Zuerst die gute Nachricht: Es ist ein schleichender, langsamer Prozess, bis du richtig in einem Burnout steckst. Vermutlich ist das die schlechteste aller guten Nachrichten, ist aber plausibel, wenn wir uns die schlechte Nachricht genauer ansehen: Es wird künftig mehr Menschen treffen und sie werden schneller darunter leiden.
Für einen optimistischen Menschen, und als solchen bezeichne ich mich mittlerweile wieder, ist es furchtbar, das auszusprechen. Allerdings genügt eine kurze Recherche im Internet, um festzustellen, dass sich diese schlechte Nachricht immer mehr bewahrheitet. Auch in Gesprächen werden Burnout und Depression vermehrt zum Thema oder man erfährt von jemandem, der darunter leidet. Im Fernsehen, in Tageszeitungen, auf Plakaten in Wartezimmer. Psychische Erkrankungen sind wie Werbespots für Joghurts, die angeblich eine gesunde Darmflora unterstützen. Wir werden häufiger damit konfrontiert.
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Im Gegensatz zu den Anti-Flatulenz-Joghurts ist die verstärkte Aufmerksamkeit in Bezug auf Burnout und Depression absolut begrüßenswert. Seit zu langer Zeit werden diese unter den Teppich gekehrt, wodurch eine krude Vorstellung von psychisch kranken Menschen entstand.
Witze zum Todlachen
In manchen Köpfen sind noch Bilder von Zwangsjacken, gefliesten Zimmern und Betten mit Lederriemen für Hände und Füße vorhanden. Nein, ich rede hier nicht von diversen SM-Fantasien. Dazu kommen manche Wortmeldungen, die ähnlich stumpfsinnig daherkommen, wie man das von rassistischen oder sexistischen Witzen kennt.
Wir hören die Anekdote von diesem faulen Typen, der ein Burnout vorschiebt, um sich längere Zeit auf der Couch zu wälzen. Von der Frau, die gerne im Mittelpunkt steht und nach Aufmerksamkeit giert. Und, der Klassiker, „ich hab’s schon immer gewusst, dass das bei dem nicht gut ausgehen wird.“
Wie geht es deiner Prostata?
Das muss aufhören. Nicht, weil ich das sage, ich bin nicht das Gewissen der Menschheit. Das muss aufhören, weil wir mittlerweile wissen, dass Menschen damit an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden. Denken wir an AIDS, und den damit einhergehenden Vorurteilen und Schmähungen, denen sich homosexuelle Männer lange Zeit aussetzen mussten, bzw. noch müssen.
Denken wir an Prostatakrebs und die entsprechende Vorsorgeuntersuchung, von der Mann nicht stolz berichtet, als hätte Mann eben die Rohre für die neue Solaranlage verlegt. Oder Darmbeschwerden, die ebensowenig beim ersten Date in allen Einzelheiten beschrieben werden. Insofern ist der schlechte Darm-Joghurt-Witz von vorhin ein Beispiel, wie leichtfertig wir mit diesen Themen umgehen. Für Betroffene fühlt es sich an, wie ein real gewordener Albtraum.
Du bist der Nächste
Wir müssen als Gesellschaft endlich dort ankommen, wo allen diesen Themen mit der nötigen Sensibilität begegnet wird und dennoch Platz für Humor ist. Einerseits aus dem Grund, damit Betroffene sich nicht mehr schämen, sich nicht mehr ausgegrenzt fühlen müssen. Sich stattdessen mutig und optimistisch ihren Krankheit stellen und ihre Chancen steigen, diese wesentlich schneller zu besiegen, bzw. sie möglichst frühzeitig zu erkennen.
Andererseits, was ist, wenn es einen selbst trifft? Würdest du nicht wollen, dass dir Menschen Verständnis und echtes Mitgefühl entgegenbringen? Dass du offen über deine Ängste sprechen kannst, dir aufrichtig zugehört wird und du erfährst, nach wie vor ein absolut respektiertes Mitglied der Gesellschaft zu sein?