Buchzusammenfassung + Kritik: "Neben uns die Sintflut" von Stephan Lessenich
Möchten Sie sehen, wie Schweine ohne Betäubung kastriert werden? Oder wie ganze Länder in ökologische Wüsten verwandelt werden, damit wir unser Schnitzel für 2,5 € und die Jeans für 10 € kaufen können?
Warum nicht?
Und warum kaufen wir dann trotzdem entsprechende Produkte?
Unter anderem diese bzw. ähnliche Fragen stellt der Autor dem Leser.
Ja, wir im reichen Nordwesten dieser runden Welt, sind Weltmeister im Wegschauen, Verdrängen und Ignorieren. Wir wollen die Konsequenzen nicht sehen, sonst müssten wir ja auf die angenehmen Dinge verzichten.
Der Autor erklärt, warum wir so handeln: Weil wir es können und teilweise auch weil wir es müssen.
Es geht in dem Buch weniger da drum den moralischen Zeigefinger zu heben als viel mehr zu versuchen die Abhängigkeiten darzustellen.
Mein Verständnis vom Handel hat sich geändert: Dachte ich bisher: Bei einem Vertrag, den zwei Partner aushandeln, kommt es immer zu einer Win-Win-Situation, denn sonst würde einer der Partner nicht unterzeichnen, gilt jetzt:
- Negative Auswirkungen eines Vertrages erfahren oft Dritte (Menschen, Umwelt, Tiere,...), die nicht bei der Unterzeichnung dabei sind.
- Das Verhältnis von Win-Win ist oftmals sehr ungleich zu Gunsten des Mächtigeren verzerrt.
- Manche Verträge werden mit der Pistole auf der Brust unterzeichnet.
Verträge haben nie nur die Auswirkungen, die auf dem Papier stehen. Die Voraussetzungen und Umstände für die Vertragspartner sind nie gleich. Es gibt immer viele Dimensionen, die Änderungen erfahren, wenn Abkommen verhandelt werden.
Negative Kritik:
- Der Autor wiederholt sich oft. Die Botschaft ist schon nach wenigen Seiten angekommen. Ein schlechtes Gewissen alleine rettet die Welt nicht.
- Das Buch listet viele unschöne Beispiele auf, aber an der Stelle, wo es um einen konkreten Lösungsansatz geht, werden nur wenige Zeilen geschrieben: Wir mögen ein Kollektiv bilden, welches neue Wege geht. Wie soll ich das bitteschön machen?
- Ansätze die Welt zu verbessern werden kleingeredet. Natürlich gebe ich dem Autor recht, dass sich dadurch oft nicht die Systeme ändern und alle Linderungen nur Symptombekämpfungen bleiben, dennoch sind sie besser als nichts und an der ein oder anderen Stelle bilden sich neue Systeme, die alte ersetzen können. Darauf wurde nicht hingewiesen. Die Erfolge in Deutschland (Müllvermeidung, Okö-Energie,…) haben aus meiner Sicht durchaus das Potential die Welt prinzipiell zu verbessern, z.B. durch den zunehmenden Verzicht fossiler Brennstoffe.
- Die statistischen Verbesserungen der Menschheit der letzten Jahre (gestiegende Lebenserwartung, weniger Hunger,…) werden aus meiner Sicht in dem Buch nicht gewürdigt.
Das alles macht das Buch aus meiner Sicht zu pessimistisch
Positive Kritik
- Gerade durch diese pessimistische Brille muss man schauen, um die negativen Auswirkungen unseres Handelns sehen zu können.
- Wir dürfen nicht länger weg schauen. Dieses Buch rüttelt auf.
- Wir können auch nicht länger wegschauen, denn die Einschläge kommen mittlerweile auch bei uns näher. Dieses Buch klärt auf.
Fazit:
Ich empfehle jedem dieses Buch, der glaubt, dass die Welt sich von alleine retten, die "unsichtbare Hand des Marktes" es schon richten wird.
Ich empfehle dieses Buch nicht den Leuten, die hier nach einer konkreten Weltrettungsformel suchen.
Vier von fünf Sterne.
Gruß, Achim