Wenn man kuschelt, repariert man sich gegenseitig
Letzte Woche hatte ich mir für meinen nächsten #de-stem Artikel das Thema Oxytocin auserkoren.
Dann kam Ostern und ich war für 1 Woche alleine, da mein Sohn zu seinem Papa nach Hamburg gefahren ist. Leider habe ich nicht die Chance genutzt, um für mich zu sorgen und mich um meinen Oxytocin-Haushalt zu kümmern. Das hatte ich nämlich eigentlich ursprünglich vor. Ich wollte eigentlich auf ein Contact-Improvisations-Tanz-Festival fahren.
Richtig bewusst wurde mir der Zusammenhang zwischen Oxytocin und Einsamkeit erst heute. Sagen wir mal so, ich hatte durch eine unbeabsichtigte persönliche Studie ein eindeutiges Ergebnis, was sich sicher in einer Doppelblind-Studie bestätigen lässt.
Einsamkeit
Ein sehr unliebsames Gefühl, dass wir auf das tunlichste vermeiden wollen. Dazu gibt es natürlich auch hunderte von Möglichkeiten, jegliche Form von Ablenkung hilft da kurzfristig. Aber leider nur kurzfristig.
Eine meiner liebsten Ablenkungen im Moment ist Steemit, aber selbst das hat diese Woche nicht so gut geklappt. In jedem zweiten Artikel oder Kommentar musste ich von Familie, Freunden, Kindern, Partnern oder Ostereier-suchen lesen. Es ging sogar bis hin zur niedlichen Taube in der Kapuze. Ostern war für mich gelaufen.
Ostereier konnte ich ja zum Glück noch bei suchen... ein kleiner Trost.
Ich musste sie also fühlen, die Einsamkeit und sobald ich zuließ zum Grund des Übels zu kommen, fand ich dort – das Oxytocin - Berührung.
Etwas, dass mir schon eine ganze Weile fehlt.
Über den Fakt, dass meine schmerzende, stahlharte Muskulatur am Rücken von mangelnden Streicheleinheiten kommt, bedarf es noch nicht einmal einer Studie.
Aber nun wollen wir noch ein bisschen tiefer in das Geheimnis von Berührung, des Wunderhormones Oxytocin und seiner Wirkung auf unser System einsteigen.
Kaiser Friedrich II
Auch wenn der Staufenkönig Friedrich II nichts von dem Hormon Oxytocin wusste, erzielten seine Experimente erschütternde Ergebnisse.
Nach Aufzeichnungen aus der Chronik von Salimbene von Parma [1] aus dem Jahre 1285, soll der Kaiser Neugeborene direkt nach der Geburt von den Müttern isoliert haben, um die Ursprache des Menschen zu erforschen. Die Kinder wurden nur von Ammen und Pflegerinnen gestillt, gefüttert und gesäubert. Sprechen und Liebkosen der Kinder war den Ammen strengstens untersagt.
Keines der Kinder soll überlebt haben. [2]
Sie starben wohl aufgrund fehlender sensorischer Stimulation. Friedrich II kommentierte:
Sie vermochten wohl nicht zu leben ohne das Händepatschen und das fröhliche Gesichter schneiden und die Koseworte ihrer Ammen.
Elterliche Nähe
Auch der US-Psychologe Harry Harlow belegte 1958 in einer etwas grausamen Studie mit neugeborenen Rhesus-Äffchen die Wichtigkeit von elterlicher Zuwendung und Nähe. Ein Video über die Versuchsreihe findet man auch heute noch bei youtube.
In dem Experiment arbeitete er mit einer „Drahtmutter“ die Nahrung bereitstellte und einer „Stoffmutter“ ohne Nahrung. Die Äffchen wurden aus dem Käfig gelassen und liefen erst schnell zur Drahtmutter um kurz zu trinken und dann ganz schnell zur Stoffmutter, bei der sie sich dann die meiste Zeit ankuschelten und sichtlich entspannten.
Ein zweiter Test untersuchte die Reaktion des Affenkindes auf ein angsteinflößendes „Monster“. Die Äffchen flüchteten sofort zur Stoffmutter, obwohl sie diese nie ernährt hatte aber ihnen Geborgenheit durch den weichen Stoff vermittelt hat. Dort beruhigten sie sich sehr schnell und wurden neugierig auf das fremde, laute Objekt.
Auch dieses Experiment belegte, die wichtig der Körperkontakt für das Überleben eines Lebewesens ist.
Was hat Oxytocin damit zu tun?
Oxytocin wird auch das Bindungs- oder Kuschelhormon genannt. Gebildet wird es im Hypothalamus und dort ins Blut ausgeschüttet.
Das Wort Oxytocin stammt aus dem altgriechischen und bedeutet „schnell“ und „Geburt“.
Die größte Bedeutung wird dem Hormon bei der Geburt und der frühen Mutter-Kind-Bindung zugeschrieben. Aber auch für spätere soziale Bindungen zu Geschlechtspartnern und allgemeine soziale Interaktionen hat es eine wichtige Funktion.
Oxytocin wird durch jeden angenehmen Hautkontakt, liebevollen Blickkontakt oder den Gedanken daran ausgelöst.
Oxytocin und seine Auswirkungen im Körper
Oxytocin löst bei der Geburt die Wehen aus. Bei der klinischen Geburtshilfe wird es bei Problemen auch als Wehentropf eingesetzt um die Geburt einzuleiten oder voranzutreiben.
Auch die Nachwehen unmittelbar nach der Geburt sind dem Hormon zu verdanken.
Es trägt zur schnellen Blutstillung und der Rückbildung der Gebärmutter bei.
Auch die Milchejektion – Reflex zur Stimulation der Milchabgabe – wird dadurch reguliert.
In einer Untersuchung wurde festgestellt, dass Oxytocin zu verbesserter Wundheilung führen kann, den Blutdruck und Cortisolspiegel verringert und sedierend wirkt. [4]
Bei der Regulierung von Stress spielt das Kuschelhormon eine große Rolle, es beruhigt und reguliert den Cortisolhaushalt.
Studien zeigten auch, dass das Oxytocin eine Auswirkung auf das Gewicht eines Tieres oder Menschen hat. Das Hormon wird mittlerweile in Studien als Nasenspray bei Adipositas erfolgreich eingesetzt.
Vermutet wird auch, dass Oxytocin neoplastische Zellen reguliert. [5]
Frühkindliche Entwicklung
Bereits ein Embryo reagiert ab der 8. Schwangerschaftswoche auf erste Berührungsreize. Regelmäßig berührte und massierte Frühgeborene im Brutkasten, nehmen bei gleicher Nahrungsaufnahme mehr und schneller an Gewicht zu, als ohne diese Berührungen.
Die Auswirkungen bei Kindern, deren emotionale Bindungen gestört oder nicht vorhanden sind, sind fatal erklärt der wohl bekannteste Bindungsforscher, Kinderarzt John Bowlby. Er erläutert die Wichtigkeit der frühen Bindung bei Kindern in seinem Buch „Bindung und menschliche Entwicklung“.
Nicole Strüber vom Institut für Hirnforschung der Universität in Bremen erklärt ebenfalls, dass bei Vernachlässigung in früher Kindheit eine Veränderung des Oxytocin- und Cortisolsystems stattfindet. Bei Kindern, die Missbrauch oder Vernachlässigung erlebt haben, wurden Veränderungen im neuronalen Netzwerk festgestellt. [7]
Vielleicht wird bis hierhin schon deutlich, welchen enormen Einfluss emotionaler körperlicher Kontakt auf unser gesamtes System hat.
Fass mich an
„Unsere Kultur will das oft nicht wahrhaben, aber Berührungen haben für Lebewesen einen Stellenwert wie das Atmen. Menschen sind wie alle Säugetiere in ihrer Entwicklung von taktilen Reizen abhängig.“
Der Psychologe Martin Grunwald von der Universität Leipzig hat dies in einem Interview mit „die Zeit“ konstatiert.
Zärtlichkeit und Berührung haben fundamentale Auswirklungen auf den menschlichen Organismus. Es werden neben dem Oxytocin auch noch das Glückshormon Dopamin ausgeschüttet.
Sogar das Immunsystem wird durch regelmäßige Umarmungen gestärkt, indem sie unter anderem die Anzahl der natürlichen Killerzellen im Blut erhöhen. Sheldon Cohen von der University in Pittsburgh führte mit 404 Studienteilnehmer einen Test durch, bei dem sie nach den sozialen Kontakten der Probanden fragte und sie dann mit Erkältungsviren infiziert.
Das Ergebnis war signifikant. Wer bei der zuvor stattgefundenen Befragung angab, viel emotionale Unterstützung zu erhalten und oft in den Arm genommen wird, bekam seltener eine Erkältung!
„Je mehr Umarmungen jemand bekam, umso besser war er vor Infekten geschützt.“
Schweizer Wissenschaftler stellten fest, dass bei Frauen die von ihren Partnern berührt wurden, Stress sich deutlich reduzierte. Professor Markus Heinrichs und Beate Ditzen vom Psychologischen Institut der Uni in Zürich, verglichen unterschiedliche Arten sozialer Unterstützung durch den Partner.
Getestet wurden standardisierte Berührungen wie Schulter-Nacken-Massagen ohne verbale Unterstützung, nur verbale Unterstützung und die Variante der Abwesenheit des Partners.
Dann wurden die Frauen mit einem psychosozialen Stresstest konfrontiert.
Erstaunlich eindeutig zeigte sich, dass die Frauen die vorher berührt wurden, deutlich weniger Cortisol im Blut hatten und geringere Anstiege der Herzrate zeigten. Von nur verbaler Unterstützung profitierten die Frauen nicht und zeigten ganz normale Stressreaktionen.
Chronische Berührungsarmut
Professor Uwe Hartmann diagnostiziert unserer Gesellschaft chronische Berührungsarmut.
Der Sexualmediziner zählt Eins und Eins zusammen. Es gibt ca. 41% Singlehaushalte in Deutschland und Fernbeziehungen sind gang und gebe. Im Alltag berühren sich auch Paare die zusammenleben immer seltener. Untersuchungen stellten fest, dass viele Menschen ihren Partner nur noch alle paar Tage umarmen. (Oh Hilfe!)
Die Sehnsucht nach Berührung ist allerdings bei vielen Menschen sehr hoch. Sogar Männer geben dies in Befragungen zu. Eine Umfrage ergab, dass ca. jede zweite Frau und jeder dritte Mann sich mehr nach kuscheln sehnt als nach Sex. Ich persönlich kann das nur bestätigen.
Angebote wie Massagen und Kuschelpartys sind hoch im Trend. Menschen wollen berührt werden! Und wenn es gegen Bezahlung ist. Das ist eine traurige Wirklichkeit.
Was Berührung alles kann
Was Berührung im normalen Alltag auslösen kann, zeigen folgende Beispiele, die ebenfalls in Studien festgestellt wurden.
- Die Teilnehmer von strategischen Spielen waren nach „zufälligen“ Berührungen wesentlich kooperativer.
- Studenten trauten sich schneller vorne an der Tafel etwas zu präsentieren, wenn der Dozent diesen mit einem Drücken am Oberarm ermutigte.
- Patienten nahmen sehr viel bereitwilliger ihre Medikamente ein, wenn man ihnen kurz über den Arm strich.
- Eine Kellnerin bekommt wesentlich mehr Trinkgeld, wenn sie den Gast flüchtig berührt.
Diplom-Pädagoge und Krankenpfleger Thomas Buchholz erzählt aus der Kranken- und Altenpflege:
„Wenn man sich kaum noch bewegen kann, gleicht das einer sensorischen Deprivation.“
Von ihm werden Pfleger für den Umgang mit Patienten geschult. Er nennt es „Basale Stimulation“, die Kunst der vorsichtigen Berührung.
Wird z.B. ein dementer Mensch in Richtung des Haarwuchses gestreichelt, kann er damit beruhigt werden. Einen schläfrigen Patienten wiederum kann man mit Streicheleinheiten in die entgegengesetzte Richtung stimulieren.
Ich denke, dass gilt nicht nur in der Kranken- und Altenpflege, sondern lässt sich auch auf den Alltag übertragen. Ich bin mir sicher ausprobieren lohnt sich!
Beeindruckt hat mich ein Bericht über eine Berliner Lehrerin.
Trotz des brisanten Themas bezüglich Berührungen seitens des Lehrkörpers gegenüber Schülern, beruhigt sie so aufgeregte Schüler. Besonders Kinder die Probleme in der Schule haben, sei es bei der Konzentration oder Schwierigkeiten bei sozialen Interaktionen, profitieren davon sehr.
Frau Becker-Sell berührt ihre Schüler in schwierigen Situationen sanft und liebevoll an den Schultern und streicht beruhigend über die Haut. Die Kinder beruhigen sich nach kurzer Zeit, entspannen sich und können wieder ihre Aufgaben erledigen.
Ich bin von dieser Frau sehr beeindruckt, da sie trotz des großen Druckes der dieses Thema mit sich bringt, sich nicht beeindrucken lässt und zum Wohle der Kinder handelt. Mit ihrem Handeln entschärft sie häufig das Problem bevor es entsteht.
„Die meisten Kinder sind wie ausgedürstet, wenn es um Berührung geht. Es geht hierbei um Berührungen an Schultern und Rücken oder auch Umarmungen. Man muss natürlich sehr darauf achten, ob ein Kind angefasst werden will. Männlichen Lehrern wird von jedem körperlichen Kontakt abgeraten. Ich halte das für einen Fehler.“
Berührung ist existenziell
Berührungen und die Bedeutung der Haut in diesem Zusammenhang wird auch in der Medizin und Psychologie immer wichtiger.
Die Haut kann immer besser erforscht werden und es wird immer ersichtlicher, welchen immensen Einfluss dieses Organ auf unser Immunsystem, Nerven und Psyche hat.
Kleine Fehlfunktionen des Organsystems Haut haben gravierende Auswirkungen.
Der Tastsinn ist für uns Existenziell. Ohne den Tastsinn wäre ein Fötus schlicht nicht überlebensfähig.
In diesem Sinne – Berührt und repariert euch gegenseitig!
Fußnoten:
[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Salimbene_von_Parma
[2] Hubert Houben: Kaiser Friedrich II. (1194–1250). Herrscher, Mensch, Mythos. Stuttgart 2008, S. 144f.
[3] http://psychclassics.yorku.ca/Harlow/love.htm
[4] Courtney E. Detillion u. a.: Social facilitation of wound healing. In: Psychoneuroendocrinology. Volume 29, Issue 8, September 2004, S. 1004–1011, doi:10.1016/j.psyneuen.2003.10.003
[5] P. Cassoni u. a.: Oxytocin and Oxytocin Receptors in Cancer Cells and Proliferation. In: Journal of Neuroendocrinology. Band 16, Nr. 4, April 2004, S. 362–364, doi:10.1111/j.0953-8194.2004.01165.x
[6] Bindung und menschliche Entwicklung: John Bowlby, Mary Ainsworth und die Grundlagen der Bindungstheorie, hg. von Klaus E. Grossmann, Karin Grossmann, Stuttgart (2015)
[7] https://www.nature.com/articles/mp2008112
Quellen:
https://www.dasgehirn.info/handeln/liebe-und-triebe/liebe-ein-grundnahrungsmittel
https://de.wikipedia.org/wiki/Oxytocin
https://www.welt.de/gesundheit/psychologie/article130360396/Die-dunklen-Seiten-des-Kuschelhormons-Oxytocin.html
http://www.zeit.de/2015/52/beruehrung-koerperkontakt-gesundheit-massage
http://www.zeit.de/zeit-wissen/2015/04/haut-beruehrung-sinnesorgan
https://www.dasgehirn.info/grundlagen/kindliches-gehirn/das-unsichtbare-band
http://www.scinexx.de/wissen-aktuell-6677-2007-06-19.html
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