Es ist unglaublich spannend, wie die eigenen Gefühle, Bedürfnisse und Wünsche sich mit der Zeit sich verändern.
Neulich traf ich an der Kasse, vollbeladen mit Gemüse und Obst, die Mutter eines Idioten aus meiner Jugendzeit.
Freundlich lächelnd grüßte ich und legte meinen Krempel aufs Band, während die Mami des Idioten fragte, wie mein Leben so sei. Ich meine, ehrlich, was soll ich ihr da sagen?
Ich beschränkte mich auf die einfachen Dinge, erzählte von der Asienreise, dass ich gerade ohne festen Wohnsitz lebe und dankbar für die Freiheit bin, selbstbestimmt leben zu dürfen.
»Und was ist bei dir so passiert in der Zwischenzeit?«
»Och naja, nicht wirklich viel. Wie immer eben.«
Für einen Moment war ich sprachlos.
Wer mich kennt weiß, mein Mundwerk plappert unaufhörlich, wie ein plätschernder Wasserfall. Etwas verlegen stammelte ich dann »Das ist doch schön ... Nichts ist ja immerhin nichts Schlechtes.«
Das letzte Mal sprach ich mit dieser Frau vor gut 17 Jahren und seither hat sich nichts verändert? Das ist WOW... .für mich, echt mega gruselig.
Ich weiß nicht, wie es euch damit geht, ob ihr auch so veranlagt seid und falls ja, will ich definitiv keinem zu nahe treten, aber für mich wär das die Hölle.
Wenn das für jemand Anderes gut ist, wunderbar, alles supi.
Mein Leben hat sich in den Letzten 10 Jahren permanent verändert. Immer anders, immer neu und immer auf der Suche.
Ich sage nicht, das ist der Way of Life, vermutlich eher nicht. Es ist eher der Way of - ich weiß nicht, wer ich bin und wo ich hin will/ hin gehöre. Nicht jeder muss ständig seine Meinung oder Bedürfnisse verändern aber, wenn sich in 17 Jahren nichts tut, für mich wäre das, wie langsames Sterben.
Ich durfte jetzt 10 Tage in Basel in der Wohnung von Freunden wohnen und ehrlich, es war großartig. Ich konnte so viele Freunde treffen, einfach mal abends am Rhein chillen. Geo-cachen gehen, mit meiner Mama spontan in der Stadt mittagessen. Ich kenne Basel wie meine Westentasche (früher dachte ich immer, das heiße Westerntasche) und die Gegend hier ist meine Heimat. Es war wunderbar, mit einem Bike (ich hätte so gerne wieder ein richtiges eigenes cooles Mountainbike) die umliegenden Berge zu erkunden. Die Wege abzufahren, die ich als Kind schon kannte und mich zu erinnern, wer ich bin und wie viele Gemeinsamkeiten ich jetzt, mit 32, zu meinem kindlich und jugendlichen Ich entdecke. Irgendwie fand ich mich selbst wieder an einem Ort, an dem ich es niemals vermutet hätte. Ich fühlte mich zuhause.
Nach wenigen Tagen spürte ich so ein Gedanke in mir, wie ein Samen der anfängt zu keimen.
Es wäre schön, hier eine Base zu haben.
Selbstverständlich hielt mein Verstand sofort dagegen.
»Hast du nicht mehr alle Latten am Zaun Raffi?«
(Ja, mein Gehirn fängt an, mich selber so anzusprechen und das Rachel beginnt ganz langsam zu verblassen)
Das kannst du dir niemals leisten. Basel ist viel zu teuer, allein die Krankenkasse, die Mietpreise blablabla....
Und es ist ja nicht nur so, dass ich gerne eine kleine 1-Zimmerwohnung hätte, nein, ich will ja selbstständig bleiben und weiter reisen können. Ich möchte die Winter im Süden verbringen, jeden Monat meine Lieben in Deutschland besuchen. Städte sehen, Länder bereisen, geilen Scheiß erleben... wie soll ich die Doppelbelastung bitteschön tragen?
Ich kann ja gerade nicht einmal Miete & Krankenkasse & Op-Kosten bezahlen....
Ehrlich, ich habe keine Ahnung.
Aber kennt ihr das?
Wenn ein Gefühl, ein Gedanke sich in eurem Innern ausbreitet, euch durchströmt und eine Energie erzeugt die zu einer Sonne wird, unaufhaltsam und alles belebend?
Ich liebe diese Kraft, sie ist für mich Lebendigkeit.
Dieser Wunsch ist unaufhaltsam. Genau so begann mein Wunsch, mein Körper dem anzupassen, was meine Seele fühlt. Da sitze ich heute, auf dem Weg nach Mönchengladbach, mit ner Menge Testosteron im Blut und werde in den nächsten Monaten äußerlich zu einem Mann. Ich hatte vor einem Jahr noch nicht mal den Mut, diesen Weg mit meinen engsten Freunden zu teilen, weil ich nicht dachte, dass ich die Kraft und die Möglichkeiten habe, ihn zu gehen.
Und genauso werde ich den Weg der Zukunft gehen. Ich kann fühlen, wie der Samen gepflanzt ist, wie die Wurzeln sich zart aber voller Willenskraft entfalten und wie mein Gehirn und meine Energie anfangen, Lösungen zu produzieren.
Niemals hätte ich erwartet, dass ich jemals den Wunsch bekomme, wieder in Basel zu leben. Die Intensität hat mich selber überrascht, genauso wie das Gefühl. Ich bin vor 9 Jahren ausgezogen, weil ich mich selber verloren hatte und jetzt habe ich das Gefühl, ich möchte wieder zurück, weil ich mich gefunden habe.
Auf einmal kann ich meine Wohnung vor mir sehen, habe ein Gefühl dafür, wie der Raffael von morgen leben wird. Ich kann eine Struktur erkennen, ein Tagesablauf, ein Lebensgefühl das zu mir gehört und in welches ich gerade hineinwachse.
Lauter Dinge, die ich verloren hatte.
Ich glaube, ich bin bereit, stehen zu bleiben.
Wir werden sehen, wie diese Vision Realität werden wird. Wie ich mir ein Studium in der Schweiz ermöglichen kann, wie ich Miete, Krankenkasse, Lebensunterhalt, Reisen etc bezahle, aber ich werde eine Lösung finden.