Jeder Mensch braucht Rituale
Egal wie alt wir sind, Routinen erleichtern uns das Leben.
Man isst eben gern sein Müsli zum Frühstück, ritualisiert die Autofahrt zur Arbeit mit dem Kaffee vom Bäcker oder dem Radiosender. Man putzt vor dem Schlafen die Zähne, legt seine Klamotten immer auf dieselbe Art für den Morgen parat.
Unser ganzes Leben besteht aus diesen kleinen Inseln der Gewohnheiten.
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Als Autist haben Rituale jedoch eine Sonderstellung in deinem Leben.
Viele Rituale hast du nicht, weil du sie willst, sondern weil sie unabdingbar sind. Du hast nicht die Wahl, sondern sie sind da und bestimmen dein Leben.
Ich bin sehr, sehr dankbar, eine leichte vorm von Autismus zu haben, mit relativ wenig Einschränkungen. Ich kann inzwischen gut mit ihnen umgehen. Manche Autisten haben nicht so viel Glück und ihr Leben wird von Zwängen dominiert.
Manche müssen gewisse Dinge immer 3 mal tun, bestimmte Gedankengänge wie Zählen oder Sprüche aufsagen dauernd wiederholen. Sie müssen jeden Tag bestimmte Wege abgehen oder andere Dinge tun.
Ich habe mich lange dagegen gewehrt. Die Fixierung auf Rituale erschien mir wie eine Behinderung, wenn ich ihnen nach gäbe, wäre ich wirklich ein kranker Mensch.
Bis mir bewusst wurde, wie viel Energie jeden einzelnen Tag drauf geht, weil ich gegen sie ankämpfe.
Es ist ja nicht so, dass es einfach etwas blöd ist, sie zu haben. Wenn man ein Ritual hat, auf das man extrem fixiert ist, dreht man durch, wenn es nicht klappt. Als Kind so richtig heftig und je älter man wird, umso besser kann man damit umgehen. Der Stress bleibt aber man muss nicht mehr anfangen zu Schreien oder Dinge zerschlagen oder sich komplett ausklinken aus der Welt und nur noch apathisch da sitzen.
Jetzt ist es eben naheliegend zu denken, man sollte so wenig Rituale wie möglich haben. Immerhin kann ja jederzeit etwas passieren, was ihre Ausübung verhindert.
So habe ich jahrelang gedacht und immer gegen mich selber angekämpft. Der ganze Tag bestand aus einem Machtkampf mit meinem inneren Drang.
Ich habe irgendwann aufgegeben dagegen anzukämpfen. Einfach weil ich nicht mehr konnte. Ich war am Ende meiner Kräfte und es war mir einfach egal.
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Ich Trage z.B immer dieselben 7 (es sind nicht sieben Sachen, das ist nur eine Zahl zur Verdeutlichung, damit ich nicht jedes Stück einzeln aufzählen muss weil, wenn ich eins nenn, hab ich den Wunsch alle zu benennen, weil jedes gleich bedeutsam ist,) Kleidungsstücke. So kommt es, dass ich seit 10 Jahren quasi dasselbe anziehe. Ich mache das nicht wirklich, das wirkt nur so, weil ich immer exakt dasselbe Produkt nachkaufe. Für die Menschen wirkt es etwas merkwürdig und ich werde immer wieder gefragt, warum ich das mache. Aber damit habe ich weniger Probleme, wie wenn ich jeden Tag mit mir kämpfe, wegen meinen Kleidungsstücken. Ich hab sogar schon mal ner Vierjährigen erklären müssen, was es damit auf sich hat, weil sie es nicht verstehen konnte, warum Rachel immer genau dasselbe T-Shirt anhat und dieselbe Hose, Schuhe etc.
Ich achte darauf, nur Standartware zu kaufen bei der genau das geht. Und diese Dinge stelle ich so gut wie nie um, es sei denn ich habe keine andere Wahl.
Z.B hab ich vor einem Jahr meinen Schuh ausgetauscht. Von einem Turnschuh von Graceland (die Marke in der Farbe trug ich von 21-30), habe ich auf einen Barfussschuh gewechselt. Den werde ich jetzt die nächsten 10 Jahre tragen, sofern das irgendwie geht.
Ich habe mich auf den Wechsel mehrere Monate vorbereitet und mich intensiv damit auseinandergesetzt.
Neulich ist mein Chill-Hemd vom Balkon geflogen und spurlos verschwunden. Das war nicht einfach nur nervig, weil ich ein Neues kaufen musste, sondern psychischer und körperlicher Stress. Es geht nicht nur darum, ein Neues einzukaufen. Sondern auch darum, im Spiegel anders auszusehen, der Schnitt sitzt anders, die Farbe ist anders, der Stoff ist anders. Das sind 100 neue Reize, die ich in mein Leben integrieren muss. Das erfordert sehr viel Hirnkapazität und verbraucht viel Energie.
Ich bin erwachsen und kann mit meiner Vernunft arbeiten. Kinder können das noch nicht und für sie ist es viel, viel schwieriger als für mich heute.
Viele Stoffarten tun mir auf der Haut weh, ich kann z.B keinen Jeansstoff tragen, der ist mir viel zu Hart. Es darf auch kein Strech-Stoff sein, das fühlt sich fürchterlich an. Schwitzen darf ich darunter auch nicht, sonst muss ich 20 mal am Tag duschen, weil ich die Vorstellung von getrocknetem Schweiß auf der Haut fürchterlich finde. Es darf nirgends eng anliegen aber auch nicht zu weit sein.
Für Eltern von autistischen Kindern ist das wirklich der Horror. Die Kleinen wachsen ja wie Unkraut und ich kenne Eltern, die sämtliche Kleider immer direkt in 10 weiteren Größen kaufen, damit das Kind einfach nur reinwachsen kann.
Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie ein autistisches Kind ausrasten kann, wenn es neue Schuhe tragen soll.
Das hat auch nichts mit Trotz zu tun, man würde gerne einfach die Schuhe wechseln, wenn man könnte. Ich glaub, jeder der Depressionen, Ticks, Spastiken etc kennt, kann nachvollziehen, wie groß der innere Druck werden kann und das man keine Kontrolle darüber hat.
Dasselbe ist es mit dem Essen. Ich esse immer dieselben Lebensmittel.
- Mahlzeit jeden Tag ist exakt gleich, geht das nicht, erzeugt das Stress und kostet viel Energie. Eine Mahlzeit ist etwas flexibler aber auch nicht total frei. Spontan einfach essen zu gehn, weil mein Mann gerade Lust hat, geht für mich nicht.
Diese Art Störung, bezieht sich auf sehr viele Lebensbereiche. Je nachdem wie ausgeprägt der Autismus ist, variieren die Einschränkungen.
Rituale geben Sicherheit & machen frei.
Das Paradoxe ist, obwohl mich die Routinen sichtlich einschränken, machen sie mich auch frei.
Wenn mein Leben insgesamt in guten Routinen verläuft, werde ich flexibler.
Ich kann z.B heute relativ kurzfristig entscheiden, nächste Woche in die Stadt zu fahren, um jemanden zu treffen. Ich brauche dafür nicht mehr einen Monat, sondern 4-7 Tage reichen mir als Vorbereitung.
Ich habe so gute Rituale aufgebaut, dass sowas möglich ist und mich nicht mehr komplett aus dem Konzept wirft. Ich weiss genau, wie ich die Reizüberflutung des Treffens am schnellsten wieder abbauen kann und bereite mich darauf vor. Natürlich kann es immer noch sein, dass ich an Tag X so gestresst bin, dass ich es nicht zum Treffen schaffe, aber ich warne die Menschen vor.
Durch meinen Alltag setze ich sehr viel Energie frei, die ich jetzt in meine Zukunft investieren kann. Ich kann Projekte, die mir am Herzen liegen, umsetzen, weil die Reizüberflutung minimal ist.
Früher wär das undenkbar gewesen.
Durch z.B das ritualisierte Essen, kann ich spontan mal eine Eissorte essen, die ich kenne. Manchmal bin ich sogar so gut drauf, dass ich eine Neue probieren kann.
Das klingt für euch vielleicht lächerlich, aber für mich ist es sehr schwierig, einfach in eine Eisdiele zu gehen. Die ich nicht kenne und dort ein Eis zu kaufen, das ich nicht kenne. An manchen Tagen geht das absolut gar nicht.
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Ich habe ach im Bus meine Plätze, die ich immer benutze. Sind die besetzt, dann baut sich in meiner Brust ein Druck auf, der Stress erzeugt. Ist der Bus dann noch voller Menschen, kann es schon sein, das ich aussteige und den nächsten nehme.
Ich kann frei und selbstbestimmt leben und mich zeitgleich auch noch finanzieren.
Die meisten Autist schaffen das nicht. Sehr viele bekommen eine Rente, oder sie sind einfach ewig arbeitslos, bis sie dann endlich die Rente erhalten, weil auch das Amt eingesehen hat, das sie nicht vermittelbar sind.
Sie sind nicht fähig normal zu arbeiten. Oft ist schon der Weg zur Arbeit so kräftezehrend, dass sie den Rest des Tages nicht mehr belastbar sind. Das Umfeld fordert so viel, dass die eigentliche Tätigkeit nicht mehr ausgeführt werden kann, auch wenn der Autist zuhause die Arbeit problemlos erledigen könnte.
Leider sind viele Arbeitsplätze absolut nicht Autismus-Gerecht aufgebaut und die Gesellschaft ist noch weit davon entfernt, uns da entgegen zukommen.
Für die unter euch die Familie haben, ist es sicher gut vorstellbar, wie sehr so ein Kind eine Familie herausfordert.
Man kann nur versuchen, einen angemessenen Weg zu finden der so viele Rituale beinhaltet das man sich sicher fühlt und seine Energie lenken kann und zeitgleich so flexibel bleibt, dass das Leben bewältigbar bleibt.
Wie geht es euch im Alltag mit Ritualen, seit ihr da flexibel, habt ihr sowas in der Form vielleicht gar nicht oder erkennt ihr euch doch in manchen Punkten wieder ?