Alarm im Körper
Welche Strukturen im Gehirn uns vor Angst und Furcht erstarren lassen, beschäftigt die Wissenschaftler schon lange Zeit. Zahlreiche Studien wurden durchgeführt, sowohl am Tier, als auch am Menschen.
Die Mechanismen der Angst zählen heutzutage zu den am besten erforschten Schaltkreisen im Bereich der Emotionen.
Unter Emotionen versteht die Neurowissenschaft physische Prozesse, die durch äußere Reize ausgelöst werden und Handlungsbereitschaft zur Folge haben.
Funktionen der Angst
Die Angst hat eine wichtige Funktion, die in tatsächlichen, oder auch nur vermeintlichen Gefahrensituationen ein angemessenes Verhalten einleitet, also ein Schutz und Überlebensmechanismus ist.
Um diese Aufgabe zu erfüllen, darf nicht zu viel Angst das Handeln blockieren oder zu wenig Angst reale Gefahren und Risiken ausblenden oder unterschätzen.
Da der Energieaufwand für eine Flucht erstaunlicher Weise nur wenige hundert Kilokalorien ist, im Gegenzug die übersehene Gefahr beim Menschen aber Lebensgefährlich, ist die Alarmanlage Angst beim Menschen sehr empfindlich eingestellt und reagiert äußerst sensibel.
Dieser empfindliche, schnelle Weg des Schaltkreises Angst löst dadurch allerdings auch immer Mal wieder falschen Alarm aus.
Bestimmt kennen wir Alle die Situation in der wir uns vor unserem eigenen Schatten fürchten oder erschrecken, wenn es im Wald hinter uns im Unterholz knackt.
Biologische Reaktionsmuster
Menschen reagieren auf Angst bzw. Stress unterschiedlich.
Nicht immer kommt es zu Kampf oder Flucht.
Manchmal können wir Menschen in belastenden Situationen beobachten oder reagieren vielleicht selbst so, dass sie wie erstarrt sind, sich nicht mehr bewegen können oder es ihnen die Sprache verschlägt. Man nennt dieses Verhalten Schockstarre.
Unsere Reaktion ist abhängig davon, ob wir zum Kampf- und Fluchttyp oder Schrecktyp gehören.
Die Schockstarre oder Das „Todstellen“
Bei sogenannten Schrecktypen reagiert das parasympathische Nervensystem und übernimmt die Regie. Es ist hyperaktiv und die Folge ist die Schockstarre.
Evolutionär dient die Schockstarre zum Schutz und stellt eine Art Tarnung vor Fressfeinden dar. Wird die Vorbereitung auf Kampf oder Flucht durch das Hormon Adrenalin nicht innerhalb von 10-15 Sekunden genutzt, tritt die Schock- bzw. Angststarre ein.
Es entsteht das Gefühl von Hilflosigkeit, Ohnmacht und Angst.
Das Hormon Oxytocin, erklärt der Biophysiker Ron Stoop, unterdrückt wiederum die Aktivität mancher Nervenzellen in der Amygdala und vermindert die Schockstarre, um der Gefahr doch noch zu entkommen. [1]
Körperreaktionen in der Schockphase
| Organ | Reaktion |
|---|---|
| Lunge | Bronchien und Luftröhre verkrampfen und verengen sich. Es entsteht Atemnot. Dabei wird oft noch die Luft angehalten. |
| Herz | Die Herztätigkeit sinkt (Angstbradykardie). Es kommt zur Hypertonie und das Gehirn wird mit weniger Sauerstoff versorgt – Folge davon ist Schwindel oder gar Ohnmacht. |
| Verdauungssystem | Die glatte Muskulatur von Magen und Dickdarm verkrampft. Es kommt zu Brechreiz und Stuhldrang. Der evolutionäre Nutzen der „Erleichterung“ ist weniger Gewicht zum Kämpfen und Flüchten. |
| Blase | Wird ebenfalls aktiviert |
| Skelettmuskulatur | Erschlafft und führt zu zittrigen Knien und weniger Standfestigkeit |
Die Kontrolle über die Körperfunktionen sinkt signifikant!
Die Schaltzentrale
Vor Allem eine Struktur im Gehirn spielt hier eine Rolle – Die Amygdala.
Die Amygdala ist Teil des limbischen Systems und wird wegen ihrer Form auch Mandelkern genannt. Sie ist, gelegen im Temporallappen, verantwortlich für die Bewertung des emotionalen Gehaltes von Situationen.
Die Amygdala reagiert besonders in bedrohlichen Momenten, auch was die emotionale Bedeutung von sensorischen Reizen angeht, z.B. Schmerz. Auch bei Aggressionen hat sie ihre Finger im Spiel.
Sie dient uns, als auch den Tieren, als Alarmanlage, die innerhalb weniger Millisekunden Situationen bewertet. Die Amygdala funktioniert wie ein Stempelkissen. Emotional aufgeladene Erlebnisse werden mit dem Stempel „Wichtig“ versehen und können schnell wieder abgerufen werden.
Der Biologe Richard Phillips vom Virgina Polytechnic Institute berichtete von Studien an „Wilden Vögeln“. Die Strukturen der Amygdala wurden minimal verletzt, wodurch das Verhalten der Tiere sich vollkommen veränderte. Die Vögel wurden plötzlich seelenruhig und versuchten nicht wie vorher panisch zu fliehen.
Auch Laborratten mit Läsionen an den Mandelkernen erkundeten entspannt sedierte Katzen.
Auslöser für Angst
Meist reagiert der Körper auf bestimmte Schlüsselreize. Das heißt, wir hören, sehen, riechen, fühlen oder schmecken etwas, dass Angst auslöst. Auch ein Gedanke oder eine Erinnerung können Auslöser sein.
Einige Sinnesreize lösen schon von Geburt an Angst aus. Bei Ratten wurde festgestellt, dass auch die im Labor geborenen Tiere Angst haben, wenn sie ein Raubtier riechen oder eine Eule schreien hören.
Andere Ängste wiederum sind nicht angeboren, aber werden schnell gespeichert. Studien mit Affen haben ergeben, dass sobald eine entsprechende emotionale Reaktion auf eine Schlange bei anderen Affen wahrgenommen wird, diese sich sofort auch vor Schlangen fürchten!
Auch auf negative Gesichtsausdrücke anderer reagiert die Amygdala sehr sensibel.
Auch Reize, die zuerst als neutral oder sogar positiv wahrgenommen werden, können durch eine schlechte Erfahrung mit Gefahr assoziiert werden.
Wenn ein neutraler Reiz z.B. „Schritte hören“, gleichzeitig oder kurz nach einem unangenehmen Reiz wie z.B. Schmerz auftritt, färbt die Angst sozusagen auf den bisher neutralen oder gar positiven Reiz ab. Das würde im Beispiel bedeuten, dass „Schritte hören“ in Zukunft immer kurzzeitig Angst auslösen würden.
Der Schaltkreis der Angst
Die zugrundeliegenden Mechanismen, die dafür zuständig sind zu erkennen ob eine Lage gefährlich ist, beschrieb der Neurowissenschaftler Joseph LeDoux [2] als Schaltkreis der Angst.
Dieser Schaltkreis funktioniert über zwei verschiedene Informationswege:
- Schnell, grob und fehlerhaft
- Langsam und durch Analyse geprüft
Das Tor zum Bewusstsein
Gelangt ein Reiz ins Gehirn so landet er im Thalamus, dem Tor zum Bewusstsein.
Der Thalamus ist die größte Struktur des Zwischenhirns und liegt oberhalb des Hypothalamus. Seine Kerne bilden die Schaltstelle für alle Meldungen der Sinnesorgane.
Der schnelle Weg
Erhält der Thalamus einen emotionalen Reiz wie z.B. ein lautes Geräusch oder ein gefährliches Tier, leitet er eine grobe Skizze des Sinneseindruckes direkt an den lateralen Kern, dem Eingang der Amygdala.
Dort bewerten die Zellverbände den Reiz anhand von vergangenen Erfahrungen und angeborenen Mechanismen auf seine emotionale Bedeutung und die Größe der Gefahr. Diese Info wird an den zentralen Kern der Amygdala weitergeleitet.
Hatten wir in der Vergangenheit Angst in ähnlichen Situationen und wird der Reiz als Lebensgefährlich eingestuft, wird der Kern aktiviert und wir verspüren Angst bevor wir die Situation bewusst als gefährlich wahrgenommen haben.
Verschiedene vegetative Systeme werden aktiviert und wir reagieren mit Schutzreflexen, schließen schnell die Augen und nehmen eine Abwehrhaltung ein.
Dank dieser direkten Thalamus-Amygdala-Verbindung können Mensch und Tier blitzschnell auf Gefahr reagieren.
LeDoux nennt diese Verbindung "quick and dirty".
Gleichzeitig werden auch die Großhirnrinde und der Hirnstamm informiert. Hier werden automatische Verhaltensreaktionen – Erstarren, Kampf oder Flucht – ausgelöst und die Angst emotional erlebt.
Die bewusste Route oder auch die „High-Road“ der kognitiven Verarbeitung
Hier gelangen die Sinneseindrücke zuerst vom Thalamus in den Cortex, sprich die Großhirnrinde, und Hippocampus - ein wichtiger Teil des limbischen Systems.
Dort werden nun alle Informationen genauer analysiert und abgewägt ob wirklich Gefahr besteht.
Das sensorische Areal im Neocortex, dem jüngsten Teil der Großhirnrinde, kann Angstreize sehr differenziert wahrnehmen und z.B. leichte Schritte von Frauen und schwerere Schritte vom Mann unterscheiden.
Das bedarf allerdings seiner Zeit: bis die Information vom Cortex dann zur Amygdala gelangt, vergeht doppelt soviel Zeit wie auf dem direkten Weg vom Thalamus.
Der Hippocampus bringt auf der langen Route noch bewusste Erinnerungen an schlechte Erfahrungen mit ins Spiel. So werden evtl. Reize mit Bildern aus der Vergangenheit gekoppelt.
LeDoux beschrieb das so:
Der Hippocampus ist entscheidend dafür, dass Sie ein Gesicht als das ihrer Cousine erkennen. Es ist die Amygdala, die dann hinzufügt, dass Sie sie eigentlich nicht mögen.
Der Hippocampus deckt an dieser Stelle eventuelle Fehlalarme auf.
Fight or Flight
Die Amygdala entscheidet über die passenden gefühlsmäßigen Reaktionen. Entscheidet sie sich für Angst, schickt sie eine Information in den Hypothalamus.
Außerdem sorgt die Amygdala dafür, dass die Hirnanhangdrüse Botenstoffe ins Blut abgibt, die ihre Wirkung an der Nebennierenrinde entfalten.
Der Hypothalamus im Zwischenhirn ist die Steuerungszentrale des vegetativen Nervensystems und hormoneller Prozesse.
Er sendet nun elektrische Impulse über die Nervenbahnen des sympathischen Nervensystems, dass alle wichtigen Organe versorgt, zu den Nebennieren.
Die beiden Nebennieren sitzen wie kleine Hütchen auf den Nieren. Sie sind kleine aber sehr wichtige Organe, die sich in Rinde und Mark gliedern.
Das Nebennierenmark gehört zum sympathischen Nervensystem und wird blitzschnell vom Gehirn gesteuert. Hier werden bei Angst die Hormone Adrenalin und Noradrenalin ausgeschüttet.
Die Nebennierenrinde, ein Teil des parasympathischen Systems, produziert über 40 Botenstoffe unter anderem Kortisol, ein Stresshormon des Körpers.
Sie wird nicht durch Nervenimpulse gesteuert, sondern von den Botenstoffen aus der Hirnanhangdrüse.
Der Transport der Botenstoffe im Blut benötigt wesentlich mehr Zeit als die Nervenimpulse. Die Wirkung des ausgeschütteten Kortisol hält dafür länger an als die des Adrenalins.
Adrenalin, Noradrenalin und Kortisol sorgen dafür, dass der Körper in der Gefahrensituation optimal reagieren kann.
Die Stresshormone haben das Ziel, entweder schnell fliehen oder kämpfen zu können.
Diese als Stressreaktion bekannte Kaskade reguliert viele Organsysteme in unserem Körper.
Den genauen Einfluss und die Auswirkungen auf das Körpersystem erläutere ich in einem gesonderten Artikel genauer.
Danke für eure Aufmerksamkeit und Interesse an meinem Artikel.
Ich hoffe ihr habt einen Mehrwert daraus gezogen.
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[1] R. M. Nesse: The smoke detector principle. Annals of the New York Academy of Sciences 935, 2001, S. 75–85
[1] https://www.researchgate.net/scientific-contributions/2001169282_Ron_Stoop
[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_LeDoux
Quellen:
https://www.dasgehirn.info/denken/emotion/der-schaltkreis-der-angst
http://was-angst-macht.de/was-passiert-im-koerper/
https://de.wikipedia.org/wiki/Angst
https://de.wikipedia.org/wiki/Angststarre
https://www.dasgehirn.info/denken/emotion/das-fuerchten-lernen
http://www.spektrum.de/lexikon/neurowissenschaft/angst/641
http://www.deutschlandfunk.de/feinabstimmung-der-angst.676.de.html?dram:article_id=28648
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