Alles beginnt im Ursprung und dorthin kehrt es auch wieder zurück.
In diesem Beitrag möchte ich auf die grundlegenden Unterschiede zwischen einer matriarchalen und einer patriarchalen Gesellschaft eingehen und versuchen zu erklären, wie die eine in die andere überging.
Mein Wissen beziehe ich von
- der Patriarchatskritikerin Claudia von Werlhof (https://fipaz.at/theorie/ ), die in der Vergangenheit in Innsbruck einen Lehrstuhl für Patriarchatskritik hatte.
- Außerdem von Gerhard Bott, einem Kulturwissenschaftler und Redakteur ("Die Erfindung der Götter" ),
- Harald Haarmann, einem Sprachwissenschaftler ("Das Rätsel der Donauzivilisation. Die Entdeckung der ältesten Hochkultur."),
- Gabriele Uhlmann, Patriarchatsforscherin, (siehe ihre Forschung zu Çatal Höyük) und
- Kirsten Armbruster, Naturwissenschaftlerin und Patriarchatskritikerin (z. B. "Das Muttertabu oder der Beginn von Religion", siehe auch ihre Webseite https://kirstenarmbruster.wordpress.com/ und ihr Projekt herstory history ).
English summary:
It starts at the beginning and this is where it ends.
In this post I'd like to adress the basic differences between a matriarchal and a patriarchal society and try to explain how one became the other.
I have my knowledge by
Die Patriarchatskritik geht davon aus, dass wir in einem Patriarchat leben, unsere Vorfahren jedoch in anderen sozialen Verhältnissen gelebt haben. Dass wir in einer patriarchal organisierten Gesellschaft leben, ist weder notwendig, noch natürlich, noch gottgegeben, sondern ein von Menschen gemachter Zustand.
Harald Haarmann hat in einem Video sehr schön die Unterschiede zwischen einer früheren Hochkultur im mythological crescent (dem „mythologischen Halbmond“) gezeigt, in der die Geschlechter gleichgestellt sind (Ökumene), ca. 8.000 v. Chr., und einer späteren Gesellschaft, die autoritär und hierarchisch organisiert ist (der Staat), ca. 4.000 v. Chr. Außerdem spricht er darüber, wie die ökumenische Gemeinschaft von der autoritären Gesellschaft unterworfen wurde.
Die Ökumene war eine Gesellschaft, in der Männer und Frauen denselben Status hatten; sie war folglich auch nicht sozial-hierarchisch gegliedert. Ihr Prinzip war das Gemeinwohl, der Gemeinsinn, Geselligkeit, Tauschäquivalenz, beiderseitiger Nutzen. Da der Gemeinsinn für das Funktionieren dieser Gesellschaft so wichtig war, musste dieser durch religiöse Praktiken immer wieder reaktiviert werden (Observanzen). Dazu dienten die Künste und auch die Mythen.
Wir sprechen hier auch von einer matrifokalen Gesellschaft, also einer Gesellschaft, in der es kein männliches Familienoberhaupt gibt, weil der Zusammenhang zwischen Sexualität und Mutterschaft noch nicht bekannt war. Weil der Vater eines Kindes unbekannt war, verlief die „Blut-“ bzw. Verwandtschaftslinie eines Menschen dementsprechend auch entlang der mütterlichen und nicht der väterlichen Linie. Kinder wuchsen nicht in einer Familie, bestehend aus Mutter und Vater, auf, sondern unter ihrer Mutter und ihren männlichen Verwandten.
Ca. 4.000 v. Chr. traten hierarchisch bzw. bürokratisch handelnde Patriarchen auf (Gerhard Bott spricht von kephalen Stämmen), die die egalitäre bzw. ökumenische Gesellschaft stark veränderten und zu etwas formten, was wir heute als „Staatswesen“ bezeichnen. Der Zeitraum zwischen 5.000 v. Chr. und 4.000 v. Chr. läutete die letzten großen Veränderungen ein, die von der Ökumene zum Staat führten. Die Paarungsfamilie, die väterliche Blutslinie, das väterliche Familienoberhaupt sowie das um Priester und Fürsten aufgebaute Königtum werden nahezu generell institutionalisiert.
In einem Staat wie z. B. Mesopotamien herrschte eine politische Elite über eine bestimmte Region. Diese Gesellschaft arbeitete mit einer staatlichen Bürokratie, mit anderen Institutionen wie einer Armee, die andere Länder erobern konnte, war männerbetont und hierarchisch gegliedert. Regeln wurden jetzt nicht mehr durch „Observanzen“, dem strikten Einhalten von (meist religiösen) Praktiken, sondern durch Schrift festgelegt. Und während sich die Ökumene nach Jahreszeiten, also natürlichen Bedingungen, organisierte, bildete der Herrscher eine Infrastruktur aus und hortete Güter, damit er dafür Sorge tragen konnte, dass seine Autorität erhalten bleibt.
Die Herrschaft [der Boviden-Patriarchen] ist von ihrer Geburtsstunde mit der Politischen Theologie der Herrschenden verbunden. Es ist nicht die Theologie, die sich politisiert, sondern die Politik wird theologisiert.
Später ging sie über die Verbreitung von Mythen in das gesellschaftlich Unbewusste ein:
Dank seiner politischen Machtposition, die der Priesterkönig seit etwa 4.000 v. Chr. stetig ausgebaut hat und dank seiner Herrschaft über die Politische Theologie, ist es dem Patriarchat möglich, in den Mythen eine kontinuierliche Aufwertung des ursprünglichen ithyphallischen Fruchtbarkeitsgottes vorzunehmen, vom Sohn zum Sohngatten, diesem “Stier seiner Mutter“, danach zum Vatergott, zum Pantheonchef und “Vater aller Götter“, und schließlich zum väterlichen Schöpfergott, d. h., zum zur Monogenesis fähigen Gottvater.
(Gerhard Bott: Die Erfindung der Götter).
Zum Abschluss
An dieser Stelle möchte ich nochmal darauf hinweisen, dass die Patriarchatskritik anders aufgestellt ist als der Feminismus. Ich habe hier etwas über die Unterschiede geschrieben. Es geht ihr um das dualistische Denken, in dem "eine Schneise" in die Welt gezogen wird, um etwas Höherwertiges von etwas Minderwertigem zu unterscheiden und darum, die damit verbundene Kontrolle, das "Beherrschenwollen", aufzugeben.
Der Text ist, außer an den Stellen, die ich als Zitate markiert habe, meine eigene Arbeit. Er erschien das erste Mal auf Slideshare.
Quellen
- Harald Haarmann: Introducing the Mythological Crescent,
- Bezüglich Mythological Crescent / Mythologischer Halbmond siehe auch Wikipediaeintrag: https://de.wikipedia.org/wiki/Donauzivilisation
- Video von Harald Haarmann der dctp: Der Kult der Großen Göttin, http://www.dctp.tv/filme/grundtypen-hochzivilisation-der-kult-der-grossen-goettin/
- Monica Sjöo, Barbara Mor: The Great Cosmic Mother - ENGLISCHE ORIGINAL-VERSION
- Monica Sjöo, Barbara Mor: Wiederkehr der Göttin - DEUTSCHE, GEKÜRZTE VERSION
- Gerhard Bott: Die Erfindung der Götter
- Gabriele Uhlmann: Archäologie und Macht
- Gabriele Uhlmann: Der Gott im 9. Monat
- Carola Meier-Seethaler: Ursprünge und Befreiungen
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09.05.2018 UTC + 1
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