Freundschaften& Autismus
Heute ist ein sehr besonderer Tag.
Wir haben liebe Freunde zu Besuch.
Das an sich ist schon ein sehr seltener Zustand, weil wir nicht viele Menschen zu uns nach Hause einladen und daher nur alle paar Monate mal jemand bei uns vorbei schaut. Wenn überhaupt.
Diese Freunde sind auch noch spontan hier, was für mich echt eine Premiere ist.
Sie sind heute eingereist und haben nix gefunden zum Schlafen, also bleiben sie bei uns, bis sich was ergibt 😎
Wie das für mich ist???
Erstaunlich in Ordnung.
Ehrlich gesagt, wundere ich mich gerade selber darüber, wie entspannt ich damit umgehen kann. Kennt ihr das, wenn es so Menschen sind, mit denen es einfach läuft, die einfach zu euch passen. So ist das mit diesen Freunden, die wir auf unserer Reise in Koh-Phangan das erste Mal getroffen haben.
So aber nun zum Thema.
Haben Autisten Freunde?
Das ist ein sehr schwieriges und oft sehr schmerzvolles Thema.
Autisten wünschen sich nämlich genauso sehr Freunde wie jeder andere Mensch auch. Das Leid liegt darin, das Beziehungen für uns sehr, sehr schwierig sind.
Viele Menschen sind von Grund auf schon mit dem Autismus überfordert. Sie kommen mit unserer merkwürdigen Mimik, Gestik und Sprache nicht zurecht. Das verunsichert einfach die Menschen, verständlicherweise. Genauso wie wir mit ihrer Mimik, Gestik und Sprache überfordert sind.
Dazu kommt, dass Autisten eigentlich immer ein Spezialinteresse haben.
Dieses Thema fasziniert sie so sehr, das es ihr ganzes Leben dominiert.
Sie reden ununterbrochen nur über diese eine Sache und merken gar nicht, wenn der Andere echt die Nase voll davon hat. Junge Autisten können noch nicht nachvollziehen, dass ein Anderer nicht genauso fasziniert von dem Thema ist, wie sie selbst.
Das Verständnis dafür müssen wir lernen und meist geschieht das erst, gegen das 20. Lebensjahr. Was ein gesundes Kind mit 5 Jahren intuitiv lernt, fehlt einem autistischen Menschen manchmal ein Leben lang. Ebenfalls fällt es uns schwer, uns für andere Menschen zu interessieren. Das liegt einfach daran, dass sie in den meisten Fällen nicht unser Spezialinteresse sind. Ist nicht böse oder abwertend gemeint und auch nicht im eigentlichen Sinne egoistisch, sondern einfach wirklich mangelndes Interesse.
Aber wie willst du eine Freundschaft aufbauen, wenn der Andere ständig auf dich Rücksicht nehmen muss mit deinen komischen Macken. Es immer wieder und wieder Konflikte gibt, weil du als Autist etwas falsch verstanden hast und nen mördermäßigen Aufstand probst? Und dann, als ob das nicht mühsam genug wär, interessierst du dich auch nur für dich selber und redest pausenlos über denselben langweiligen Scheiß, erzählst 100 mal dasselbe bis ins kleinste Detail ohne zu merken, wann der Andere genug hat.
Seien wir ehrlich, die wenigsten Menschen haben bock auf so was.
Und der Autist schafft es allzu oft nicht, aus seinem Glashaus auszubrechen, das ihn von anderen trennt. Er kann das Problem weder rational noch emotional wirklich erfassen.
Ein Psychopath oder Soziopathie wünscht sich keine wirklichen Freunde, keine echte Liebe. Er spielt mit den Menschen und das oft erfolgreich. Der Autist ist fast immer sehr einsam und leidet darunter.
Das Schwierige ist, das er mit dauerndem Kontakt ebenfalls leidet. Egal wie es ist, zufrieden geht anders.
Wie war das bei mir?
Ich habe grosses Glück. Ich wirke relativ normal und bin sehr extrovertiert. Mir fällt es leicht, auf andere Menschen zuzugehen und mit ihnen zu sprechen. Ich labere einfach drauf los und jucke mich nicht, wenns evtl. schräg ankommt oder so.
Für die meisten ist das unmöglich, für mich easy.
Schon als kleines Kind, waren Menschen mein Spezialinteresse. Mich faszinierte nichts mehr als diese sonderbare Gattung, die sich mit mir den Planeten teilt. Ich wollte sie begreifen, verstehen, analysieren und beobachten.
Ich war auch relativ beliebt, kann man glaube ich so sagen. Also für einen Autisten.
Was für mich einerseits die Rettung, andererseits auch schwierig war.
Ich hatte immer Menschen um mich, die gerne mit mir Zeit verbringen wollten.
Ein Stück weit stresste mich das, weil ich sehr gerne allein war. Ich verbrachte ganze Tage alleine im Wald oder in meinem Zimmer. Ich fühlte in Gesellschaft mit anderen Kids einfach immer, dass ich irgendwie ein Alien bin. Ich war einfach von Geburt an das 5 Rad am Wagen, selbst dann, wenn wir nur zu zweit waren. Andererseits war ich froh darüber, Menschen zu haben, die mich mochten.
Heute ist mir bewusst, welches Geschenk diese Menschen mir gemacht haben und immer noch machen. Ich habe bis heute Freunde die mich genau so lieben und akzeptieren, wie ich bin. Menschen, die mir mit ihrem Vertrauen und ihrem aufrichtigen Interesse an mir eine Heimat bieten und das ist unbezahlbar. Viele Meiner Freunde sehe ich nicht einmal jährlich, aber das ist für sie ok.
Im zweifel wissen sie nämlich, dass ich immer für sie da bin und wenn ich jemanden in meine Familie hinein lasse, dann für gerne für immer.
Aber das war nicht immer so. Früher war ich nie bereit zu geben und ich wollte und konnte Beziehungen nie lange aufrecht erhalten.
Ich habe schon mehr Beziehungen abgebrochen als ich aufzählen könnte und oft war es für den Anderen gar nicht so klar, warum. Früher hat mich keine Freundschaft länger als 1-2 Jahre überlebt. Heute lege ich da Wert drauf und gebe mir aufrichtig mühe.
Ich weiss nicht, wie man das Unglück der meisten Autisten lösen soll. Es liegt ja stark an ihrem Verhalten das sie es anderen so unglaublich schwierig machen.
Ich selbst komme mit meinesgleichen auch überhaupt nicht zurecht und kann die meisten Autisten absolut nicht leiden. Ihre rechthaberische Art, ihre Besserwisserei und ihre Fixiertheit, geht mir selber unglaublich auf die Nerven, obwohl ich oft selber diese Charakterzüge aufweise.
Ich persönlich habe einfach gelernt, was Beziehungen ausmacht, was Menschen brauchen und versuche, das in mein Verhalten einzubauen und bewusst zu geben.
Eben weil ich nicht einsam irgendwo enden will und weiss, dass gute Freundschaften und eine Familie, auf die man sich verlassen kann, das Sicherheitsnetz ist. Das man für ein glückliches, und stabiles Leben braucht.
So schwer mir manchmal der Umgang mit anderen Menschen fällt, so sehr weiss ich ihn auch zu schätzen.
Wie ist das bei euch, fällt es euch leicht, neue Beziehungen aufzubauen und zu halten ?
Habt ihr einen grossen Freundeskreis oder eher nur 2-3 intensive Beziehungen?