Eine Replik auf
's kürzlichen Post.
Intro
Na gut, dann wollen wir mal. Normalerweise schreibe ich ausführliche Repliken nur, wenn ich wirklich sauer werde. Heute ist es anders, denn mit habe ich einen Widerpart gefunden, dessen Arbeit ich durchaus schätze. Ich bin nur der Meinung, dass er sich in seinem letzten Post etwas verrannt hat, und die Kommentarspalte war mir weder groß noch – ich gestehe - lukrativ genug, um meine Gedanken dazu bis ins Detail zu verfolgen. Also schreibe ich hier – in seinem vollen Einvernehmen, und nur weil ich weiß, dass er Wissenschaftler ist und meinen Widerspruch daher korrekt einzuschätzen weiß – diese Replik als Beitrag zum wissenschaftlichen Diskurs. Und zu
‘s Mindfuck Monday.
Richtig erkannt, es ist gar nicht Montag. Könnte natürlich Zufall sein, oder der erste kleine Mindfuck. Wer weiß?
Back to topic: Worum geht’s?
Zusammengefasst: teilte bzw. diskutierte ein Werk des amerkikanischen Soziologen Jeremy Rifkin. Dieser benutzte in seinem Buch "Entropie" die Gesetze der Thermodynamik, genauer gesagt den 2. Hauptsatz der Thermodynamik als Grundlage für die Erklärung der Menschheitsgeschichte. Das Gesetz, dass die Entropie, etwas vereinfacht gesagt: die Unordnung, in einem System immer zunehmen müsse es sei denn man führe dem System Energie zu, dient ihm als Erklärung dafür, warum die Menschheitsgeschichte vom zivilisatorischen Aufstieg und Rückfall in dunkle Zeiten geprägt ist. Daraus abgeleitet wird eine Prognose aufgestellt, dass wir uns knapp vor einem sogenannten „Entropieverzweigungspunkt“ stehen, der den Kollaps unserer Zivilisation einleitet.
Ich bin mit dieser Analyse aus mehreren Gründen nicht einverstanden:
Interdisziplinäre Extrapolation
Das offensichtliche zuerst: Physikalisch-chemische Naturgesetze dienen zur Beschreibung physikalisch-chemischer Phänomene und zur Prognose physikalisch-chemischer Prozesse. Man kann sie nicht einfach beliebig und vor allem nicht ohne Validierung auf völlig andere Disziplinen, etwa auf Sozial- und Geisteswissenschaften ausdehnen. Es mag dort zwar auch Entwicklungen geben, die gewisse Parallelen zu Naturgesetzen aufweisen, das heißt aber noch lange nicht, dass sie durch diese bedingt sind. Korrelation ist nicht Kausalität.
Kurz: Parallelen aufzuzeigen ist kein Fehler. Parallelen im sozialwissenschaftlichen Kontext auf ein Naturgesetz zurück zu führen, oder gar mit diesem sozialwissenschaftliche Prognosen anzustellen, überschreitet den Geltungsbereich des Gesetzes definitiv und bräuchte zuvor den Nachweis der Gültigkeit des Gesetzes im neuen Anwendungsbereich.
Und dieser Nachweis ist ob der (aus der naturwissenschaftlichen Sicht) extremen Fehler- und Schwankungsanfälligkeit der Sozial- und Geisteswissenschaften, wo teilweise eine Korrelation von R=0.4 als „gut“ bezeichnet wird (hab ich tatsächlich mal so vorgetragen bekommen), praktisch unmöglich.
Systemfehler – fehlende Geschlossenheit
Die Physik ist eine eher exakte Wissenschaft, und so haben die von der Physik definierten Naturgesetze einen exakten Anwendungsbereich.
beschreibt den 2. Hauptsatz der Thermodynamik so:
Die Entropie im Universum strebt immer auf ein Maximum zu.
Das ist nicht falsch, aber auch nicht ganz korrekt, denn tatsächlich müsste man schreiben:
Die Entropie in einem abgeschlossenen System strebt immer auf ein Maximum zu.
Ihr seht worauf ich hinaus will:
Das Universum darf man als geschlossenes System betrachten, denn zumindest haben wir momentan keine Kenntnisse, die uns darauf schließen lassen würden, dass es nicht abgeschlossen wäre. Die Erde ist jedoch definitiv kein abgeschlossenes System, ihr wird Energie (v.a. durch die Sonne) zugeführt und sie führt Energie (v.a. reflektierte Strahlung) wieder ab. Daher kann man auch hier schon eine Abweichung vom 2. Hauptsatz der Thermodynamik beobachten: Denn komplexe organische Moleküle oder gar das Leben dürften sich in einem geschlossenen System nicht bilden.
Und schon gar nicht kann man die Menschheit als geschlossenes System betrachten. Jede Nahrungsaufnahme führt uns Energie zu. Wir nutzen auch andere Energien aller Art, wir kultivieren Land, Pflanzen, Tiere, wir nutzen Werkzeuge. Wir geben Wärme ab, wir schießen Müll und Licht ins All. Wir verbrennen Zeug, bauen Wind- und Wasserräder, werden aber auch von Naturereignissen oder von anderen Lebensformen negativ beeinflusst. Wir sterben, was auch eine enorme Energieabgabe ist. Es gibt kein geschlossenes System namens Menschheit.
Sogar wenn man tatsächlich über die Problematik der unbewiesenen Korrektheit der interdisziplinären Extrapolation hinweg sehen will, muss man daher anerkennen, dass dem 2. Satz der Thermodynamik bei der Menschheit die Anwendungsberechtigung („geschlossenes System“) schlicht und ergreifend fehlt. In einem nicht abgeschlossenen System muss die Entropie keinesfalls immer einem Maximum zustreben, ergo ist der 2. Hauptsatz zur Beschreibung unserer Geschichte per Definition ungeeignet.
Anpassung der Daten an das Modell – die „europäische Brille“
Die Einführung von „Entropieverzweigungspunkten“, hängt ursächlich davon ab, die Geschichte in Phasen zu beschreiben, die da lauten:
langsamer Aufbau – Zusammenbruch aufgrund der gestiegenen Entropie (Katastrophe) – Erholung bzw. Stagnation – langsamer Aufbau...
Kurz gesagt: Die Menschheit kann keine stetige Entwicklung durchlaufen.
hat dazu diesen anschaulichen Graphen erstellt (der natürlich keinen Anspruch auf wissenschaftliche Korrektheit erhebt):
Meiner Meinung nach muss man, um zu diesem Graphen zu gelangen, aber etwas tun, was in der Wissenschaft eigentlich verboten ist: Die zugrundeliegenden Daten der eigenen Hypothese anpassen.
Natürlich sind das römische Imperium und vor ihm andere Hochkulturen zusammengebrochen. Während man im westeuropäisch-mediteranen Raum also teilweise durchaus von einem zivilisatorischen Rückschritt während des frühen bis mittleren Mittelalters sprechen kann, sah die globale Situation doch etwas anders aus.
Während das römische Reich im östlichen Mittelmeerraum bis in die Neuzeit hinein unter neuem Namen weiterbestand (was Chapper auch nicht erwähnte), expandierten die Araber nach Nordafrika und Spanien, und übertrafen die Römer in Wissenschaft, Mathematik und Technik. Nicht von ungefähr verwenden wir heute die lateinische Schrift, aber arabische Zahlen.
Die Chinesen hatten ihr tausende Jahre währendes Kaiserreich, waren bewandert in der Chemie und erfanden so um 1000 n. Chr. das Schwarzpulver. Der japanische Zentralstaat zerfiel erst 1185. Und Ost- und Nordeuropa, in der Römerzeit noch barbarische Gebiete, wurden zivilisatorisch erschlossen.
Global betrachtet kann man nicht behaupten, der Zusammenbruch Roms habe die „Unordnung“ (=Entropie) wesentlich erhöht oder die Menschheit arg zurück geworfen. Selbst im mediterranen Raum sind andere Völker in die Lücke gesprungen, haben Roms Errungenschaften aufgegriffen und erweitert. Ähnlich verhält es sich mit anderen Hochkulturen.
Wenn überhaupt, kann man also so was ähnliches wie „Entropieverzweigungspunkte“ nur für einzelne Zivilisationen formulieren, nicht aber für die Menschheit als gesamtes.
Aber sogar dann hinkt das Konzept. Denn auch die These, Hochkulturen wären vor allem an der nicht mehr möglichen Aufrechterhaltung der inneren Ordnung verendet, ist nämlich etwas gewagt, waren doch stets auch externe Einflüsse ursächlich beteiligt. Die germanische Völkerwanderung bei den Römern, Dschingis Khan in China, der türkische Einfall ins byzantische Reich, der Vulkanausbruch, der die minoische Kultur beendete, die Spanier samt den importierten Krankeitserregern bei den südamerikanischen Hochkulturen usw. usw.
Man könnte daraus schließen, dass auch Zivilisationen keine geschlossenen Systeme sind (nichtmal im abstrakten Sinn), und dass daher der 2. Hauptsatz der Thermodynamik auch hier nicht angewandt werden kann, sogar wenn man die interdisziplinäre Extrapolation als erlaubt betrachten würde. Was ich nicht tue.
Fazit
Nicht alles was hinkt, ist ein Vergleich.
Während man zwar natürlich Parallelen ziehen kann, was den Rückgang der gesellschaftlichen Ordnung bei einer Verknappung der Ressourcen betrifft, so hat das doch nichts mit Entropie im eigentlichen physikalischen Sinn zu tun. Die Anthropologie liegt außerhalb des definierten Anwendungsbereich des 2. Hauptsatzes der Thermodynamik, und das Ende der Menschheit auf Erden ist nicht durch durch diese zu prognostizieren. Jedenfalls nicht in den nächsten 6 Milliarden Jahren. Dann wird nämlich die Sonne zum roten Riesen und die Erde verschluckt. Andere Geschichte, ich weiß.
Disclaimer: Alles nur meine Meinung, ich erhebe keinen Anspruch auf Unfehlbarkeit. Ich freue mich auf anregende Diskussionen.