, was lange selbstverständlich war. Ohne großen Plan, eher aus dem Gefühl heraus.
Wenn ich heute am 1. Mai dort sitze, ist vieles anders als früher. Und gleichzeitig erstaunlich ähnlich. Einige der Kinder von damals – auch meine eigenen – haben die Plätze übernommen. Und manchmal merke ich, wie sich die Perspektive verändert hat.
Vielleicht geht es gar nicht nur um den Ort oder das, was man macht. Sondern darum, sich immer wieder einen Raum zu schaffen, in dem das möglich ist.
Und sich zu erinnern, wann man damit begonnen hat.