Gerade treibt mich das Thema um, warum wir werden, wer wir sind.
Was prägt uns, was formt uns, was ist unveränderlich in unserem Charakter angelegt, von Geburt an.
Wenn man zwei Kinder nehmen würde, sie unter den exakt gleichen Bedingungen aufwachsen ließe, würden sie am Ende vermutlich nicht denselben Charakter haben. Die Art und Weise wie sie mit den Bedingungen umgehen, würde sich unterscheiden, selbst dann, wenn sie eineiige Zwillinge wären. Es scheint also etwas zu geben, was uns als Individuum ausmacht, einen unzerstörbaren Kern in unserer Seele.
Sozialisation im Kindesalter findet auf vielen Ebenen statt und wird von vielen Faktoren beeinflusst. Ich hatte die Ehre, in den letzten 18 Jahren viele Kinder durch ihre Kindheit begleiten zu dürfen, und ich darf immer wieder Erwachsene kennen lernen, die mir ihre Geschichte erzählen.
Es ist klar, dass wir alle zu einem größeren Teil die Summe unserer Erfahrungen sind, was unser instinktives Handeln anbelangt. Natürlich können wir im Idealfall unser Verhalten reflektieren, erkennen und daraus dann eine Veränderung bewirken, aber als Kind, sind wir unserem Instinkt und der Umgebung ausgeliefert. Wir saugen die Wahrheit unserer Eltern auf wie ein Schwamm, versuchen uns ihnen anzugleichen, damit sie uns lieben und adaptieren so ihre Verhaltensmuster.
Wie Menschen mit ihren Lebensbedingungen umgehen und wie sie diese Interpretieren, ist extrem unterschiedlich. Dadurch werden Erfahrungen auch unterschiedlich einsortiert. Eine Situation, die der Eine als Lappalie abtut, kann für den Anderen sehr traumatisierend sein und ihn bis ins Erwachsenenalter hinein belasten.
Worauf ich eigentlich hinaus will, warum entwickeln sich manche Menschen mit einer traumatischen Kindheit zu gesunden, stabilen Erwachsenen, während Andere ihr Leben nicht in den Griff bekommen, leiden, in Abhängigkeiten und schädliche Beziehungen hinein rutschen und ihres Lebens nicht froh werden?
Immer wieder ist mir dieses Phänomen begegnet. Die Frage nach dem Warum, stelle ich mir auch, im Bezug auf mich selbst. Ob ich mich jetzt als psychisch besonders gesund und stabil bezeichnen würde, sei dahingestellt. Aber ich funktioniere, führe ein doch sehr erfülltes Leben und würde mich insgesamt als glücklichen Menschen bezeichnen, wobei das Leben immer besser wird, je älter ich werde.
Gibt es eine ausschlaggebende Komponente, die es uns ermöglicht, alle traumatischen Erfahrungen gesund zu überstehen, egal wie schwerwiegend sie sein mögen?
Und was ist, wenn diese Komponente fehlt?
Früher wusste ich auf diese Frage keine Antwort, heute habe ich für mich persönlich eine gefunden. Dass bedeutet nicht das es DIE ANTWORT für alle Menschen ist oder die Ursache, wenn Menschen nach traumatischen Erfahrungen sich etwas antun. Es ist einfach nur meine ganz persönliche Antwort.
Ich habe all die Dinge überwunden, weil ich immer in der Lage war, Menschen zu finden die mir gut tun und von denen ich lernen kann. Egal ob es ein Lehrer war, ein Nachbar oder ein Freund. Ich wusste immer, wer mir helfen kann, die Situation zu meistern und daraus zu lernen.
Ich glaube, aus vielen Gesprächen mit anderen und meinen eigenen Beobachtungen heraus, dass Menschen, die ihr Leben in keine erfüllende Richtung lenken können, genau da einen Mangel haben. Dass ihnen die Fähigkeit fehlt, sich entsprechende Hilfe zu holen oder die gereichten Hände zu nehmen.