Die Zeit um Weihnachten herum steht für innere Einkehr und Besinnung, wie wohl jedem christlich geprägten Mitteleuropäer ein Leben lang vorgesagt, –geschrieben und –gesungen wird. Den anderen Mitteleuropäern auch, aber die interessiert das eher weniger. Wann immer es in die Wintersonnenwende hinein geht, treten Weihnachten und Besinnung in die Konstellation der zweieiigen Zwillinge. Dann bekomme ich die Begriffe semantisch kaum noch getrennt und begegnet mir einer davon alleine, assoziiere ich sofort den anderen. Es ist wie Wahnsinn nach Virenbefall. Bekanntlich hilft bei Viren nichts, außer Abwehr. Seit meiner frühen Jugend nahm das Fest daher zunehmend wesensfremde Züge an, die weniger mit Besinnung, als vielmehr mit ihrem Gegenteil zu tun hatten. Dann, wenn ich nach dem „offiziellen“ Teil, endlich meine Freunde treffen und mich der Feiertag–Sause hingeben durfte. Doch bis dahin war es ein langer, schwieriger Weg.
In der Kindheit der fünfziger und sechziger Jahre, bedeuteten Advent und Weihnachten für mich Spießrutenlaufen, mit äußerst lästigen Pflichtübungen neben, zugegeben, auch schönen Erscheinungen wie Plätzchen und weihnachtlichem Frieden. „Hast du schon die Geschenke für Großvati und Großmutti fertig?“, war neben der Bäckerei, das Hauptproblem meiner Mutter, die peinlich genau darauf achtete, dass jedes ihrer sechs Kinder mindestens ein Geschenk für ihre Eltern parat hatte. Diverse Tanten und Onkel zählten selbstverständlich auch dazu, weil die ihre Festtage wann immer es möglich war, gerne bei Vati und Mutti, meinen Großeltern verbracht haben. Die eigenen Eltern muss ich in dem Zusammenhang sicher nicht erwähnen.
Mutterinstinkt
Es gab viele Verwandte, die mit einem Geschenk bedacht werden mussten und jede Form der Verweigerung wurde von der Mutter schon beim Entstehen instinktiv gewittert. Woraufhin sie genügend zwingende Gründe anzuführen wusste, warum die Geschenkproduktion vor Weihnachten eine so wichtige Pflicht ist. „Das ist dein Taufpate und warum denkst du nicht an deine liebe Tante, die dir auch immer etwas schenkt. Was ist mit Onkel Rudi und Tante Edith? Na ja, wenn du keine Zeit hast, in dem Fall ist es nicht gar so schlimm. Willst du denn ganz ohne Geschenk dastehen?“ Das waren noch die harmlosen Varianten ihrer Überzeugungskunst, wie sie eher zu Beginn des Advent vorgetragen wurden.
Oft genügte das, um uns Kinder zur Einhaltung der Pflicht zu bewegen. Den Druck konnte sie beliebig erhöhen und Widerstand war nie eine Option, weil sie dabei nur immer schriller wurde. Die saisonal wiederkehrende Pflicht bedrückte mich ganz enorm und je näher das Ereignis rückte, desto schwieriger wurde es, die Geschenkproduktion vor mir herzuschieben. Ensprechend schlampig fielen die Ergebnisse meiner Bastel- und Malarbeiten aus, womit ich mir nicht nur meine künstlerische Talentprognose vermasselt habe, sondern die Weihnachtstage sich wie eine kleine, persönliche Hölle anfühlten.
Nachtleben
Die alljährliche Zeremonie bei meinen Großeltern fand wie immer am ersten Weihnachtsfeiertag statt. So war auch das glimpflich verlaufende Ende des Heiligabends kein Grund zur Entspannung. Die Eltern hatten ihre Geschenke zum Glück bekommen, doch nun blieb gerade noch eine Nacht, um letzte Arbeiten für den nächsten Tag fertigzustellen.
Zwischen den Kinderzimmern entsprang geschäftiges Treiben, neben mühsam unterdrückten Auseinandersetzungen, Flüstern, sowie Hin– und Herhuschen. „Wo ist die Schere? Gib sofort mein Uhu her!“ „Nur, wenn du das Tesafilm wieder rausrückst!“ „Du Sau!“ „Ruhe da oben! Ihr sollt schlafen, gleich komme ich hoch! Was hast du jetzt noch im Mädchenzimmer zu suchen? Ab ins Bett!“ „Meinst du, das trocknet noch?“ „Verdammt, es hält nicht!“ „Das kostet dich eine Tafel Schokolade.“ „Erpressung!“ Meine kleine Schwester war ein Genie im Abzocken und Horten von Süßigkeiten, die eine Währung für sie waren. Sie hatte sehr oft, was die Anderen gebrauchen konnten. Heiligabend war zuverlässig eine der unruhigsten Nächte des Jahres.
Entspannung
Am nächsten Vormittag gab es, trotz hastig hergestellter Geschenke, des Großvaters bauchiges „Jö“ beim Auspacken und sein warmes, langsam gebrummtes „Dankeschön“, das oft mit mildem, großmütterlichen Strich über den Haarschopf verbunden war. Danach fiel alle Last von mir. Es war wieder einmal geschafft und schon sehr früh wurde mir klar, wie der Hase läuft. Kaum eine der Enkelarbeiten erschien je an Wänden, oder auf Tischen der großbürgerlichen Residenz. Selbst nicht die Werke meiner älteren Schwester, die außer mit Nadel, Faden und Schere, auch Zeichenstift und Pinsel für unglaubliche Künste zu nutzen verstand. Nur im Herrenzimmer fand sich das eine oder andere Stück wieder.
Talente
Wir produzierten überwiegend für eine Schublade und nur wenige Werke schafften es, offen ins Herrenzimmer zu kommen, wo sie in meist diskreten Lagen betrachtet werden konnten. Eine einzige Enkel–Arbeit gelangte in allen Jahren überhaupt an die Hauptwand des Herrenzimmers. Es war die DIN A3–Zeichnung eines viel zu früh, viel zu hoch gerühmten Cousins aus Wien. Seine Tuschezeichnung eines antiken Schiffskörpers wurde vom Glaser gerahmt und aufgehängt. Der Künstler heißt mit Vornamen so, wie mein Großvater, sah ihm auch ganz besonders ähnlich und hat tatsächlichauch auch das entsprechende Talent. Leider fand er nach seiner Pubertät nicht mehr zu voller, geistiger Gesundheit zurück.
Wunschzettel
Besonders Weihnachten hatte ich kaum eigene Wünsche. Das lag wohl daran, dass es in der Kindheit eher weniger Ware gab, als zuviel. Fernsehen hatten wir auch noch nicht, was konkrete Wünsche hätte wecken können. Wir trafen uns daher täglich zum Spielen auf der Straße und waren eine ziemlich kompakte Bande relativ freier Wilder, die erst bei Einbruch der Dunkelheit wieder zuhause erwartet wurden. Als es schließlich darum ging den Wunschzettel zu schreiben, meine Mutter war da unerbittlich, notierte ich in Absprache mit meinem Bruder unter Mühen ein paar altersgerechte Wünsche, aber wirklich von Herzen gewünscht hätte ich mir als Kind einzig nur, dass mein Vater endlich aufhörte, mich zu verprügeln. Hat er aber nicht. Es wurde immer schlimmer, bis ich 11 Jahre alt war und der Großvater mich endlich in ein Internat steckte, bevor sein Schwiegersohn aus Versehen das eigene Kind im Suff erschlägt. Das wäre für den stadtbekannten Direktor eines hiesigen Industrieunternehmens untragbar gewesen. Seit dem Internat blieb mir die vorweihnachtliche Erpressung durch die Mutter erspart, was nicht die einzige Befreiung war, die ich der Internierung in einem bischöflichen Konvikt zu verdanken habe.
Krampus
Ich konnte mich mit der Zeit zunehmend dem alljährlichen Ritual entziehen. Nicht zuletzt ist das auch dem tiefen Verständnis meiner schönen Rose geschuldet. So hat sich, im Laufe der Jahre, das Schenken bei mir einzig dem Lustprinzip untergeordnet, um zu Weihnachten schließlich ganz eingestellt zu werden. Nicht einmal Frau und Kinder bekommen etwas von mir und glaube nur niemand, dass es mir dabei etwa schlecht gehen würde. Ich bin einfach milder im Umgang mit mir selbst geworden und kann mir fast alles verzeihen. Meine Lieben mögen mich auch ganz ohne rituellen Warentausch, so dass ich mich lieber vom Krampus holen lassen würde, als dem alljährlich wiederkehrenden Wahn zu verfallen. Das empfehle ich jedem vernünftigen Menschen und sollte dieser dann trotzdem etwas zu Weihnachten geschenkt bekommen, macht das überhaupt nichts. Geschenke nimmt man freundlich dankend entgegen, ganz gewissenlos. Weihnachten ist nur ein Fehler im System. Eine wüste Kette aus Missverständnissen und mutwilligen Umdeutungen alter, überlieferter Rituale.
Das Titelbild stammt von gellinger und wird bei pixabay gehostet.
Der Teller mit Weihnachtsgebäck kommt von FlyerBine, ebenfalls gehostet auf pixabay.
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Crash Test Dummies on Steem
Schon immer hat mich das Antizyklische fasziniert, was nie einfach war aber überraschend oft befreiend wirkt. Die absolute Verweigerung institutionalisierten Konsums bedeutet für mich eine durchaus reflektierte, politische Haltung als Marktteilnehmer, der sich nicht länger von irrationalen Massenphänomenen zum Konsum hinreißen lässt. Im Prinzip ist es ein revolutionärer Akt, der sich auf sehr viele, ähnliche Phänomene projezieren ließe wie z.B. Valentinstag, Muttertag usw. Der Konterrevolutionär nennt es im Fall der Jahresendkampagne oft rachsüchtig herabsetzend Weihnachtsdepression oder gar -psychose, weil man gerade mit solch antizyklischem Verhalten Menschen ihre pathologische Hingabe an Massenpsychosen überhaupt erst bewusst gemacht hat.