„In der Einsamkeit frisst sich der Einsame selbst auf, in der Vielsamkeit fressen
ihn die Vielen. Nun wähle.“
– Friedrich Nietzsche
Gott, warum hast du mich verlassen?
Dies und ähnliches lese ich in diesen Tagen oft – zu oft. Auf Fassaden, Fenstern, Straßen. Mit viel Hingabe für das eigene Elend, das sich in Kreide, Lack oder beliebig andere verfügbare Schreibmittel niederschlägt. Nicht, dass es mich schockiert oder mich sonderlich wundern würde, dass sich Menschen in ihrer Not an eine vermeintlich allmächtige Wesenheit wandten – aber dieser die Schuld an unserer Misere zu geben, finde ich lächerlich pathetisch. Lächerlichkeiten wie diese sind es, die mich auch heute noch dazu bringen, meinen Kopf zu schütteln. Auch wenn niemand mehr da ist, um es zu sehen.
Mein Blick streift das grelle Licht der Sonnenscheibe und verliert sich in den Häuserschluchten auf der anderen Seite der Straße. Während ich auf dem Bürgersteig sitze, schüttel ich mir den Staub aus den Haaren und erhole mich von meinem Gang durch die Stadt. Es ist noch nicht einmal Mittag und ich bin bereits vollkommen erledigt. Das Essen wird knapp, ebenso das Wasser und das Antibiotikum. Das Pochen im Bein erinnert mich daran, dass es zu früh wäre, Letzteres abzusetzen. Es führt also kein Weg daran vorbei, dass ich heute noch in den Nachbarort überwechseln muss. Gut anderthalb Stunden wird es benötigen, bis ich das kleine Lager erreicht habe und mich dort mit dem Nötigsten eindecken kann. Anderthalb Stunden sengende Hitze – sengende Hitze und ein angeschlagenes Bein.
Aber warum eigentlich weitermachen? Ich könnte ebenso gut aufhören – aufhören zu kämpfen und aufhören, den Leichnam einer Welt hinter mir herzuschleppen, die nur noch in meinem Gehirn existiert. Ich bin es leid, mir selbst vorzumachen, dass es noch einen Sinn hat. Vielleicht hatte es den nie.
Wenn ich zurückdenke – an früher –, dann erscheint mir vieles so trivial. So furchtbar naiv waren wir, anzunehmen, dass unsere kleinen Leben losgelöst vom Wohl und Weh des Rests der Welt eine größere Tragweite hätten als das eines einfachen Säugetiers. Sicherheit war stets eine Illusion, und die Krone der Schöpfung nur eine romantische Idee vom Gewaltenbezwinger Mensch. Was aber sind hochtrabende Gesellschaftskonzepte wert, wenn sie am Menschsein an sich zerschellen? Was passiert, wenn sich die Weltgemeinschaft an etwas messen muss, dass sie bei Weitem übersteigt? Was geschieht, wenn die Menschheit einer Prüfung unterzogen wird, auf die sich niemand vorbereiten kann und die den Kern des Menschen prüft, – das, was ihn ausmacht?
Du weißt ebenso wie ich, dass diese Prüfung stattfand. Der Lehrer war streng, und wir haben versagt. Die Konsequenz sehe ich nun in jedem wachen Moment meines verbleibenden Lebens vor mir.
Es sind nunmehr 23 Tage vergangen.
Dreiundzwanzig Tage seit dem Ereignis.
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Foto des Buchcovers: Lisa Spreckelmeyer / pixelio