Momentan werde ich zum zweiten Mal im Leben mit dem Thema Sucht konfrontiert.
Nicht mich selber betreffend, sondern jemanden, den ich liebe.
Zum zweiten Mal stelle ich fest, gegen die Sucht kann ich nur verlieren. Sobald sie das Leben eines Menschen erobert, habe ich keine Chance, dagegen anzukommen. Bei meinem Erzeuger habe ich 25 Jahre gebraucht, um zu begreifen, dass ich keine Chance habe, egal was ich tue. Dieses Mal war ich erheblich schneller.
Und doch beschäftigt mich die Frage, warum habe ich nicht gemerkt, was mit diesem Menschen passiert, den ich so sehr geliebt habe und warum konnte ich nichts tun, wieso steh ich dem so machtlos gegenüber?
Was bedeutet Sucht überhaupt?
-Primär unterscheiden wir zwischen der körperlichen und der psychischen Abhängigkeit von Substanzen aber auch von Handlungsweisen.
Die Sucht nach Drogen, Alkohol, Essen ist dabei genauso gefährlich wie die Magersucht, die Sucht nach Zocken im Casino oder am Pc/Laptop oder wenn jemand süchtig nach einem Schmerzreiz ist. Natürlich ist nicht jede Sucht gleich schnell eine Bedrohung für Leib und Leben, doch jede davon ruiniert dich langfristig sozial wie auch finanziell und gesundheitlich.
Das Schwierigste an einer Sucht ist, sie rechtzeitig zu erkennen.
Wo hört der normale Gebrauch auf und wo fängt die Sucht an?
Diese Schwelle ist fließend und oft erkennt man sie erst, wenn es zu spät ist.
Es ist ja völlig in Ordnung, abends mal ein Glas Wein zu trinken, bewusst weniger zu Essen, um das Übergewicht zu reduzieren, sich viel zu Bewegen oder abends zur Zerstreuung ein Spiel am PC zu spielen.
Solange ich diese Momente genieße und kein schlechtes Gefühl bekomme, wenn ich sie nicht ausüben kann, ist dagegen nichts einzuwenden.
Doch der Grad zum Missbrauch ist schmal. Wie schnell betrinkt man sich um Frust oder Kummer zu vergessen, wie schnell benutzt man Essen um das emotionale Leid zu lindern oder Kontrolle zu erlangen, wie schnell spielt man stundenlang um zu vergessen?
Unser Körper hat ein sogenanntes Suchtgedächtnis. Er merkt sich funktionierende Muster, die zu einem Erfolgserlebnis führen und wir möchten diese dann gerne wiederholen. Je öfter wir das Muster wiederholen, umso geringer wird unsere Hemmschwelle und umso größer wird der Druck in uns, dem Verlangen nachzugeben. Bevor wir uns versehen sind wir in der Situation, in der „ohne nichts mehr geht“.
Im Grunde genommen kann man sagen, eine Sucht entsteht durch ein fehlgeleitetes Belohnungssystem unseres Gehirns. Die Hormonausschüttung bei der glücklichmachenden Tätigkeit/Substanz steigt unangemessen in die Höhe und der allgemeine Hormonspiegel zwischen diesen Phasen sackt besonders tief ab. Je öfter wir diese Muster bedienen umso stärker schlagen die Kurven nach Oben und unten aus.
Manches Suchtverhalten ist in unserer Gesellschaft legitim wie, „vor dem ersten Kaffee morgens, geht bei mir gar nichts.“ Manche Muster sind in einem vernünftigen Ausmaß ja sogar gesund, wie Sport, um Stress abzubauen, runter zu fahren und sich zu bewegen. Aber auch Sport kann zu einer Sucht ausarten, die uns massiv schadet.
Wann reden wir von einer Sucht?
Von einer Suchterkrankung sprechen wir in dem Moment, in dem das Verlangen danach die Vernunft aushebelt. Wenn die Ratio nicht mehr greift bei der Entscheidung und wir alles andere ausblenden und vernachlässigen.
Das ICD 10 Diagnosehandbuch der Medizin & Psychiatrie spricht von einer sogenannten Abhängigkeit und speziell vom Abhängigkeitssyndrom für substanzgebundene Abhängigkeiten. In diesem Kontext vermeidet man den Begriff der Sucht, um deutlich zu machen, dass die Betroffenen effektiv erkrankt sind und Hilfe benötigen.
Ein Mensch in dieser Abhänigkeit, hat nicht mehr wirklich die Wahl, durch seine Erkrankung fehlt ihm die Möglichkeit, wirklich frei und selbstbestimmt zu Entscheiden, was gesund und gut für ihn und für seine Liebsten ist.
Co-Abhängigkeit:
Als Angehörige gerät man sehr leicht mit in diese Spirale der Vernichtung, wie ich sie jetzt mal umgangssprachlich nenne. Ohne es zu bemerken, unterstützt man den Menschen bei seinem Suchtverhalten und trägt dazu mit bei, obwohl man das nicht möchte. Man erkrankt quasi als Teil dieses Systems mit, verliert sich selber in irrationalem Verhalten, Rechtfertigungen und wenn man nicht aufpasst, verliert man selber sehr schnell den Boden unter den Füssen.
Was tun, wenn ein geliebter Mensch in eine Abhängigkeit gerät?
Ich selber habe das Suchtverhalten mitgetragen indem ich automatisch alle Anforderungen weggenommen, alles darum herum geregelt habe und obwohl ich es nie wollte, habe ich dem geliebten Menschen dabei zu gedient, sich selber mehr und mehr zu verlieren. Als mir bewusst wurde, dass irgendetwas nicht mehr stimmt, war es längst zu spät und ich kämpfte nicht mehr gegen kleine Windböen an, sondern schrie in einen Orkan und alles flog mir um die Ohren. Erst jetzt, von Außen kann ich meinen Anteil erkennen, sehe den Weg, der uns hier hingeführt hat und nachdem ich den Sturm verlassen habe, vermag ich ihn doch nicht mehr zu stoppen. Das Einzige was ich tun kann, mich selber rausnehmen, schützen und hoffen das der Mensch aufwacht und selber erkennt, dass er Hilfe braucht.
Schwierig wird die Lage, wenn der Mensch durch die Sucht zu einer unmündigen Person wird oder noch minderjährig ist. Ab wann lässt man jemanden zwangseinweisen, zum Eigenschutz. Eine zwanghafte Behandlung kann nie zu Erfolg führen. Solange der Betroffene nicht von innen heraus eine Veränderung will, hat man praktisch keine Chance.
Hilfe durch Nichthilfe.
Dies bedeutet nicht, dass man den Betroffenen im Stich lässt, sondern, dass man sich einfach aus der Unterstützung der Sucht hinaus begibt und das kann sehr hart sein. Wenn die Person dann Hilfe will und Unterstützung braucht, um gegen die Krankheit anzugehen, darf und sollte man für sie da sein.
(Bildquelle Pixabay CC0 Lizenz)
Quellen:
http://www.kmdd.de/jugendliche-was-ist-sucht.htm
https://de.wikipedia.org/wiki/Abh%C3%A4ngigkeit_(Medizin)
https://www.apotheken-umschau.de/Sucht