Anlässlich des Todes meines Nachbarn, von dem ich gerade erfahren habe, wird mein Tag getrübt. Warum, möchte ich euch versuchen darzustellen. Auch wenn es mir nur spärlich gelingen mag. Es ist ein gutes Beispiel aus meinem Leben und ein Spiegel für die Probleme, welche wir heute bei vielen jungen Menschen und unserer modernen "hoch fortgeschrittenen" Gesellschaft sehen können. Ich zähle mich mal dazu in dem Sinne, das ich noch immer nicht ganz alleine zurecht komme.
Mein Leben lang habe ich versucht, es allen Recht zu machen und bin damit mächtig gescheitert. Das ging so weit wie heute gleich beschrieben, nicht nur einmal. Nicht nur einem, habe ich damit geschadet. Der liebe Emil ist 92 Jahre alt geworden. Er war im Krieg dabei und hat am Ende seines Lebens trotzdem noch die Kraft gehabt, sich mit einem Lächeln und seiner Weisheit jungen Menschen wie mir und meiner verflossenen zu nähern. Auf die typische Art, wie ältere Menschen eben Aufmerksamkeit suchen. Eine Aufmerksamkeit die ihnen fehlt, wohl gemerkt. Für mich ein unnatürlicher Zustand.
Angefangen hat unsere Bekanntschaft durch Lisa´s und meine Offenheit, als wir hier raus gezogen sind. Ich in dem Sinne mich meiner Selbstständigkeit zu widmen, eine Basis anzulegen und sie in ihrem Freigeist, sich immer wieder neuem widmen zu können. Was ich dabei außer Acht gelassen habe, ist folgendes:
Es mag grausam klingen, aber ich habe gelernt, mich nicht mehr auf andere allzu schnell einzulassen. Abstand zu wahren, den ich vorher nicht gekannt habe. Als ich jung war, war ich einfach. Also auch mal eben die Zeit eines anderen, ohne Hintergedanken. Heute nehme ich mir die Zeit anders. So das ich auch damit zurecht komme. Denn viele verstehen nicht, wie es ist für andere da zu sein, ohne für sich selbst da zu sein. Es ist ein Ungleichgewicht, das ich von klein auf in mir wachsen gespürt habe.
Dagegen anzukämpfen scheint einem Sinnlos und dennoch könnt ihr auch hier das Übrig gebliebene davon noch merken. Ein Kampf den ich gekämpft habe, obwohl ich wusste, was der Preis dafür ist.
Unser Emil hat mich also in einem Zustand der Unnahbarkeit kennen gelernt. Und auch alle anderen, tun das die letzten Jahre. Er hat gespürt, das ich obwohl nicht einmal ein drittel so alt, schon mit ein paar Teufeln gekämpft habe, die er anders kennen gelernt hat. Der Krieg, muss ein Gräuel sein. Für mich, hat er nie aufgehört. Ich wurde in einem Krieg geboren, den ich anfangs nicht einmal definieren konnte. So war doch die Welt, in der Zeit vom Emil anfangs zumindest noch etwas "einfacher" zu verstehen. Viel schwerer zu leben. Und trotzdem war der Geist, noch ein Geist. Man hat gewusst oder zumindest gedacht, das man weiß, warum man etwas tut. Heute gibt es davon kaum noch etwas.
Ich habe dem Emil nicht die Zeit geschenkt, die ich ihm hätte geben können. Wie so vielen nicht, in meinem Leben. Nicht einmal seine Aufträge für das schreiben und digitalisieren seiner Umfangreichen Sammlung an Daten und Materialien, haben mich locken können. Kurz das Geld.
Warum nicht? Weil ich alt genug bin um zu wissen, was jemand von mir will. Ganz gleich, was er sagt oder selbst denkt. So offen wie ich spreche, bin ich nicht. Für mich ist das was ich sehe, um einiges offener und das meist unfreiwillig. Es ist eine Gabe und eine Last, so durch das Leben zu gehen. Ich kann einem Menschen seine Wünsche von den Augen ablesen. Und trotzdem werde ich sie nicht mehr erfüllen. Schon gar nicht mehr mit der Selbstverständlichkeit, die ich früher dabei empfand. Vieles von dem was ich tue, mag gut sein. Auf der anderen Seite, nehme ich mindestens das gleiche an anderer Stelle wieder weg.
Der Emil ist einer von vielen, welchen ich hätte etwas mehr geben können und mich bewusst dagegen entschieden habe. Der Preis für ihn, war sein vorzeitiger Tod. Du magst jetzt denken, das man mit 92 schon alt ist und ich mir keine Gedanken machen soll. Wenn du ehrlich zu dir bist, kannst du aber wissen, das es ein Teil der Wahrheit ist, die ich hier sage. Er hätte nicht so früh sterben müssen. So erfreute er sich trotz seines Alters und Gebrechlichkeit die letzten male unserer Begegnungen, bester Verfassung. Meine Zeit hätte ihm noch einige Tage länger bieten können. Und genau da, liegt das Problem. Wie soll ich etwas geben, das ich bereits zu viel gegeben habe, ohne dafür zu nehmen? Nicht das Geld. Sondern die Zeit und Energie. Wessen Zeit habe ich verweigert, wenn ich hier euch welche gebe? Einen Namen wisst ihr nun.
Warum ist es dennoch wichtig zu verstehen, warum es gut ist, das ich hier war/bin und nicht öfter bei ihm oder anderen?
Weil es fest ist, was ich hier schreibe. Man kann daran lernen. Morgen, übermorgen und vielleicht auch in Jahrzehnten. Hier ist das, was ich sonst Einzelnen gegeben habe, für alle sichtbar die danach suchen wollen. Es steht geschrieben. Erinnert euch an meinen Glauben, über die Macht der Worte. Meinen Blog zu lesen, soll das geben. Die negative Seite eines Menschen wie mir zeigen. Die Erfahrung seiner Zeit und das wünschen von Veränderungen, um diese Erfahrungen anderen vielleicht nicht zu ersparen, aber etwas erträglicher zu machen.
So wie ich Emils letzten Monate etwas erträglicher hätte gestalten können. Und all den anderen, die rufen, ohne das ich sie hören möchte. Ich werde am Wochenende wieder zu meiner Familie fahren. Meine Geschwister rufen mich, meine Familie. Der heilige Kreis den ich schützen werde. Länger als zwei Tage, mach ich nicht. Dann geht es wieder hier und beim meinen Projekten weiter. Ein Kunststück wird es sein, mich wieder in die Waage zu bekommen und dieses Kunststück möchte ich für die Nachwelt festhalten.
Mir wäre es lieb, wenn ihr Ausnahmsweise mal nichts dazu sagt. Ich glaube das bedarf nicht so viel weiterer Worte. Dreht euch lieber um, zu euren Lieben und den Menschen, um euch herum. Sie können es mehr brauchen als ich.
Licht und Liebe euch allen.
Alucian