Ich habe mir bereits seit Monaten darüber Gedanken gemacht, wusste aber nie wie ich es umsetzen sollte. Ein Rohentwurf existierte schon, dieser wurde von mir aber über Bord geworfen, nachdem ich die Mindfuck-Monday-Aktion von entdeckt habe.
Alles begann mit einem Buch, welches ich von meinem Bruder bekommen habe bevor ich überhaupt etwas mit Cryptos zutun hatte. Ich muss täglich 30 bis 45 Minuten zur Arbeit hin und zurück fahren. Dies gibt mir die Gelegenheit zahlreiche Bücher, viele sogar häufiger, zu lesen. Dieses eine Buch hat mich allerdings mehr als alle anderen in diesem Jahr beschäftigt.
Ich rede vom Buch „Entropie“ von Jeremy Rifkin.
Das Buch wurde bereits 1983 geschrieben und ich las es wie gesagt bevor ich mich näher mit Cryptos beschäftigt habe. Als ich dann irgendwann das Thema Blockchain „erforschte“, musste ich mich permanent an das Buch von Rifkin erinnern.
Ich hatte einen bösen Verdacht, nämlich dass die Blockchain-Technologie wegen der Entropie keine Zukunft haben kann und genau darum soll es heute und in weiteren Artikeln gehen.
Ist die Blockchain-Technologie aufgrund der Naturgesetze zum Scheitern verurteilt?
Aber was ist überhaupt Entropie?
Eigentlich ist es auf den ersten Blick ziemlich leicht zu verstehen, denn Entropie kann allgemein hin als Unordnung bezeichnet werden. Man kann sich das ganz einfach vorstellen, wenn ihr beispielsweise ein Stück Holz nehmt. Das Stück Holz wurde von Pflanzen hergestellt, die zu dessen Entstehung Sonnenlicht einfangen mussten, also Energie. Diese Energie ist quasi im Holz „konzentriert“ und steht euch somit zur Verfügung, man spricht von verfügbarer Energie. Wenn ihr nun das Holzstück nehmt und anzündet, dann wird die gespeicherte Energie u.a. in Form von Wärmeenergie frei. Doch schon bald ist die Wärme verflogen, die Energie allerdings ist niemals weg, sondern immer noch im Universum vorhanden.
Hier gilt der 1. Hauptsatz der Thermodynamik:
Energie kann weder entstehen noch zerstört werden. Energie wird lediglich von einer Form in eine andere umgewandelt.
Wir haben demnach eine Verminderung der verfügbaren Energie im Holz erfahren, die nicht mehr für irgendwelche Prozesse (wahrscheinlich nie wieder) zur Verfügung steht. Demnach ist die verfügbare Energie in nichtverfügbare Energie umgewandelt worden, aus Ordnung wurde Unordnung und somit Entropie.
Abbildung 1: Pflanzen speichern die Energie der Sonne, konzentrieren sie somit und machen sie dadurch verfügbar. Nach einem Verbrennungsprozess bleibt die Energie erhalten, ist jedoch noch niemals wieder in der Form für uns nutzbar. Die Unordnung steigt! Made by Chapper - unrestricted use allowed
Aus diesem Grund wurde von Clausius 1867 der 2.Hauptsatz der Thermodynamik formuliert:
Die Entropie im Universum strebt immer auf ein Maximum zu.
Das Dilemma an der Sache ist ganz einfach: Wir haben keine Chance der Unordnung zu entkommen. Jeder Prozess im Leben und im Universum schafft Unordnung. Und selbst wenn ihr an einer Stelle Ordnung schafft, so erhöht dies zwangsläufig die Unordnung im Universum, weil jeder Prozess Energie erfordert, wovon ein Teil dissipiert wird und somit die Unordnung sprich Entropie erhöht.
Soweit so gut, ich denke jedem ist dies klar!
Was vielen vielleicht nicht so ganz klar ist (und ich muss zugeben, mir war es auch nie so bewusst, obwohl es sich um eine zwangläufige Konsequenz handelt), ist die Tatsache, dass unser Weltbild schlichtweg falsch ist und dies ist u.a. ein Aspekt den Jeremy Rifkin sehr gut in seinem Buch herausgearbeitet hat. Er beschreibt zunächst wie die Römer & Griechen die Welt angesehen haben. Für beide befand sich das Universum und die Welt gewissermaßen in einem zyklischen Kreislauf. Jedes Mal, wenn der Kreislauf von neuem begann ging alles solange bergab, bis die maximale Unordnung erreicht wurde und dann begann ein neuer Zyklus mit maximaler Ordnung.
Weltbild Griechen & Römer:
Maximale Ordnung
Maximale Unordnung
Später kam dann noch das Christentum, mit Vorstellungen ähnlichen jenen der Antike. Allerdings gab es diese Zyklen da nicht, weshalb eigentlich immer alles schlechter wurde bis zur Erlösung am „Tag des Jüngsten Gerichts“.
Man kann also zusammenfassen, dass von Antike bis zum Mittelalter (und ich bin mir sicher, dass in Fernost, bei den Inka oder wem auch immer ähnliche Vorstellungen herrschten) ein Weltbild bestand, welches zwar den Begriff der Entropie noch nicht kannte und auch keinen physikalischen Nachweise zu dieser Problematik anstellte, jedoch den Kern dieser Definition schon verinnerlicht hatte.
Nun aber kam die Neuzeit!
Am Ende des Mittelalters setzte eine Phase ein, die durch starke Wissenschaftlichkeit geprägt war. Man wollte die komplette Natur verstehen und begann aus diesem Grunde, den Kern aller Naturerscheinungen zu erforschen. Ziel war es die Natur derart exakt zu verstehen, dass man sich diese immer mehr untertan machen konnte. Am Höhepunkt befanden wir uns schließlich in der Neuzeit.
Wo liegt das Problem der Wissenschaft seit der Neuzeit?
Das Problem liegt darin, dass man zwar die Natur komplett beschreiben will, sich allerdings immer mehr von der Natur entfernt. Der Mensch wird als losgelöst von der Natur betrachtet und die Wissenschaft dient als Werkzeug um diese „Befreiung“ zu ermöglichen. Dabei wird die Natur nicht als zwangläufige Grundlage für die menschliche Entwicklung, sondern als Hindernis dieser wahrgenommen.
Das Newton'sche Weltbild impliziert quasi die Natur ordnen zu können!
Dies ist natürlich ein ganz klarer Verstoß gegen den 2.Hauptsatz der Thermodynamik, denn die Natur wird niemals wieder ordentlicher sein als sie vorher war!
Aufgrund dieser Fehlannahmen gibt es heutzutage zahlreiche Probleme mit denen sich jeder von uns konfrontiert sieht.
Eine rücksichtlose Expansion und ein Raubbau an der Natur, wurde seitdem zur Grundlage der menschlichen Entwicklung und ist heute unbestritten in allen Teilen der Welt erkennbar.
Das Hauptproblem der Neuzeit ist demnach die Ignoranz gegenüber der Entropie. Das Prinzip „Höher, Schneller, Weiter“ muss mit einem permanenten Mehrverbrauch an verfügbarer Energie bezahlt werden. Gelingt es dem Menschen nicht diese Energie aufzubringen, so gelangt er zwangsläufig an sogenannte Entropieverzweigungspunkte.
Im Buch beschreibt Rifkin wie es dazu kam, dass der Mensch irgendwann diese kritischen Punkte erreichte.
Der Steinzeit-Mensch
Die Menschen der Steinzeit kümmerte Entropie erstmal herzlich wenig. Sie lebten in Einklang mit der Natur und wenn sie es übertrieben hatten, dann mussten sie weiterziehen. Die Natur regenerierte sich! Der Mensch war demnach immer im Zyklus mit den Naturgesetzen.
Die ersten Hochkulturen
Die ersten Hochkulturen waren in gewisser Hinsicht schon an der Ausbeutung der Natur beteiligt. Aufgrund der Tatsache, dass diese primär auf Holz angewiesen waren, limitierte allerdings ihre Möglichkeiten. Die Natur setzte klare Schranken.
Gleiches galt auch prinzipiell für alle nachfolgenden Zeiten. Jedoch gab es bereits Ausnahmen.
Beispiel Rom
Rom war eine jener Städte, die bereits über eine Millionen Menschen hatte. Etwas was nach dem Ende des römischen Reiches erst im 19. Jahrhundert in London wieder möglich wurde. Alle anderen Hochkulturen konnten Rom nie das Wasser reichen. Aber warum war dies für Rom überhaupt möglich?
Die Antwort ist leicht: Kolonialismus!
Durch vorwährende Ausplünderungen anderer Gegenden der damaligen bekannten Welt, sowie einem Millionenherr an Sklaven, konnte Rom seine Infrastruktur aufrechterhalten. Aufgrund der Tatsache, dass dafür aber eine riesige Armee, sowie ein exorbitanter Verwaltungsapparat unterhalten werden musste, ging dieses Konzept irgendwann wegen den Gesetzten der Thermodynamik nicht mehr auf.
Die Römer hatten gewissermaßen einen Entropieverzweigungspunkt erreicht.
Die Menge an Energieressourcen aus Rohstoffen (primär Holz), sowie Sklavenarbeit reichten nicht mehr aus, um die Zunahme der Unordnung verursacht durch Dekadenz, Zentralisierung, Bürokratie und Militär zu kompensieren. Gerade der letzte Punkt ist entscheidend, denn primär leistet das Militär keinen nachhaltigen Beitrag für die Entwicklung, denn es kostet viel zu viel und außer für Zerstören ist es für sonst nichts zu gebrauchen. Der militärisch-industrielle Komplex ist daher schon immer eine der Haupttriebkräfte der Entropie gewesen.
Wie dem auch sei, Rom hatte sich derart von den Naturgesetzen losgesagt, dass sein Zusammenbruch eine maßgebliche Konsequenz war.
Der nächste wirklich große Entropieverzweigungspunkt ereignete sich, dann aber erst wieder Jahrhunderte später.
Seit dem römischen Reich ging es allmählich immer weiter bergauf (entropisch gesehen), aber niemals ruckartig. Der Hauptbrennstoff war, wie schon seit der Steinzeit, immer noch Holz. Doch nun war die Bevölkerung und die Wirtschaft so stark angestiegen, dass es spätesten im 16./17.Jahrhundert zu einer Holzkrise kam. Der Rohstoff, der nicht nur Energie- sondern auch Baustoff war, war nirgendwo mehr ausreichend zu finden. Es drohte der Kollaps.
Nun musste etwas Neues her und dies war die Kohle!
Kohle hat aber mehrere Nachteile:
- Kohle wächst im Gegensatz zu Holz nicht einfach nach.
- Kohle muss aufwändiger gefördert werden.
- Kohle macht vielmehr Dreck als Holz.
- Kohle dient nur als Brenn- und nicht als Baustoff.
Kohle ist demnach eigentlich ein minderwertigerer Rohstoff.
Aber es waren noch weitere Probleme mit der Kohle verbunden. Es war nun nämlich erforderlich noch zusätzliche Technologien zu entwickeln, denn die Bergwerke musste leergepumpt werden, Muskelkraft reichte zum Fördern nicht mehr aus und der Transport war mit den Pferdewagen auf Trampelpfaden nicht mehr ohne weiteres realisierbar.
Die Schlüsseltechnologien um den Entropieverzweigungspunkt, verursacht durch Holzmangel, zu kompensieren waren Dampfmaschine und Eisenbahn.
Es kam also zu einer zunehmenden Erhöhung der Komplexität, um den Status Quo zu halten. Dies bewirkte aber auch eine verstärkte Zentralisierung, sowie eine Weiterentwicklung des Militärs, und letztlich mehr Kolonialismus.
Dadurch wurde erneut ein weiterer Pfad hin zu einer noch stärkeren Entropieerhöhung eingeschlagen und dieser Pfad setzte sich, dann immer weiter mit Erdöl und letztlich mit der Kernkraft fort.
Bis zum heutigen Tage.
Abbildung 2: Wie Chapper die Entwicklung der Menschheit sieht. Alle Entwicklung ist ein Wettlauf gegen die Entropieerhöhung. Ausreichend Energie muss erschlossen werden, um die Ordnung zu erhalten. Kann die notwendige Energie nicht aufgebracht werden oder steigt die Entropie unverhältnismäßig schnell an, so droht der Zusammenbruch. Beachtet, dass es sich um eine Fantasy-Darstellung handelt damit Chapper euch den Text näherbringen kann. Made by Chapper - unrestricted use allowed
Rifkin beschreibt in seinem Buch dann weiter, was die Merkmale eines Entropieverzweigungspunkts sind.
Woran kann man erkennen, dass wir bereits kurz vor einem Entropieverzweigungspunkt stehen?
- Zunehmende Zentralisierung
Dies ist eigentlich der wichtigste Punkt und deshalb habe ich mich auch permanente an dieses Buch erinnert, als ich begann mich mit der Blockchain-Technologie zu befassen.
Wer die Energieressourcen kontrolliert, kontrolliert die Gesellschaft. Die enorme Komplexität moderner Gesellschaften und vor allem von Großstätten, erfordert einen permanenten hohen Energieverbrauch. Dadurch ergibt sich eine starke Erhöhung der Entropie, welche sich vor unseren Augen vor allem in Form von mehr Müll, Dreck und anderen Problemen zeigt. Um einen Kollaps dieses fragilen Gebildes zu vermeiden, schwingen sich Staat, Wirtschaft und Finanzwesen als Heilsbringer auf. Sie reißen die Energieversorgung an sich und versuchen sie „effizienter“ zu lenken. Aufgrund dieser Zentralisierung entstehen aber Konstrukte, die immer größer und mächtiger werden und am Ende selbst extrem viel Energie erfordern, um überhaupt bestehen zu können. Schließlich ähneln diese Strukturen nur noch Parasiten, welche mit aller Macht bis zum bitteren Ende ihre Existenz verteidigen. - Zunehmende Ungleichheit
Aus der Zentralisierung ergibt sich eine erhöhte wirtschaftliche Ungleichheit. Durch die beschriebene Monopolisierung fehlen permanent Ressourcen und Finanzmittel (Geld ist im Wesentlichen auch nur ein Energieaufbewahrungsmittel) an allen Punkten der Energieflusslinie. Außerdem wird durch höhere Abgaben versucht, die begonnene Zentralisierung zu erhalten. Die Probleme in Wirtschaft, Gesundheits- und Sozialwesen verschärfen sich immer mehr. - Erhöhung der Arbeitsleistung
Zur Entrichtung der, durch die zunehmende Zentralisierung verursachten, höheren Kosten, müssen die Menschen nun mehr Arbeitsleistung verrichten. Dadurch verschlimmert sich die Energiekrise noch mehr.
Am Ende steht der unvermeidliche Kollaps.
Die zunehmende Komplexität aller Bereiche der Gesellschaft hat eine Art Kartenhaus erschaffen. Dieses Kartenhaus wird von zentralen Organen stabilisiert, die ebenfalls einem Kartenhaus gleichen.
Sollten diese Zentralstrukturen versagen, so reißen sie die komplette Gesellschaft mit ins Chaos.
Aber welche Rolle spielt die Blockchain-Technologie?
Die Blockchain-Technologie ist, wie ihr alle wisst, als dezentrales Netzwerk erdacht worden. Durch Wegfall von Intermediären, durch Reduktion der Zentralisierung und durch Schaffung von Konsens und Wahrheit in einer unsicheren Umgebung, bietet die Blockchain-Technologie durchaus Lösungen für die Entropiefalle, auf die wir uns zubewegen. Wenn wir nicht schon längst drinsitzen.
Die Fragen, welche sich jetzt allerdings stellen sind:
- Lindert die Blockchain-Technologie die Symptome der Hochentropiegesellschaft oder verschlimmert sie diese?
- Kann die Blockchain-Technologie nach Erreichen des Entropieverzweigungspunktes in einer niederentropischen Umwelt fortbestehen.
Diese beiden Fragen sind meiner Meinung nach maßgeblich für jeden der sich mit Cryptos befasst.
Ich habe die Fragen versucht in den vergangenen Monaten zu beantworten.
Leider erfolglos!
Schaut man in die wissenschaftliche Literatur fallen vor allem Artikel auf wie ‘Mining’ Bitcoin takes more energy than mining gold [1] oder der Artikel von O'Dwyer & Malone 2014 Bitcoin Mining and its Energy Footprint wo schon damals festgestellt wurde, dass Bitcoin-Mining soviel Energie frisst wie Irland.
Im Gegensatz dazu gibt es aber auch Sätze wie aus dem Buch von Don & Alex Tapscott „Die Blockchain Revolution“ wo angeführt wird (S.332 oben):
Die Energie ist, wie sie ist, und sie ist vergleichbar mit den für die Sicherung der Fiatwährung anfallenden Kosten.
Außerdem hat mich kürzlich auf einen Artikel aufmerksam gemacht wo eine gewisse Katrina Kelly-Pitou zu dem Schluss kommt, dass Bitcoin sogar weniger Energie als der Bankensektor erfordert und außerdem eine Effizienzsteigerung eintreten wird, wodurch der Energieverbrauch letztlich sinkt (könnt ihr alles hier nachlesen).
Die Frage ist natürlich auch wie sich zum Beispiel der Wegfall von Intermediären und irgendwelchen Verwaltungsmonstren, sowie die Durchsetzung von Smart-Contracts und anderen Apps auswirkt. Dies könnte prinzipiell zu einer Verminderung der erforderlichen Energie auf verschiedenen Ebenen bewirken.
Es ist aber sicherlich klar, dass zentralisierte Blockchains wie Ripple oder eine versteckte Zentralisierung, wie durch zu mächtige Knoten, prinzipiell mögliche Fortschritte durch die Blockchain-Technologie gleich wieder zunichtemachen würden.
Aber egal!
Ich will mich da auch gar nicht groß dran erschöpfen, denn wie gesagt kann ich diese Frage nicht abschließend beantworten.
Ich freue mich aber über zahlreiche Kommentare euerseits.
Wie seht ihr die Problematik der Entropie und was habt ihr so recherchiert bezüglich dem "Umweltsünder Blockchain" wie die Spektrum kürzlich titelte?
Habt eine schöne Woche und bleibt sauber
Gruß
Chapper
Quellen:
- Jeremy Riffkin, Entropie, 1983, Hoffmann und Campe
- Don Tapscott & Alex Tapscott, Die Blockchain Revolution, 2018, Plassen Verlag
- Karl J. O'Dwyert & David Malone*, Bitcoin Mining and its Energy Footprint, ISSC 2014 / CIICT 2014, Limerick, June 26-27
- 'Mining' Bitcoin takes more energy than mining gold. Nature, 2018. 563(7731): p. 296.