Hast du schon mal bewusst mitbekommen, wie sich Neuronen in deinem Gehirn verschalten? Mach das mal! Da musst jetzt niemand lachen! Wir sind nicht bei einer Weinprobe in Bacharach am Rhein, liebe Leser, sondern beim gleichnamigen amerikanischen Pianisten und Komponisten Burt Bacharach und ganz speziell bei seinem außergewöhnlichen, von allen überlieferten Hörgewohnheiten abweichenden Song Alfie, den er selbst als seinen und, scherzhaft, besten Song der Welt bezeichnet hat.
Hörgewohnheiten
Alfie wurde zusammen mit dem Songtexter Hal Davidson für den gleichnamigen Film geschrieben, der in Deutschland unter dem armseligen Titel Der Verführer lässt schön grüßen 1966 in die Kinos kam. Davon, dass der Song Bacharach's bestes Stück ist, hättest du mich noch vor Kurzem auf keinen Fall überzeugen können, hat er doch so viele andere, herausragende Ohrenschmeichler in die Welt gesetzt, die seit Mitte des 20. Jahrhunderts zu den meistgespielten und beliebtesten Stücken aller bekannter Jazzgrößen gehören. Alfie ist ganz anders. Der Song ist unberechenbar, wenn man ihn nicht kennt und selbst dann ist er mindestens schwierig. Eine gewisse Vorhersehbarkeit ist es doch, was unseren Hörgewohnheiten entgegen kommt und einen Song populär werden lässt. Beim Publikum fällt normalerweise durch, was nicht den vertrauten Mustern entspricht, doch Alfie ist eben ein Geniestreich. Unser Gehirn ist ein kompaktes, in vivo wandelbares Organ, wodurch wir bis ins hohe Alter hinein in die Lage versetzt sind, Neues zu lernen, Meinungen zu ändern, Gewohnheiten abzulegen und scheinbare Überzeugungen zu überwinden. Wir müssen das nur wollen und oft genug passiert es sogar ganz spontan, wenn wir gezwungen sind, eine Lektion zu lernen. So wie bei mir und Alfie.
Verbindung ist alles
Wie jeder umtriebige Organismus als Ganzes, nicht nur Beziehungen zu seinen Artgenossen schafft, so legt auch unser Zentralorgan lebenslang Verbindungen unter den Nervenzellen an. Wenn du dein Hirn entsprechend forderst, beginnen bislang unauffällige und scheinbar statische Zellen, sich aktiv mit sogar weit entfernten Zellen zu verbinden. Das passiert zuverlässig beim Bearbeiten neuer Aufgaben und ich konnte den Vorgang gestern das erste Mal spüren, nachdem ich begriffen hatte, dass gerade im Moment Dendriten beginnen, in ganz verschiedene Richtungen zu streben. Dendriten, das sind jene aus dem Zellkörper einer Nervenzelle heraus fingernden, plasmatischen Ausstülpungen, die an bestimmten Örtlichkeiten z.B. als Sensoren arbeiten. Einzig im Gehirn sind sie in der Lage, jederzeit auszuwachsen, Verbindungen mit anderen Nervenzellen einzugehen, die bislang überhaupt keinen direkten Zugang zueinander hatten. Den Vorgang selbst spürt man als mentale Anstrengung, wobei sogar Glücksgefühle produziert werden. Glück kommt auf, wenn bspw. eine neue Verbindung steht und während des Übens dein Instrument beginnt, rund zu laufen. Der Lernprozess verbraucht, unter dem zügigen Auswachsen von Dendriten, jede Menge Energie und ist auch heute, Stunden danach, nicht annähernd abgeschlossen. Mein Hirn hat wohl noch eine ganze Weile damit zu tun und auch wenn Alfie sitzt, ist der Vorgang längst nicht abgeschlossen. Dann beginnen zahlreiche Experimente mit den neu gelernten Harmonien.
Technische Herausforderung
Alfie heißt auch das Musical, das im angloamerikanischen Raum durch diesen Song überraschend populär wurde. Die Story handelt von einem Mann mit Namen Alfie, der seine Freundinnen schwängert, aber den neuen Geruch nicht erträgt, wenn sie nach Milch und Baby riechen, statt nach Parfüm. Er genießt lieber sein leichtes Leben, trennt sich nach Geburten stets und überredet manche Freundin gar zur Abtreibung. Am Ende sitzt er alleine da und schaut frustriert auf sein Leben. Eingespielt hat es, die im Musical auftretende, Cilla Black. Mit viel Pathos schmetterte sie Alfie, in einer mir unerträglichen Weise, opernhaft. Dass es ein populäres Stück sein soll, ist mir beim ersten Zuhören überhaupt nicht in den Sinn gekommen. Doch beim Üben hat es sofort gezündet. Am Schönsten interpretiert es, so meine ich, die großartige und perfekte Ella Fitzgerald, zusammen mit Duke Ellington und dem Jimmy Jones Trio. Technisch bringt die Komposition eine erfreuliche Menge neuer, nie gespielter, typischer Klavierharmonien auf meine Gitarre, die in ständiger Wiederholung so lange trainiert werden müssen, bis alle zehn Finger ganz sauber automatisch das tun, was nötig ist, ohne meine volle Konzentration aufzubrauchen, quasi den Akku leerzulutschen. Natürlich bin ich andauernd gescheitert. Perfekt habe ich es noch immer nicht drauf, doch schon beim Üben des ersten Teils wurde klar: Ich habe mit Bacharach eine Plattform neuer, aufregender Harmonien entdeckt, die man jederzeit auch anders kombinieren kann, als sie in seinem Stück verwendet werden. Wie es Oscar Peterson so schön im Bluespart von seinem Alfie auslebt (Version mit Ella Fitzgerald).
Schräg und populär
Der Song wird von ziemlich jedem Musiker aufgeführt, der was mit Jazz am Hut hat und Wert darauf legt, die hohe Kunst zu beherrschen. Dabei dürfte interessieren, dass es sogar Alfies von Steve Wonder, Cher und dem Gitarristen Pat Metheny gibt. Natürlich konnte auch die Streisand ihre Finger nicht von ihm lassen und Whitney Houston hat ihn in hingebungsvoller Gospelmanier verjodelt und, mit dem unseligen, amerikanischen Geigenteppich unterlegt, der jede Kunst in beliebiges Gedudel verwandelt. Das hat übrigens selbst der große Bacharach nicht lassen können, wenn er bei seinen Konzerten über den Flügel hinweg, mit Inbrunst und biegsamer Gummihand, die zahlreichen Streicher dirigierte. Ohne Geigenteppich erscheint dem Durchschnittsamerikaner jedes noch so gute Stück fad, unfertig und grob. Selbst das Rockgenre schockiert mit zahllosen Beispielen für die Unabwendbarkeit des Geigenteppichs. The Who und ihre geniale Quadrophenia ausdrücklich ausgenommen.
Hollywood und Gershwin
Der Teppich entspricht wohl einer kulturell implizierten Hörgewohnheit, ich vermute Gershwin und Hollywood, die sich als Mix in den neuronalen Schaltungen der Amerikaner eben so manifestiert haben, wie auch meine Abneigung dagegen. Wie gesagt, Alfie ist populär und wurde trotzdem bis gestern von mir gnadenlos übergangen. Ich kannte ihn nicht. Es war wohl immer das Stück, das ich weiter gespult habe, als es noch Tonkassetten gab, und seine unvermeintliche Anwesenheit auf beinahe jeder Jazzsampler–CD, ließ sich, bequemerweise, einfach ins Off klicken. Bis mein Freund letzte Woche auf einmal meinte, er könne nicht mehr ohne Alfie leben und während er mir das Stück mit seiner warmen Stimme perfekt vorgesungen hat, wuchs in mir die Überzeugung, dass es zwischen einem Althippie aus Yorkshire und eben solch einem Exemplar vom hessischen Main, doch ganz gravierende, kulturelle Unvereinbarkeiten geben müsse, die vielleicht auf den Genuss von Apfelwein und Handkäse zurückzuführen sind.
Tabulatoren
Nun habe ich das Ding an der Backe kleben. Gestern spielten wir es zum ersten Mal und zwar gar nicht so übel. Michael meinte zum Schluss, wir hätten fast geklungen, wie ein Klavier. Er hat viel Ahnung von Musik, also glaube ich ihm. Das Spiel lief mit zunehmender Übung teilweise wunderbar, doch natürlich oft auch unsauber und selten über alle Takte des oben abgebildeten ersten Teiles hinweg, perfekt. Begleitet vom Stranden in kompletter Ahnungslosigkeit, zweifelte ich oft, wo es überhaupt weiter gehen soll, wobei Michael an der jeweiligen Bruchstelle so lange in der Tonart meines Hängers herum dudelte, bis ich die Orientierung in den Windungen aller Dendriten wieder gefunden hatte. Wie soll es ein Hirn auch leisten, an einem einzigen Abend bei Whiskey, Kaffee und viel Dampf, ein derart komplexes Stück aus den Tabulatoren zu saugen? Tabulatoren nennt man die Notierung, die du im Titelbild sehen kannst, liebe Leserin, lieber Leser. Es handelt sich dabei um den Plan von sechs Saiten (senkrechte Linien) einer Gitarre und ihrer darunter liegenden Bünde, die durch ihre Stege (waagrechte Linien) begrenzt werden. In das Schema werden die Druckpunkte der Finger hinein gezeichert, die Lage (z.B, VII=siebter Bund), im Zweifelsfall der Fingersatz, wobei das Gesamtbild eines Tabulatoren schließendlich dem Plan einer konkreten Harmonie entspricht, deren Bezeichnung ich unter dem jeweiligen Tabulator vermerke. Die großen Zahlen davor beziehen sich auf die Anzahl der Schläge pro Takt. Jeder hat bei dieser Art Notation seine eigenen Präferenzen, wobei ich gestern, im schwachen Licht unseres Übungsraumes, kaum Hoffnung hatte, meine Aufzeichnungen heute noch verstehen zu können.
Schwierigkeiten
Tatsächlich schilderte ich bis hier hin nur den Beginn aller Schwierigkeien. Alleine der erste Teil der Komposition fordert einen Gitarristen mit 14 Takten heraus, die sich auf neun verdammt schräge Griffe verteilen (siehe Titelbild ganz oben), von denen ich sieben noch nie zuvor überhaupt gesehen, geschweige denn gespielt hatte. Erst nach dem 14. Takt kannst du überhaupt den Kreis schließen und von vorne beginnen. Bis dahin treibt das Thema unbarmherzig voran, das an kaum einer Stelle ausruht oder an erholsamen Widerholungen festzumachen ist. Zum Glück ist es rhytmisch überschaubar, bis auf einen Part ca. bei Minute 3:00, wo sich aus jazzigem Dahinschleppen ein Blues entwickelt. Aber so weit sind Michael und ich längst noch nicht gekommen. Harmonien wie G7sus4, F#dim7 und G7#5 weisen selbst den Laien darauf hin, wie befremdlich das Stück auf den ersten Blick wirkt, bevor mit der Zeit ein Schuh daraus wird. So ist der Jazz sehr oft und manchmal sogar ausschließlich. Der Griff F#dim7 ist ein verdammter Krüppel von Griff, der zu Beginn erst mal unlösbar erscheint. Für ihn brauche ich alle fünf Finger der linken Hand. Du siehst, ich bin Rechtshänder. Falls du aufgepasst hast, aber nun kommt noch der Gipfel der Komplikation, der mir den vollen Respekt vom Profi Michael verschafft.
Stimmungen
Ich spiele seit drei Jahren überwiegend auf einem Instrument in einer typischen Folk–Stimmung, die nach der Notenfolge der sechs leer gespielten Saiten, DADGAD genannt wird. Daher nennen Michael und ich uns intern auch „The DADGAD–Granddads“. Naja, jede Gruppe braucht einen Namen, selbst wenn sie nie auftritt. Jeder kennt sicher die übliche EADGHE–Stimmung, in der beinahe jede Gitarre daher kommt, die ihr bislang in die Finger bekommen habt. „Eine Alte Dame Geht Heringe Essen.“ Diese Eselsbrücke ist wohl jedem Anfänger geläufig. DADGAD, liebe Leser, ist dagegen ein wahrer Soundhammer mit fettem Bass. Na ja, was meine Generation so als Fett bezeichnet. Überspitzt lässt sich behaupten, dass ein Folkstück so gut wie geritzt ist, schlägst du die Gitarre einfach nur leer durch. Sie ist fast trivial einfach zu spielen wobei, bedingt durch die starke Präsenz der Tones D, bestimmte Tonarten daruf bevorzugt gespielt werden. Wer bei dem vollen Klang von DADGAD noch einen Geigenteppich braucht, dem hat man wohl die Ohren abgeschraubt, denn die Wucht aus Bass und Obertönen ist in dieser Stimmung immens. Roy Harper spielt so, sogar Led Zeppelin und der Nobelpreisträger Bob Dylan (The Best Joke of Music History), hat mindestens seine tiefe E–Saite auf D hinunter gestimmt, wodurch auch er als Solist, über einen ziemlich präsenten Bass verfügen kann. Kommt zu der typischen Folk–Stimmung aber der Jazz, wird deine Gitarre ganz schnell zickig. Es ist im Gegensatz zur Normalstimmung nicht ganz einfach, für den Jazz typische Harmonien auch bei hohem Tempo so zu setzen, dass ein Stück noch spielbar bleibt. Schaust du dir einmal eine Tabulatorensammlung bspw. zur Harmonie G9aug5 an, findest du eine Menge Griffe, die du vielleicht mit 6-7 Fingern greifen kannst, falls du über eine Hand in Tellergröße verfügst. Es gibt nur sehr wenige, tatsächlich spielbare Konstellationen.
Keine Hürde ist hoch genug
Jazz auf DADGAD zu lernen ist eine gewaltige Aufgabe. Wenn dein Stück dann im Zusammenspiel mit einer zweiten Gitarre, trotzdem am ersten Abend fast wie vom Klavier klingt, wachsen dir Flügel und mindestens fünf neue Haare auf der Brust. Michael spielt seine Gitarre übrigens in Normalstimmung. Zwei DADGAD's klingen zusammen genau so langweilig, wie ein sozialistischer Volkschor. Im Hirn, geht beim Üben auf DADGAD voll die Post ab. Dein Stoffwechsel schaltet auf maximale Blutzufuhr und manchmal, eigentlich öfter, steigt es auch einfach mal aus und weiß vor lauter Druck einfach nicht weiter. Diese Momente, wo alles weg ist, musst du überstehen. Dabei ist ein kleines Schwätzchen sehr hilfreich, ein Gespräch über das Arrangement und der kräftige Schluck des goldenen, irischen Wassers, schon rollt die Kiste wieder. 14 Takte waren es gestern, immer im Kreise, bis zur nächsten Krise, in der das Hirn zu gemacht hat, weil es schon wieder nicht wusste, wie der nächste Griff geht. Und nach jedem Mal rollte die Komposition ein Stückchen weiter, wurde einen Deut sicherer. Dabei habe ich sogar eine total faule Methode gefunden, wie der fiese Monstergriff mit zwei Fingern zu beherrschen ist, so dass er bei jedem Tempo perfekt mitgenommen werden kann. Ich spiele einfach nur zwei Töne davon – eins und zwei – schon bin ich darüber hinweg und das Teil klingt trotzdem noch richtig. Michael musste jedes Mal an der Stelle grinsen. Es ist eine Spezialität deines inneren Neuronenverbundes, bei Problemen stets die einfachste Methode zu suchen.
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Crash Test Dummies on Steem
Über Probleme habe ich mich jetzt wirklich genug ausgetauscht, so dass es mir eine große Freude bereitet hat, auch mal über Erfolge zu berichten. Ich hoffe ja, dass Michael und ich auch irgendwann ein Video präsentieren, wenn Alfie dann in seiner vollen Schönheit erklingt. Michael hat eigentlich nichts dagegen. Wir sind halt nur unglaublich faul mit solchen Nebensachen und würden lieber die kleine Nachtmusik einstudieren, als Videos zu produzieren. Wir brauchen das irgendwie nicht. Na ja, abwarten und Tee trinken!Aber wir machen nicht einmal Selfies. Unserer Generation ist das eben fremd und das Verhaltensinventar läuft auf vollkommen anderen Schienen. Ich gucke ja auch nur sehr ungerne Hilfevideos. Sowas geht nur schwer an mich ran.