Bhu, wo fang ich an?
Die Sache wird langsam ernst und eine gewisse Sorge wird zu meinem regelmäßigen Begleiter, aber dazu später mehr.
Heute hatte ich den 3. Termin bei meinem Psychiater, er weiß immer noch nicht wirklich, wie ich heiße und ich find ihn immer noch unsympathisch.
Als ich kam, war er etwas verwirrt, weil er meine Akte nicht finden konnte ... logisch, er hat unter dem falschen Nachnamen gesucht ... aber gut, er wusste immerhin das ich zum 3. Termin kam und weswegen.
Die Nachnamen seiner Patienten im Terminkalender einzutragen ist ja auch wirklich eine große Herausforderung und immerhin nähern wir uns langsam an.
Eigentlich war ich vor allem dazu da, damit er mir für die Krankenkasse das Schreiben macht und mir damit quasi die Erlaubnis erteilt, eine sogenannte Mastektomie zu beantragen.
Und da wären wir wieder beim Thema Angst.
Brustentfernung ist ein blödes Wort. Natürlich will ich meine weiblichen Brüste loswerden, aber sie sollen ja nicht einfach weg, ich möchte an ihrer Stelle ja eine männliche Brust haben. Es ist also eher eine Brustangleichung und weniger eine reine Entfernung.
Ich habe 5 Jahre lang im Krankenhaus gearbeitet. Ich weiß, was bei so einer Op gemacht wird und auch schief gehen kann. Habe genug Op`s begleitet, genug Chirurgen bei ihrem teils brachialen Handwerk über die Schultern geschaut und kenne die Risiken einer Vollnarkose.
Es ist relativ einfach, zu sagen, ja ich will meine Brust entfernen lassen, solange das alles sehr weit weg ist und nur eine Idee. Aber jetzt, wo dieser Wunsch Termin für Termin realer wird, ist es auf einmal nicht mehr ganz so easy.
Ja, ich will den Weg gehen, aber ich habe großen Respekt davor.
Schon vor 2 Monaten suchte ich mir meine Wunschchirurgin heraus. Sie ist mir sehr sympathisch, hat einen hervorragenden Ruf und sehr wichtig, sie hat Erfahrung in dem Bereich mit großen Größen.
Seit meine Brüste gewachsen sind in der Pubertät, empfinde ich sie als Belastung, psychisch und körperlich. Jeden einzelnen Tag meines Lebens stören sie mich. Sie sind mir im Weg, sind zu schwer, stören mich in meiner Selbstwahrnehmung und in meiner Sexualität, beim Sport einfach überall. Sie passen nicht zu mir.
Aber belasten sie mich so sehr, dass ich bereit bin mein Leben zu riskieren? Jede Vollnarkose birgt ein klitzekleines Risiko, nicht mehr aufzuwachen.
Die zielführende Frage dazu lautet wohl, wer bin ich?
Mir erscheint ein gesunder Respekt vor dieser Operation und auch vor den Hormonen absolut angemessen. Es wäre eher unverantwortlich, ihn nicht zu haben. Was macht es mit mir, wenn das Ergebnis nicht so wird, wie ich es mir wünsche. Was, wenn ich danach seelisch nicht die Gefühle habe, die ich jetzt davon erwarte.
Ich kenne dieses Phänomen von werdenden Müttern. Sie haben eine Erwartungshaltung daran, wie es sein wird, ihr Baby im Arm zu halten. Öfter als man denkt, tritt dieses Gefühl der Verbundenheit und innigen Liebe nicht sofort ein.
Was also, wenn ich nachher die Brust habe die ich mir wünsche, seit ich 12 bin, aber doch nicht das Glücksgefühl empfinde, welches ich mir vorstelle?
Ist es mir wichtiger, eine flache Brust zu haben als eine unversehrte? Es werden große Narben bleiben und keiner weiß, wie mein Oberkörper am Ende aussehen wird. In seltenen Fällen bleibt am Ende eine Einschränkung der Armbewegung zurück, ist nicht die Norm, aber kann passieren. Ist es das wert?
Egal wie groß meine Sorge ist, die Vorstellung mir selber wieder einen Schritt näher zu kommen, macht mich tausend mal glücklicher und weckt eine unbändige Sehnsucht in mir.
Im Grunde glaube ich nicht, dass etwas schief gehen wird, ich begebe mich nur in die besten Hände, mein Körper ist jung und gesund. Ich weiß ich will diesen Weg gehen und mein äußeres Bild meinem inneren angleichen. Ja die Vorstellung, dass mir an einem Tag mit einigen Schnitten beide Brüste entfernt und neu aufgebaut werden, lässt mich schaudern. Ja ich habe Bedenken und ich weiß, die Wochen davor und danach werden sicher nicht einfach aber ich weiß auch, es ist der richtige Weg für mich.
Nächsten Dienstag habe ich endlich nach 8 langen Wochen meinen Termin beim Endokrinologen. Er wird mir Blut abnehmen, meine Hormone Checken, meine Chromosomen begutachten ob da nix schiefgelaufen ist und mir dann hoffentlich halbwegs zeitnah das Ergebnis mitteilen.
Wann ich dann mit der Hormontherapie starte, kann ich noch nicht sagen.
Die Chirurgin erklärte mir heute, dass die Krankenkassen manchmal schwierig tun. Sie müssen diese Operation zwar bezahlen, haben aber einen Spielraum, den sie gelegentlich auch ausschöpfen wollen. Nach dem 1. Gespräch, wird sie einen Antrag an die Krankenkasse stellen und die haben dann 6 Wochen Zeit ihr mitzuteilen, ob sie die Kostenübernahme bewilligen oder nicht.
Für mich ist das alles ziemlich aufregend und macht mich auch etwas nervös. Zeitgleich freue ich mich aber auch wie ein Honigkuchenpferd, endlich diese Schritte gehen zu können.
Heute stand ich im Laden und hab Hüte ausprobiert. Einer davon gefiel mir besonders gut und ich stellte mir vor, wie ich wohl damit aussehen würde, in einem Jahr, die Vorstellung hat mir sehr gut gefallen.
In diesem Sinne, danke dass ihr dabei seid.
Danke für eure lieben Worte, eure Unterstützung und eure Freundschaft.
Dass ich diesen Weg nicht alleine gehen muss, ihn mit euch teilen darf und hier gesehen und gehört werde, macht für mich viel aus.