Als ich mein Spiegelbild in der Glasfront der Kühltheke sah, lächelte ich verschmitzt.
Meine dunklen Haare lugten wild unter der Kapuze hervor und der Schmutz meiner zerrissenen Jeans verlieh mir etwas Verwegenes.
Langsam schlenderte ich das Regal entlang, ließ meine Finger über die knisternden Verpackungen der Chips streifen und leckte mir die Lippen. Nervös huschte mein Blick rechts und links den Gang hinunter, während ich beiläufig eine der Packungen aus dem Regal nahm.
Mein Herz schlug immer schneller und schneller, ich spürte allmählich den Schweiß im Rücken und ein breites Grinsen schlich sich auf mein Gesicht. Noch fünf Minuten bis die Bahn, mit oder mich die Haltestelle verlasse würde. Noch fünf Minuten Zeit, nur für mich. Im breiten Gang in der Mitte, fiel mir erneut die Mutter mit ihren zwei kleinen Kindern ins Auge und der Plan nahm langsam Gestalt an. Ihr Einkaufskorb stand auf dem Fußende des Kinderwagens, während das Baby kichernd nach dem Inhalt grapschte.
»Linus Bitte, leg das wieder zurück.« Flehte die Frau ihren kleinen Sohn an, während sie den Salat wieder aufhob, der eben in hohem Bogen aus dem Wagen geflogen war. »Linus kommst du jetzt!«
Wie in Zeitlupe kam die Mutter in meine Richtung und ich zog meinen Ranzen über die Schulter nach vorne. Die Chips in der einen Hand, öffnete ich langsam mit der anderen die Klappe meines Rucksacks. Genau als die Frau auf meiner Höhe war, machte ich einen großen Schritt rückwärts, mit voller Wucht in den Kinderwagen hinein. Polternd viel der Korb zu Boden, während sich der Inhalt meiner Schultasche zwischen den Äpfeln und Möhren verteilte.
»Oh mein Gott, das tut mir leid, ich hab sie gar nicht gesehen« stotterte ich entschuldigend und kniete mich hin, um die Sachen wieder zurück in meine Tasche zu packen und der Frau mit ihren Einkäufen zu helfen.
»Pass doch besser auf ... Linus nein, wir kaufen jetzt keine Schokolade!«
Während die Mutter mit ihrem Sohnemann beschäftigt war, schob ich, geschützt zwischen meinem Körper und dem Kinderwagen, die Chipstüte in meine Tasche hinein.
Lächelnd stellte ich den Korb zurück auf den Wagen. »Ist ja nix passiert, Tschuldigung nochmal.«
»Ja schon gut.« Genervt riss die Frau ihrem Kind eine Packung Erdnüsse aus der Hand, während ich mich lächelnd entfernte.
Hinter zwei geöffneten Kassen hatten sich lange Schlangen gebildet, sehr gut, genau was ich brauchte. Die Menschen standen dicht an dicht gedrängt und beobachteten ungeduldig die Kassierer.
»Sorry, darf ich mal durch?« Fragte ich den rundlichen Mann vor mir, während ich mich schon an ihm vorbei quetschte. Mein Schulranzen riss beinahe einen der kleinen Verkaufsständer hinter mir zu Boden.
»Mensch pass doch auf!« Keifte die Kassiererin mich an.
»Mein Zug fährt in zwei Minuten.« Erklärte ich entschuldigend den Umstehenden und nahm den Rucksack von den Schultern um mich einfacher an ihnen vorbei schieben zu können. »Ich hab auch gar nix gefunden.« Brummte ich der Kassiererin zu und hob entwaffnend beide Hände, während ich mit dem Fuß meinen Rucksack hinter der Diebstahlsicherung entlang schob. Niemand schien zu bemerken, dass mein Herz pochte wie verrückt und mein Gesicht vor Aufregung brannte. Ich liebte diesen Moment, die Gefahr, die Angst und das Wissen, niemand würde mich jemals erwischen.
Schnell schnappte ich mir meine Schultasche und rief nochmal, »Tschuldigung« während ich in Richtung Ausgang rannte.
Keuchend betrat ich die vollgestopfte S-bahn und lehnte mich breit grinsend gegen die geschlossenen Türen.
Das Geräusch, als die Verpackung sich öffnete, der würzige Geruch in meiner Nase, herrlich. Lächelnd steckte ich mir das erste Stück in den Mund, während mein Herzschlag sich langsam wieder beruhigte.
Gerade als meine Hand erneut in die Chipspackung wandern wollte, klingelte mein Smartphone. Schnell leckte ich mir die Fingerspitzen sauber und nahm den Anruf an.
»Mama, alles ok?«
»Hast du meine Schlaftabletten versteckt?«
»Nein.«
»Bist du sicher, gestern lag die Packung noch auf dem Tisch, die können sich ja kaum in Luft aufgelöst haben oder?« Keifte meine Mutter wütend durch das Telefon.
»Ich weiß wirklich nicht, wo sie sind. Vielleicht...«
»Ich warne dich, wenn du sie versteckt hast ...«
»Ich hab sie nicht versteckt Mama.« Eine Faust schloss sich eisern um meinen Magen und mein Puls begann erneut zu rasen. »Wirklich nicht.«
»Komm du nur nach Hause Niklas, dann werd ich dir deine Lügerei herausprügeln!«