In letzter Zeit denke ich viel über Beziehungen und Familie nach. Ich lerne so viele neue Menschen kennen, baue neue feste Beziehungen auf. Ich sorge dafür, dass langjährige Freundschaften wieder aufblühen und erhalte, was in den letzten 8 Jahren zwischen mir und meinen Nanny-Kids an Liebe entstanden ist.
Je mehr ich erlebe und je mehr ich ins Fühlen hinein komme, umso größer wird in mir die Frage, was bedeutet Familie?
Manche Menschen haben Glück und werden in eine gesunde, starke Beziehung hineingeboren in einem Land in dem ihnen alle nur erdenklichen Wege offen stehen. Andere haben eine andere Form von Glück und werden in einer Nacht voller Party und Koks gezeugt. Ein ungünstiger Zufall, weil das Kondom riss, falls denn eines verwendet wurde.
Das Leben ist nicht fair und jeder von uns wird mit seinen ganz eigenen Umständen konfrontiert nach der Geburt. Durch meinen Beruf als Nanny lernte ich sehr viel über Familienkonstrukte und wie oft die hübsche Außenfassade von ihnen faul und morsch ist.
Was bedeutet es für mein späteres Leben, wenn mein Urvertrauen durch die Menschen, die für mich Sorge tragen sollten, zerstört wird und was bedeutet es, wenn diese Menschen mir gut tun und gesund für mich sind? Der Start ins Leben verläuft ja dadurch komplett unterschiedlich. Während der eine gestärkt von der Bindung und dem Rückhalt seiner Familie, mit offenen Armen die Welt erobern kann, kämpft der andere mit Selbstzweifel, Misstrauen und Rückzug, weil die Welt ein bedrohlicher Ort ist.
Ich gehöre zu den Menschen, die kranke Beziehungen verlassen. Ich habe keine Beziehung zu meinem Erzeuger, doch was macht das mit mir. Bindet Familie für immer und ewig, Blut ist dicker als Wasser? Was bedeutet es für meine eigene Identität, wenn ich meine Wurzeln nicht kenne? Was bedeutet es für meinen leiblichen Vater, sein eigenes Kind nicht zu lieben?
Können wir glücklich und frei werden, wenn wir die Traumata unserer Kindheit nicht lösen? Kann eine emotionale Familie, bestehend aus Menschen die uns aus freien Stücken lieben, den Verlust der biologischen Familie ausgleichen?
Können einst fremde Menschen dich so sehr lieben, wie Familie lieben kann? Ich mein, ich weiß nicht genau, wie intensiv liebe in der Familie sein könnte, da ich ohne dieses Gefühl aufgewachsen bin. Aber durch Bücher, Filme, Serien und andere Familien, habe ich eine Idee davon, wie stark und innig dieses Band in einer Familie sein kann, bedingungslos für immer und ewig. Eines meiner Nanny-Kids durfte ich von seiner Geburt an begleiten.
Ich erinnere mich an einen Morgen, es war kalt und nass draußen und die Kleine hatte Auabauch. Ich habe sie also umher getragen, ihr Bäuchlein massiert und leise gesungen, bis sie einschlief. Völlig erschöpft sank ich aufs Sofa und betrachtete dieses Baby, welches mich eben noch zur Verzweiflung gebrachte. Ich sah sie an, dieses kleine, hilflose Menschenkind, so zart und zerbrechlich und auf einmal fing sie im Schlaf an zu lächeln. In dem Moment fühlte ich etwas ganz tief in mir, ich zog die Kleine an mich und flüsterte ihr leise ins Ohr: »Ich werde immer für dich da sein mi vida, solange ich lebe wirst du in mir einen Partner fürs Leben haben und du wirst niemals alleine sein und immer geliebt werden, bedingungslos. Von heute an für immer, das verspreche ich dir.«
Noch heute liebe ich dieses Kind und ohne sie, kann ich mir mein Leben nicht vorstellen. Sie hat mich im Endeffekt zurück nach Europa gezogen und sie ist einer der größten Faktoren, weswegen ich nicht auswandern könnte. Ich möchte da sein, für sie und bei ihr sein. Ich halte mein Versprechen, welches ich ihr vor über 6 Jahren gab. Ist das Liebe,ja mit Sicherheit. Aber ist es dass, was Eltern für ihre Kinder fühlen, ist es diese Liebe, die Kinder für ihre Eltern empfinden sollten?
Wenn man nicht das Glück hat, in so eine Welt geboren worden zu sein, hat man dann dieses Geburtsgeschenk für immer verloren oder kann man eine freiwillige Familie aufbauen, die genauso intensiv liebt, geht das?
Ich suche noch nach einer Antwort, vermutlich ist es eine dieser Antworten, die nur dein Herz dir geben kann, nicht dein Verstand.
Wie seht ihr das, könnt ihr Fremde so sehr in euer Herz und euer Leben hinein lassen, dass ihr sie genauso bedingungslos liebt wie eure Eltern oder eure Kinder?
Oder denkt ihr, diese innige Bindung ist nur in einer Familie möglich und Menschen, die ohne sie geboren wurden, werden das höchstens eines Tages mit ihren eigenen leiblichen Kinder erleben dürfen?