Darf man noch Schwäche zeigen?
Und wie können Fragen uns dabei helfen, trotz bzw. gerade wegen dieser Schwächen zu wachsen
In letzter Zeit fällt es mir immer öfter in der Kommunikation meiner Mitmenschen auf:
Fragen zu stellen scheint als eine Art „Schwäche “ wahrgenommen zu werden und die eigenen Schwächen geben die meisten Menschen scheinbar zunehmend ungern zu.
So kann man häufig alle fromm nicken sehen, ob privat beim leckeren Essen im Restaurant oder beim Vortrag des Chefs. Später unter vier Augen kommt es dann oft doch zur Sprache „Ich hab überhaupt nicht verstanden worum es ging!“ „Wer war das von dem XY erzählt hat?“ „Davon hab ich noch nie gehört, wollte aber nicht vor allen dumm da stehen.“ …
Auch ich selbst habe mich schon dabei ertappt, lächelnd in einem Theaterstück die Nebenrolle zu spielen, obwohl ich überhaupt keinen Anhaltspunkt finden konnte, um dem Gespräch auch nur eine wertvolle Information entlocken zu können.
Nun gibt es ja zwei realistische Umgangsformen mit der Situation:
-1. Zeitnah signalisieren, dass man zu den "Unwissenden" gehört und eine Erklärung benötigt.
-2. Vorgeben, zu wissen. Hoffen, das langweilende Gespräch geht schnell vorbei und versuchen in Mimik und Gestik angemessen dem Geschehen bei zu wohnen, ohne aufzufallen oder etwas gefragt zu werden.
Da ich Gespräche, denen ich keinen Mehrwert (Inhaltlicher, sozialer, emotionaler oder welcher Art auch immer), entlocken kann als Zeitverschwendung ansehe ist meine Auswahl hierbei oft klar.
Bereits in Kindertagen habe ich es jedoch gehasst, wenn ich mich nun für Variante Nummer Eins entschied, in weit aufgerissene Augen zu schauen und wiederholtes Empören abschwächen zu müssen „Waaas das kennst du nicht?“ oder schlimmer noch „Das weiß doch jeder!“ Killerphrasen wie diese geben sofort jedem unweigerlich das Gefühl irgendwas verpennt zu haben.
Dazu kommt wohl, dass ich auch zu der Sorte Hochsensiblerpersönlichkeiten gehöre, die sich davon schnell verunsichern lassen.
Schon öfter habe ich mir Gedanken dazu gemacht, wie gerade unser Schulsystem uns versucht in eine passende Schublade zu stecken, hierauf möchte ich heute aber nicht näher eingehen, es ist nur als Teil des Problems erwähnenswert. Einen Film der sich mit der Thematik, meiner Meinung nach recht informativ, befasst ist „Alphabet - Angst oder Liebe“
Nun bin ich heute ganz unerwartet über einen Artikel in einer geschenkten Zeitschrift gestoßen den ich sehr interessant fand, mit dem Titel „Die Kunst, klug zu fragen“ (gleichnamig zum Buch.)
Hier erläutert Innovationsforscher Warren Berger, wie Kinder zunächst als abenteuerliche Forscher und Entdecker Fragen als ein wertvolles Instrument nutzen, diese Fähigkeit ihnen jedoch im Laufe der Zeit, vor allem ab dem Schuleintritt, aberzogen wird. Es sollen Antworten geliefert, keine Fragen gestellt werden.
Super interessant fand ich die Beispiele für das riesige Potential, welches häufig in „kleinen“ Fragen schlummert, zum Beispiel in Form der Entstehungsgeschichte des Weltunternehmens Polaroid :
So entstand die Idee für die erste Sofortbildkamera und somit später der Firmengründung des Weltunternehmens Polaroid durch die Frage der 3 jährigen Tochter des Firmengründers Edwin Land.
„1943 war Land mit seiner Familie im Urlaub in Santa Fe. "Es war ein wunderschöner Tag", so Land, die Sonne schien, die Berge waren schneebedeckt. Er machte Fotos. Dann fragte seine dreijährige Tochter: "Papa, warum kann ich die Fotos nicht sofort sehen? “"Quelle
Diese Story zeigt deutlich, welche mächtigen Entwicklungen die kindliche „Naivität“ durch offenes Fragen „dummer Fragen“ in Gang setzten kann, man stelle sich vor, der Vater hätte „Weil das schon immer so ist, du dummes Kind!“ geantwortet…
Auch mir ist es bisweilen, vor allem im Ausbildungs- Studierenenden-Verhältnis passiert, dass ich durch meine Neugier großen Unmut auf mich zog, was mich damals sehr verunsicherte.
Heute weiß ich, da fühlte sich jemand in seiner Unwissenheit ertappt, das war nicht mein Fehler und zeigt, dass ich genau die richtige Frage gestellt hatte, die „bellende“ Person war nur nicht bereit, sich mit mir gemeinsam der Frage zu stellen und eine Lösung zu suchen…
Dem oben genannten W. Berger fiel nun bei seinen Recherchen über die klugen Köpfe aus Wirtschaft und Wissenschaft sowie deren Erfolgsstrategien, eine interessante Übereinstimmung in den Biografien dreier mächtiger Männer auf:
-Jimmy Wales (Begründer Wikipedia)
-Larry Page (Google-Erfinder)
-Jeff Bezos (Chefs und Initiator von Amazon)
Die drei hatten in ihrer Kindheit eine, vermutlich charakterisierende, Gemeinsamkeit:
Sie alle besuchten eine Montessori-Schule.
Laut Berger, hat dieses pädagogische Konzept seinen Schwerpunkt umgekehrt. So lautet der Tenor dort wohl, es sei wichtiger Fragen zu stellen, als Antworten zu kennen.
Das weckt anscheinend einen Erfindergeist in den Kindern, der wohl bis ins Erwachsenenalter nicht verebbt.
Im Artikel wird empfohlen, um die eigene Lebenswelt kreativer zu gestalten mit der Macht des Fragenstellens zu arbeiten, da es hierbei zur intensiven Auseinandersetzung mit der Umwelt komme.
Probleme lösen
Um persönliche Probleme kreativer zu lösen könnte man demnach:
-Zurück zum Anfang, sich völlig frei machen: Zunächst, um frei zu sein für andersartige Visionen, muss man sich eingestehen, dass man Unwissend ist und es vieles gibt, das unser Verstand (bisher) nicht begreift. Nur durch dieses Frei-machen entsteht eine Offenheit, die fruchtbaren Boden für Brainstorming und co schafft. Aspekte mit eingestandener Ahnungslosigkeit zu betrachten, benötigt zunächst jedoch einigen Mut, da es erstmal zu Verunsicherungen kommen kann und man sich vom ein oder anderen, lieb gewonnenen Grundsatz nur ungern trennt.
-Wohlfühlen mit der eigenen Fehlbarkeit: um vorschnelle Antworten und „Lösungen“, welche sich letztendlich als goldener Käfig entpuppen können, zu vermeiden, benötigt es vermutlich nicht nur das Eingeständnis dieser Unwissenheit sonder auch das Wohlfühlen hiermit. Negativer Stress, Druck oder Angst (keine Lösung zu finden) kann die Neubildung neuronaler Bahnen blockieren und schränkt somit ein,
-Warum? Die Warum-Fragen als Ursprung für den Entwicklungsprozess nehmen, da die Frage „Warum muss es so sein/weiter gehen?“ oftmals bereits dabei hilft, so zu erkennen: es könnte eben auch ganz anders sein!
-Was-wäre-wenn-Fragen zur Anregung für neue Ideen nutzen, um starre Denkmuster und eingestaubte Glaubenssätze zu entkräftigen.
-Wie-Fragen nutzen, um den eigenen Lebensweg mit Fokus auf eigene Träume zu gestalten. Denn nur, wenn man sich regelmäßig fragt, wo die Reise hingehen soll, wer oder wo man in einiger Zeit stehen möchte, kann man die eigene Situation zukunftsorientiert reflektieren.
-Zu guter letzt eine ganz wichtige Frage, um das Schöne und Wertvolle ins Bewusstsein zu rücken:
„Wofür kann ich heute dankbar sein?“
Dankbarkeit ist immer eine wichtige Basis um das rechte Maß zu finden und dabei die Freude nicht zu verlieren.
Mir hat der Artikel einige Impulse gegeben, ich freue mich diese hier mit euch teilen zu können und hoffe zukünftig noch offener mit meiner „Unwissenheit“ umgehen zu können.
-Das offene (mit)Teilen der eigenen Fehler und Schwächen schweißt ja, bekanntlich, zusammen und mit ein wenig Humor kann man sehr viel Freude, auch an den fehlerhaften und peinlichen Momenten des Lebens haben (wenn auch oftmals erst im Nachhinein ;-) ).
Mich würde an dieser Stelle natürlich interessieren, ob ihr ähnliche Erfahrungen, wie oben beschrieben, im Alltag macht oder ob ihr euch in Kreisen bewegt, in denen man durchweg mutig zu seiner Fehlbarkeit steht. Wie erlebt ihr den Umgang mit der menschlichen Unzulänglichkeit?
In der Arbeit mit geistig behinderten Menschen, welche ja häufig deutlich freier agieren, da ihnen nicht bewusst ist, "was sich gehört" ist mir oft aufgefallen, dass bei genauerer Betrachtung, ihre Fragen oft Türen zu "neuen Welten" öffnen.
Danke für eure Aufmerksamkeit, ich wünsche euch noch einen wundervollen Samstag.
Eure Yaraha
Film-Empfehlung: „Alphabet - Angst oder Liebe“
Buch-Empfehlung: Warren Berger: "Die Kunst des klugen Fragens" Piper Verlag
Quellen
Good health Nr. 1 Januar 2018 Artikel „Die Kunst, klug zu fragen“ über das gleichnamige Buch, Text Jutta Junge, Fotos Adam Krause/Redux/Lais, Action Press3, S. 78 - 83.
Fotos:
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