Kommen wir - aus leider gegebenem Anlaß - zu den Stolpersteinen schriftlicher Kommunikation.
Hier findet der Autist ja gern gar kein Ende, jedenfalls aus Sicht mancher Normalos. Nach dem Motto: umfangreich und ausführlich erklärt und durch das Bestreben, Klarheit zu schaffen, dem Gegenüber die Geduld geraubt, so daß dieser im wahrsten Sinne des Wortes "zumachte". Bei Twitter und auch bei Facebook geht das ja auf eine technisch recht simple Weise: derjenige, der vom Wortschwall des Autisten genervt ist, blockiert diesen. Damit kann der Autist nicht mehr die Beiträge des Gegenübers sehen.
Aus kommunikationspsychologischer und -technischer Sicht meines Erachtens genau das Gegenteil von dem, was man bezwecken wollte. Bei Twitter kann der Autist den Blockierer immer noch über dessen Handle ansprechen, wenn er es im Kopf hat (es wird nicht mehr vervollständigt beim Tippen). Sofern der Blockierer den Autisten nicht "gemutet", also stummgeschaltet, hat, kann bzw. muß er den nachfolgenden Redeschwall immer noch lesen. Bei Facebook ist die Erreichbarkeit wesentlich stärker herabgesetzt. Da in der Regel der Blockierer den Autisten aus der Freundesliste entfernt, bevor er ihn blockiert, liest der Blockierende die Einträge des Autisten erst einmal nicht mehr. Dem Autisten ist es nicht mehr möglich:
- nach dem Blockierer zu suchen
- das Profil des Blockierers anzuschauen
- den Blockierer in eigenen Beiträgen oder Kommentaren zu markieren
- dessen Beiträge in Gruppen zu lesen
- dessen Kommentare unter Einträgen jeglicher Art zu lesen
Zusätzlich steht es dem Blockierenden auch noch frei, im Facebook-Messenger eine weitere Blockade einzurichten. Damit sind alle Möglichkeiten zur Kommunikation über die Facebook-Plattform ausgeschaltet.
Ich kann nur für mich selbst sprechen, aber in den vier Fällen, in denen ich bei Twitter bzw. Facebook blockiert worden bin, war der Auslöser nicht, daß ich geäußert hätte, ich wolle mit der anderen Person nicht mehr kommunizieren. Sondern eine beidseitig etwas ungeschickte Kommunikation, gewürzt mit der oben erwähnten Neigung des Autisten, sich im Rechtfertigungsmodus um Kopf und Kragen zu reden, und der Unlust des Gegenübers, sich mit soviel Liebe zum Detail auseinanderzusetzen.
Ich möchte der Vollständigkeit halber auch gar nicht verschweigen, daß ich selbst auch schon zweimal jemanden blockiert habe, dem ich nicht mehr zuhören mochte, weil es mir zu schmerzhaft war, mich damit auseinandersetzen zu müssen, daß der andere mich offenbar nicht verstehen wollte.
Unschön wird es, wenn - wie im aktuellen Fall - die Blockade erfolgt, während der Autist sich noch in einem länglichen erklärenden Sermon ergeht, als Antwort auf eine vorher gestellte Frage. Wer Twitter nicht kennt, stelle sich alternativ vor, er habe jemandem eine SMS mit einer einfachen Frage geschrieben und bekommt vier lange SMS als Antwort zurück. Auch das ist mir schon im realen Leben passiert. Ich war die Person, die die vier SMS geschrieben hat, weil es mir in dem Moment absolut notwendig erschien, den Sachverhalt so gut wie möglich zu erklären. Noch heute ergreift mich beim Gedanken an das Ereignis und den Betroffenen eine gewisse Paranoia, gleichzeitig vermisse ich ihn und würde gern immer noch das Geschehene aus der Welt schaffen. (Tatsächlich hatten wir uns zwei Tage danach gesehen und er hatte mich normal gegrüßt. Leider nahm in den vier Wochen danach meine Angst vor ihm immer mehr zu, bis ich völlig handlungsunfähig war, und - vermutlich eher zu meinem als zum Schutz der anderen - aus der Gruppe rausgeworfen wurde. Wir sind uns seitdem nicht mehr begegnet, andere aus der Zeit habe ich schon noch getroffen, aber auch nur überraschend, nicht geplant.)
Was also sollte der Autist jetzt daraus lernen?
Oder: sollte nicht eher der Nicht-Autist lernen statt des Autisten, der sich bemüht hat, eine verständliche freundliche Sprache zu wählen, die Frage konkret zu beantworten und dem Nicht-Autisten so entgegenzukommen?
Kann man überhaupt im Voraus fragen, wie man eine Antwort an jemanden formulieren kann, so daß dieser Jemand gewillt ist, die Antwort auch zu lesen und sie nicht als Angriff zu werten?
Es gibt in Deutschland einige Gegenden, in denen den Menschen die knappe Kommunikation besser zu liegen scheint. Teile Norddeutschlands gehören wohl dazu, meines Wissens auch das Rheinland. Bayern oder genauer die Oberpfalz hätte ich nicht dort eingeordnet. Aber bevor ich wieder in die Münchner Gegend gezogen bin, war mir "Oberpfalz" auch kein Begriff in dem Sinne, wie er hier im südlichen Bayern existiert. (In so einem großen Bundesland muß man offenbar nicht nur "wir gegen die" mit den anderen Bundesländern praktizieren, sondern auch mit den einzelnen Landesteilen. Und da die Einwohner der Münchner Gegend, also die Oberbayern, im Speckgürtel Bayerns leben, schauen sie auch am meisten auf die anderen Landesteile hinab.)
Ist man nun in einer entsprechenden Gegend aufgewachsen, fällt einem die Eingewöhnung in derartige kulturelle Feinheiten sicher einfacher als jemandem, der sich als Autist viele Prinzipien für den Alltag ausdenkt, diese überprüft, auf Erlebtes anpaßt und irgendwann die soziale Gruppe, mit der er regelmäßig Umgang hat, daran mißt, inwiefern sich diese an die angeeigneten Prinzipien hält. Tut sie das gar nicht, sollte der Autist eigentlich schleunigst das Weite suchen, sofern nicht mindestens ein Mitglied der Gruppe hin und wieder erklärend einzugreifen vermag und ein gegenseitiges Vertrauensverhältnis mit dem Autisten hat.
Hier ist es leider unter Umständen auch absolut notwendig, sich von der Gewohnheit des Abwartens zu verabschieden, denn die nächste Gelegenheit, einen wichtigen Menschen wieder zu überfordern, kommt bestimmt. Negative Erlebnisse mit dem Kommunikationsbedürfnis eines Autisten, der unter Streß steht, bringen einen Vorgesetzten tendentiell nicht dazu, den Autisten für leistungsfähig zu halten. Für den Autisten ist es auch dadurch frustrierend, daß ihm klar ist, daß er nicht gewinnen kann, gleichsam aber nicht in der Lage ist, eine Kommunikationsstrategie zu entwickeln, die ihn rechtzeitig aus der Abwärtsspirale herausholt. Ja, möglicherweise wagt er es nicht, zu formulieren, was ihn stört, weil er denkt, sich unterordnen, die Situation aushalten zu müssen. Er hat ja schließlich gelernt, daß er der Schwächere ist.
Vorsichtig sollte der Autist auch werden, wenn Sätze wie "Niemand mag Klugscheißer" kursieren, wenn es wiederholt dazu kommt, daß er etwas fragt und der andere etwas völlig anderes antwortet (oder umgekehrt: Autist fragt, Normalo antwortet), wenn er das Gefühl hat, die Ablehnung der anderen bei deren Anwesenheit körperlich spüren zu können.
Ich bin jetzt fast 40. Ich habe am Beispiel einer anderen Person erlebt, wie schwierig der Umgang mit anderen Menschen zwischen 35 und 45 noch einmal wird. Als durchliefe man als Autist dann eine zweite Pubertät, die genauso an den Grundfesten der gelernten Werte rüttelt. Die einen für den Rest des Lebens aus der Bahn werfen kann, weil man völlig das Gefühl für sozialen Umgang verlernt und diesen erst wieder er-lernen muß. Während man sich unsicheren sozialen Situationen aussetzt. Was für ein potentiell wirklich grausamer Kreislauf.