"Florin" begrüßt mich mit dem Franzosen oben auf der Treppe des 4. Stocks. Ich sage "I'm exhausted" und sie sehen mich verwirrt an. Ich spiele. Niemand weiß - ich auch nicht - was ich überhaupt hier tue. Einen Monat schon bin ich in Berlin und versuche, Fuß zu fassen, denn Zuhause gefällt es mir nicht mehr.
Ich laufe vorbei. Die Frau unten an der Straßenkreuzung sieht mir im Vorbeigehen nach. "Deswegen bin ich nicht hier", denke ich und versuche, mein Verhalten mir selbst gegenüber zu rechtfertigen. Ich will niemandem weh tun, aber ich muss. Ich muss herausfinden, was das alles soll. Was die Leute sollen - was ich soll.
Dem Alkoholismus der Minibar meiner Mutter entkommen, ist mir alles egal. Ich will, wenn's sein muss, für's erste auf einem Zeltplatz campen mit meinen Tausend Euro im Gepäck, finde aber eine Stundentenwohnung für ein paar Wochen zur Untermiete im wahrscheinlich verdrecktesten Studentenwohnheim der Stadt. Die mindestens Tausend Töpfe sind völlig verfettet und eingetrocknet. Die Zimmerecken sind schwarz vom Dreck. Die Putzfrau winkt ab und erwidert meinen mitfühlenden Blick mit einer resignierten Handbewegung. Nichts zu machen und lohnt sich nicht.
Ich durchstreife die Stellenanzeigen. Ein Versicherungsmakler bietet sich an. "Genau das Richtige für mich", denke ich sarkastisch und verabschiede mich mit heuchlerischer Freundlichkeit. Andere abzocken ist nicht meine Art, so glaube ich zumindest, und rechtfertige den Gang zum Berliner Jobcenter.
Völlig überfüllt. Nach langer Wartezeit beschwert sich die Fachkraft: "Die überschwemmen uns!", und meint wohl Einwanderer. Warum sie das ausgerechnet zu mir sagt, verstehe ich nicht. Was mir im Gedächtnis bleibt, ist die Skulptur vor der Bank vor dem Jobcenter: Eine Leiter, auf der drei Leute sind. Ganz oben einer allein, in der Mitte einer, der dem darunter seinen Fuß ins Gesicht drückt, um ihn vom hochklettern abzuhalten. Du oder ich.
"I haven't stopped." Florin teilt mir mit, dass er mit seinem Anteil Gras wohl sparsamer war als ich. Ich war mit ihm im Fitnessstudio, wo er Gewichte drückt, die ich als absurd empfinde. "Do you want to train or stay lazy ass?", erinnert er mich an meine Pflicht. Ich schau mir lieber Hentai Porn an, ehrlich gesagt - er hat es wohl mitgekriegt. Mein Passwort ist wohl nicht das stärkste.
Wir hören jeden Tag laut Musik bei offenem Fenster zum quadratischen Hof des quadratischen neuköllner Altbaukomplexes und unterhalten uns in der winzigen 2-Zimmer-Wohnung auf Englisch. Warum sich niemand beschwert, ist mir schleierhaft. Man sieht die Nachbarn links, rechts und geradeaus auf sieben Stockwerken. Er hat das kleinere, günstigere Zimmer, während ich im zwei-Raum-Bett des Untervermieters und seiner, einer alten Freundin ähnelnden Partnerin, schlafe. Ich zittere mich im Bett halb zu Tode, wie schon öfter, diesmal nach dem Graskonsum, und wegen meiner psychosomatischen Störung - so glaube ich. Ein Arzt hat das noch nicht verstanden.
"When I'm back then you're be gone?", fragt mich der Untervermieter, der aus seinem Urlaub zurück ist und mich in seinem Bett vorfindet, das eigentlich schon leer seine sollte. Ich war an meiner einstigen Flamme verbeigelaufen. Ich weiß nicht, warum, und deshalb wollte man mich nicht mehr in Berlin, so vermutete ich. "Don't go there" hatte mich Florin gewarnt zu meiner Absicht, Arbeitslosengeld in Berlin zu beantragen. Ich war schwach und niemand war auf meiner Seite.
Ich genieße die Zeit. Ich hatte mir ein Fahrrad gekauft. "Nareszcie!" sagte der Händler auf polnisch hinter mir her. Na endlich! Ich lebe nicht für Autos oder Fahrräder, denke ich. Ich bin nicht ehrgeizig, wie die meisten Deutschen. Mein Fotoalbum ist leer. Aber ich genieße meine Zeit: "I have so much control over my bike!", beschrieb ich es Florin. Cannabis lässt mich fliegen und Berlin ist so schön! Cannabis lässt dich die winzigen Details schätzen. Es macht dich klein und groß - bescheiden und erhaben - Bettler und König zugleich. Die Berliner sehen das und freuen sich, dass mir ihre Stadt gefällt, kommt es mir vor. Die Souterrain Kneipe, deren Fensterläden hochgezogen sind, jedenfalls ist voller Pokale.
"What is he doing here?". Florin und sein unbekannter Freund stellen mir nach. Was will ich hier? Ich suche. Ich will lernen. Ich will wissen, wer ich bin und was ich auf diesem Planeten soll, auf dem ich abgestürzt bin. Der Waschsalon kommt mir bekannt vor. In Reutlingen gibt es auch einen. Ich habe einmal darin übernachtet. Und im Zug, als ich sozusagen obdachlos war. Das wilde Leben. Ohne Sicherheit. Ich lebe. Ich atme. Ich sterbe.
"You're an old man!", sagt der maximal 25-jährige Florin nicht ganz in meine Richtung. Ich war 35. "So ein alter Mann!", sagt der Rentner, den ich in meiner Zeit als "Ich-AG" ler" acquisiert hatte, als er an meinem Zimmer im Männerwohnheim in Reutlingen, in dem mich offenbar alle hassen, vorbei geht. Ich höre ihn durch das Fenster. Gerade wollte ich mir einen wichsen. Das Koks, das ich vom grinsenden Dealer gekauft hatte, war wohl nur Backpulver. Ich war aufgefallen in Reutlingen. Meine "Vergewaltigungspornos" erwecken Misstrauen. Oder irgendwas anderes.
Ich sehe keine Vergewaltigung. Gibt es nicht immer ein Safe-Word? Wie kann es Vergewaltigung sein, wenn die Fotze trieft wie sau? Ich beute keine Frauen aus, nur japanische Hentai-Zeichner, die mit Ständer bei der Arbeit sind. Ein langer weg von Otto Katalogen, 9 1/2 Wochen, über Tutti Frutti-Brüsten zu 56K-Modem-Thumbnails bis zur sichtlich erregten, durchnässten "Asagi"/ertappten, feindlichen Agentin, die zur Strafe von einer Mannschaft Orks durchgenommen wird.
Reine Phantasie. Ich tue niemandem was und respektiere Frauen, wie jedes Lebewesen. Achtung vor dem Leben. Wenn ich mir einen James Bond anschaue, laufe ich danach ja auch nicht los und töte Menschen.
Die Zeit ist um. Mein Geld ist alle. Einmal bin ich zurück nach Metzingen und habe meine billige Musikanlage geholt - tatsächlich mehrere Kilo, nur, um besseren Sound zu haben. Ich träumte vom Ausstieg in ein besseres Leben.
Die U-Bahn mieft, aber die Berliner Nacht ist schön. Ich laufe durch die Wochentagsstraßen. Alles schläft. Auch in Neukölln an einem Werktag. Ein Mann rennt mir entgegen. Ich verstehe nicht, warum. Ein Getöse in der Ferne - Ein Wolkenbruch! Wie mit der Schere geschnitten, schneidet eine Wand aus Regen die nächtliche Stille entzwei. Was für ein Naturerlebnis! Dafür wurde ich geboren! Ich renne weg. Weg vom Regen, der dem unbekannten, jungen Türken folgt. Der Regensturz überholt mich, erwischt mich, durchnässt mich. Ich bin glücklich! Etwas ähnliches habe ich nur Jahre später in Stuttgart erlebt. Eine einzelne, tiefschwarze Wolke, die ich durch das Dachfenster sehe. Ich beeile mich, meine Joggingschuhe anzuziehen. Es klappt! Nach ein paar hundert Metern holt mich das lokale Unwetter ein. Eine Wasserwand, wie ich sie auch in Berlin nicht erlebt habe. Es ist wie unter der Dusche und ich werde es nie vergessen. Meine Brustwarzen bluten nach einer Stunde von der Reibung mit der harten, durchnässten Baumwolle meines T-Shirts und ziehen einen roten Strich nach unten. Ein Mann sieht mich an der Haltestelle entsetzt an, aber ich bin stolz. Du hättest dich in deiner Wohnung versteckt bis es vorbei ist, denke ich. Ab da klebe ich aber meine Nippel ab, wenn es länger wird und nehme bei Regen nur noch alte Schuhe, weil sie beim Gehen quietschen, wenn Wasser in die Dämpfung läuft.
"Kommen sie mit", sagt der berliner Ramschwarenhändler, dem auffällt, dass mir seine echten Handschellen, die er auf einem überfüllten Ständer auf der Starße stehen hat, gefallen und führt mich in seinen Laden. Wie faszinierend: Echte Handschellen, denke ich. Unmöglich, zu entkommen. Das Geheimnis des Stahls: Wer ihn beherrscht, hat Macht. Der Raum, zu dem er mich führt, ist angefüllt mit langweiligem Müll. Man traut mir nicht.
Mit einer verdreckte Matratze, die voller Flecken ist, holt sich Florin eine offenbar alte Freundin in sein Zimmer. Er überzieht die Matratze, die als Müll auf der Straße lag, mit einem Bettzeug. Nichts ist mehr zu sehen. Er sagt ihr nicht, wo er die Matratze her hat und es kümmert sie offenbar auch nicht. Anscheinend hat er ein Faible für sie, aber keine Skrupel, sie auf ekligem Müll zu betten. Sie tut mir etwas leid, aber es ist ja alles Fake.
Die, die ich in Reutlingen aufsuche, um meine Schwäche zu überwinden, ist kein Fake. Ich schenke ihr das Geld ohne Gegenleistung, denn ihr Zimmer ist erbärmlich. Ich ekle mich vor dem Bett, auch wenn es ordentlich aussieht. Sie tut mir leid. Sie streicht etwas über meinen, noch mit Jacke angezogen Leib und sagt etwas, das mich motivieren soll. Ich merke, dass sie hofft, dass es dabei bleibt, sie einfaches Geld verdient und ich gönne es ihr, denn sie ist viel ärmer als ich.
Von Berlin wieder zu Hause sitze ich mit meiner Mutter am Tisch. Ich erzähle recht begeistert von meinem Ausbruch, es kommt jedoch für mich heraus, dass sie alles schon weiß. Schon in Berlin habe ich den schwäbischen Dialekt der zwei Typen unten im Hof bemerkt. Ich bin allein. Alles umsonst. Wieder bei null. Ich suche Streit. Ich will eine Wohnung vom Jobcenter. Sie zeigen mich an wegen Bedrohung.
Muttertag vorbei. Es klopft heftig an meine Tür und mein Herz fällt zu Boden. Polizei. Ich habe die Strafe, weil ich sagte, ich würde lieber im Gefängnis sitzen (ich sagte, indem ich Geiseln nehme), als obdachlos sein, nicht bezahlt, und sie wollen mich mitnehmen. Zuerst wollte ich es so, aber dann bin ich ein Wurm und rufe meine Mutter an. Zu viert, zwei große übergewichtige Bullen und meine 1,60 große Mutter, stehen wir in meinem fünfzehn Quadratzimmer Zimmer und sie bezahlt die 400 Euro. Hätte ich doch den Knast genommen! Aber ich kenne die Wahrheit. Alles ist arrangiert und abgesprochen. Extra für mich. Man spielt mit mir.
"Star Wars - The Old Republic" - ich habe eine Weltneuheit entwickelt: Mehr als 40 Kommandos auf einem X-Box Game Controller. Ich spiele PvP (E-Sport) und mache ein Video darüber. Lauwarme Reaktionen, aber ich liebe das Spiel wie kaum ein anderes. Das Haus brennt. Mein Nachbar springt aus dem Fenster und bricht sich die Beine. Zwei Menschen sterben.
Die Polizei ruft mich bei einem Zahnarzttermin an und drängt mich. Ich war es nicht und habe keinen Schlüssel zur Tiefgarage. Nein, ich habe keinen Schlüssel zur Tiefgarage. Und nochmal: ich habe keinen Schlüssel zur Tiefgarage. Der Beamte hofft, dass ich dumm und schuldig bin, damit er Feierabend machen kann. Nachdem der Zimmernachbar einige Tage zuvor den Rauchmelder, der spontan los ging, ausgeschaltet hatte, holte mich ein Knistern aus dem alkoholisierten Schlaf. Ich gehe vor die Tür und eine Rauchwolke breitet sich oben über den Gang aus. Ich falle zu Boden und klopfe auf der Flucht zurück in mein Zimmer an die Tür des anderen Nachbarn und höre, wie er sein Zimmer verlässt. Ich habe sein Leben gerettet. Wie dumm ich war, zu bleiben und auf die Feuerwehr zu warten, denke ich Wochen später. Zwei Menschen sterben, für die sich niemand interessiert. Die fette, alte, aber nette Frau und der Arbeitslose ersticken im Schlaf. Mich holt man mit rußverschmiertem Gesicht mit einer Leiter, weil ich mir ein nasses Tuch vor das Gesicht halte, um nicht zu ersticken. Auf der Polizeiwache nebenan, wo man die Bewohner zuerst unterbringt, denken deswegen wohl alle, dass ich es war.
Meine Mutter hat Tränen in den Augen, als sie das große, in Flammen stehende Mehrfamilienhaus sieht. Ich habe sie über die Polizeiabsperrung gelotst, um ganz nah dran zu sein. Ich weiß nicht, ob sie lügt. Ich weiß nicht, ob es nur Rauch und kein Feuer und Fake ist. Das Haus wird aber an Tag 2 abgerissen mit allen meinen Sachen. Ein Neuanfang und doch bleibt alles wie gehabt.
Meine Mutter kauft mir einen neuen PC. Ich installiere Diablo 3, den Nachfolger eines längst ausgelutschten Spielprinzips. "Das ist für dich wie für mich Fernsehen", sagt sie verständnisvoll. Ich bin ihr dankbar, habe ich doch sonst keinen Lebensinhalt. Meine Freunde sind schon lange weg und ich bekomme eine halbwegs anständige, eigene 2-Zimmer Wohnung. Ich hole mir viele Sachen aus Spendenangeboten und bin guter Dinge. Ich renoviere die Küche, die alle schön finden. Idioten. Eine Kleinigkeit für mich. Ihr habt keine Ahnung, was ich alles drauf habe.
Ein guter Start, aber ich bin noch immer derselbe. Niemand sagt mir, was ich tun soll, weil es niemand weiß. Die meisten sind selbst damit überfordert zu wissen, was ihr Platz in der Welt ist. Jeder strebt nach Bedeutung und andere nutzen das aus.
Ich bekomme den LKW-Führerschein bezahlt, nachdem mich die Arbeitsagentur ungeschickt vom Softwareentwickler, wo ich mich nicht mit Ruhm bekleckert habe, weglotsen will. Meine Mutter vererbt mir nach dem Tod meiner Oma einen gebrauchten 3er BMW für einen LKW-Fahrer-Job, bei dem ich täglich über die 12 bis 14 Stunden Schichten plus 60 Minuten Anfahrt kotze. Ich esse im Auto und LKW. Ladezeit ist Lenkzeitpause. Die Miete für meine Studentenwohnung, die sie laut Amt und Boschjob hätte bezahlen können, wollte sie mir nicht geben. Naja. Irgendjemand muss ja schuld sein.
'Den Triumph gönne ich euch nicht', denke ich über meine Familie und erlebe den extremsten Job meines Lebens, nur, um den geschenkten Gaul nicht zu verlieren und es allen zu beweisen. Nach 2 Wochen bekomme ich von den großen Klammern, mit denen man die PKWs sichern muss, eine Sehnenscheidenentzündung. Der Fuhrparkleiter, zu dem ich später "Arschloch" sage und der mir ein langes, aber vernichtendes Zeugnis schreibt, kann mich nicht der Simulation überführen, schiebt aber die Kosten auf die Krankenkasse, weil ich noch keinen Monat dabei bin. In München fahre ich überladen, weil ich noch unerfahren bin, mit über 30 Tonnen in eine für LKW gesperrte Straße ohne Wendemöglichkeit. Ein freundlicher Passant und später die Polizei helfen mir, bei dichtem Morgenverkehr, der keine Rücksicht auf mich nimmt, wieder herauszukommen. Ich hätte weinen können, aber ich bin ein Mann.
Niemanden interessiert's. Ich schlendere über den riesigen Autoabstellplatz. Inzwischen bin ich ein Jahr dabei. "Ich kann alles sein", erleuchtet es mich. Mein Plan hatte funktioniert. Ich hatte meine Erkenntnis. Die Erleuchtung meines Lebens. Ich hatte mich selbst zum LKW-Fahrer degradiert, um die Freude am Leben, meinen Sinn wiederzufinden. Die Tatsache, dass ich meiner Mutter einen Haufen vor die Tür gemacht hatte, dass ich die beschissenste WG meines Lebens überstanden hatte, dass ich den abgefucktesten Job meines Lebens gemacht hatte, hatten mich gestärkt - hätten jeden gestärkt. I payed my deus! Was auch immer ich verbrochen hatte, ich hatte meine Schuld bezahlt.
Seitdem kann mich kein Job mehr schocken. Schon davor, als ich Taxi gefahren war, hatte ich Sachen erlebt, von denen kein Softwareentwickler auch nur träumen würde. Es war scheiße, aber auch Abenteuer.
Mein Allergologe spritzt mir Kortison und ich erlebe 6 wunderbare Wochen im Sommer auf dem LKW. Seit ich 18 war konnte ich keinen Sommer mehr genießen. Ein furchtbarer Drache öffnete plötzlich seinen Schoß und zeigte mir sein wunderbares Innerstes. Zumindest ab und zu. Aber seitdem weiß ich, dass ich Kälte hasse und Wärme liebe. Ich bin Logiker. Logiker fühlen nicht.
Ich spiele mit den Menschen, die nun so weit von mir entfernt sind. Die Wohlstandsdeutschen, die gehegten und gepflegten Kinder der Hardcore-Opportunisten, die kaum Charakter haben. Nun bin ich besser als sie. Die selbstgewählte Feuertaufe hatte mich geadelt und kein Blick konnte mir mehr Stand halten. Das sahen sie mir an und ich lies es sie spüren, dass ich durch eine Hölle gegangen war, von der sie keine Ahnung hatten. Kein gute Strategie.
Ich bin immer noch arm, aber nun stolz darauf. Kein Mercedes kann es mit mir aufnehmen. Warum bin ich immer noch neidisch? So einfach ist es wohl nicht. I payed my deus!, aber das interessiert niemanden. Es ist immer noch ein Wolfsgehege. Die Scheinheiligkeit in der IT kotzt mich an. Je mehr Geld, desto verkommener sind die Menschen. Unterprivilegierte, loyale Personaler, die sich täglich anschauen müssen, wie viel mehr arrogante, zufällig mit mathematischen Fähigkeiten gesegnete Informatiker verdienen, und mich spüren lassen, wie weit ich von ihren Vorstellungen entfernt bin, lassen mich würgen. Ich fühle mich nackt und gerade das wollte ich doch vermeiden. Bewerbungsgespräche werden zur Folter. Da bin ich lieber arm.
Ich werde sterben! Je mehr du von dieser Tatsache überzeugt bist, umso erfüllter wird dein Leben! Hab' keine Angst, denn am Ende spielt alles keine Rolle. Kontrollieren kannst du gar nichts. Der Mensch ist nicht mal ein Sandkorn. Das Erleben ist das, worum es geht. Erlebe deine Zeit als Besucher auf einem komischen Planeten, egal, was das Schicksal dir bietet. Amor fati! Du kennst die Wahrheit nicht. Versuche, glücklich zu sein, und im Idealfall, bringe andere dazu, dich noch glücklicher zu machen. Mehr kannst du von diesem Planeten nicht erwarten.
Bald bin ich 50 Jahre alt, junger Padawan. Als 5-Jähriger habe ich einen Fußball mit der Hand gedribbelt, damit Ameisen getötet, bis sie mir leid taten. Dann habe ich es nie wieder getan. Ich habe in unserem neuen Haus Spinnen mit Klebstoff übergossen, weil sie so groß waren und ich Spinnen hasste, bis ich sah, wie sie sich unter der Masse quälten und habe es nie wieder getan. Ich habe Nacktschnecken, von denen wir Tausende hatten, mit Salz überstreut und zugesehen, wie sie sich wanden und es nie wieder getan. Ich habe einige kurze Drähte verdrillt, um sie Leuten hinten ins T-Shirt zu stecken, um sie zu ärgern, es aber nie umgesetzt. Ich habe als 10-Jähriger in der Schule eine Büroklammer durch wiederholtes Biegen erhitzt und einem beliebten Jungen, der vor mir saß, in den Nacken gehalten, so dass er sagen musste, dass es nach der Stunde Haue gibt. Er hat es nicht getan und nahm es mir nicht übel. Mit 16 auf dem Sommerfest lieh' er mir seine Freundin, von der ich begeistert war, für eine Fahrt auf dem Karussell. Menschen sind komische Wesen. Die meisten nannten mich komisch in meiner Schulzeit und ich dachte dasselbe über sie.
Der größte Fehler, den du im Leben machen kannst, ist, anderen zu vertrauen. "I don't trust nobody and nobody trusts me", singt Fred Durst von Limp Bizkit und er hat so Recht! Vertrauen ist für Faule. Es ist bequem, zu vertrauen. Viel anstrengender ist, alles selbst zu überlegen und zu tun. Das ist die Situation, die wir gerade in Deutschland haben: Die Menschen sind bequem geworden und vertrauen darauf, dass es bequem weitergeht, bzw. dass andere es für sie Regeln.
Seit ich ein Kind bin, sagt mir niemand, was ich tun soll. Ich bin ein Extraterrestrischer ohne zweite Haut. Ein Sonderling gefangen im Gewöhnlichen. Zuerst nannte man mich Wunder- und Jesuskind, als ich nicht mehr so süß war, lehnte man mich ab. Mein ganzes Leben war ein Abstieg, eine Enttäuschung, wie meine Mutter und Familie allen versichern würden. Aber wo ist Berlin?
In der Kälte zu sterben, sei angenehm. So überlegte ich mir dann und wann, gen Süden zu fahren und in den Alpen verloren zu gehen. Aber ich bin Logiker. INTP-T bzw. Chaoslogiker. Die Logik sagte mir, dass ich später immer noch Zeit dazu hätte. Den wahren Sinn fand ich erst viel später.
Ich wandere in Richtung Wannsee. Ein Zauberwald, wie ich ihn noch nie gesehen habe. Eine ältere Frau kommt mir barfuß entgegen, offenbar eine Einheimische, und lächelt mich leicht an. Ich bin noch ein sehr oberflächlicher Mensch, aber der Wald haut mich trotzdem um. Der Wannsee stinkt. Auf dem Rückweg zum Studentenwohnheim treffe ich den tätowierten Typen, den ich schon mal auf dem Weg gesehen hatte. Ein Dealer, der sein Zeug in dem kleinen Wäldchen in der Nähe seines Hauses versteckt, um bei einer etwaigen Durchsuchung gut dazustehen. Ich achte ihn, wie ich jedes Lebewesen zu achten versuche. Insgeheim möchte ich mit ihm gehen, um eine Weile die Zeit zu vergessen, auch wenn ich schon lange, außer Alkohol, nichts mehr hatte und stolz darauf war. Stattdessen kommt mir die hübsche, junge Studentin mit dem nicht zu breiten Kiefer vom Zimmer gegenüber entgegen und macht auf ihrem klapprigen Fahrrad eine unverwechselbare Handbewegung, die sie, so vermutete ich, von ihrer Mutter geerbt haben musste. Typisch berlinerisch, dachte ich, musste es sein.
"Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne", und so war es auch für mich in den drei Monaten. Zwar beäugte man mich kritisch, aber ich war frei zu tun, was immer ich wollte. "But when will he come back?", fragte Florin in eine unsichtbare Gesellschaft.
Das Bild in meinem Zimmer, das der Untervermieter, der Maler oder Zeichner war, an der Wand hängen hatte, beschrieb so absurd es war, irgendwie meine Geschichte. Nicht in jedem Detail und ich war nicht sicher, ob es sich nicht wie bei einem Horoskop universell verhielt, aber ich sah mich oder meinen Weg dort auf eine Weise beschrieben. Aber nun musste ich gehen. Zwei Tage vorher hatte ich mein Fahrrad mit Florins komischem Damenrad unter der Treppe eines Hauseingangs eingeschlossen - warum auch immer - ich weiß nicht mehr, wie es dazu kam. "The streets of Berlin are not ass-friendly", beschwerte ich mich einmal und meinte die großen, verschrobenen Kopfsteinpflastersteine, die das ungefederte Fahrradfahren zur Herausforderung machten.
Ich duschte noch, nahm, was meins war, und verzog mich wieder. Ich hätte lieber keinen Florin getroffen, genauso, wie ich bei meinem Studium in Furtwangen lieber keiner Studentenverbindung beigetreten wäre. Wie gesagt: Traue niemandem, gehe immer deinen eigenen Weg und lass dich nicht ablenken! Fasse Entschlüsse allein und glaube nur an dich selbst, dann kannst du später niemandem die Schuld geben. Es kommt nicht darauf an, was das Leben dir an den Kopf wirft, sondern, wie du darauf reagierst. Das ist deine Verantwortung und glaub' mir: du willst niemandem diese Verantwortung übertragen, wenn du dein Leben frei bestimmen willst. Schüttle ab, was dich festhalten will und strebe an, was dir unmöglich erscheint, und mache es so, dass die Ursache für Erfolg oder Misserfolg nur du selbst bist. Dann kannst du auch den Kurs korrigieren.
Ich weiß bis heute nicht, was das in Berlin sollte und ich kann deswegen auch nicht zurück. Wie jeder fliehe ich vor dem, was ich nicht verstehe und strebe dem zu, was Wahrheit verspricht. Ich hasse Heuchler und Lügner und die Welt, wenn sie mich auch dazu zwingt. Aber mich hasse ich nicht und das werde ich auch nicht, denn ich bin der Einzige, dem ich vertrauen kann. Besser allein, als in schlechter Gesellschaft, oder?