Die Stadt hat sich rasant verändert. Doch das Schloss am Ende meiner Straße sieht aus, wie immer. Foto von Vergeblich.
Was Hanau betrifft, ist der gute Don () nicht mehr ganz im Bilde, wenn er
und mir mit Ortskenntnis auf dem Steem begegnet. Käme er heute in sein altes, ehemals komplett zerbombtes Städtchen am Märchenschloss, er würde kaum etwas wieder erkennen. Die Stadt wird seit Jahrezehnten vom Bagger regiert. Lang- und Krämerstraße wandeln sich, ganz ohne schweres Baugerät, zum internationalen Bazar unter osmanischer Dominanz. Aber die Asiaten ziehen kräftig nach. Mit schillernder LED-Werbung, einem nahezu alles umfassenden Portfolio, bis hinaus auf den Bürgersteig, behaupten sie den Raum in ihrem neuen Leben.
Die Autofahrt zum Klinikum, am Ende der Langstraße, wird so zum Großtest der Selbstbeherrschung. Unter der Abwesenheit einer Straßenverkehrsordnung muss man dort das Hanauer Hier und Jetzt durchqueren. Das erfordert außerordentliche Fertigkeiten aus dem Bereich der Kleinkinderziehung, mit Fokus auf Nachsicht und unvoreingenommene Menschenliebe.
Besonders wenn du einen Fahrer mit Käppi, martialischem Gerät und stark behaartem linken Arm vor dir hast, der an jedem Friseur und Café fröhlich mit Handschlag Bekannte begrüßt, die sich zum Schwätzchen an seinen Wagen lehnen, muss du äußerste Ruhe bewahren. Gegen die Bartträger war die der FF-Clique mit bewegten Sportwagen vor der Milchbar, ein lausiger Kindergarten mit Joghurtbart und unangepasster Geschwindigkeit. Hupen ist jetzt nur kontraproduktiv. Entweder wird der Fahrer vor dir extra langsam, oder es treten mindestens drei fröhliche Helfer an dein Fahrzeug heran und befragen dich nach deinen Problemen.
So gut wie alle Fachgeschäfte wurden umgewidmet. Handwerkstube Hau, Albertis Buchladen, Sauerwein Haushaltsartikel sucht man vergebens. Altbekannte Institutionen des Hanauer Geschäftslebens gibt es kaum noch. Wer von den Inhabern nicht in Rente gegangen war, flüchtete sich an den Freiheitsplatz, neben und unter die Fittiche des „Forum“ Konsumtempels. In die aufgelassenen Läden rückten Friseure, Nagelstudios, Mobile-Händler, polnische- , oder mazedonische Spezialitäten, indische und pakistanische Bauchläden, afrikanische Zöpfchendreher, Klein-Gastronomie aller Provinienz und türkische Lebensmittel nach. Nicht zu vergessen die kleinen Zockercafés. Überall blüht und vergeht die Ich–AG, wie du ein- und ausatmest.
Western Union im Kiosk, DHL, Hermes im Bauchladen, sowie Internetlokale, zeugen von der immer präsenten Verwandt- und Liebschaft in aller Welt. Auf der Langstraße stehen Menschentrauben, besonders vor den vielen, neuen Herrenfriseuren. Die Damen scheinen sich gut versteckt frisieren zu lassen. Danach setzen sie ein Kopftuch drauf. Das öffentliche Leben der einschlägigen Straßenzüge wird von Testosteron dominiert. Man kann behaupten, dass Hanau lebt! Die Losung von Nicky Sprenger aus den Achzigern, „Nichts los in Hanau“, kannst du getrost vergessen. Den Aufkleber würde dir heute niemand mehr abkaufen. Um Sieben Uhr Dreißig wird hier auch kein Bürgersteig mehr hochgeklappt.
Der Freiheitsplatz wandelte sich zur großen Architektur–Show mit „Forum“ und avantgardistischer Stadtmöblierung. Vom Parken auf dem Paradeplatz sind kaum noch Spuren zu erkennen und um die Niederländisch-Wallonische Kirche herum, haben sie alles platt gemacht. Um es genau so wieder aufzubauen, wie es war. Nur moderner, teurer, mit Tiefgarage und ganz ohne Harzer. Alleine die Nordzeile vor der Kirche, zum Marktplatz hin, sieht noch so aus, wie immer. Den Brettern vor hohlen Gauben im Kirchendach haben sie heimelige Fenster aufgemalt. Für mehr hat es nicht gereicht. Die Niederländer und Wallonen sind auch nicht mehr so reich wie einst, als der Fürst sie willkommen hieß. Ihr Oberhaupt Heraeus, betet offenbar nur noch selten in der Kirche seiner Neustadt und in seiner Fabrik haben jetzt gottlose Berater das Sagen.
Die Feuerwehr ist an den Stadtrand, ins Lamboy gezogen. Das Bäckerhaus gibt es nicht mehr und wenn du jetzt vom Hafentor bis zum Kanaltorplatz fährst, gehen tut man da nur selten, findest du einen eckigen Kinoriegel, ein Parkhaus und das weitläufige Post-Carré–Einkaufszentrum, wo einst der Schlachthof war. Auf blutigem Boden lässt es sich einkaufen und genießen. Wo das panische Quieken der armen Säue noch in der Luft zu schwingen scheint, ist Kaufland. Das einst gefeierte Brüder-Grimm-Einkaufszentrum, am Nürnberger Tor, rutscht sichtbar in die, aus seiner etwas zu östlichen Lage determinierten, Drittklassigkeit ab. Ohne massive Security, geht hier gar nichts mehr.
Gegenüber vom Spanier, ist die ehemalige Lackfabrik Schad verschwunden. Die Tochter Schad ging mit ihrem Bundespräsidenten nach Berlin und kappte ihre Hanauer Wurzeln mit dem Verkauf des weitäufigen Geländes. So entstehen dort urbane Wohnstudios für komprimiertes Leben, bei gehobenem Standard. Sozialer Wohnungsbau in der Stadtmitte hat sich wohl nicht bewährt. Das ist schlecht fürs Geschäft, weshalb ganze Innenstadtviertel hoch- wie tiefbaulich, großzügig behandelt werden. Gentrifizierung nennen das Sozialisten. Die anderen kennen das Wort und seine Bedeutung nicht. Alle Harzer werden in die Peripherie gedrückt, in die Weststadt und dort hin, wo dreißigtausend Soldaten Platz geschaffen haben. Der Weg in den Stadtkern wird dadurch zwar länger, doch diese Gruppe hat sowieso wenig Auto, so dass sie genauso klimaneutral in die Stadt kommt, wie zuvor. In den ehemaligen Kasernen wird natürlich auch gebaut, als würden die Kredite heute nichts mehr kosten. Der Scherz musste sein.
Die neuen Bürger ziehen jedenfalls kaum noch aus und genau so wollte das die deutsche Wirtschaft auch haben. Neue Konsumenten bis zum Abwinken und Arbeiter, die von einer Gewerkschaft noch nie was gehört haben. Immerhin, wir haben jetzt echtes, urbanes Leben in der Stadt. International, versteht sich. Das ruhige, befriedete Hanau von Oberbürgermeister Martin gibt es nicht mehr. Zwar lebt seine Sperrstunde noch, hat aber ähnlich schwache Wirkung, wie die StVo von Deutschland. Ex-Bürgermeister Martin hat den Rock‘n Roll aus international bekannten Bars eliminiert. Jetzt tobt wieder der Bär, aber ganz anders, und er kommt sogar zunehmend russischer daher.