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„Hättest du gedacht, daß wir den dritten Weltkrieg erleben?“, fragte mich beim Telefonieren ein alter Freund.
Unsere Freundschaft begann ungewöhnlich. Ich kam gerade vom Sportunterricht, als mich ein wildfremder Kerl im Flur ansprach:
„Was machst du am Wochenende?“
Vollkommen verdutzt starrte ich ihn an. Neben ihm stand seine bildhübsche Freundin, die mich ganz schüchtern machte. Beide kamen sie aus einer anderen Nachbarschaft als Ich – einer gehobenen, in der Geld eine Rolle spielte, und man es nach außen hin auch zeigte. An meiner Gegend fuhr man nur mit dem Cabrio vorbei ohne sie zu beachten.
„Ich treffe ein paar Freunde zum …“, wollte ich mich schon auf die Flucht machen. Aber der seltsame Kerl ließ nicht locker. Seine forsche Art und die leuchtend grünen Augen seiner Freundin überrumpelten mich. Am Ende hatte ich keine Wahl und mußte zustimmen am Wochenende das schlimmste zu unternehmen was ich mir vorstellen konnte: In die Disco gehen.
Seit dieser Begegnung im Schulflur erlebten wir ein ganzes, sehr bewegtes Leben. Die Freundinnen kamen und gingen, die Tage rasten vorbei in Saus und Braus, Drogen, Alkohol, Abenteuer, oder auch abgebrannt ohne Zuhause und ständig auf der Flucht. Das Leben im Rausch eben. Es kamen auch Krebs, Klappse, Wiederaufbau und Familie. Heute sind wir schon am Ergrauen. Bei mir ist es der Bart, bei ihm sind es die Haare, die von einem bewegten Leben sprechen.
Seit dieser ersten Begegnung im Schulflur sind 34 Jahre vergangen.
„Naja, sagen wir es mal so; ich dachte schon es würde irgendwann mal kommen – aber jetzt ist es schon spukig, wenn es plötzlich so echt wird.“
Als Jugendlicher, bis in meine frühen Zwanziger, hatte ich oft Träume von zerfallenen, postapokalyptischen Städten, durch die ich, auf der Suche nach Überlebenden, geklettert bin. Die Träume kamen so oft, daß ich mir den Beinamen „der Apokalyptiker“ gab. Ich interpretierte diese Träume zuerst als prophetische Visionen, die bevorstehende Ereignisse vorwegnahmen. Später verstand ich jedoch, daß sie während dieser Phase der Selbstfindung und Einsamkeit nur meine Seelenlandschaft widerspiegelten. Ob ich diese Deutung heute noch so stehen lassen möchte wird sich zeigen.
„ … und, schon irgendwelche Vorkehrungen getroffen?“
„Nicht so große. Kann mir grad` auch nicht soviel leisten.“
„Und wohin wanderst du aus?“
„Nirgendwo hin. Ich hab’ dafür keine Kohle, und ich glaub’ wenn’s los geht, dann brennt’s überall.“
Früher reisten wir in andere Länder um Abenteuer zu erleben, dem Alltag zu entfliehen, oder das gelobte Land zu finden. Heute überlegen wir in welchem Land wir am ehesten überleben könnten. Fühlt sich komisch an. Wir ahnen alle, daß, egal wo wir hinfliegen, das Chaos seinen Weg hinfinden wird. Auch wenn wir den Bomben entfliehen – der Hunger kennt keine Grenzen. Und wir haben auch das Bauchgefühl, das unsere Heimat hier, in Deutschland, ist. Hier sind wir aufgewachsen, hier sind unsere Familien, hier kennen wir uns aus.
Die Ungewissheit krallt sich fest wie der eigene Schatten. Da flieht der Geist öfter in die Vergangenheit. In die guten, alten Zeiten. Und tatsächlich; mir sind all die Prüfungen, leidvollen Erfahrungen, Hindernisse der Vergangenheit lieber, als das, was uns bevorsteht. Denn man hatte gelernt, daß nach dem Abend der Tag kommt. Und es gab, wenn auch in undeutlichen Umrissen, immer ein Ziel vor Augen, welches wir anstreben konnten. Ob es der Gesang odysseischer Sirenen, oder das ferne leuchten des neuen Jerusalem war; es gab immer einen Tag danach, dem wir zustreben konnten. Jetzt schwebt das Damoklesschwert über unser aller Köpfe, und es fühlt sich nicht mehr als gegeben an, daß wir ein Morgen wirklich haben werden.
„Glaubst du das ist das Ende?“
„Nein. Ich glaube es wird katastrophal, und zwar so, wie es die Menschheit noch nie erlebt hat. Aber ich bin auch überzeugt, daß es danach weitergeht. Und ich kann nur hoffen, daß die Menschheit diesmal etwas daraus lernt!“
Vor meinen Augen zaubern sich Bilder vergangener Tage. Die scheußlichen Frisuren, das Verlaufen in Barcelona, als uns niemand verstand, und wir schon befürchteten das Hotel nie mehr zu finden, aber stattdessen ein Straßenfest entdeckten, wo ich die schönste Frau gesehen hatte: Sie stand auf der anderen Straßenseite in ihrem wunderschönen roten Kleid, mit glänzenden schwarzen Haaren, die ihr bis unter die Hüfte reichten. Oder als ich ihn ihm Krankenhaus nach der Krebs-OP besuchte, und wir auf der Terrasse eine rauchten. Die Abenteuer in Marokko, oder wie wir im tiefsten Winter in einen fremden Schrebergarten kletterten um Bier zu trinken, da wir lieber froren, als zurück nach Hause zu gehen: Er in das verlassene, dunkle Haus, nachdem seine alkoholkranke Mutter gestorben war – ich in den kaltfeuchten, schmutzigen Proberaumkeller, in dem ich lebte, nachdem ich von zuhause rausgeschmissen wurde. All diese unzähligen Episoden unseres Lebens sind mir kostbar. Sie haben heute mehr Wert als jemals zuvor. Sie erzählen unser Leben. Sie lassen uns wissen, daß wir existierten. Und sie fingen an damals, im Schulflur, als mich ein seltsamer Kerl überrumpelte, der eine so hübsche Freundin mit funkelnden grünen Augen hatte, daß mir nichts übrig blieb, als mitzugehen.
Bei all den fantastischen Geschichten und auch dunklen Zeiten denke ich mir; wir sind so weit gekommen, und es ist noch nicht vorbei. Wir haben so viele brenzlige Situationen überstanden; so schnell geben wir nicht auf. Noch haben wir unsere letzte Geschichte nicht geschrieben.
Ich fragte ihn: „Was machst du am Wochenende?“
„Noch nichts.“
„Gut, dann komm’ vorbei. Ich ruf' die Jungs an, und wir feiern! Wir stoßen an auf das Ende der Welt.“