Der Mensch war es – der Mensch in Not.
Meiner Was-wäre-wenn-Paranoia habe ich es ebenfalls zu verdanken, dass ich mein Handy noch nutzen kann, um notwendige Notizen zu verfassen oder Fotos von Orten festzuhalten, die noch Medizin- oder Nahrungsdepots bereitstellen. Ein portables Solarpanel und ein USB-Kabel ermöglichen es mir, zumindest dieses baldige Relikt unserer Hochkultur noch zu verwenden. Der Riss in der Bildschirmecke ist dabei belanglos. So komme ich also in den Luxus, hin und wieder einen Moment lang so zu tun, als hätte sich nichts geändert. Öfter, als ich es womöglich zugegeben würde, browse ich durch Partybilder, lese alte Nachrichten voller Banalität und sehe mir alberne Videos an. Und ja, ich nutze es, um Personen zu schreiben, die nicht länger existieren. Lächerlich? Vielleicht. Für mich aber notwendig.
Vom kleinen Display meines Smartphones blicke ich auf und die lächelnden Gesichter, die Katzenbabys und die Unbeschwertheit vergangener Tage weichen der traurigen Wirklichkeit. Vor mir erstreckt sich eine Einöde geschmolzenen Asphalts, eingebrochener Straßen und zertrümmerter Leiber. Das Gefühl gleicht auch jetzt noch immer wieder einem Schlag ins Gesicht. Der Moloch der Gegenwart hat mich wieder eingeholt.
Es kommt mir wie eine Ewigkeit vor, dass ich das letzte Mal einen anderen Menschen gesehen habe. Ich bezweifle, dass hier noch jemand lebt, außer mir. Ich laufe durch die von Puls und Atem befreiten Straßen meiner Stadt und alles ist mit Staub und Schutt bedeckt. Die Orientierung fällt schwer. Kaum ein Gebäude oder sichtbare Straßenzüge, an denen sich der eigene Standort sicher erkennen ließe. Als letzter Bewohner dieses Orts... dieser Stadt, dieses Landes, der Welt... – ich weiß es nicht – fühle ich mich fremd. Doch muss ich mich wohl mit dem Gedanken anfreunden, nie wieder in ein vertrautes Gesicht, oder überhaupt in ein anderes als das meinige, zu blicken.
Nach einer Weile beginnt man, mit sich selbst zu reden. Bei mir genügten wenige Tage, vielleicht eine Woche. Es begann mit Monologen, dem lauten Aussprechen von jenen Gedanken, die mich beschäftigten. Hat meine Familie Schutz gefunden? Haben meine Freunde überlebt? Wo finde ich Nahrung, Wasser und Schlaf? Was kann ich gefahrlos essen? Wo finde ich Unterschlupf?
Früher unterschied man in Erste, Zweite und Dritte Welt. Heute herrscht absolute Gleichheit – die Umverteilung ist geglückt. Alles ist Asche. Nachdem mir allmählich immer klarer wurde, dass ich meine Lieben nicht mehr wiedersehen würde, fing ich an fiktive Dialoge zu führen. Ich sprach mit meinen Eltern, mit Freunden und mit ehemaligen Nachbarn – und mit dir. Ich führte politische Diskussionen, redete mit einem potenziellen Geschäftspartner und hatte sogar einen hitzigen Streit mit meiner Exfrau. Sie ging unter die Gürtellinie – wie so oft zuvor.
Nach jedem dieser Gespräche fühle ich mich furchtbar irrational, verloren und leer. Ebenso leer wie die Häuser, auf deren Ruinen ich nun blicke – jeden Tag.
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Foto des Buchcovers: Lisa Spreckelmeyer / pixelio