Ich zähle mich normalerweise wirklich zu den Zeitgenossen, die man nur extrem schwer auf die Palme kriegen kann und mitunter auch bei einem direkten Angriff einmal genüsslich darüber grinsen kann. Auf den letzten Metern darf man niemals seine Würde verlieren, dann kann das Gegenüber nicht verlieren.
Heute möchte ich mich aber einem Thema widmen mit dem man mich sehr leicht zur Weißglut treiben kann. Nicht weil ich mich persönlich davon angegriffen fühle, sondern weil es einfach im Kopf weh tut. ;) Diskutiert man mit Zeitgenossen über das Thema „Aktien“ so kommt immer wieder eine ganz klassische Aussage: „Diese Aktie ist aber so teuer!“. Dies kann man mitunter sogar bei jenen erleben, die in Aktien investiert sind.
Wer nun damit rechnet, dass man eine hochtrabende Diskussion darüber führt, dass der KGV einer Aktie einfach zu hoch sei oder man eben in den letzten Jahre eine Asset-Inflation erlebt hat, die die Kurse in einigen Bereichen haben nach oben getrieben zu haben, der irrt gewaltig. Die Person redet meist nämlich von einer Amazon-Aktie, die momentan z.B. bei 2733 € rangiert. Das sei viel zu teuer für eine Aktie!
Wenn ich in eine Aktie 100€ investiere, wieviel ist sie dann wert? Richtig, 100€. Ob man nun dafür 100 Aktien oder nur eine bekommt, ändert an ihrem Wert absolut gar nichts. Erst eine Kursbewegung ändert daran etwas. Und steigt die Aktie um 5%, dann ist die Aktie 105€ wert. Oder eben 1,05€. Es ist wirklich erschreckend wieviele Leute bei so etwas bereits mental austeigen und nicht mehr folgen können.
Gerade bei den „wertvollen“ Aktien kommt es immer wieder zu Aussagen wie: „Boah, ist die wieder gestiegen!“. Steigt Amazon um 5% sind wir eben von 2733€ bei 2869€. Dies mag auf den ersten Blick wie ein enormer Anstieg aussehen, aber es ist und bleibt eben nur ein Anstieg um 5%. ;)
Wer also einfach nur auf den Kurs guckt und beginnt Aktien miteinander zu vergleichen oder gar danach zu beurteilen, ob eine solche Aktie „teuer“ ist, der begeht im wahrsten Sinne einen kapitalen Fehler. Wir sind an der Börse nicht unterwegs um dort Äpfel mit Birnen miteinander zu vergleichen, sondern die Zukunft zu handeln! Die Gretchenfrage ist somit immer, was die Aktie in ein paar Jahren wert ist.
Dabei kann eine sehr „teuere“ Aktie wie Amazon durchaus noch sehr viel Fantasy nach oben haben. Denn bereits bei 1500€ haben die Leute schon geunkt, dass es ja alles so teuer sei und nur noch nach oben gehen kann. Nun haben wir uns bald verdoppelt und der Kurs geht immer noch nach Norden.
Natürlich geht jedes Wachstum stets immer einher mit natürlichen Grenzen des Wachstums. Ein Amazon ist momentan ca. 1,4 Billionen EUR wert. Ein nicht unerheblicher Batzen Geld und wer hier einen 1000-bagger erwartet, wird vermutlich eine ganze Weile warten müssen bis er sie erreicht. Gerade kleinere Unternehmen wie Startups haben selbstverständlich wesentlich mehr Wachstumspotenzial als ein internationaler Megakonzern.
Dabei darf man aber eben auch nicht vergessen, dass viele Startups bereits nach wenigen Jahren vom Wind der Zeit dahin geweht werden und sehr schnell wieder in Vergessenheit geraten. Zwar können auch die Großen zu Fall gebracht werden (siehe Wirecard), aber es tritt eben doch seltener ein. Wer aber erst die Eroberung eines Marktes vor sich hat, kann natürlich wesentlich einfacher Wachsen als ein unternehmen, dass bereits die ganze Welt mit seinen Produkten erobert hat.
Jeder Investor und Trader wird seine eigenen Lieblingskennzahlen haben mit dem er eine Schnellanalyse der Aktien vor sich durchführt. Und für wirklich jede werden sich Argumente dafür und dagegen finden lassen. Aber bitte macht aus 100€ nicht mehr als es ist!
Und ich möchte auch noch klar Differenzieren von jenen Leuten, die mit der Aussage meinen, dass eine Aktie für sie schwer zu handeln ist. Wer eine Option auf ein Amazon schreibt (100 Kontrakte) wird sich damit recht schwer tun, wenn er dies nicht nackt machen möchte. Und ja, es gibt auch Depot-Banken bei denen es nicht möglich ist „halbe“ Aktien zu handeln.
Gerade bei den großen Playern wird man allerdings immer dort wo es auch Aktiensparpläne gibt, gute Möglichkeiten finden auch anteilig Aktien zu finden. Z.B. Consors hat ein sehr gutes Sortiment an Aktiensparplänen, wo man durchaus jeden Monat seine 100€ in eine Amazon stecken kann. Natürlich treibt es einen da die Tränen in die Augen, wenn man dann das kleine Krümmelchen in seinen Händen hält. Man erwirbt eben halt nur 100€ von 1,41 Billionen €.
Gefühlte 80% der Bundesbürger werden diesen Sachverhalt nie kapieren. Wenn Du es begreifst, kann Du dich endlich davon lösen immer nur wie das Kanninchen auf die Schlange zu blicken, sondern statt dessen versuchen die Perlen zu finden in dem Du die Aktien kaufst, die auf lange Sicht Stärke und Wachstum versprechen.
Nun und wenn Du nicht zu den Auserwählten gehörst, dann investiere bitte lieber in einen ETF und kaufe Dir 100€ in einen solchen Fond ein. Damit tun sich diese Leute irgendwie leichter, wobei es mir wirklich nicht mehr erschließt, wieso eigentlich. Denn auch ein ETF kann über die Jahre hinweg sehr „teuer“ werden ;)