Vergangenes Wochenende war ich auf der dreitägigen Veranstaltung „open soil research“, die im Rahmen des Projektes HUMUS sapiens stattfand.
Wie, wo, was? Hacker, Forscher, Freidenker bzw. „Bodenenthuisiasten“ jeden Alters trafen sich in einem sehr schönen Haus bei Schäftlarn, das man auch als Kurhaus bezeichnen könnte (aber auch bissl wie eine Jagdhütte wirkte), 30 km südlich von München, und forschten zum Thema Bodenökologie.
Das Thema streife ich als Patriarchatskritikerin eigentlich nur am Rande. Man könnte es aber als die praktische Seite der Patriarchatskritik bezeichnen.
Die Veranstaltung war als Barcamp bzw. "Unkonferenz" konzipiert und als ich an der Reihe war, mich vorzustellen und einen Session-Vorschlag zu machen, rutschte mir erstmal das Herz in die Hose. Im Gegensatz zu den meisten anderen vor Ort (u.a. eine Chemikerin und ein ehemaliger Biologielehrer) stehe ich den Naturwissenschaften nicht sehr nahe.
Irgendwie hatte der Wald, in dem wir uns für die Vorstellungsrunde trafen, mir trotz allem Mut eingehaucht und ich stand auf und meinte, ich könnte etwas zur Patriarchatskritik erzählen. Ja, sie hat nur indirekt etwas mit Bodenökologie zu tun, aber immerhin erklärt sie als Metatheorie, warum es so wichtig ist, die Materie, die wir bewohnen, zu bewahren.
Ich dachte nicht, dass man mich wirklich irgendwo einplanen würde, da ich mit diesem und zwei weiteren Themen, die ich vorschlug, eigentlich nur signalisieren wollte, dass ich gerne etwas beitrage und nicht nur zum Konsumieren da bin.
Dennoch landete ich in einer Session über zunehmende Agrar-Ökosysteme, in der Mathematiker, Physiker und Informatiker Hellmut von Koerber (http://www.flexinfo.ch/) über Regenerative Landwirtschaft sprach und darüber, wie er sich ein zunehmendes Agrar-Öko-System (Überschuss an organischer Substanz) vorstellt. Er hat die Vision, dass zunehmende Systeme, wenn in ihnen viel Sonnenenergie eingefangen wird und sie durch sorgsame Bearbeitung darin gehalten werden kann, die Erträge für Nahrung, Futter, Rohstoffe, Energie und Saatgut steigern und dies gleichzeitig dem Aufbau des Bodens und der Biodiversität zugute käme.
Kein allzu leichtes Thema, denn zur Umsetzung gehört auch eine große Datenbank, in der die Informationen verschiedener Systeme dieser Art aus der ganzen Welt zusammenlaufen. Ziel der Datenbank soll eine Verbesserung bestehender, teils bereits nachhaltiger (aber nicht wirklich regenerativer) Systeme sein. Interessanter Weise stimmen Hellmut und ich darin überein, dass unendliches Wachstum ein Mythos ist und wir gut daran tun, dem System Natur, das auf Selbsterhaltung ausgerichtet ist, das Leben nicht zu schwer zu machen, indem wir immer nur nehmen. In meinem Ansatz plädiere ich dafür, das, was wir vorfinden, zu kultivieren. Hellmut denkt, glaube ich, ähnlich, und stellt mit seiner Vision der zunehmenden Systeme ein Landwirtschaftsmodell vor, in dem die „Kultivierung des Prinzips der Selbsterhaltung“ durch technische Unterstützung eine wesentliche Rolle spielt.
Ein weiterer Teilnehmer forderte mich und andere Teilnehmer der Session auf, über unsere Motivation für dieses Thema zu sprechen. Ich hatte erstmal etwas Mühe, Patriarchatskritik zu erklären, fand dann aber recht schnell den Bogen dahin, Patriarchatskritik als eine Art Hilfswissenschaft bzw. Metatheorie vorzustellen. Zusammen rekonstruierten wir, wie es überhaupt dazu kommen konnte, dass es der Landwirtschaft heute so schlecht geht. Wir waren uns einig darüber, dass die Sesshaftwerdung ein entscheidender Faktor war. Sogar in der Bibel spielt sie eine Rolle. Es gibt in „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ (Yuval Noah Harari) die Theorie, dass die Juden in der Bibel das Paradies aus Sicht ihres Nomadendaseins beschreiben. Der Sündenfall oder besser: das Verdrängen aus dem Paradies folgte, als sesshafte Völker sie in Eroberungsfeldzügen vertrieben und sich Land aneigneten.
Alles in allem hat mir die Session, aber auch das Event gezeigt, dass es viele sehr intelligente Menschen da draußen gibt, die sehr motiviert sind, das Thema Nahrungsversorgung, Umwelt und alles, was damit zusammenhängt, neu zu denken, und aktiv mitzugestalten. Dazu gehört wohl auch, dass wir uns die Kontrolle über unsere Böden zurückholen. Ein wirklich ernstes Thema, das ich vielleicht mal an anderer Stelle bespreche.