Letzte Woche hatte ich zum ersten Mal seit einiger Zeit mal wieder einen lebhaften, farbenfrohen und überaus realistischen Traum. Nach dem Aufwachen sind wie üblich total viele Gedanken in meinem Kopf herumgeschwirrt: Warum hatte ich ausgerechnet heute einen intensiven Traum? Hat der eine Bedeutung und wenn ja, welche? Warum habe ich nicht erkannt, dass ich träume? Zu vielen Fragen, die die Traumwelt betreffen, hat die Traumforschung noch keine Antworten gefunden, aber Wissenschaftler kommen mittels EEGs und MRTs den Erkenntnissen immer näher. Ich möchte mit diesem Beitrag ein paar bekannte und ein paar weniger bekannte Theorien zu unserem 'Schlafleben' zusammenfassen.
Ich beziehe mich in diesem Post auf die Artikel 'Im Labyrinth der Träume' und 'Schlüssel zur Psyche' von Ute Eberle (Wissenschaftsjournalistin, USA) und 'Die fantastische Welt der Oneironauten' von Christian Schwägerl (Wissenschaftsjournalist, Berlin) aus dem GEOkompakt, Nr. 48.
Träume sind sinnlos, Träume sind nicht sinnlos, Trä...
Eine Frage die sich jeder zumindest einmal im Leben gestellt hat: Warum träumen wir?
Auch wenn Forscher mittlerweile Techniken wie Magnetresonanz-Tomographien oder Elektroenzephalographien zur Verfügung haben und laufend Studien für das Untersuchen der Aktivität von Nervenzellen im Schlaf unternommen werden, streiten Experten heute noch über die Frage warum und wie unser Gehirn (und das vieler anderer Lebewesen) diese nächtlichen Bilder produziert.
Schlafforscher Allan Hobson stellte vor Jahren die Theorie auf, dass Träume nur biologische Abfallprodukte wären und das Gehirn nur zufällige Impulse aussendet, weil der primitive Hirnstamm nicht zur Ruhe komme. Er lehnte somit die Ansicht ab, dass Träume verborgene Nachrichten und Bedeutungen vermitteln und nannte dies sogar „die Mystik der Glückskeks-Traum-Interpretation“.
Seine Theorie bewährte sich auch lange Zeit bis jedoch vor einigen Jahren Neurowissenschaftler Hobson mit einer neuen Erkenntnis widerlegen konnten: Träume entspringen nicht dem primitiven Hirnstamm sondern bilden sich in jenen Regionen des Denkorgans, die auch am Tag an bewussten Vorgängen beteiligt sind. Sowohl jene Areale des Großhirns, die mit visueller Wahrnehmung und Vorstellungskraft zu tun haben, als auch das limbische System, welches an der Entstehung und Kontrolle unserer Gefühle beteiligt ist, sind während dem Träumen besonders aktiv.
Es bleibt aber weiterhin ungeklärt wie Träume zustande kommen und ob sie eine eigene Funktion haben oder nicht.
Eine Sache ist aber klar: Es gibt keine Menschen, die nicht träumen und alle gesunden Menschen träumen regelmäßig. Träumt ein Mensch in einer Nacht weniger als sonst (weil er schlecht bzw gar nicht schläft etc.), dann durchlebt er in der folgenden Nacht besonders viele und lebhafte Fantasien. Das Gehirn holt die verpassten Bilder also offenbar nach und betreibt einen Aufwand, damit wir träumen können. Das zeigt uns: Träumen ist wichtig für uns.
Erfahrungen und Erlebnisse besser verstehen
Eine Tatsache die bekannt und weit verbreitet ist, ist die, dass Träume dabei helfen Erfahrungen und Erlebnisse zu verstehen und tagsüber gewonnene Informationen zu verarbeiten. Einige Studien zeigen auch, dass so Lernprozesse unterstützt werden.
Eine weitere Sache bei der sich Forscher einig sind, ist, dass Fantasien dazu beitragen, unsere Gefühle zu ordnen und nach schwierigen Situationen im Leben wieder ein inneres Gleichgewicht zu schaffen. Das Gehirn versucht dies auf fast spielerischer Weise, indem es Orte und Personen zusammenwürfelt die nichts miteinander zu tun haben. Es sucht Zusammenhänge die hilfreich sein könnten. Und manchmal führen diese sinnlosen Verbindungen tatsächlich zum entscheidenden Durchbruch für die Lösung eines Problems.
Vermitteln Träume geheime Botschaften?
Traumdeutung (heute Traumarbeit genannt) wird seit Jahrzehnten in Therapien angewendet und dazu sind die Ansätze von Sigmund Freud und Carl Gustav Jung besonders bekannt: Die Psychoanalyse und die Analytische Psychologie.
Freud , Begründer der Psychoanalyse, ging davon aus, dass im Traum verborgene Wünsche und Empfindungen aufsteigen, die der Mensch tagsüber unterdrückt. Laut ihm handelt es sich dabei oftmals um traumatisierende Ereignisse, sexuelle Gelüste oder Aggressionen. Diese Gefühle könnten den Menschen verstören, weshalb Freud mit seinen Therapiepatienten gezielt Nachtfantasien untersuchte und zu deuten versuchte.
C. G. Jung hingegen glaubte aber nicht, dass die Nachrichten in Träumen verschlüsselt sind. Die analytische Psychologie, vertritt die Annahme, dass Träume zur Aufarbeitung des Tagesgeschehenen dienen. Dabei unterscheidet Jung zwischen ‚kleinen‘ und ‚großen‘ Träumen, wobei die großen Träume ein kollektives Unterbewusstsein darstellen, welches Imaginationen beinhaltet die Menschen seit Jahrtausenden auch in Märchen, Mythen und religiösen Schriften darstellten.
Wissenschaftlich fundierte Belege für diese Ansichten gibt es nicht.
Somit bleibt auch die Frage offen, wie Träume zu deuten sind. Viele Therapeuten lehnen allgemeingültige Deutungen ab, aber trotz allem ist eines sicher: das Deuten von Träumen oder generell die aktive Beschäftigung mit Träumen, wie zum Beispiel das Führen eines Traumtagebuches, ist sinnvoll und jedem zu raten.
Im Schlaf logisch denken
Manchen Menschen gelingt es im Traum bewusst zu werden, dass sie gerade träumen und haben die Möglichkeit ihre Nachtfantasien zu steuern.
Diese Fähigkeit wird auch ‚luzides Träumen‘ genannt und mittlerweile finden sich Hunderttausende Lucid Dreamers im Internet zusammen. Aber inwiefern unterscheiden sich Klarträumer von gewöhnlichen (Trüb-)Träumern?
Schlafforscher haben festgestellt, dass Klarträume vor allem in der REM-Phase auftreten. Obwohl diese Schlafphase für gewöhnlich die geringste neuronale Aktivität aufweist, passiert bei Oneironauten aber was besonderes: bestimmte Areale im Gehirn die sonst ihre Aktivitäten im REM-schlaf herunterfahren, sind bei diesen Träumern auffallend rege. Regionen die an der Planung und Ausführung von komplexen motorischen und intellektuellen Handlungen beteiligt sind; Areale die an der Bewertung eigener Gedanken und Gefühle mitwirken und vermutlich für unsere Selbstwahrnehmung wichtig sind.
Während bei normalen Träumen diese Hirnteile kaum miteinander kommunizieren, stehen bei Klarträumen diese Areale ständig miteinander in Verbindung. Und aus diesem Grund sind Oneironauten auch in der Lage im Traum logisch zu denken.
Für Klarträumer fühlt es sich an als würden sie innerhalb ihres Traums aufwachen und für manche fühlt es sich an wie ein Drogentrip, nur ohne Nebenwirkungen. Albträume treten nicht auf oder können binnen Sekunden in etwas Schönes verwandelt werden.
Die Ursache und Wirkung von Klarträumen sind noch ungeklärt aber Studien haben gezeigt, dass sich Oneironauten durch ein hohes Maß an Selbstreflexion und einer stark ausgeprägten Fantasie auszeichnen.
Jeder kann klarträumen
Auch wenn noch nicht ganz bekannt ist, welche Faktoren und Auslöser zu einem Klartraum führen, wurden bereits Techniken entwickelt um die Wahrscheinlichkeit, luzid zu träumen, zu erhöhen.
Der Pionier der Klartraumforschung Stephen LaBerge hat dazu zwei Methoden entworfen: Die WILD (‚Wake-Initiated Lucid Dream') und die MILD (‚Mnemonic Induced Lucid Dream') Methode.
Bei der WILD-Methode geht es darum vor dem Einschlafen in einen meditativen Zustand zu gelangen und sich auf visuelle Erscheinungen, die spontan vor dem inneren Auge auftauchen, zu konzentrieren.
Die MILD-Methode hat zum Ziel, aus einem normalen Traum in einen Klartraum zu wechseln. Dazu soll Suggestion angewendet werden: Man soll sich tagsüber möglichst oft bewusst vornehmen, zum Klarträumer zu werden und sich möglichst oft sagen, dass man heute erkennen wird, dass man träumt. Besonders hilfreich ist auch der Reality-Check: mehrmals am Tag soll man kurz innehalten und sich fragen, ob das die Wirklichkeit ist. Der Sinn dahinter ist, dass wir Gewohnheiten mit in den Traum nehmen und die Wahrscheinlichkeit zu erkennen, dass man gerade träumt, durch den Reality-Check erhöht wird. Auch wenn diese Methode skurril wirkt, zeigt die Erfahrung, dass sie äußert erfolgreich ist.
Inzwischen haben Forscher weitere Techniken entwickelt, wie etwa das Einsetzen von elektrischen Impulsen oder allgemein physikalische Stimuli, aber die WILD und MILD-Methoden sind für jeden Menschen zugänglich.
Im Traum an seinen Zielen arbeiten
Klarträume verschaffen einen Zugang zu einer ‚template level reality' in der alle Eventualitäten observiert, erforscht und gebogen werden können. Das ermöglicht den Träumenden alltägliche Probleme auf kreative Weise zu lösen.
Und tatsächlich: Klarträume werden mehr und mehr gezielt für das Leben in der Wachwelt eingesetzt.
Manager die sich in der Freiheit der Fantasiewelt Strategien für Unternehmen ersinnen. Leistungssportler die im Schlaf ganz bewusst komplexe oder riskante Bewegungsabläufe trainieren, wie eine Trittfolge im Kickboxen oder einen gefährlichen Sprung beim Skifahren.
Das luzide Fantasieren bildet für die meisten Betroffenen einen Kraft spendenden Gegenpol zum stressigen, von Pflichten und Zwängen durchsetzten Alltag.
Oneironaut zu sein, das verheißt Freiheit. Und verspricht Höhenflüge, die im normalen Leben nicht möglich sind.
Mein persönlicher Bezug:
Die Bedeutung und der Sinn hinter Träumen und Schlafen waren Dinge die mich nie sonderlich gekümmert haben. Während Freunde sich ständig mit Traumdeutung und der Interpretation von wiederauftretenden Leitmotiven beschäftigten, habe ich immer neutral behauptet, dass ich gar nicht träume und mir das auch relativ egal sei.
Die Ideen, dass Träume Menschen emotional 'heilen' können und, dass man mittels 'Luzidem' Träumen alles machen kann was im realen Leben unmöglich ist, erschienen mir zwar verlockend aber ich hielt diese Möglichkeiten stets für Einbildung und Wunschdenken. Diese Ansicht wurde komplett auf den Kopf gestellt als ich vor knapp einem Jahr meine (vermeintlich) ersten Erfahrungen mit Klarträumen und Schlafparalysen hatte.
Auch heute noch kann ich mich an jedes kleinste Detail dieser Träume mit so einer Intensität und Klarheit erinnern, als wäre das alles gestern passiert. Mir fällt es schwer das Gesehene in Worte zu fassen, vor allem weil die Träume so bizarr und abstrus waren, aber die Empfindungen und Gefühle waren für mich so real, wie wenn ich jetzt diesen Post schreibe.
Ich konnte mir nach diesen Erlebnissen gut vorstellen, dass Träume tatsächlich die Macht haben könnten Menschen unbewusst und bewusst zu beeinflussen, egal ob es darum geht psychischen Problemen auf den Grund zu gehen, reale Erlebnisse zu verarbeiten oder Fertigkeiten zu stärken.
Ich wollte mich mehr in das Thema einlesen, um ebenfalls mein 'Schlafleben' effizient nutzen zu können, immerhin verbringen wir doch fast die gesamte Nacht in der Welt der Träume.
Auch wenn ich es noch nicht geschafft habe, einen Klartraum gewollt zu reproduzieren und der Moment, in welchem ich mal ‚wach‘ bin, nur wenige Minuten dauert, bin ich bereits mehr als zufrieden mit den Erfahrungen die ich sammeln konnte. Ich sehe diese Welt der Nachtfantasien mittlerweile aus einer ganz anderen Sichtweise und Schlafen fühlt sich an wie eine erfrischende und abenteuerreiche Auszeit von der Wirklichkeit, sogar noch mehr als zuvor.
Links
Steemit Artikel zum Thema Träumen:
understanding the science of dreams
Scientific view about Dream in relation to Sleep
TIL: WHY Do We Forget Our Dreams?!
Luzides Träumen: Der Schlüssel zu deinem ersten Klartraum
Those Disturbing Dreams Right Before You Wake
Dreaming: The Art
Eine weitere Sache die ich interessant finde ist das Traumtagebuch von
Ein Track passend zum Thema? I got u! -> dreams by nuages anhören
In ihrer wunderschönen Fotoreihe versucht die Fotografin Marja Pirilä das Innenleben von Träumenden darzustellen.
TL;DR:
Es steht noch nicht fest, welche Bedeutung Träume haben, aber sie sind dem Menschen definitiv von Nutzen.
Träume tragen zur Entfaltung und Stärkung der Persönlichkeit bei.
Klarträumer bzw 'Oneironauten' können im Schlaf logisch denken.
Mit bestimmten Methoden kann jeder lernen klarzuträumen.