Heute möchte ich euch einen kleinen Einblick in mein Leben geben.
Eins vornweg.
Ich habe vor, diesen Blog sehr persönlich zu gestalten und viel von mir Preis zu geben.
Ich glaube einfach, dass meine Geschichte anderen Menschen Mut machen, oder sie inspirieren kann. Man kann sein Leben in die Hand nehmen und sein Glück selber bestimmen, egal wie scheiße die Vergangenheit war.
Nichts von dem, was ich euch hier erzähle, macht mich heute noch angreif- oder verletzbar. Dazu kommt, das Autisten generell ein anderes Gefühl für Nähe& Distanz haben oder was man öffentlich sagt oder nicht. Viele haben da weniger das Bedürfnis, ihre Privatsphäre zu schützen, weil sie die emotionale Verletzbarkeit nicht so fühlen. Und so geht es mir auch.
Und noch etwas. Mein Mann ist selbstverständlich sowohl damit einverstanden das ich dieses sehr private Thema (und weitere) hier mit euch teile, als auch, dass ich Fotos von uns beiden poste !!!
Ohne sein Einverständnis würde ich das nämlich nicht tun, aus Respekt.
Ich will heute vor allem über ein spezielles Identifikationsthema aus meinem Leben reden.
Was bin ich?
Als ich geboren wurde, bekam ich das Geschlecht einer Frau.
Mit ungefähr vier Jahren wurde mir zum Ersten mal wirklich bewusst, dass ich ein Mädchen bin und es auch Jungs gibt. Damals verstand ich noch nicht, dass Mädchen zwangsläufig irgendwann Frauen werden.
Ich hoffte irgendwie, meine Vagina wäre nur eine Art unterentwickelter Penis und würde noch zu einem Glied heranwachsen, wenn ich älter würde. Ich glaubte auch mit 10 noch an den Weihnachtsmann, egal was andere Kinder mir erzählten. Also zu mir kam der echte Weihnachtsmann, auch der echte Osterhase und jaaaa, auch das Christkind. Was kann ich dafür wenn die auf euch keine Lust haben hä???
Wenn mich jemand fragte, wie ich heiße, war meine Antwort Florian.
Keine Ahnung wie ich auf den Namen kam. Sobald ich Alt genug war, dass ich meine Frisur beeinflussen konnte, trug ich einen Jungenhaarschnitt.
Ich erinnere mich genau an den Moment, als ich beim Frisör sass und die Jungenhaarschnittkarte hingelegt bekam. Ich war in dem Moment überglücklich.
Es war für mich gar nie die Frage, bin ich ein Junge oder ein Mädchen, ich wusste einfach, ich bin ein Junge.
Meine Eltern und Nachbarn gingen damit sehr locker um, wofür ich ihnen heute noch dankbar bin. Man ließ mich einfach machen.
Irgendwann gab meine Mama auch das Klamottenkaufen auf, weil ich, wie alle autistischen Kinder, sehr schwierig war.
Ich durfte mir meine neuen Sachen dann selber aussuchen, wodurch wir Stunden in der Jungsabteilung standen, weil ich 1000 Pullis probieren musste bis der mit den richtigen Attributen dabei war.
Ich konnte mich weder mit meinen Klassenkameraden noch mit meinen Eltern identifizieren.
Als ich 4.5 Jahre alt war, musste ich ins Krankenhaus um die Mandeln rauszunehmen. Meine Mutter bereitete mich wochenlang auf den Besuch vor und wir waren mehrmals im Krankenhaus, damit ich mich daran gewöhnen konnte. Sie hat vergessen zu erwähnen, dass ich nur 4 Tage dortbleiben würde, denn ich dachte, ich würde umziehen. Als sie mich nach 4 Tagen wieder nach Hause mitnehmen wollte, war ich zutiefst erschüttert. Mir gefiel meine neue Krankenhausfamilie. Ich fand das Bett mit der verstellbaren Rückenlehne klasse, außerdem gab es jeden Tag eis und man konnte mit Rollstühlen durch die Gänge fahren. Außerdem gab es einen Fernseher, was wir zuhause nicht hatten. Ich sah absolut keine Notwendigkeit, nochmal umzuziehen. Das gab ein riesen Fiasko, weil klein Rachel ne mörder Szene machte und mehrmals von Zuhause weglief, zurück ins Krankenhaus. Erst heute ist mir bewusst, wie unglaublich verletzend das für meine Mutter gewesen sein muss.
Ich bin generell oft weggelaufen.
Ich fand meine Eltern nicht scheiße, ich mein, ich fand sie ganz ok, mal richtig ätzend mal echt in Ordnung.
Man muss dazu sagen, dass mein Stiefvater extrem dominant und bestimmend war, und meine Mutter ... ein Häufchen Elend. Sie weinte viel, alles war hart und schwer und ihr Selbstvertrauen lag bei etwa -10. Ich verstand das absolut nicht. Ich hatte auch kein Mitgefühl für sie. Erst als meine Eltern sich scheiden liessen und ich nur noch meine Mutter hatte, wurde es besser.
Wir mussten einfach miteinander reden, weil es nur noch uns beide und meinen schwierigen kleinen Bruder gab.
Ich dachte damals, jetzt bin ich der Mann im Haus und muss die Verantwortung übernehmen, die vorher mein Stiefvater getragen hat.
Ich schlüpfte in eine eher ungesunde Rolle der Verantwortung hinein, lernte aber sehr viel über zwischenmenschliche Themen und zum ersten Mal, teilte mir meine Mutter ihre Gefühle wirklich mit. Sie tat das, was man nicht tun sollte, sie lud all ihren Kummer und Schmerz bei mir ab. Während ich ihre depressive Stimmung, das Weinen und andere Dinge nicht verstand, konnte ich ihren verbalisierten Kummer schon eher nachvollziehen, auf einer rationalen Ebene.
Mir kam das damals sehr gelegen, weil ich selber massive Identifikationsprobleme hatte. Die Sorgen meiner Mutter waren mir lieber als meine Eigenen.
Ich kam mit 12 richtig in die körperliche Pubertät, meine Hüften wurden breiter, meine Brüste explodierten. Ich gehöre nicht zu den Frauen, die ein A Körbchen haben, ich hatte schon mit 13 Jahren ein C Körbchen und ich hasste es.
Ich wusste nie, wo ich hingehörte.
Mein Stiefvater war stark genug um mich zu beschützen und zu versorgen, meinen Bruder hätte ich gerne geliebt aber er lehnte mich konsequent ab. Mein leiblicher Vater war ein Vollidiot (ist er immer noch) und meine Klassenkameraden kamen wir vor wie ein Rudel wilder Hunde, mit denen wollte ich auch nix zu tun haben.
Ich gehörte nirgends hin, aber ich hatte mich.
Ich wusste bis dahin immer, welche Art von Junge ich war.
Mit 14 verlor ich die einzigen Aspekte meines Lebens, über die ich irgendwie meine Position im Universum definieren konnte. Mein Stiefvater zog aus, als ich im Urlaub war. Ich kam nach Hause und er war einfach nicht mehr da .... das war echt ned ok, find ich. Und ich verlor meine Identität als Junge.
Jetzt sah ich also meine Mutter an, diese schwache, weinerliche und in meinen Augen recht erbärmliche (ja so dachte ich damals, heute habe ich eine andere Sicht darauf) Frau und dachte, Shit... das ist deine Zukunft Rachel.
Ich legte meine männlichen Charaktermerkmale ab, verpackte sie in eine Kiste tief unten im Keller meiner Seele und schloss ab. Übrig blieb von mir nicht viel.
Unsicherheit und die Angst nicht zu genügen weil ich mich auch so unvollständig fühlte. Auch die Angst das jemand meine Verkleidung als Frau eben als Verkleidung erkennt und das bittere Gefühl, so leben zu müssen wie meine Mutter.
Das Einzige was mir blieb, war meine eigene Mutterrolle. Ich baute meine ganze Identität auf diesem einzigen Aspekt auf. Ich bin Mama. Das war all mein Sein. Mehr konnte ich mir für mein Leben nicht vorstellen und ich hoffte, schon sehr früh schwanger zu werden, um quasi meine Identität zu erfüllen.
Mit den Jahren lernte ich, dass es wohl auch starke Frauen gibt, und erkannte glücklicherweise, dass ich doch eine Wahl habe, wie ich leben möchte. Nun ja nicht wirklich, mir war schon klar, dass ich nicht so leben konnte, wie ich es gewollt hätte und das ich nicht sein konnte, wer ich tief im Innersten war. Aber ich fand einen Weg, den ich überleben konnte, irgendwie.
Während meiner Ausbildung, lernte ich meinen heutigen Mann kennen.
Wir trafen uns im Internet in einem Mmorpg. Das sind Online-Spiele die man eben online und in Gruppen spielen kann. Auf der Suche nach verzauberten Knochen. Schnell war klar, dass wir unglaublich viel gemeinsam haben und wir spürten beide schnell, wir gehören zusammen. Es wäre dabei egal gewesen, ob ich ein Mann oder eine Frau bin. Als Mann wären wir einfach die besten Freunde geworden und hätten vermutlich eine WG gegründet. Als frau war klar, wir sind ein Paar.
Ich kann sein, wer ich bin, 100%. Er liebt mich, nicht weil ich eine Vagina habe, sondern wegen meinem Menschsein. Er liebt mich für das, was ich bin.
Mit den Jahren fand ich immer mehr zu mir zurück und heute gehe ich offen damit um, dass ich mich als Mann fühle, innerlich. Ich trage die Maske nicht mehr, es ist mir egal, was andere Denken. Ich besitze keine Schminke, keine Handtäschchen, keine Kleider, Schuhe, Schmuck oder sonst was. Ich habe keine Ahnung von weiblichen Themen und fahre stattdessen lieber Skateboard, Snowboard oder Zocke. Gern auch mal ein reines Ballerspiel. Ich finde Frauen toll, versteht mich nicht falsch, ich sehe auch öfters mal eine wo ich denken, uiuiui, die sieht hübsch aus. Ich find auch geschminkte, chick gekleidete Frauen attraktiv, aber ich bin das eben nicht.
Das Gefühl, im falschen Körper zu sein ist immer noch genauso präsent wie früher.
Seid ich es angenommen und als Teil meiner Identität akzeptier, muss ich mich nicht mehr zu Tode fressen, bewege mich instinktiv regelmäßig und verliere step by step mein Übergewicht.
Ich hab auch schon öfters mit meinem Mann über das Thema Geschlechtsumwandlung geredet. Immerhin kann man da heute viel machen und weil er mein bester Freund und engster Vertrauter ist, reden wir auch offen über alles.
Ich liebe ihn so aufrichtig und von ganzem Herzen, wie man eben lieben kann.
Ich möchte ihn für den Rest meines Lebens an meiner Seite haben und alle Höhen und Tiefen mit ihm gemeinsam beschreiten.
Ich möchte mit ihm eine Familie gründen und in dieser Familie, will ich die Mutter sein.
Würde ich Testosteron nehmen, müssten wir unsere Ehe aufgeben (denn wir sind beide nicht schwul) und könnten auch keine Familie mehr sein.
Solange mein Mann lebt und wir unser Leben gemeinsam gestalten wollen, werde ich mit dem Körper einer Frau leben. Ich habe eine wundervolle, ehrliche Beziehung und darf ein sehr privilegiertes Leben führen.
Sex spielt in unserer Ehe nur insofern eine Rolle, als das wir ihn nicht haben.
Wir lieben uns, wir haben sehr viel emotionale Nähe durch intensive tolle Gespräche und umarmen uns auch mal oder so.
Aber wir haben das Bedürfnis einfach nicht. Ich weil ich mit meiner Weiblichkeit nicht wirklich klarkomme, die Nähe mir schnell zu nah ist und ich es auch nicht schön finde. Bei meinem Mann, wissen wir beide nicht, warum es so ist. Aber er ist sehr froh, dass wir so leben, wie wir es tun. Wir sprechen regelmäßig über unsere Ehe und ob wir beide glücklich mit ihr sind.
Ich akzeptiere, wer ich bin und habe mich bewusst entschieden, in diesem Körper zu leben und ihn zu ehren, in dem ich gut für ihn sorge.
Transsexualität und Autismus ?
Dieses Problem haben viele Asperger-Frauen.
Menschen mit Asperger haben ein erhöhtes Testosteronlevel. Man hat festgestellt, dass unser Gehirn in einer bestimmten embryonalen Phase zu männlich geprägt wurde. Sehr viele Frauen mit Autismus, haben das Gefühl, im falschen Geschlecht geboren worden zu sein. Ich bin damit also absolut nicht alleine und es ist nicht außergewöhnlich, sondern ein Teil meines Autismus, wenn man so will.
Seit ich in meiner männlichen Kraft lebe und zu mir stehe, habe ich tausend mal mehr Energie und erreiche endlich meine Ziele.
Mein Leben lang redete man mir ein, ich sei eben faul und undiszipliniert und ich glaubte den Shit. Heute weiss ich, mein Umfeld hat mich unmengen an Energie gekostet, unter diesen Umständen hatte ich gar keine Kraft für irgend etwas, außer zu überleben.
Heute bin ich frei und voller Energie. Ich habe viele Ziele und ich lieb es, an ihnen zu arbeiten. Ich weiß genau, wer ich bin, wo ich stehe und wo ich hin will im Leben.